| Österreich/Deutschland 2026 · 124 min. · FSK: ab 12 Regie: Sandra Wollner Drehbuch: Sandra Wollner Kamera: Gregory Oke Darsteller: Birgit Minichmayr, Lotte Shirin Keiling, Tristán López, Carla Hüttermann, Hermann Beyer u.a. |
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| Was, wenn die Sonne nicht mehr untergeht? | ||
| (Foto: eksystent) | ||
Es ist ein Film reinster Gegenwärtigkeit, der sich hinausstiehlt aus der Zeit, der zurückreicht in die Vergangenheit der Figuren und hineinblickt in den Zustand des Irrealis. Sandra Wollners Everytime ist mindestens Futur II, in der Unmöglichkeitsform. Im gegenwärtigen Augenblick des Sehens schlägt einem Everytime mit der Faust ins Gesicht. A punch in the face. Brutal, schmerzhaft, unausweichlich.
Birgit Minichmayer spielt eine Alleinerziehende von zwei Töchtern in Berlin, Plattenbau. Das gezeichnete Milieu ist chaotisch, zu Beginn des Film zanken sich Melli (Lotte Shirin Keiling), die Jüngere, und Jessi (Carla Hüttermann), die Ältere, um das gemeinsame Zimmer. Bei Jessi ist die Pubertät in vollem Gang, mit ihrem Freund Lux (Tristán López) macht sie Matheaufgaben, die vielleicht nur ein Vorwand für Sex oder das Vorspiel dazu sind, die Kinderzimmererotik deutet sich unmissverständlich an. Nelli ist im nervigsten Schwesternalter überhaupt, sie hängt an der Schwester und kann ihr das Privileg, die Ältere zu sein, trotzdem nicht verzeihen. Die Lösung, die das Coming of Age für stressige Situationen vorsieht, ist: Eskapismus. Jessi und Lux gehen auf Raves, nehmen Partydrogen. Und als sie einmal zusammen auf dem Dach des Hochhauses zugedröhnt den Sonnenaufgang erleben – stürzt Jessi in den Tod. Das passiert in den ersten Minuten des Films, darauf kann und sollte man sich gefasst machen.
Und erst ab beginnt im eigentlichen Sinne der Film.
Wo Everytime gerade noch eine sozialrealistische Problem-Tonlage angeschlagen hatte, klingt plötzlich Mascha Schilinskis betörender Sound of Falling an – der englische Titel ist hier absichtlich gewählt, andererseits lehnt Sandra Wollner den Schilinski-Vergleich auch ab, siehe unser Interview. Beide hätten parallel an dem Thema der Trauer gearbeitet, erzählt sie, sie sind befreundet, aber die thematische Parallele war dann doch nur eine Koinzidenz.
Aber wie bei Schilinksi wird auch bei Wollner nichts dem Plot überlassen, nichts dem Erzählen einer gleichwie gearteten guten Geschichte. Alles geht in Ästhetik auf. Auch Everytime inszeniert das Staunen über die Zeit – nicht des »Jedesmal«, eher einer abstrakten, chronologisch entbundenen »Jederzeit« – in purer Ästhetik. Ohne sich aber in ihr zu verlieren.
Vor dem lautlosen, wie beiläufig gezeigten Sturz – der fast ein Flug ist, so langsam vollziehlt er sich – Jessis vom Hochhaus hinab fährt die Kamera in einer langen Einstellung die Fassade des Plattenbaus entlang. Die Balkone und Fenster sind in orangefarbenes Rosa getaucht, sie baden im Widerschein der aufgehenden Sonne. Dann passiert alles abrupt und brutal und hatte sich dennoch angekündigt.
Ein subtiles Foreshadowing liegt von Beginn des Films über den Szenen. Jessi spielt einmal ein Videogame, in dem in einer schwindelerregenden Anordnung die Spielfigur über halsbrecherische Gesteinstreppen hinuntergeleitet werden soll. Immer neue Treppenklötze bauen sich auf, in einer künstlichen, elysischen Landschaft. Die Aufgabe ist schier nicht zu bewältigen, nimmt einen bedrohlichen Sog in die Tiefe.
Oder: Als sie vom Rave zurückkehren, überqueren Jessi und Lux die Trambahnschienen. Plötzlich ist Jessi allein, Lux ist wie vom Erdboden verschluckt. Aber nicht nur er ist verschwunden, alles, die Welt, ist in absolute Stille getaucht und menschenleer. Das Verschwinden der Menschen, das soziale Nichts ist existenziell, und nur auf der Plotebene begreifbar als Effekt des eingeworfenen Drogencocktails, wenn man sich das denn erklären möchte. Mehr noch aber beunruhigt uns die Leere fundamental: Der plötzliche Stillstand der Zeit, das Verharren in einem seltsamen Limbus, einem entgrenzten Zustand, wo sich die Anschauung der Welt von der Wirklichkeit dissoziiert und in eine Unbestimmtheitsstelle enthebt, webt feine Strukturen der Verunsicherung in das Erzählte und in die Weltgewissheit. Wo befinden wir uns?
