20.08.2026

Taugenichtse und Mädchenjahre

Berlinger
Zwischen zwei Männern, Zeiten und Lebenshaltungen
(Foto: Bernhard Sinkel)

Das Werk von Bernhard Sinkel, einem der unbekannteren Autoren des Neuen deutschen Films, kann in einer Retrospektive der Theatiner Filmkunst in München (wieder-)entdeckt werden

Von Dunja Bialas

Er ist Wegbe­gleiter und Zeit­ge­nosse der wich­tigsten Prot­ago­nisten des Neuen deutschen Films. Mit 86 Jahren ist Bernhard Sinkel zwar nicht ganz so alt wie Ula Stöckl (88) oder Edgar Reitz (93), Alexander Kluge wurde 94 Jahre alt. Wie seine einstigen Mitstreiter ist jedoch auch Bernhard Sinkel umtriebig geblieben – und stellt jetzt sein trotz vieler wichtiger Preise eher über­se­henes Werk in einer Retro­spek­tive in der Theatiner Filmkunst in München vor.

Mit Reitz, Stöckl, Kluge und Alf Brustellin, mit dem er später einige Filme zusammen machte, gründete Bernhard Sinkel 1971 in München die Film­werk­statt »Unab­hän­gige Licht­spiel-Manu­faktur«, die sich nicht zufällig mit »U.L.M.« abkürzte. Das baden-würt­tem­ber­gi­sche Ulm war eine Chiffre für die ersten Gehver­suche eines neuen deutschen Films jenseits seiner Insti­tu­tio­na­li­sie­rung. Bereits 1963, ein Jahr nach dem Ober­hau­sener Manifest, hatten Reitz und Kluge in der HfG Ulm das »Institut für Film­ge­stal­tung« gegründet. Für eine Filmaus­bil­dung gab es damals nur die Deutsche Hoch­schule für Filmkunst in Babels­berg (heute: Film­uni­ver­sität Babels­berg Konrad Wolf). 1967 nahm die HFF München als erste Neugrün­dung der BRD ihren Lehr­be­trieb auf, und schon ein Jahr später war es mit dem Inter­mezzo in Ulm wieder vorbei. Wenigs­tens der Chiffre nach wollten also Kluge, Reitz, Stöckl und eben auch Sinkel den unab­hän­gigen Geist nach München holen.

Kennen­ge­lernt hatte Sinkel die Poster Persons des Neuen deutschen Films im Umfeld des damals skan­dal­träch­tigen Ratio­nal­thea­ters, wo er während seiner Studi­en­jahre (Juris­terei) gear­beitet hatte. Reitz und Stöckl instal­lierten in der Klein­kunst­bühne ein 16-mm-Kino, um unab­hän­gige Filme zu zeigen. So kam man sich näher. In der Film­werk­statt U.L.M. entstand dann 1974 Sinkels erster Spielfilm. Die Komödie Lina Braake trug den thesen­haften Unter­titel »Die Inter­essen der Bank können nicht die Inter­essen sein, die Lina Braake hat« und enthält den damaligen Zeitgeist, die Welt durch gewitzte Kapriolen auf den Kopf zu stellen.

Erzählt wird eine Geschichte, die tatsäch­lich sehr gegen­wärtig anmutet. Die 81-jährige Lina Braake (Lina Carstens) wird von Inves­toren aus ihrer Wohnung vertrieben und landet im Alters­heim. Zusammen mit Gustav (Fritz Rasp), einem Finanz­makler, plant sie einen Coup gegen die Banker. Der Film ist inspi­riert von René Allios Debüt Die unwürdige Greisin (1964).

