23.05.2019
72. Filmfestspiele Cannes

Annährungen an die Unfassbarkeit

Une Fille Facile
Eine der interessantesten Regisseurinnen: Rebecca Zlotowski und »Une Fille Facile«

Der Verlust der Unschuld: Neue Filme von Tarantino, Zlotowski, den Dardennes, und Bong Joon-ho – Cannes-Notizen, 8. Folge

Von Rüdiger Suchsland

»Es ist ein sehr gutes Zeichen, wenn die harmo­nisch Platten gar nicht wissen, wie sie diese stete Selbst­par­odie zu nehmen haben, den Scherz gerade für Ernst und den Ernst für Scherz halten.«
Friedrich Schlegel, »Über die Unver­s­tänd­lich­keit«

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»Es ist die Unfass­bar­keit dieser Vorgänge, die mich faszi­niert. Je mehr Fakten wir darüber wissen, um so weniger begreifen wir.« – also sprach Quentin Tarantino in Cannes, als er bei der Pres­se­kon­fe­renz gefragt wurde, was ihn denn an den Bluttaten der »Manson-Family« faszi­niert habe. »Un-Knowing­ness« war sein engli­scher Ausdruck.
Die »Manson-Family« war verant­wort­lich für eine Serie von Verbre­chen, die im August 1969 in das Massaker in der Hollywood-Villa des Filme­ma­chers Roman Polanski und die Ermordung von dessen hoch­schwan­gerer Frau, der Schau­spie­lerin Sharon Tate, mündeten. Die Vorge­schichte der zum Mythos gewor­denen Bluttat bildet einen Erzähl­strang von Taran­tinos neuem Film »Once Upon A Time in Hollywood«, der zu den am meisten erwar­teten Premieren in Cannes gehörte.

Vor 25 Jahren gewann Tarantino mit 31 die Goldene Palme, vor 15 Jahren präsi­dierte er in der Jury von Cannes und gab Michael Moores Fahren­heit 9/11 die Goldene Palme. Jetzt hat er einen weiteren Film gedreht, in dem er nach dem Muster von Inglou­rious Basterds (2009) – die wahre Geschichte einfach umschreibt, den bösen traurigen Fakten nicht ihr Recht belässt, sondern sie durch eine alter­na­tive fröh­li­chere Version ersetzt. Leonardo DiCaprio als fiktiver Holly­wood­star und Brad Pitt als dessen Stuntman spielen die Haupt­rollen, in einem Film, in dem der Regisseur nicht zuletzt einen nost­al­gi­schen Kino-Liebes­brief an das Jahr 1969 verfasst, an eine verlorene libertäre Kultur, nach der nicht nur er sich zurück­sehnt.

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Schon der Titel »Es war einmal...« macht klar: Dieser Film ist ein Märchen. Ein Märchen aus uralten Zeiten.

Eine wichtige Rolle spielt das Fernsehen der 1960er, Serien wie »Mannix«. Ein Regisseur redet über Zeitgeist-Frisuren im Western, er sagt zur Masken­bild­nerin: »make it less Hippie, more Hells Angels«. Bei den Hells Angels denkt man dann natürlich an die Manson Family, man denkt aber auch an Easy Rider, den Film der vor genau 50 Jahren in Cannes einen eigens kreierten Haupt­preis gewann. So mäandern die Gedanken und Zitate. Bruce Lee kommt vor, es gibt Darsteller-Witze.

Der fast dreis­tün­dige Film hat viele Erzähl­stränge. Aber auch nach über einer Stunde Dauer fragt man sich: wie hängen sie zusammen? Was hat das eine mit dem anderen zu tun? Was soll das alles? Es macht nichts, denn man schaut dem Mäandern der verschie­denen Figuren und Hand­lungs­stränge gerne zu – trotzdem...

Der Film braucht einen langen Vorlauf, bis er zum Eigent­li­chen kommt. Ganz leise nach einer Stunde nimmt der Film Fahrt auf, nach 2 Stunden und 5 Minuten fängt die eigent­liche Geschichte an. Der Horror der Hippies trifft Musik von den Beach Boys. Die Girls der Manson-Gang sind extrem gut getroffen, ober­fläch­lich hübscher White Trash, die auch wieder alle ausschauen wie Zombies.