Everytime kann dann in einem stark erzählten Mittelteil als Trauerarbeit gelesen werden, als Verarbeitung eines Ereignisses, das so hätte nicht passieren dürfen. Die Mutter und Nelli tun so, als wäre der Alltag eine Aufgabe, die nur erledigt werden muss: Hausaufgaben machen, das Zimmer aufräumen, miteinander Fernsehen, Videogames spielen, alles reiht sich nebeneinander, es ist die Verlässlichkeit schaffende Langweiligkeit des Lebens.
Aber auch hier bieten sich Fluchtlinien in eine andere Zeit, Realität und Gewissheit an. Abends sieht sich Nelli im Bett heimlich den auf ihrem Handy gespeicherten Nachrichtenverlauf mit ihrer toten Schwester an. Sie schreibt ihr über den immer noch aktiven Account und holt sich das Leben mit Jessi über die vergangenen Instant-Nachrichten zurück. Auf dem Fernseher sieht sie sich mit der Mutter alte Home-Videos an, die bei einem Urlaub auf Teneriffa entstanden sind. In einer Aufnahme sitzt die kleine Jessi entrückt auf einem Betonboden einer Tiefgarage. Vor ihr piept ein elektrisches Spielzeugauto. Ein Bild wie in einem Loop, das Kleinkind sitzt fasziniert davor, wie hypnotisiert. Biep, biep, biep.
So bricht zunehmend die Vergangenheit über andere Bilder und Medien in die Gegenwärtigkeit des Erzählens hinein. Videogames, der Chat mit der Schwester, die Home-Videos geben in Everytime das moderne Substitut für die klassischen Super-8-Aufnahmen, die noch in Wollners Das unmögliche Bild den Ausgangspunkt bildeten. Wie dort gibt es auch hier ein letztes Bild, kurz vor dem Tod. Jessi hat die aufgehende Sonne aufgenommen.
Auf den Urlaubsvideos ist auch ein Panorama der Berge von Teneriffa zu sehen. Ein Sonnenfleck zeichnet sich auf der grünen Fassade des bewaldeten Hangs ab. Die steilen Hänge, die herabfallenden Linien der Berge und Häuser verweben sich motivisch zu einer einzigen existenziellen Vorahnung. Auch das ist die Dissoziation des Raumes, wenn alles zusammenfällt.
Sandra Wollner zeigt die Trauer direkt und brutal. Zuerst die Unmöglichkeit, mit einer telefonierenden Mutter am Grab, Birgit Minichmayer gibt ihrer Figur die Dynamik eines großen Chaos, von ständiger Überforderung und ständiger Tour de Force. Die Mutter hält die Fäden mühevoll zusammen, ist für die kleine Tochter da, als sie endlich weinen kann, ist für den schluchzenden Lux da, den sie im betrunkenen Zustand bei einer S-Bahn-Station aufgelesen hat, und der sich den Trauernden im Patchwork anschließt.
Gemeinsam brechen sie schließlich in die Vergangenheit auf. Sie fahren nach Teneriffa, an den Ort, wo Jessi in den Urlaubsvideos zu sehen ist. Der wilde Ozean wird von den Badenden durch einen Wall abgehalten, sie sind in einer äußerst fragilen Sicherheit gewogen angesichts des Todes, den die Wellen doch in Wirklichkeit bedeuten. Diese Demarkation, diese Schwelle zwischen Leben und Tod, beschreitet Wollner im furiosen letzten Teil des Films. Hier löst sich die Gewissheit über das Erzählte endgültig in den Irrealis auf, in den Modus der Unmöglichkeit und zugleich in die Vorstellung darüber, dass letztlich alles gleichzeitig da sein kann – Zeit besteht nur als Jederzeit, als everytime. Der Tod und das Leben, die Vergangenheit und die Zukunft, alles ist gleichzeitig da, wenn wir nicht mehr wissen, wo wir eigentlich sind. Im Zustand größter Not feuern Kinder eine Leuchtrakete in den Himmel: Safe our souls. Der Schuss hält den Himmelslauf der Sonne an, die als strahlendes Quadrat zum Stillstand kommt. Was sehen wir, wenn wir in die Sonne schauen?
