»Ich hatte nie das Gefühl, Geschichten erzählen zu müssen« |
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| »Die Frage vom Gesehenwerden ist ja eine menschliche Frage.« – Sandra Wollner | ||
| (Foto: eksystent) | ||
Erste Hitzewelle des Sommers. Wenige Tage vor Beginn des Filmfest München, wo Sandra Wollners Everytime zum ersten Mal in Deutschland zu sehen ist, treffe ich zufällig Birgit Minichmayer in einer Pizzeria. Sie ist immer noch ein wenig im Taumel wegen der Begeisterung, den der Film in Cannes ausgelöst hatte. Wenige Tage später erwartet mich Sandra Wollner im heruntergekühlten Bayerischen Hof und erfüllt den Raum mit einer wunderbaren Nonchalance.
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Sandra Wollner ist im österreichischen Loeben geboren. Sie wohnt in Berlin und hat an der Filmakademie in Ludwigsburg studiert, weshalb viele sie gerne als »deutsche Filmemacherin« eingemeinden wollen. An der Filmakademie hat sie Mascha Schilinksi kennengelernt, aber auch ihren Partner Timm Kröger und den Drehbuchautor Roderick Wahrick, mit denen sie die Produktion »The Barricades« gegründet hat. Kröger war für ihren ersten Film Das unmögliche Bild (2016) für die Kamera verantwortlich, mit Wahrick schrieb sie The Trouble with Being Born (2020), ihren Abschlussfilm an der Filmakademie. Somit ist Everytime streng genommen erst Wollners Debütfilm. Aber was für einer! Nach ihren ersten beiden gleichermaßen aufsehenerregenden Filmen bekam sie nun für ihren dritten Film in Cannes in der Reihe »Un certain regard« den Großen Preis der Jury.
Das Gespräch führte Dunja Bialas
artechock: Everytime ist ein Film über Trauerarbeit und die Überlebenden: eine alleinerziehende Mutter Ella und Melli, die zehnjährige Schwester der verstorbenen Jessie. Die Erzählung beginnt an einem Punkt, an dem die Trauer bereits verblasst. Was hat dich an diesem Moment interessiert?
Sandra Wollner: Ich fand es spannend, von der Trauer zu erzählen, wenn die Alltäglichkeit wieder ins Leben hereinkommt, sie aber unterschichtig immer noch da ist. Was mich interessiert hat, war diese Beruhigung im Wissen, dass die Trauer nicht vorübergeht. Dass sie sich allmählich doch irgendwie hindurchfräst, durch diese Schicht der Alltäglichkeit.
In all deinen Filmen spielt die Kindheit eine zentrale Rolle. In Everytime erleben wir den ganzen letzten Teil, der auf Teneriffa spielt, aus der Perspektive von Melli. Was fasziniert dich an der Perspektive des Kindes?
Ich fühle mich diesem Blick selber nahe. Die Kinder sind vielleicht innere Egos, die ich mit mir trage. Sie erlauben eine gewisse Naivität. Man kann über Tabus sprechen in einer Weise, die eine gewisse Neugier und eine Pseudophilosophie beinhaltet. Es gibt eine Unschärfe von Realitäten, die sich durch die Kinderaugen viel besser vermitteln lässt. Bei Erwachsenen denken wir sofort an Psychose oder sind immer gleich mit Erklärungen dabei. Bei einem Kind können wir das Irrationale einfach zulassen.
Wie entstand das Drehbuch?
Vor Everytime hatte ich eigentlich eine andere Geschichte geschrieben. Sie hieß »People in the Sun« und orientierte sich an dem Gemälde von Edward Hopper. Sie spielte an einem vertrockneten Meer in einer Welt, in der die Sonne nicht mehr untergeht. Die Protagonistin war ein Mädchen, ungefähr im Alter von Melli, mit einer Sonnenallergie. Und es gab merkwürdige Gestalten, von denen wir nicht wissen, ob sie Klient:innen, Patient:innen oder Urlaubsgäste sind. Es gab keine Nacht mehr. Ich habe dann Christian Krachts Roman »Air« gelesen, und plötzlich fühlte sich meine Geschichte an, als wäre ich damit zwanzig Jahre zu spät dran. Aber das Grundgefühl ist geblieben: Ein Mädchen bewegt sich durch eine Welt, die ihr als Rätsel erscheint, unter einer Sonne, die nicht mehr untergeht. Everytime ist ein Film, der zwei Geschichten verwebt.
Zentral wird im Film ein hypnotisch wirkendes Video, in dem wir die kleine Jessi sehen, die sich von einem piependen Spielzeug in den Bann ziehen lässt. Ist die Medialität eine Fluchtlinie aus der rational erfassbaren Welt?
Sie versetzen uns eher in einen direkten Moment, der vom Meditativen durchdrungen ist. Genau wie ein Kind, das so lange und so fasziniert von diesem magischen Ding ist, das vor ihm steht, solange da Musik rauskommt. Diese Magie, die für uns Erwachsenen nur noch Banalität ist und nervt, wenn wir sie 34-mal gehört haben, ist die eigentliche Magie für ein Kind.
In deinem ersten Film, Das unmögliche Bild, brachte eine Super-8-Kamera und das Filmmaterial die Handlung in Gang. Ist der Gebrauch der Medien bei dir insgesamt eine Metapher fürs Filmemachen?