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Sharon Tate wird nicht sterben in diesem Film. Das konnte man schon vorher ahnen. Und es gelingt Tarantino alles humorvoll und trotzdem auch würdevoll zu machen.
Der recht alt ausse­hende Brad Bitt und DiCaprio machen die Gang nach allen Regeln der Kunst und im Rahmen des Rechts auf Selbst­ver­tei­di­gung fertig. So muss man es sagen. Danach geht der Film noch ein bisschen weiter, es kommt eine ganz tolle Schluss­musik: träu­me­risch und melan­cho­lisch und sehr traurig.

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Wenn Tarantino einmal mehr Geschichte so erzählt, wie sie hätte sein können, ist das sehr schön, aber es ist auch sehr traurig, denn wir alle wissen ja, dass es nicht so gewesen ist. Filmkunst als stilis­tisch perfekte Utopie.
Zugleich ist dies eine bittere Abrech­nung mit jenen Hippies, die statt Flower-Power Hass auf alles propa­gierten, was sich ihnen nicht fügen wollte.

Wie immer zeigt sich Tarantino als ein Regisseur, der viel Humor hat, dessen Filme zum Bersten voll sind mit Anspie­lungen, Zitaten, Refe­renzen. Tarantino macht Unter­hal­tungs­kino, aber mit tieferer Bedeutung. Denn dieser Film ist auch ein Kommentar zu »#MeToo«. Tarantino zeigt Frauen, die zu Opfern werden, aber er zeigt auch Täte­rinnen: Fana­ti­sierte, bis an die Zähne bewaff­nete Jünge­rinnen des schwarzen Messias Manson. Schieß­lich ist dies eine über­fäl­lige Erin­ne­rung daran, dass auch Roman Polanski vor allem ein Opfer ist – vor den Manson-Morden an Frau und Kind wurde seine Familie in deutschen KZ's ermordet. Polanski überlebte unter falscher Identität bei einer polni­schen Familie. Als Jüngling wurde er verge­wal­tigt.

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Direkt nachdem ich aus dem Kino kam, bin ich fast von einem Fernseh-Team überrannt worden. Der Kame­ra­mann ging rückwärts. Was hat er aufge­nommen? Es war Tilda Swinton, mit fast weiß gefärbten Haaren, weiß gepu­derter Haut, in einem creme­far­benen Abend­kleid – eine Erschei­nung wie aus einer anderen Welt. Heute ist auch einem Jury-Mitglied schlecht geworden, weil ihr Kleid zu eng geschnürt war – so viel zum Dresscode in Cannes und den armen Frauen. Man muss nicht alles mitmachen.

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Ein zweites Highlight im Cannes-Wett­be­werb kommt aus Korea. »Parasite« von Bong Joon-ho ist eine Hoch­stapler-Geschichte und eine sehr witzige Gesell­schafts­sa­tire. Sie handelt von einer armen Unter­klassen-Familie, die sich in eine Familie aus der Ober­klasse hinein­schleicht, sie durch Tricks regel­recht infil­triert. Das hat allerlei absurde Konse­quenzen, besticht aber vor allem als Film über die Ängste des Mittel­standes und bürger­liche Besorg­nisse in der Komfort­zone – mehr als einmal kann man an Deutsch­land denken. Und endlich einmal eine echte Komödie im Wett­be­werb von Cannes, ein Film, bei dem man lauthals lachen kann und das Publikum applau­dierte leiden­schaft­lich. Zugleich ist dies ein Film, der nicht nur mit den Reichen böse und streng umgeht. Im Keller haust das von beiden Seiten Verdrängte.