Die abstrakte Aufnahme der Sonne in Form eines Vierecks ist das wohl eindrücklichste Bild, das von diesem Film in Erinnerung bleibt. Es ist von tiefer Trauer erfüllt und wird zum Träger eines nicht zu erlösenden Schmerzes.
Mit Everytime, ihrem dritten Langfilm, taucht Regisseurin Sandra Wollner in das Leben einer alleinerziehenden Mutter (Birgit Minichmayr) und ihrer beiden Töchter ein. Sie leben in Berlin, umgeben vom alltäglichen Chaos. Die jugendliche Jessie (Carla Hüttermann) teilt sich das Kinderzimmer mit ihrer kleinen Schwester Melli (Lotte Shirin Keiling). Als ihr Freund Lux (Tristan López) zu Besuch da ist, zeichnet sich die familiäre Situation ab: Melli wird aus dem Zimmer geworfen. Sie greift als Kompensation zum Handy, spielt ein Computerspiel. Die endlose Landschaft der künstlich generierten Welt füllt die Leinwand, lässt die Ebene der erzählten Welt kurzzeitig hinter sich, öffnet einen Gegenraum zum gedrängten Berlin – es geht hinein in einen imaginären Fluchtweg.
Im Hintergrund des Alltags stehen fertig gepackte Koffer: Ella plant einen Urlaub mit ihren Töchtern. In der Nacht vor der Abreise schleicht sich Jessie heimlich aus der Wohnung. Zusammen mit Lux geht sie in einen Technoclub, es werden Drogen genommen. Den Partyszenen wohnt etwas Bedrohliches inne, der Raum versinkt in ein tiefes Schwarz, nur die kurzen Lichtquellen lassen uns Jessie gerade noch erkennen. Dann die Erlösung: Als es allmählich Morgen wird, taumeln sie durch einen Wald, die Vögel zwitschern, Jessies Wecker klingelt. Es ist die Erinnerung daran, dass sie zurück nach Hause muss, es steht ja der Familienurlaub bevor. Doch das Signal kann sie nicht zurückrufen, das freigesetzte Lebensgefühl lässt nicht mehr an ein Umkehren denken. Die Nacht findet kein Ende. Jessie steht im Licht der aufgehenden Sonne, die Strahlen umhüllen sie. Die Kamera verharrt einige Sekunden auf ihr. Dann folgt erneut ein Spiel mit der Auflösung: eine Großaufnahme der Dächer Berlins. In diesem Meer der Häuser zoomt die Kamera langsam auf das Dach, auf dem sich Lux und Jessie befinden. Jessie macht mit ihrem Handy Bilder, erst von Lux, dann von der aufgehenden Sonne: Sie richtet die Kamera darauf, als gäbe es nichts anderes auf der Welt. Langsam verlässt der Kameraschwenk Jessie, verfolgt die Flugbewegung eines Vogels, gleitet entlang der Plattenbauten, taucht schließlich ein in das Grün der Bäume. Im Hintergrund dieser Bilder fällt Jessie aus dem Leben.
Wie die Figuren in die Welt hineinfallen, stürzen sie wieder hinaus.
Worum es im Film geht, entfaltet sich nun. Trauer und Schmerz über etwas, das nicht rationalisierbar ist. Wollner erzählt uns nicht die unmittelbare Zeit nach dem tödlichen Unfall. Lux ist für einige Zeit in den USA, hat inzwischen eine neue Freundin. Ella und Melli besuchen das Grab von Jessie, dort wird nicht geweint. Bei einem Essen mit den Großeltern kommt der Tod zur Sprache und die Frage kommt auf, warum Lux eigentlich mit am Tisch sitzt. Wollner erlaubt in keiner Minute, das Geschehene begreifbar zu machen.
Nachdem der Film seinen Figuren Zeit gegeben hat, bricht allmählich und unkontrolliert die Trauer ein. »Ich hab es immer noch nicht verstanden«, sagt Ella. Sie liegt im Bett ihrer verstorbenen Tochter, durch den Türspalt sehen wir sie zaghaft weinen. Melli kann nur noch im Bett der Mutter schlafen: Das Kinderzimmer war nie nur ihres. Feine Details wie diese lassen uns die Abwesenheit der Figur spüren.