Das war überhaupt der Grund, warum ich angefangen habe, Filme zu machen. Ich hatte nicht das Gefühl, Geschichten erzählen zu müssen, aber ich wollte etwas festhalten. Ich habe das Gefühl, dass diese wahrgewordene Erinnerung, diese Séance, die ein Film immer ist, der vergebliche Versuch ist, uns in der Welt zu behalten. Über die Medien leben wir immer mit den Toten. Das schwingt in all meinen Filmen mit. Aber das ist nicht so bewusst eingesetzt. Es gibt keinen Moment, wo ich mir sage: »Ah, es braucht die Erinnerungsebene, die mit diesen Bildern bestückt ist.« Wir haben sie jetzt in unserer Tasche, kleine Friedhöfe, in denen wir quasi die ganzen Bilder unserer Ahnen herumtragen, der Verstorbenen. Vorher waren das die Fotoalben, die wir zu Hause hatten. Jetzt sind wir permanent damit beschäftigt, alles, was wir erlebt haben, all unsere Begegnungen am Leben zu halten. Ein zum Scheitern verurteilter Versuch, uns für die Ewigkeit zu bewahren.
Nach dem »unmöglichen Bild« formulierst du hier eine Art »Irreales« des Erzählens und eine unmögliche Zeit. Was hat dich darauf gebracht?
Everytime ist nicht nur eine Zeit, sondern auch ein Ort, ein Zustand, an dem sich der Film aufhält. Ich habe all die Jahre immer in diesem Kosmos gearbeitet, in dem die Erinnerung so unzuverlässig ist, dass man meinen könnte, das ist auch die Zukunft. Mit Everytime bin ich an einem Ort angekommen, wo all die anderen Filmen schon waren. Sie spielten quasi schon in diesem Kosmos. Man landet dort, landet in der Zukunft, landet in einem Bild.
Die Kraft des Kinos kann die Zeit aufheben. Ich musste bei der »unmöglichen Zeit« auch an Chris Marker denken.
Ja, unbedingt an Sans soleil. Da ist dieses erste Bild, auf dem die Kinder spazieren gehen und nach hinten blicken. Und dann sagt die Stimme: »If they can’t see happiness, at least they can see the black.« Und dann schneidet der Film einfach nur ins Schwarz. Das hat sich mir eingebrannt.
Wie bewältigst du die Herausforderung, Kinder zu inszenieren?
Lotte Keiling, die Melli spielt, kannte die Geschichte komplett. Sandra Hüller hat mir sie empfohlen, die mit ihr in Zwei zu eins gespielt hatte. Ich habe Lotte getroffen und dann das Buch an sie angepasst. Lotte ist sehr begabt. Die Hauptarbeit bestand eigentlich darin, im Ensemble Vertrauen aufzubauen, sodass sie einfach miteinander spielen konnten. Unser Kindercoach Julia Neuhaus hat dann mit ihr die Szenen gemalt. Lotte hat so ihren Weg gefunden, sich besser mit ihrer Figur zu identifizieren. Auch in meinen letzten Filmen wusste das Kind, worum es geht, trotz der Schwere der Themen. Hier war es das schwere Thema der Trauer. Aber ich glaube, dass auch kleine Kinder mit dem Gefühl der Trauer etwas anfangen und sich das vorstellen können.
Wie kam Birgit Minichmayr als fantastische und chaotische Mutter in den Film?
Ich wollte schon lange, lange mit Birgit arbeiten. Ich fand sie immer toll, egal in welchem Film ich sie gesehen habe. Ich dachte zuerst, es müsste eine deutsche Person sein, eine mit Ost-Background eigentlich. Aber ich wohne ja selbst auch in Berlin. Eine meiner Lieblingsszenen im Film ist, wie sie einfach nur da liegt und hört, wie ihre Tochter nach Hause kommt. Oder ist es eine Erinnerung an ihre Tochter, wie sie nach Hause kommt? Halluziniert sie das? Und ich liebe es, Birgit zuzusehen. Wir saßen da, völlig gebannt, als wir diese Szene gedreht haben. Man sieht, wie in ihrem Kopf Bilder entstehen. So geht’s mir zumindest.
Es gibt für den Drogenrausch – wenn man sich festlegen will – diese Momente, in denen die Menschen verschwunden sind. Alles entleert sich. Das ist ein großes Gefühl existenzieller Unwägbarkeit, ein Unbestimmtheitsgefühl, das auch das Gefühl von Horror auslöst. Wie bist du auf das Bild der Leere gekommen?
Das war das Gefühl, das ich hatte, als ich den Anfang geschrieben habe. Ich habe mir erlaubt, kurz die Perspektive des Geistes einzunehmen. Wie würde sich Jessi fühlen? Sie würde sich einsam fühlen.
Bei der Kamera fragt man sich oft: Wer blickt da eigentlich?
Das ist für mich immer eine wesentliche Frage. Ohne sie beantworten zu wollen, reibe ich mich immer an ihr. Das ist etwas, was mich prinzipiell am Kino interessiert. Vielleicht ist es auch so: Ich bin katholisch aufgewachsen. Die Frage vom Gesehenwerden ist ja eine menschliche Frage. Beim Aufwachsen glauben wir an eine Gottheit, die für mich irgendwann keinen Sinn mehr ergeben hat. Aber irgendwoher kommt ja dieser Wunsch nach einer Religion oder einem Gott. Oder nach jemandem, der uns wahrnimmt. Kino kann dieses Grundbedürfnis in gewisser Weise stillen.