23.07.2026

Der High Commissioner der ostasiatischen Filmkunst

Tony Rayns
Tony Rayns auf dem VIFF, 2006
(Zeichnung: Axel Timo Purr nach Wikicommons)

Zum Tod von Tony Rayns – eine kurze Erinnerung

Von Rüdiger Suchsland

Einmal habe ich ihn persön­lich getroffen. Es ist schon lange her, es war ein später Abend im korea­ni­schen Pusan während des Festivals im Jahr 2008. Genau in dieser Woche war der Höhepunkt das Börsen­krachs im Gefolge der US-ameri­ka­ni­schen Finanz­krise aus der die Staats­schul­den­krise werden sollte. Auf den Fern­seh­bild­schirmen im 38. Stock, wo mein Hotel­zimmer mit Meerblick war hagelten die roten Pfeile immer steiler nach unten.

Und irgendwo da unten, in einer Seiten­straße eines »wet market« der Hafen­stadt, war Tony Rayns auf einer Filmparty. Er war sehr offen mit dem Kollegen aus Deutsch­land, freund­lich und erfreut, dass wir beide die gleichen Leiden­schaft für den asia­ti­schen Film teilten, er räso­nierte über die Börsen­lage, und die Weltlage und was das für das Kino bedeuten werde, die Asiaten würden noch schneller nach oben kommen dadurch, meinte er – was sich nicht ganz bestätigt hatte. Oder doch? –, und erinnerte sehr gelassen an »die asia­ti­sche Finanz­krise« und »den Börsen­krach in Japan« und »Hongkong damals in den 60ern« und mit jedem Halbsatz tat sich ein noch größerer Bogen der Welt­ge­schichte vor dem inneren Auge auf.
Unter lauter jungen Leuten stand er, damals schon nicht mehr ganz jung, und älter aussehend als er war herum, einen Drink in der Hand und freute sich grund­sätz­lich des Lebens. Ein Hauch von altem briti­schen Kolo­ni­al­gou­ver­neur strahlte er aus, und viel­leicht war ja Korea oder Ostasien genau die geistige Kolonie, die er sich gesucht hatte und in die er geflohen war, um dort der High Commis­sioner der Filmkunst zu werden.

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Tony Rayns über den man natürlich alles Faktische im Netz nachlesen kann.

Sein Einfluss auf die inter­na­tio­nale Wahr­neh­mung des korea­ni­schen Films war überaus groß. Während man ihn in Europa vor allem als Kritiker kennt, wird er in Korea fast als kultu­reller Botschafter wahr­ge­nommen.

Fast kein Nachruf beschreibt Rayns einfach als »Asien­ex­perten«. Er war einer der letzten großen »ciné­philen Vermittler«. Er erklärte das asia­ti­sche Kino dem Westen nicht, indem er es west­li­chen Erwar­tungen anpasste, sondern indem er den Westen dazu brachte, asia­ti­sche Filme aus ihren eigenen kultu­rellen Voraus­set­zungen heraus zu sehen. Deshalb sprechen viele asia­ti­sche Regis­seure nicht von einem Kritiker, sondern von jemandem, der ihre Filme überhaupt erst »über­setzte« – intel­lek­tuell ebenso wie buchs­täb­lich in Form von Unter­ti­teln.