14.05.2019
72. Filmfestspiele Cannes

Es wird einmal in Cannes...

The Dead don't die
Referenz an die Kinogeschichte? Jim Jarmuschs »The Dead don't die«

Futur zwei: Zombies zum Auftakt eines Wett­be­werbs der alten Meister – aber Cannes war schon immer der Jung­brunnen des Auto­ren­kinos. So könnte es auch diesmal wieder werden – Cannes-Notizen, 1. Folge – von Rüdiger Suchsland

»In this peaceful town, on these quiet streets, something terri­fying, something horri­fying is coming...«
Trailer zu »The Dead don't die«

»Es liegt im Begriffe des Menschen, dass sein letztes Ziel uner­reichbar, sein Weg zu demselben unendlich seyn muss.«
Johann Georg Fichte

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Alles neu macht der Mai – zumindest in der Filmwelt gilt dieses Motto tatsäch­lich in jedem Jahr. Denn da finden seit inzwi­schen über 70 Jahren immer an der Cote d'Azur die Film­fest­spiele von Cannes statt – das wich­tigste Film­fes­tival der Welt und für nicht wenige ein »Mekka des Kinos«. Auch in diesem Jahr lockt Cannes mit großen Namen auf der Leinwand wie hinter der Kamera, die jedes andere Film­fes­tival vor Neid erblassen lassen. Trotzdem wird 2019 wie das vergan­gene Jahr auch für Cannes wie für die gesamte Film­branche ein weiteres Jahr des Umbruchs. Welche Richtung schlägt das Kino ein: Neue Auswer­tungs­formen wie Strea­m­ing­dienste und Finan­zie­rungs­pro­bleme sind genauso eine ökono­mi­sche wie eine ästhe­ti­sche Heraus­for­de­rung.
Heute Abend ist zur Eröffnung erst einmal Harmonie angesagt – ein alter Bekannter, der ameri­ka­ni­sche Kult-Regis­seurs Jim Jarmusch, präsen­tiert seinen neuen Film – eine Zombie­komödie.

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»Karneval der Tiere« – so heißt die Suite des fran­zö­si­schen Kompo­nisten Camille Saint-Saens, aus dem die Melodie des Festi­val­trai­lers stammt, mit dem in Cannes tradi­tio­nell jede Film­vor­füh­rung beginnt. Mit dem Parcours auf dem Roten Teppich ist es dann schon vorbei, Stars und ihre Regis­seure und viele hundert Gäste sind im Blitz­licht­ge­witter der Photo­gra­phen die 24 Trep­pen­stufen ins riesige Premie­ren­kino im Palais du Cinema hinauf­ge­stiegen – und nun legt sich erwar­tungs­voll gespannte Ruhe über den Saal in diesem Mekka des Kinos.
Ein bunter Karneval ist es tatsäch­lich, in jeder Hinsicht, was hier zwei Wochen lang an der Cote d'Azur statt­findet – und man liegt nicht falsch wenn man dieses Publikum aus ein paar Tausend Filme­ma­chern, Stars, Einkäu­fern und Recht­ehänd­lern, Kritikern und Boule­vard­jour­na­listen als einen Zoo aus seltsamen exoti­schen Tieren betrachtet.

Eröffnet wird am heutigen Diens­tag­abend mit einem Ameri­kaner, der ein alter Bekannter ist: Jim Jarmusch, Held des unab­hän­gigen Kinos der 80er und 90er. Sein Film »The Dead don't die« – die Toten sterben nicht – ist eine Komödie. Und zwar über die liebsten Untoten des Kinos, über Zombies!
Mit vielen Stars besetzt, wie Tilda Swinton, Chloe Sevigny, Bill Murray und Adam Driver, scheint dies zumindest ein sicherer, zugleich schräger Kino-Spaß, und wohl auch eine Referenz an die Kino­ge­schichte.

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Solche Refe­renzen gibt es 2019 öfters. Der wohl meist-erwartete Film in diesem Jahr ist: »Once Upon a Time in Hollywood« vom ameri­ka­ni­schen Star­re­gis­seur und immer noch nicht in die alters­weisen Jahre gekom­menen Regie-Enfant-Terrible Quentin Tarantino.
In seinem mit vielen Stars gespickten Film erzählt Tarantino eine fiktive Geschichte über zwei abge­half­terte Western-Stars, die zugleich vor einem film­his­to­ri­schen Hinter­grund statt­findet: Dem Aufbruch von New Hollywood in den 60er Jahren und der Mordwelle der Sekte der soge­nannten Manson-Family im August 1969, vor 50 Jahren.
Aber in seinem letzten Cannes Auftritt Inglou­rious Basterds ließ Tarantino Hitler bei einem Attentat töten – wird also hier Sharon Tate überleben? Charlie Manson töten? Oder von ihm schwanger werden? Alles ist möglich.

