05.01.2006
Jahresrückblick 2005

Jenseits der Krise

DAS MEER IN MIR
Todeskampf: Das Meer in mir
(Foto: Tobis Film)

Über alle möglichen Kampfhandlungen und Lieben (und Tode) auf Um- und Abwegen – Ein persönlicher ückblick auf das
Filmjahr 2005

Von Michael Haberlander

Die so genannte Kinokrise war eines der großen Themen des Kino­jahres 2005 und so werden nun auch zahl­reiche Rück­blicke davon bestimmt. Sicher ist es inter­es­sant, darüber zu disku­tieren, was die Ursache für den zum Teil drama­ti­schen Besu­cher­rück­gang war. Lag es am Boom des Heimkinos? An der allge­meinen wirt­schaft­li­chen Flaute? Am Fehlen der Block­buster? Blieben diese wiederum aus, weil Hollywood »am Publikum vorbei produ­zierte« (mein Euphe­mismus des Jahres)?

So oder so muss man fest­stellen, dass es bei diesen Fragen um schlichte Umsatz­zahlen eines Wirt­schafts­zweiges geht, die jedoch wenig über den Zustand der Kunstform Film aussagen.

Um den Filmkunst-Jahrgang 2005 zu beur­teilen, sollte man sich zwei Dinge vor Augen halten.
Erstens: Die Zahl der Kinostarts ist unge­bro­chen hoch bzw. sogar leicht steigend. Auch wenn nicht jeder der anlau­fenden Filme überall und sofort zu sehen ist und viel Gutes gar nicht in unsere Kinos kommt (was ebenfalls wirt­schaft­liche / struk­tu­relle und keine künst­le­ri­schen Probleme sind), beweist es doch, dass allem Gejammere zum Trotz sehr viele Filme produ­ziert werden, was das gerne gezeich­nete Schre­ckens­sze­nario vom schlechten Umsatz an der Kinokasse = kein Geld für neue Filme = Untergang des Kinos, durchaus in Frage stellt.

Zweitens: Eine große Zahl von produ­zierten Filmen muss natürlich noch lange nicht bedeuten, dass auch viele gute darunter waren.
Es gibt darum schluss­end­lich nur eine Möglich­keit, um sich vom Zustand der Filmkunst ein Bild zu machen und die besteht darin, die letzt­jäh­rigen Kino­er­leb­nisse noch einmal an sich vorbei­ziehen zu lassen, was ich hier gewohnt subjektiv und mit der Beschrän­kung auf das Gute, Wahre und Schöne tun möchte.

Kampf­hand­lungen

Trotz starken äußer­li­chen Unter­schieden, wiesen die Dramen dieses Jahres doch alle ein unver­kenn­bares Element des Kampfes auf.

Häuser­kampf 1: Haus aus Sand und Nebel. Jennifer Connelly, Ben Kingsley, ein Haus, das Meer, ein Konflikt. Ein Film wie eine mächtige Welle, die sich schließ­lich mit großer Wucht an einem Felsen bricht.

Häuser­kampf 2: Der wilde Schlag meines Herzens. Tom (Romain Duris) ist Miethai und Pianist. Für das eine zu sensibel, für das andere zu brutal, bleibt nur die Zerris­sen­heit.

Frei­heits­kampf: Manderlay. Die Freiheit ist nicht nur ein kostbares Gut, sondern auch eine tückische Ange­le­gen­heit. Zum Glück ist Lars von Trier ein Spezia­list für das Tückische.

Arbeits­kampf: Kontroll. Eigent­lich ein Horror­film und doch auch Komödie, exis­ten­zi­elles Drama und soziales Dokument. Ein guter Horror­film ist eben immer mehr als nur Leute erschre­cken.

Über­le­bens­kampf: Willen­b­rock. Würden Sie diesem Mann einen Gebraucht­wagen abkaufen? Axel Prahl als glück­loser Autohändler in einem gewohnt lako­ni­schen Drama von Andreas Dresen.

Exis­tenz­kampf: Code 46. Immer mehr sucht das Kino seine Geschichten in der Vergan­gen­heit und die Zukunft scheint niemand mehr zu inter­es­sieren. Michael Winter­bottom setzt diesem Trend einen viel­schich­tigen und visi­onären Film entgegen.

