Taugenichtse und Mädchenjahre |
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| Zwischen zwei Männern, Zeiten und Lebenshaltungen | ||
| (Foto: Bernhard Sinkel) | ||
Von Dunja Bialas
Er ist Wegbegleiter und Zeitgenosse der wichtigsten Protagonisten des Neuen deutschen Films. Mit 86 Jahren ist Bernhard Sinkel zwar nicht ganz so alt wie Ula Stöckl (88) oder Edgar Reitz (93), Alexander Kluge wurde 94 Jahre alt. Wie seine einstigen Mitstreiter ist jedoch auch Bernhard Sinkel umtriebig geblieben – und stellt jetzt sein trotz vieler wichtiger Preise eher übersehenes Werk in einer Retrospektive in der Theatiner Filmkunst in München vor.
Mit Reitz, Stöckl, Kluge und Alf Brustellin, mit dem er später einige Filme zusammen machte, gründete Bernhard Sinkel 1971 in München die Filmwerkstatt »Unabhängige Lichtspiel-Manufaktur«, die sich nicht zufällig mit »U.L.M.« abkürzte. Das baden-württembergische Ulm war eine Chiffre für die ersten Gehversuche eines neuen deutschen Films jenseits seiner Institutionalisierung. Bereits 1963, ein Jahr nach dem Oberhausener Manifest, hatten Reitz und Kluge in der HfG Ulm das »Institut für Filmgestaltung« gegründet. Für eine Filmausbildung gab es damals nur die Deutsche Hochschule für Filmkunst in Babelsberg (heute: Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf). 1967 nahm die HFF München als erste Neugründung der BRD ihren Lehrbetrieb auf, und schon ein Jahr später war es mit dem Intermezzo in Ulm wieder vorbei. Wenigstens der Chiffre nach wollten also Kluge, Reitz, Stöckl und eben auch Sinkel den unabhängigen Geist nach München holen.
Kennengelernt hatte Sinkel die Poster Persons des Neuen deutschen Films im Umfeld des damals skandalträchtigen Rationaltheaters, wo er während seiner Studienjahre (Juristerei) gearbeitet hatte. Reitz und Stöckl installierten in der Kleinkunstbühne ein 16-mm-Kino, um unabhängige Filme zu zeigen. So kam man sich näher. In der Filmwerkstatt U.L.M. entstand dann 1974 Sinkels erster Spielfilm. Die Komödie Lina Braake trug den thesenhaften Untertitel »Die Interessen der Bank können nicht die Interessen sein, die Lina Braake hat« und enthält den damaligen Zeitgeist, die Welt durch gewitzte Kapriolen auf den Kopf zu stellen.
Erzählt wird eine Geschichte, die tatsächlich sehr gegenwärtig anmutet. Die 81-jährige Lina Braake (Lina Carstens) wird von Investoren aus ihrer Wohnung vertrieben und landet im Altersheim. Zusammen mit Gustav (Fritz Rasp), einem Finanzmakler, plant sie einen Coup gegen die Banker. Der Film ist inspiriert von René Allios Debüt Die unwürdige Greisin (1964).
Mit Lina Carstens, die schon mit Douglas Sirk gearbeitet hat, als der noch Detlef Sierck hieß, realisierte Sinkel auch seinen nächsten Film (mit Alf Brustellin): Berlinger – Ein deutsches Abenteuer (1975). Martin Benrath und Peter Ehrlich sind die Freunde Lukas Berlinger und Johannes Roeder, der eine Individualist, der andere Mitläufer in der Nazizeit. Ein »deutsches« Abenteuer deutet die wichtige Aufarbeitung der jüngeren Vergangenheit an, das Herausholen von Courage und Schuld aus der Verschwiegenheit der bleiernen Nachkriegszeit – die bis in die 70er-Jahre hineinreichte. Erst 1968 kam die Revolte gegen den »Muff unter den Talaren« – der Sponti-Spruch zielte gegen die nazideutschen Amtsträger, die auch nach dem Krieg auf den Universitäten unterrichteten. Im Jahr 1968 setzt der zweite Teil des Films an. Die damals 26-jährige Hannelore Elsner ist in einer Doppelrolle zu sehen, die sich auf zwei Zeiten und zwei Lebensgewissheiten aufteilt.
Weiter in der Zeit zurück geht Bernhard Sinkel mit seiner Literaturverfilmung Taugenichts (1977) nach Eichendorffs spätromantischer Novelle. Als »Gammler«-Ballade auch unschwer auf den Freigeist der 1970er-Jahre beziehbar.
Von drei Töchtern eines deutschen Kaufmanns, der in den späten 30er-Jahren in Prag eine Stelle als Bankdirektor innehat, erzählt Der Mädchenkrieg (1977, Regie zusammen mit Alf Brustellin) während zehn Jahren Nazi-Besatzung und Krieg. Die Perspektive der Frauen ist zunächst eher unpolitisch und unbeschwert. So geht es anfänglich viel um den Alltag, um die Liebe und um den Frust mit der Lust in der Goldenen Stadt. Dominik Graf spielt den Zwölfton-Komponisten Pavel Sixta, einen Love Interest der jungen Damen. Hellmuth Karasek fasste die Liebeleien der Töchter in einer Kritik so zusammen: »Sie feiern fröhlich Untergang.« Sinkel erzählt von der unbeschwerten Saturiertheit des Großbürgertums in den dunklesten Jahren des letzten Jahrhunderts.
Die Theatiner Filmkunst zeigt bis zum 13. September 2026 sechs Filme von Bernhard Sinkel in einer kleinen Retrospektive. Ebenfalls im Programm: Kaltgestellt, der 1981 als deutscher Wettbewerbsbeitrag in Cannes lief, Der Kinoerzähler (1993) mit Armin Mueller-Stahl und der in zwei Teilen gezeigte Vierteiler Väter und Söhne (1986) über Aufstieg und Niedergang der Industriellenfamilie Deutz in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts – gemeint ist der Zwangsarbeits-Chemiekonzern IG Farben, der das KZ-Giftgas Zyklon B produzierte.
Bernhard Sinkel hat sein Lebenswerk dem gewidmet, was die großen Fragen seines Jahrhunderts waren, aus zeitgenössischer und auch lebensindividueller Perspektive. Die Retrospektive im Theatiner ist jetzt die Gelegenheit, seine Filme zu entdecken oder wiederzusehen.
Retrospektive Bernhard Sinkel
Theatiner Filmkunst 20. August – 13. September 2026
Bernhard Sinkel ist an allen Vorstellungen zu Gast!
Weitere Gäste: Dominik Graf am 30.08. zu Der Mädchenkrieg
Am 13.09. zu Väter und Söhne (1. Teil am 12.09.!): Gespräch mit dem Historiker Stephan H. Lindner, Autor von »Aufrüstung – Ausbeutung – Auschwitz. Eine Geschichte des I.G.-Farben-Prozesses«, Wallstein Verlag, 2020.