14.05.2019
72. Filmfestspiele Cannes

Zwei Wochen für ein Jahr

»Atlantique« von Mati Diop
Offensichtliche Geheimtipp: »Atlantique« von Mati Diop

Das Konzert der Erwar­tungen: Filme und Jurys und Kritiker und Wetten und Gott sei Dank kein Publi­kums­fes­tival – Cannes-Notizen, 2 . Folge – von Rüdiger Suchsland

»Wahrlich, ihr solltet uns die himm­li­sche Partei nennen, nicht die fran­zö­si­sche...«
Heinrich Heine, Franz ösische Zustände

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Das Glas ist immer mehr als halbvoll, besonders in Cannes. Von diesen zwölf ungemein inten­siven Tagen kann man das ganze Jahr zehren. Ich sehe hier die wich­tigsten Filme des Jahres; ich kann Trends und Themen früh erspüren, die das ganze kommende Jahr prägen werden, sogar über das Kino hinaus; ich begegne hier Menschen aus aller Welt allen Alters­gruppen – und nicht nur Film­kri­ti­kern: Branche, Einkäufer, Kuratoren, Recht­ehändler tauschen sich aus. Zugleich ist das Gott sei Dank kein »Publi­kums­fes­tival«!!!
Hier werden keine Filme gezeigt, nur um die Säle zu füllen, denn die Säle sind voll. Hier werden keine Stars oder Ster­ne­köche und Fern­seh­flit­ter­men­schen gegen Honorar einge­kauft, um in gelie­henen Desi­gner­kla­motten über den Roten Teppich zu gehen, damit die Medien und ihre Foto­grafen da sind, denn die Medien und ihre Foto­grafen sind da. Hier laufen keine Filme, nur um noch mehr Karten zu verkaufen, denn man muss keine Karten verkaufen. Hier wird keine Bedeutung behauptet, oder mit Taschen­spie­ler­tricks sugge­riert, denn Cannes ist bedeutend.
Hier sind Profis unter sich – wie schön!

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Angereist bin ich am Sonntag, also zwei Tage vor der Eröffnung. Genug Zeit, um vorzu­schlafen, um sich ohne Hektik einzu­leben, um sich vorzu­be­reiten, um das Festival langsam abheben zu lassen.
Am Sonntag ein Abend­essen mit Nil aus Istanbul in einem guten Restau­rant. Ab heute wird dazu keine Zeit mehr sein. Nil erzählt von den Zuständen in Istanbul, die immer schlimmer werden. Gerade wurde die Bürger­meis­ter­wahl, die der Oppo­si­ti­ons­kan­didat gewonnen hatte, annul­liert, aus offen­sicht­lich faden­schei­nigen Gründen. Ich war über­rascht, dass sie über­rascht war. Wir sprachen über die unter­schied­li­chen Reak­tionen der Künstler und Intel­lek­tu­ellen, über die mittel­fris­tigen Zukunfts­hoff­nungen. Und über das Für und Wider einer Emigra­tion. Solche Gespräche führt man mit Türken in letzter Zeit immer öfters.
Ich war mir umgekehrt nicht sicher, ob ich ihr Hoffnung machen konnte, erst recht nicht, als sie nach der Entwick­lung in der EU fragte. Kein Vergleich natürlich mit den Zuständen in der Türkei. Die Frage ist eher, inwieweit das, was wir in der Türkei beob­achten, ein Vorschein kommender Dinge auch in der EU ist? Und was uns die Reaktion, besser: Nichtre­ak­tion der EU auf den Demo­kratie- und Menschen­rechts­abbau in der Türkei, auf die offene Verwand­lung einer Demo­kratie in Auto­ri­ta­rismus und auf die Exzesse des türki­schen Macht­ha­bers über den mora­li­schen und poli­ti­schen Zustand Europas verrät?
Wir sprachen auch über die Möglich­keit, dass bereits in weniger als zwei Wochen, mit den Ergeb­nissen der Euro­pa­wahl, die Ereig­nisse in der EU und in Deutsch­land eska­lieren. Könnte die Berliner Koalition brechen? Könnte Angela Merkel zurück­treten? Ich sagte, dass ich jeden­falls nicht daran glaube, dass Merkel am Ende des Jahres noch Bundes­kanz­lerin ist. Wir sprachen über die Kriegs­trei­berei und Doppel­moral der Ameri­kaner in der derzei­tigen Iran-Krise.