Todes­kampf: Das Meer in mir. Der viel zu frühe Tod von Raul Julia 1994 hat eine schmerz­liche Lücke in die Reihe der guten Schau­spieler gerissen. Javier Bardem beweist auch in diesem Film, dass er dabei ist, diese Lücke adäquat wieder zu schließen.

Wider­stands­kampf: Paradise Now. Haben wir Terror und Gewalt im Nahen Osten nicht täglich in den Nach­richten? Das schon, nur fehlt den Nach­rich­ten­bil­dern die Geschichte hinter der Gewalt. Dieser Film zeigt sie.

Endkampf: The Statement. Ein akzep­ta­bler Thriller mit poli­ti­schem Einschlag aber wirklich beein­dru­ckend ist Michael Caine als alter Nazi­ver­bre­cher und Tilda Swinton kann man auch nicht oft genug im Kino sehen.

Klas­sen­kampf: L’esquive. Manche Ereig­nisse verändern und verstellen unsere Sicht auf gewisse Dinge für immer. Wer den (keines­wegs nur kaputten) Alltag in den fran­zö­si­schen Banlieues kennen lernen will, bevor die Gewalt und vor allem eine Flut von Erklärungs­ver­su­chen über sie herein­bra­chen, dem sei dieser Film empfohlen.

Nahkampf: Hautnah. 2 Männer, 2 Frauen in wech­selnder Konstel­la­tion für-, mit- und gegen­ein­ander. Sehr geist­reich, sehr elegant und vor allem sehr gut gespielt.

Macht­kampf: My Summer of Love. Bei Teenagern sind die Gefühle immer eine Nummer größer. Die Liebe total, der Welt­schmerz endgültig, die Enttäu­schung ultimativ. In der Wirk­lich­keit nervt das manchmal, im Film dagegen kann sehr Schönes daraus entstehen.

Einzel­kämpfer: Match Point. Ein Film von kaum zu über­tref­fendem Zynismus, der nur deshalb keinen Sturm der Entrüs­tung auslöst, weil alle glauben, dass Woody Allen wieder Witze macht. Tut er aber nicht.

Kampf­trinken: Factotum. Charles Bukowski war einer der wenigen glaub­haften Säufer, dies ist einer der wenigen glaub­haften Filme über Bukowski.

Liebe und Tod auf Um- und Abwegen

Beliebtes Miss­ver­s­tändnis Nr. 1: Unter­hal­tung hat keinen Anspruch.
Beliebtes Miss­ver­s­tändnis Nr. 2: Bei echter Filmkunst gibt es nichts zu lachen.
Die entspre­chenden Gegen­be­weise:

Auf die Suche nach Liebe und einer besseren Vergan­gen­heit bzw. Zukunft machten sich auf ganz groß­ar­tige Art und Weise Broken Flowers und Garden State sowie einen Tick weniger brillant Sideways und Wo die Liebe hinfällt.

In sehr unge­wohnte Regionen bei der Suche nach der Liebe begaben sich Mathilde – Eine große Liebe (Liebe im Krieg), Per Anhalter durch die Galaxis (Liebe im All), Die Tief­see­tau­cher (Liebe unter dem Meer) und Tim Burtons Corpse Bride (Liebe bei den Toten).

Noch mal Tim Burton, nun aber über die Liebe zu Süßig­keiten in Charlie und die Scho­ko­la­den­fa­brik. Die Liebe zu Gemüse und vor allem zu Käse erlebte man wiederum in Wallace & Gromit: The Curse of the Were-Rabbit.

Die bedin­gungs­lose Liebe einer Frau und seine eigene Selbst­ver­liebt­heit werden einem Mann in Crimen ferpecto zum Verhängnis, die Unfähig­keit zu echter Liebe bestimmt T The Life and Death of Peter Sellers, während die Liebe zum Show­busi­ness in Beyond the Sea stärker ist als der Tod.

Eine Hassliebe verbindet Zwei ungleiche Schwes­tern und eine äußerst bizarre kuli­na­ri­sche Vorliebe, die aus dem Wunsch nach ewiger Jugend entsteht, lernen wir in Dumplings kennen.