Mit Lina Carstens, die schon mit Douglas Sirk gear­beitet hat, als der noch Detlef Sierck hieß, reali­sierte Sinkel auch seinen nächsten Film (mit Alf Brustellin): Berlinger – Ein deutsches Abenteuer (1975). Martin Benrath und Peter Ehrlich sind die Freunde Lukas Berlinger und Johannes Roeder, der eine Indi­vi­dua­list, der andere Mitläufer in der Nazizeit. Ein »deutsches« Abenteuer deutet die wichtige Aufar­bei­tung der jüngeren Vergan­gen­heit an, das Heraus­holen von Courage und Schuld aus der Verschwie­gen­heit der bleiernen Nach­kriegs­zeit – die bis in die 70er-Jahre hinein­reichte. Erst 1968 kam die Revolte gegen den »Muff unter den Talaren« – der Sponti-Spruch zielte gegen die nazi­deut­schen Amts­träger, die auch nach dem Krieg auf den Univer­si­täten unter­rich­teten. Im Jahr 1968 setzt der zweite Teil des Films an. Die damals 26-jährige Hannelore Elsner ist in einer Doppel­rolle zu sehen, die sich auf zwei Zeiten und zwei Lebens­ge­wiss­heiten aufteilt.

Weiter in der Zeit zurück geht Bernhard Sinkel mit seiner Lite­ra­tur­ver­fil­mung Tauge­nichts (1977) nach Eichen­dorffs spätro­man­ti­scher Novelle. Als »Gammler«-Ballade auch unschwer auf den Freigeist der 1970er-Jahre beziehbar.

Von drei Töchtern eines deutschen Kaufmanns, der in den späten 30er-Jahren in Prag eine Stelle als Bank­di­rektor innehat, erzählt Der Mädchen­krieg (1977, Regie zusammen mit Alf Brustellin) während zehn Jahren Nazi-Besatzung und Krieg. Die Perspek­tive der Frauen ist zunächst eher unpo­li­tisch und unbe­schwert. So geht es anfäng­lich viel um den Alltag, um die Liebe und um den Frust mit der Lust in der Goldenen Stadt. Dominik Graf spielt den Zwölfton-Kompo­nisten Pavel Sixta, einen Love Interest der jungen Damen. Hellmuth Karasek fasste die Liebe­leien der Töchter in einer Kritik so zusammen: »Sie feiern fröhlich Untergang.« Sinkel erzählt von der unbe­schwerten Satu­riert­heit des Groß­bür­ger­tums in den dunk­lesten Jahren des letzten Jahr­hun­derts.

Die Theatiner Filmkunst zeigt bis zum 13. September 2026 sechs Filme von Bernhard Sinkel in einer kleinen Retro­spek­tive. Ebenfalls im Programm: Kalt­ge­stellt, der 1981 als deutscher Wett­be­werbs­bei­trag in Cannes lief, Der Kinoer­zähler (1993) mit Armin Mueller-Stahl und der in zwei Teilen gezeigte Vier­teiler Väter und Söhne (1986) über Aufstieg und Nieder­gang der Indus­tri­el­len­fa­milie Deutz in der ersten Hälfte des 20. Jahr­hun­derts – gemeint ist der Zwangs­ar­beits-Chemie­kon­zern IG Farben, der das KZ-Giftgas Zyklon B produ­zierte.

Bernhard Sinkel hat sein Lebens­werk dem gewidmet, was die großen Fragen seines Jahr­hun­derts waren, aus zeit­genös­si­scher und auch lebens­in­di­vi­du­eller Perspek­tive. Die Retro­spek­tive im Theatiner ist jetzt die Gele­gen­heit, seine Filme zu entdecken oder wieder­zu­sehen.

Retro­spek­tive Bernhard Sinkel
Theatiner Filmkunst 20. August – 13. September 2026

Bernhard Sinkel ist an allen Vorstel­lungen zu Gast!

Weitere Gäste: Dominik Graf am 30.08. zu Der Mädchen­krieg
Am 13.09. zu Väter und Söhne (1. Teil am 12.09.!): Gespräch mit dem Histo­riker Stephan H. Lindner, Autor von »Aufrüs­tung – Ausbeu­tung – Auschwitz. Eine Geschichte des I.G.-Farben-Prozesses«, Wallstein Verlag, 2020.