Jessies Platz in der Familienkonstellation bleibt nicht unbesetzt, Lux verbringt immer mehr Zeit mit ihnen. Die Einheit der drei Figuren erzeugt ein zutiefst inniges Verständnis geteilten Verlusts. Momente des Alleinseins gewinnen vor allem für die kleine Schwester an Bedeutung: Melli gelangt an Jessies letztes Bild, das sie auf dem Dach mit ihrem Handy aufgenommen hat. Sie kann damit ihren allerletzten Blick teilen. Auch der Chatverlauf mit Jessie wird für Melli zum Mittel, ihre Schwester wieder zu sich zu bekommen. Sie schreibt ihr weiterhin Nachrichten. Nachrichten, die nicht ankommen, aber die einen Empfänger haben.
Alte Videoaufnahmen von Jessie als Kleinkind, im Teneriffa-Urlaub, bilden dann jene Ebene, die Melli zum Wiedergänger ihrer Schwester werden lässt. Die Aufnahmen des Babys setzen sie in ein neues Verhältnis zu ihrer Schwester: Sie ist nun die Ältere.
Doch das Leben ist so nicht weiter erträglich. Sie müssen gehen, weit weg. Die Koffer werden erneut gepackt, der geplante Urlaub nach Teneriffa setzt nun ein, schließt an den ersten Teil des Films an, verlängert ihn im Zeichen der Trauer um die Verlorene. Im dritten Teil geht Everytime in die erzählerische Abstraktion über. Gregory Okes Kamera, die vor vier Jahren Aftersun die Sommerbilder einer verlorenen Kindheitszeit schenkte, überführt hier den verlorenen Körper in eine andere Form. Die gewaltige Landschaft der Vulkaninsel Teneriffa, die Wellen, die aus der unendlichen Weite des Meeres einbrechen, erlangen eine symbolische Kraft, die jene Art der Trauer einfängt, die anders nicht gezeigt werden kann. Der Übergang zum Meer wird zur Schwelle zwischen Leben und Tod. Wollner führt in diesem letzten Teil alle Andeutungen des Irrationalen fort und begegnet meisterlich und in wuchtiger Eindringlichkeit dem, wovon sie erzählen will. Über all dem: die Sonne am Horizont, die nun ganz nah ist.
Wenn man am weitesten geht, kommt man dem Leben am nächsten.
»Everything ist connected«
– Chris Marker
Ein Kind verschwindet. Wie bei Antonioni sind eine Kameradrehung und später dann eine vulkanische Insel die Punkte, an denen sich der Vertigo auftut. »Horror vacui« steht schon früh an einer Zimmertür.
Eine Familie. Zwei Töchter, eine alleinerziehende Mutter. Man sieht schnell, dass Alltag und Beiläufigkeit dieses Familienlebens nur ein schöner Beginn sind, ein Scheinfrieden; man spürt mehr als man versteht, dass irgendetwas Besonderes hier bald passieren wird. Dann wird es klar: Als später am Abend vor dem Urlaubsbeginn Jessie, die ältere der Schwestern, nachts noch einmal heimlich die Wohnung verlässt, ahnt man schnell, weiß man, ohne es wirklich zu wissen, geschweige denn zu verstehen, dass sie niemals wieder kommen wird.
Aber wie es dann geschieht, ist atemberaubend: Bevor sie geht, fotografiert sie ihre Schwester, die schlafend auf dem Sofa liegt. Gleich zweimal. Dann tanzt sie mit ihrem Freund, der auf den ungewöhnlichen Namen Lux hört (wie das Licht, ohne das es auch kein Kino gäbe), in einem Club, dann gehen die beiden am frühen Morgen durch den Wald, und ganz kurz fürchtet man hier das Schlimmste, denkt auch an einen Märchenwald mit Hexen, Dämonen und Gespenstern. Aber alles das führt in die Irre, es sind vielleicht auch nur belanglose persönliche Assoziationen von mir. Sie haben irgendetwas genommen, irgendwelche blöden Partypillen und vielleicht ist alles, was wir danach sehen auch erklärlich aus der Idee eines Drogenrausches. Oder der Erdkrümmung oder der Logik eines Computerspiels, oder, oder...
Aber vielleicht ist eben auch das nur das Bedürfnis von uns allen, jedenfalls von mir, für das, was nicht rational erklärlich ist, doch eine irgendwie vernünftig nachvollziehbare Erklärung zu finden. Dabei ist das gerade in diesem Film andererseits gar nicht nötig, einem Film, den man sich vertrauensvoll überlassen kann, von dem man sich einfach dahin führen lassen kann (und sollte), wohin er einen führen möchte.
+ + +
Beim Gang durch den Wald geschieht nichts. Auch beim Gang neben den Gleisen und auf den Straßenbahnschienen in Berlin, die ganz andere Gefahren durch technische Monster evozieren, geschieht nichts. Aber dann, ganz oben auf dem Dach, beim Blick über das Häusermeer, auf den Funkturm am Alex, beim Gespräch über die Lust auf die See und den bevorstehenden Urlaub und der Erinnerung an einen früheren Urlaubsort, da geschieht es.