Und dann sind da noch die Filme, die in vielerlei Hinsicht klar über dem Kino­durch­schnitt liegen aber wegen enttäuschten Erwar­tungen oder verschenkten Möglich­keiten viel­leicht härter abge­ur­teilt wurden, als sie es verdient haben. Somit sehens­wert aber nicht komplett gelungen fand ich:
Kiss Kiss, Bang Bang, weil er sein ironi­sches Potential durch kindische Über­trei­bung selbst unter­gräbt. A History of Violence, weil Cronen­bergs Mischung aus klas­si­schem Gangs­ter­film, vers­tö­rendem Fami­li­en­psy­cho­gramm, Gesell­schafts­kritik bzw. -satire und harter Rache­ge­schichte keine wirkliche Einheit ergibt. Millions, weil der Film zu brav und unver­bind­lich bleibt. Batman Begins, weil sich Chris­to­pher Nolan aufmacht, Batman seine Düsternis zurück­zu­geben und dann mit einer alles erklä­renden Geschwät­zig­keit vieles wieder einbüsst.
Und natürlich Sin City, über den auf diesen Seiten ja bereits sehr ausführ­lich disku­tiert wurde.

Das Gegen­s­tück zu diesen Filmen sind die in erster Linie unter­halt­samen Sahara und Die Hochzeits-Crasher, die mich bei geringer Erwar­tungs­hal­tung positiv über­raschten und mir deshalb im Gedächtnis geblieben sind.

Jetzt mit noch mehr Realität!

Einen nicht uner­heb­li­chen Anteil an der hohen Zahl der Kinostarts 2005 hatten Doku­men­tar­filme, die im Vergleich zu früheren Jahren geradezu infla­ti­onär auftraten. Worauf diese erfreu­liche Entwick­lung zurück­zu­führen ist, lässt sich schwer sagen, hat aber sicher etwas mit dem zuneh­menden Interesse der Zuschauer an Dokus zu tun. Höhere Besu­cher­zahlen in Verbin­dung mit verhält­nis­mäßig geringen Produk­ti­ons­kosten machen die Dokus dann auch für Verleiher und Produ­zenten attraktiv und viele Filme­ma­cher haben begriffen, dass der Einstieg ins große Film­ge­schäft auch über eine gelungene Doku­men­ta­tion möglich ist, sich eine solche aber im Gegensatz zu einem Spielfilm viel einfacher reali­sieren lässt.

Neuer – aber auch leicht zu verschmer­zender – negativer Neben­ef­fekt dieses Booms ist der Umstand, dass zunehmend auch belang­lose oder gar schlechte Dokus in die Kinos gelangen. Während früher nur ausge­wählte und oft preis­ge­krönte Filme ausge­wertet wurden, werfen die Verleiher heute offen­sicht­lich auf gut Glück vieles ins Kino, was im Fernsehen besser aufge­hoben wäre (und ursprüng­lich oft auch dafür produ­ziert wurde).

Viel­leicht als unbe­wusste Gegen­re­ak­tion auf die große Zahl von sehr schlichten, wacke­ligen, ungekün­s­telt abge­filmten Reali­täten, zeich­neten sich meine Doku-Favoriten neben inhalt­li­chen Quali­täten durch eine „schöne“ Gestal­tung aus. Es waren dies The Nomi Song, Crossing the Bridge (wobei ich auf Alexander Hackes Kommen­tare im Ton von Janosch' kleinem Bären hätte verzichten können), Rize, Frozen Angels und Riding Giants.

Ange­sichts dieser sehens­werten Filme (von denen, die ich nicht gesehen habe, ganz zu schweigen), die alle in Münchner Kinos außerhalb von Festivals zu sehen waren, kann man beim besten Willen nicht davon sprechen, dass das Kino (im Gegensatz zu den Kinos) in einer Krise steckt.
Darum wage ich sogar die Vorher­sage, dass auch das Filmjahr 2006 wieder viele schöne, spannende, bewegende, lustige und drama­ti­sche Momente bereit­halten wird. Man muss dazu nur mit offenen Augen durch das Leben und in die Kinos gehen.