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Auch Cannes ist vom Klima­wandel betroffen. Vom Klima­wandel in der Film­branche, wie vom Klima­wandel des Wetters. Früher konnte man immer an den Strand gehen und baden, wenn ich auch zugeben muss, dass ich zum letzten Mal während des Film­fes­ti­vals etwa im Jahr 2007 gebadet habe. Und an genau zweimal kann ich mich erinnern, an denen ich den Nach­mittag mit deutschen Filme­ma­che­rinnen am Strand verbracht habe.
Seit etwa fünf Jahren wäre das nur noch an wenigen Tagen überhaupt möglich. Trotzdem muss uns niemand bedauern, wir sind ja eh dauernd im Kino, und heute saßen wir drei Stunden auf der Festival-Terrasse im dritten Stock des Palais in der Sonne zum Schreiben. Wir brauchten einen Sonnen­schirm und Schatten, wir Armen, uns geht es wirklich schlecht.

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Auf Erden nicht zu helfen ist der Haupt­figur im neuen Film der belgi­schen Brüder-Dardennes, die schon zweimal die Goldene Palme gewonnen haben. »Der Junge Achmed« bietet weder inhalt­lich noch formal etwas Neues: Dies ist die von A bis Z konse­quent erzählte Geschichte einer Figur auf ihrer Reise in den Tod. Es ist ein selbst­ge­wählter Tod, denn Achmed ist ein 13-jähriger Islamist, der unbedingt Märtyrer werden will. Sein Objekt ist »die Apostatin« (so »der Imam«), seine Lehrerin, die Arabisch­stunden geben möchte, aber nicht mit dem Koran, sondern ägyp­ti­schen Popsongs.
Ein Messer­at­tentat schlägt fehl, aber Achmed probiert es immer wieder, ist nicht durch nette belgische Erzieher, nicht durch Tiere auf einem Strei­chel­bau­ernhof und nicht durch die Knut­sch­at­ta­cken einer blonden Maid zu kurieren, die in diesem Film auch nur vorkommt, weil die Dardennes sie rein­ge­schrieben haben. Bei Berüh­rungen durch Frauen und Tiere denkt Achmed sowieso nur ans Hände­wa­schen.
Ein Problem dieses in vieler Hinsicht proble­ma­ti­schen Films ist, dass die Haupt­figur nie wirklich sympa­thisch ist. Dass sie uns auch nicht inter­es­siert. Achmed blickt fast ständig zu Boden, er scheint alles in sich hinein­zu­fressen und ist von einem Reinheits- und Reini­gungs­zwang besessen. Da erklären Doku­men­tar­filme weitaus mehr. Die Brüder müssen sich hingegen vorwerfen lassen, dass sie auf einen Zug aufspringen und der Mode des Augen­blicks folgen.

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0800 Dardennes – wenn etwas falsch läuft: Rufen Sie die Dardennes! Sie kommen­tieren die ganze Welt. Es gibt nichts Schlechtes in der Welt, gegen das die Brüder Dardennes nicht ankämpfen. Wenn Sie ein Problem haben, können Sie sich an sie wenden. Denn sie werden dann ganz bestimmt einen Film darüber machen. Es gibt kein Problem, das die Dardennes-Brüder nicht kommen­tieren, und über das sie dann nicht ihre Methode drüber­s­tülpen.
Die geht dann so: Man nehme einen Charakter, möglichst einen jungen Menschen oder ein Kind, man folge diesem Menschen auf Schritt und Tritt durch seinen ganzen Tag, sein ganzes Leben mit ständigen Nahauf­nahmen, hautnaher Kamera, man schaue ihm dabei möglichst nah zu, möglichst unge­schminkt möglichst undis­tan­ziert. Natürlich ist das nicht sooo einfach. Eine Masche ist es trotzdem.
Und wenn man das alles lang genug macht, so die Dardennes-Brüder, dann entdecken wir in jedem Menschen – den Menschen.