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Die Filme an den nächsten Tagen werden auch solche Debatten über die Zukunft der Demo­kra­tien abbilden. Umgekehrt hebt heute mit dem Cannes-Festival auch eine Art Raum­schiff ab, das alle seine Insassen für zwei Wochen verschluckt und in einen anderen Orbit beamt. Möglich, dass die Iran-Krise in einen militä­ri­schen Konflikt mündet – wir werden es nur am Rande mitbe­kommen.

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Auch bereits an diesem Sonntag traf man im Bus vom Flughafen vor allem Festi­val­be­su­cher. Ich unter­hielt mich im Bus mit einem liba­ne­si­schen Produ­zenten, der im letzten Jahr »Capernaoun« von Nadine Labaki kopro­du­ziert hatte. Diesmal ist er vor allem hier, um neue Projekte zu verkaufen.
Am Abend saßen im gleichen Restau­rant dann das Team vom Welt­ver­trieb »The Match Factory« und Elad, der Chef­ku­rator des Film­fes­ti­vals von Jerusalem.

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Am Montag ging es dann erstmal zum Abholen der Akkre­di­tie­rung und der Kataloge, zur Abholung des WiFi-Passes, den man hier immer von Orange ausgehän­digt bekommt.
Die dies­jäh­rige Festi­val­ta­sche hat die Form eines Rucksacks und ist Khaki-Farben, wie eine Armee-Uniform aus den Kolo­ni­al­kriegen.

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Am Montag­abend dann hatte ich, wie es inzwi­schen zum Ritual geworden ist, Freunde und Bekannte einge­laden, ins »Le Crillon« zu kommen, meine Stamm­bras­serie vor Ort. Mit Küsschen begrüßte die Patronne – irgend­wann waren wir dann zu zehnt, die drei Spanier aus Gijon kamen nur vorbei, um Hallo zu sagen.

Bei diesem ersten Abend geht es um Einschät­zungen des Wett­be­werbs. Vor Beginn der ganzen Chose, nach reiner Papier­form. Manche blättern wie ich im Katalog, andere sehen auch Trailer an. Das hatte ich nur im Fall von Jim Jarmuschs Eröff­nungs­film gemacht, der zumindest in Kurzform ziemlich lustig wirkt.

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Der dies­jäh­rige Wett­be­werb ist, glaube nicht nur ich, schwer einzu­schätzen. Auf der einen Seite viele Cannes-Usuals: Loach, Dardennes, Almodovar, Jarmusch und Desple­chin. Aber auch neue, unge­wohnte Filme­ma­cher und ihre Filme. Sehr euro­pa­lastig. Und irgendwie sehr beschränkt: Auffal­lend wenig Asiaten – nur zwei. Nur ein Latein­ame­ri­kaner, und der aus Brasilien. Kein Film aus Israel. Keiner aus dem »Orient«. Keiner aus Russland. Nur einer aus Osteuropa, und der spielt auf La Gomera; nichts aus Skan­di­na­vien. Dafür zweimal Afrika.
Und dann noch die Jury. Was werden die mit dem Angebot machen? Bei der Jury habe ich so meine spezielle Meinung. Erste Bauern­regel: Wenn Schau­spieler Präsi­denten sind, sind die Entschei­dungen gut, wenn gute Regis­seure präsi­dieren, sind sie schlecht. Isabelle Huppert prämierte Haneke, Robert de Niro Terrence Malick, Cate Blanchet Kore-eda. Wong Kar-wai dagegen Ken Loach. Das Gegen­ar­gu­ment: Steven Spiel­bergs Preis für Kechiche.
Zweite Bauern­regel: Viele Regis­seure in der Jury führen zu schlechten Preisen. Weil Regis­seure Alpha­tiere sind, und sich die Alpha­tiere gegen­seitig lahmlegen.

