Der High Commissioner der ostasiatischen Filmkunst |
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| Tony Rayns auf dem VIFF, 2006 | ||
| (Zeichnung: Axel Timo Purr nach Wikicommons) | ||
Einmal habe ich ihn persönlich getroffen. Es ist schon lange her, es war ein später Abend im koreanischen Pusan während des Festivals im Jahr 2008. Genau in dieser Woche war der Höhepunkt das Börsenkrachs im Gefolge der US-amerikanischen Finanzkrise aus der die Staatsschuldenkrise werden sollte. Auf den Fernsehbildschirmen im 38. Stock, wo mein Hotelzimmer mit Meerblick war hagelten die roten Pfeile immer steiler nach unten.
Und irgendwo da unten, in einer Seitenstraße eines »wet market« der Hafenstadt, war Tony Rayns auf einer Filmparty. Er war sehr offen mit dem Kollegen aus Deutschland, freundlich und erfreut, dass wir beide die gleichen Leidenschaft für den asiatischen Film teilten, er räsonierte über die Börsenlage, und die Weltlage und was das für das Kino bedeuten werde, die Asiaten würden noch schneller nach oben kommen dadurch, meinte er – was sich nicht ganz bestätigt hatte. Oder doch?
–, und erinnerte sehr gelassen an »die asiatische Finanzkrise« und »den Börsenkrach in Japan« und »Hongkong damals in den 60ern« und mit jedem Halbsatz tat sich ein noch größerer Bogen der Weltgeschichte vor dem inneren Auge auf.
Unter lauter jungen Leuten stand er, damals schon nicht mehr ganz jung, und älter aussehend als er war herum, einen Drink in der Hand und freute sich grundsätzlich des Lebens. Ein Hauch von altem britischen Kolonialgouverneur strahlte er aus, und
vielleicht war ja Korea oder Ostasien genau die geistige Kolonie, die er sich gesucht hatte und in die er geflohen war, um dort der High Commissioner der Filmkunst zu werden.
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Tony Rayns über den man natürlich alles Faktische im Netz nachlesen kann.
Sein Einfluss auf die internationale Wahrnehmung des koreanischen Films war überaus groß. Während man ihn in Europa vor allem als Kritiker kennt, wird er in Korea fast als kultureller Botschafter wahrgenommen.
Fast kein Nachruf beschreibt Rayns einfach als »Asienexperten«. Er war einer der letzten großen »cinéphilen Vermittler«. Er erklärte das asiatische Kino dem Westen nicht, indem er es westlichen Erwartungen anpasste, sondern indem er den Westen dazu brachte, asiatische Filme aus ihren eigenen kulturellen Voraussetzungen heraus zu sehen. Deshalb sprechen viele asiatische Regisseure nicht von einem Kritiker, sondern von jemandem, der ihre Filme überhaupt erst »übersetzte« – intellektuell ebenso wie buchstäblich in Form von Untertiteln.