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Auch Terrence Malick, der geheim­nis­vollste Regisseur der Welt ist im Wett­be­werb vertreten. Diesmal hat Malick unter anderem in Deutsch­land gedreht. Er erzählt die Geschichte des Franz Jäger­stetter der aus Gewis­sens­gründen den Kriegs­dienst für die Nazis verwei­gerte, hinge­richtet wurde und später von Papst Benedikt selig gespro­chen.
Katholo-Kitsch, oder die Feier eines Wider­s­tänd­lers? Auch hier schwankt man zwischen Furcht und Hoffnung.

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Aber nicht nur die USA, auch Europa und Asien haben in Cannes tradi­tio­nell einen großen Auftritt: einer­seits die Alten Meister, die nicht immer schlechten, aber auch keines­wegs immer span­nenden älteren Herren, die schön öfters im Wett­be­werb zu Gast waren. Wird der Franzose Arnaud Desple­chin, einer der besten Filme­ma­cher seines Landes, es wohl diesmal in seiner sechsten Wett­be­werbs­teil­nahme schaffen, eine Goldene Palme zu gewinnen?
Ande­rer­seits ist Cannes gerade in diesem Jahr entgegen allen Gerüchten weder frau­en­feind­lich, noch über­al­tert: Vier Regis­seu­rinnen im Wett­be­werb der 21 Filme, also ein Viertel – da muss niemand mehr »Geschlech­ter­ge­rech­tig­keit« einfor­dern. Denn es müssen ja auch die ersehnten Filme, und zwar die guten, überhaupt da sein. Gespannt wartet man auf die Werke der Öster­rei­cherin Jessica Hausner, der Französin Celine Sciamma und der Französin Mati Diop. Es gibt auch zwei Spiel­film­de­büts, also zehn Prozent – mehr kann man nicht verlangen, denn dies ist ja kein Nach­wuchs­wett­be­werb.

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Es ist die 72. Ausgabe dieses wich­tigsten Film­fes­ti­vals der Welt. Wie gut dieser Jahrgang werden wird, wissen wir noch nicht, das müssen wir an den nächsten zwölf Tagen erst heraus­finden.
Was wir aber schon jetzt sagen können: Der Umbruch der inter­na­tio­nalen Filmszene geht weiter. Alte Zöpfe müssen abge­schnitten werden, einge­ses­sene Bran­chen­mit­glieder müssen umdenken.

Nach wie vor aber ist das Kino und hier das Auto­ren­kino der Maßstab für alles Übrige, für alles, was mit dem bewegten Bild zu tun hat – allen Unken­rufen zum Trotz, die sowieso oft von inter­es­sierter Seite stammen.

Die angeblich ach so gefähr­li­chen Strea­m­ing­platt­formen bieten zwar neben viel Aller­welts­ware auch Faszi­nie­rendes – wie auch das Kino.
Daneben aber häufen sie derzeit vor allem Milli­ar­den­schulden an. Eines Tages wird man sie bezahlen müssen.
So oder so schmücken die Strea­m­ing­dienste sich mit Kino­er­folgen und Kino­re­gis­seuren, sie werben damit, dass sie Kino-Qualität erreichen würden, oder besten­falls behaupten sie, das »bessere Kino« zu sein.
Auch in Cannes läuft vieles von Amazon, Mubi, und Netflix – aber eben nicht im Wett­be­werb. Da hat das Festival eine klare und vers­tänd­liche Position: Dass es eben ein Kino­film­fes­tival ist und sich nicht selbst zugunsten der Ameri­kaner das Wasser abgräbt.

Trotzdem wird auch 2019 für Cannes ein Jahr des Umbruchs. Zu viele Fragen sind offen: Die Finan­zie­rung der Filme, die Richtung, die das Kino ästhe­tisch einschlägt.

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»Die Toten sterben nicht« – beim Titel des Eröff­nungs­film denken manche Besucher vor allem an die alten und vor allem stilis­tisch in die Jahre gekom­menen Stamm­gäste unter den Teil­neh­mern.
Ist man wirklich noch gespannt auf die neuen Filme von Ken Loach, den Brüdern Dardennes, von Almodovar?
Die beste Antwort auf solche ketze­ri­schen Fragen können die Filme selbst geben.

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Es wird einmal gewesen sein. Zwischen Futur perfekt und perfect future brodeln die Erwar­tungen. Cannes ist schon immer das Zentrum und der Jung­brunnen des Auto­ren­kinos gewesen. Vieles spricht dafür, dass es auch in diesem Jahr so bleibt. Vollen­dete Zukunft.

(to be continued)

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