Ist das jetzt eine Banalität? Die Dardennes-Brüder würden natürlich sagen: Nein, denn jeder Mensch ist wertvoll, selbst der komplette Nichts­nutz, selbst der Terrorist, selbst der Selbst­mord­at­ten­täter; jeder Mensch ist in sich wertvoll, selbst wenn er irgend­wann andere Menschen in die Luft sprengt oder wenn es ein dummes Kind ist, das seiner Lehrerin ein Messer in den Bauch rammen möchte. Aber gibt es überhaupt dumme Kinder im Kosmos der Dardennes?
Ich habe da meine Zweifel, würde eher sagen: Das alles ist sehr wohl nicht nur eine Banalität, sondern es ist ein cheesy Huma­nismus.
In manchen Fällen haben es die Dardennes geschafft, ihren cheesy Huma­nismus zu über­winden, über ihn hinaus zu gehen, und ihm eine Poesie zu geben. Sie haben es geschafft, dem Banalen Würde zu verleihen. Aber nicht in diesem Fall.

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Inter­es­sant ist hier der sich aufdrän­gende Vergleich mit Terrence Malicks Film: Beide erzählen von einem Funda­men­ta­listen, der in Haft und isoliert seinen Über­zeu­gungen, (oder Ideo­lo­gien?) treu bleibt, bis in den Tod, der die Welt und Gesell­schaft und Kompro­misse ablehnt.
Eine aktuelle Figur? Diese Gedanken müssen wir ein andermal vertiefen.

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Sie wissen nicht, was sie tun, aber sie wissen, was sie wert sind. Wer sie sind, davon werden sie ein bisschen mehr erfahren in diesem Film. Es geht um Werte, sagt Phillippe, die Figur von Benoit Magimel, am Ende. Naima wisse, was sie wert sei – auch das sagt ihr der um vieles ältere Phillippe, und das schätze er an ihr.
Es ist ein Sommer, der letzte Sommer der Jugend, von dem »Une Fille Facile« erzählt. Es geht um den Abschied von der Kindheit, von der Unschuld, aber auch um den Sommer an sich, darum, was das ist, Leich­tig­keit.
Die 16-jährige Naima ist noch unschuldig, erst recht im Vergleich zu Sofia, ihrer entfernten Cousine und Sommer-Freundin. Erst im Juni haben sie sich wieder­ge­troffen und richtig kennen­ge­lernt, jetzt verbringen beide zusammen in Cannes die Sommer­fe­rien. Sofia ist eine Wahnsinns-Nummer. Sofia bringt Naima auf Ideen, auf einige gute und auf viel Quatsch. Sie bringt ihr bei, wie man Katzen­augen a la Sophia Loren bekommt, und wie man bei einem gesetzten Essen über die Romane von Margue­rite Duras redet, ohne auch nur einen von ihnen gelesen zu haben. Sie bringt ihr bei, selbst­be­wusst zu sein, und sich zu nehmen, was vor einem liegt. Wie es die Männer tun, auch in diesem Film.

Der Film zeigt die Welt der Reichen, und er zeigt, wie mans richtig macht: Essen, Boots­fahren, Kunst kaufen, Geld ausgeben. Das Boot heißt nicht zufällig »Winning Streak«. Die Winner-Typen, das sind die Männer. Sie haben Geld und sind alt, die Frauen sind jung und haben Schönheit. Win win. Dieser Film ist ein femi­nis­ti­scher Film, also einer, der das nicht alles schlimm findet, der überhaupt nicht jammert, sondern besser den Hedo­nismus vertei­digt.

Rebecca Zlotowski ist und bleibt damit eine der inter­es­san­testen Regis­seu­rinnen, wenn nicht die inter­es­san­teste ihrer Gene­ra­tion. Eine ganz eigene Stimme, eine Frau, die immer persön­liche Filme macht. Ihre Filme sind ungefügt, haben immer etwas Eigenes, sie sind nicht so akade­misch wie der neueste von Celine Sciamma. Rebecca Zlotowski erinnert eher an Olivier Assayas: Einer, der auch nie ganz reinpasst, nie ganz rein gehört in die Kate­go­rien des Setz­kas­tens, den es auch im fran­zö­si­schen Kino gibt. Ihre Frau­en­fi­guren sind immer spröde und oft traurige Charak­tere, wild und ungefügt, es sind Mädchen, die ihren Platz noch nicht gefunden haben, die suchen; Outs­ide­rinnen, Lone­rinnen, Einzel­gän­ge­rinnen.

(to be continued)

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