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In dieser Jury sind sieben Regis­seure. Von neun Mitglie­dern. Gab es je so viele? Vier Frauen, fünf Männer. Aber: Beide Schau­spieler sind Frauen. Also ein Über­ge­wicht an männ­li­chen Regis­seuren. Kein Asiate darunter, was meines Erachtens die Chancen der zwei Asiaten schwächt.
Das kann also nix werden. Ich bin nicht der Einzige, der zudem zwei der Regis­seure für – salopp gesagt – ziemlich einge­bil­dete Deppen hält, für Alpha-Machos par excel­lence: Innaritu und Pawli­kowski. »Two Assholes surrounded by intel­li­gent people.« sagte jemand bei uns am Tisch, und da kann ich nur zustimmen.
Über den Jury­prä­si­denten Innaritu erzählte Violeta aus Spanien, dass man sich in Spanien erzähle, er möge Almodovar nicht, und habe sowieso etwas gegen Schwule. Viel­leicht auch gegen Spanier, als Mexikaner?
Jeden­falls scheint Pedro Almo­do­vars Zeit ein wenig vorbei zu sein. Seit 20 Jahren wartet er auf die Goldene Palme. So wie Arnaud Desple­chin. Ich liebe dessen Filme, die früheren etwas mehr, als die letzten. Aber jetzt mit 59 eine Goldene Palme? Schwer zu glauben, auch wenn Loach bei seiner ersten fast 70 Jahre alt war. Und können wir glauben, dass ausge­rechnet der sozi­al­päd­ago­gi­sche poli­ti­sche Natu­ra­list Ken Loach der erste Regisseur sein wird, der dreimal die Goldene Palme gewinnt? Ich kann es nicht.
Das gleiche gilt für die Dardennes. Sie sind ähnlich vorher­sehbar wie Loach, und als Filme­ma­cher nur virtuoser, aber nicht besser, geris­sener, aber eben auch unehrlich. Die dritte Goldene Palme für sie? Nicht zu glauben! Wer bleibt übrig? Kann man sich vorstellen, dass diese Jury die Goldene Palme einem anderen Alpha-Regisseur verleiht? Sozusagen von Groß­meister zu Groß­meister? Im Fall von Terrence Malick kann ich persön­lich mir das nicht vorstellen. Eine katho­li­sche Heili­gen­le­gende über einen wider­s­tän­digen Provinzler. Das mag die Selig­spre­chung von Malick befördern, aber nicht seine zweite Goldene Palme.
Auch nicht bei Jarmusch. Wenn es einen solchen »Big Dick Award« überhaupt geben wird, dann doch wohl am ehesten an Marco Bellochio. Der Italiener ist jahrelang unter Wert gehandelt worden, und hätte auf seine alten Tage einen großen Preis verdient. Zumal er eine Mafia-Geschichte verfilmt hat, die auf Fakten basiert.
Bellochio ist in meiner persön­li­chen Kandi­da­ten­liste daher mein Tip Nummer 3.

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Eine hoch­in­ter­es­sante Regis­seurin ist natürlich Celine Sciamma. Schön, dass ihr neuer Film im Wett­be­werb läuft, und sie damit endlich in den Kreis der »Cannes-Gemeinde« aufge­nommen ist. Aber der Film ist ein Kostüm­film. Kann so etwas auch nur einen Preis gewinnen. Das Piano gewann, und auch The Wind That Shakes the Barley ist ein Kostüm­film. Aber beide sind trotzdem Ausnahmen.
Jessica Hausner ist eine tolle Regis­seurin. Aber ein Horror­film über eine wild­ge­wor­dene Pflanze, ein Fami­li­en­film klingt zu »klein« für einen Haupt­preis – so denkt man jeden­falls am Tag »minus 1«.

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Was bleibt? Mein Tipp Nummer zwei ist so etwas Paradoxes wie der »offen­sicht­liche Geheim­tipp« des dies­jäh­rigen Festi­val­jahres. Ein Film, der »ganz bestimmt« einen Preis bekommt , aber ganz bestimmt nicht die Goldene Palme: »Atlan­tique« von Mati Diop.
Wer jetzt keine Ahnung hat, wer das ist, muss sich nicht grämen, denn es ist ihr Erst­lings­film. Er sollte aber mal ein bisschen im Katalog nachlesen oder auf der imdb.
Denn Mati Diop ist als Filme­ma­cherin wieder mal eine jener vielen atem­be­rau­benden Entde­ckungen des großar­tigen Hans Hurch, des leider früh verstor­benen lang­jäh­rigen Viennale-Leiters. Hans hat ihr bereits 2012, also sieben Jahre vor ihrem Spiel­film­debüt, einen Tribute gewidmet!!!
Wer die Filme nicht kennt, kann ein paar der Kurzfilme dieser Viennale-Entde­ckung auf YouTube nach­gu­cken, und wird sofort begreifen: Die Frau hat was, sie hat in ihren Filmen das »gewisse Etwas«, das mehr ist, als nur Hand­schrift.
Hinzu kommt: Sie ist offen­sicht­lich hervor­ra­gend vernetzt!
Als Schau­spie­lerin hat sie eigent­lich nur besonders auffällig gute Entschei­dungen getroffen: Haupt­rolle bei Claire Denis, Haupt­rolle mit Brady Corbet in einem Sundance-Renner, ihr einziger Auftritt in einem latein­ame­ri­ka­ni­schen Film ist ausge­rechnet im letzten Werk des argen­ti­ni­schen Regie-Hipsters und als solchem Lucrezia-Martel-Erben Matias Pinero: »Hermia & Helena«.
Mati Diop macht also nicht falsch und alle lieben sie. Ich glaube, dass sie zum Liebling des Festivals wird, zu seiner Entde­ckung. Aber für die Goldene Palme wird es noch nicht langen, außer Kelly Reichardt und Alicia Rohr­wa­cher und Robin Campillo in der Jury hypno­ti­sieren die anderen fünf. Sondern nur für einen Haupt­preis: Regie oder Jurypreis.

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Wer also wird gewinnen? Keiner von uns glaubte an einen der Alten. Ich selbst tippte in unserer Wette – 5 Euro Einsatz, the winner takes it all – auf den Brasi­lianer Kleber Mendonca. Weil er gut ist. Weil Brasilien politisch gerade ansteht. Weil die Bilder gut aussehen. Weil Inarritu immerhin aus Latein­ame­rika ist. Mit mir tippte Michael aus Berlin auf Mendonca.
Aber über­ra­schende drei Stimmen – Giovanni aus Italien, Ernesto aus Chile und Philip von critic.de – fielen auf Mati Diop, obwohl nur einmal eine Frau die Goldene Palme gewinnen konnte, und kaum häufiger ein Regie­debüt. Ich würde mich freuen!
Frédéric tippte auf Elia Suleiman – kein doofer Tipp, denn der steht so in der Mitte zwischen den Alten und den Neuen.
Violeta glaubt an Maliock. Nil und Engin an den Koreaner Bong Joon-ho. Til tipt auf »Les Misera­bles«.
Wir werden sehen...

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Sind es schwere Zeiten für Film­kri­tiker? Kommt drauf an, kann man pauschal so nicht sagen. Von einer geschätzten Kollegin kam am Sonntag nämlich eine alar­mierte Mail: Sie fragte, ob ich nicht mehr nach Cannes führe, oder »über ein auslän­di­sches Blatt akkre­di­tiert« sei, weil sie meinen Namen nicht auf der Pres­se­liste entdecken konnte. Auf der Liste der Teil­nehmer aus Allemagne gebe es »eine Riesen­schrump­fung«. Sie selbst käme auch nicht mehr: »Habe keine Lust mehr sinnlos anzu­stehen und mir von Kontrollen teure Parfum­fla­schen klauen zu lassen oder Inter­views mit 12 Kollegen zu führen, 20 Minuten mit Über­setzer. Das muss alles nicht mehr sein.«
Naja. Für manche ist das Glas eben immer öfters halb leer.
« Es kann nicht für jeden gut laufen«, hat mein längst verstor­bener Studi­en­freund Freund Felix mal gesagt.

(to be continued)

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