Man sieht nur leere Wohnungen. »Wo sind die denn alle?« fragt Jessie. Ein Moment der Leere, ein Moment der absoluten Stille und des Stillstands der Zeit. Ein Moment der Everytime.
Sie fällt oder stürzt, stürzt ins Nichts, in den Horror Vacui und dann sehen wir ein Bild aus einem Computerspiel, und es geht alles über in eine spätere Zeit. Jetzt ist sie Jessie tot müssen wir annehmen, wir sehen ihren Grabstein; 2024 ist sie gestorben, die Mutter bringt Blumen, redet über das Finanzamt, es geht auch um Grabpflege. Jetzt ist der Film erstmal zu Ende, und es dauert eine Weile des Übergangs, bevor er nach einem schwächeren, mäandernden Zwischenteil wieder beginnt. Und abgeht.
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Ich weiß nicht warum, aber schon vorher, als sie auf dem Gleisbett stand, als sie durch den Wald ging, war immer wieder alles möglich in diesem Film – eine wunderbare Erfahrung von einer Latenz. Nicht etwa einer echten Bedrohung. Man spürt, wann etwas passiert, bevor es passiert, dann spürt man, was passiert.
Der Umgang mit Gefühlen ist beiläufig und selbstverständlich. Der Tod hier, wenn es denn einer ist, hat auch etwas Schmerzloses, etwas Vertrautes, etwas Gutes und Tröstliches.
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Später auf dem Tempelhofer Feld. Grillen bei Freunden. Keine Trauer ist äußerlich erkennbar. Zunächst jedenfalls. Damit unternimmt der Film auch en passent eine Absage an die Rituale der deutschen Fernseh- und Filmüblichkeiten. Aber um diese geht es hier gar nicht.
Leichte Veränderungen, Verschiebungen. Der Wirklichkeit? »Horror vacui« steht jetzt jedenfalls nicht mehr an der Zimmertür. Jessie’s Freund Lux verliert irgendwann die Fassung, und heult: »Es tut mir so leid! Ich wollte das nicht!«
Die fassungslose Mutter, eindrucksvoll gespielt übrigens von Birgit Minichmayr, geht den letzten Weg der Tochter, lebt ihre letzten Stunden nach. Dann sehen wir die Mutter auf dem Bett liegend und ganz langsam zoomt die Kamera heran.
Warum dieser Zoom? Was soll er uns sagen? Leere? Dann zeigt die Kamera nur das Rauschen der Blätter im Wind: Eines der schönsten Bilder in diesem Film, der auch ein Film der schönen Bilder ist.
Und es wird klar: Das, was man nicht sieht, das muss man zeigen.
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Kurz darauf fahren alle drei – Mutter, Tochter Melli (der wahre Star des Films ist Kinderdarstellerin Shirin Keiling, eine Offenbarung) und Exfreund Lux – nach Teneriffa. Sehr plötzlich. »Was machen wir jetzt?« – »Urlaub!«
Aus Homevideos wissen wir schon, dass die Familie, als die tote Jessie noch sehr klein war, schon einmal hier gewesen ist, im gleichen Hotelparadies, dem gleichen Pool, in den gleichen Bergen wanderte. Es ist jener Urlaubsort, an dem Jessie
besonders glücklich war, von dem sie Lux auf dem Dach, kurz vor ihrem Fall, bereits erzählt hatte. Erst im Nachhinein verstehen wir.
So wird diese Reise zu einer Totenbeschwörung, einem Reenactment von Jessies Leben.
»Scheiße ihr spinnt doch alle!« sagt Tochter Mellie in den Bergen. Und wenn schon. Melli wird zunehmend zur Heldin und Hauptfigur des Films.
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Und bald darauf ist Jessie dann plötzlich wieder da, aber als kleines Kind mit roten Haaren – auch darauf wurde vorher angespielt. Jetzt wissen wir, dass selbst dies einen Sinn und eine Bedeutung hatte, wie alles in diesem Film.
Die Welt ist aus den Fugen in dieser märchenhaften Geschichte, die sich, würde man sie nacherzählen, verrückter an hört, als man sie beim Zuschauen erlebt. Es folgt noch ein Schuss in die Sonne, die daraufhin quadratisch wird und eine Weile nicht untergeht; dann doch.
Vielleicht war, wie bei Camus' »Fremden«, »die Sonne schuld«. Wer weiß? Im Kino, jedenfalls dem von Sandra Wollner, ist alles möglich.
Viele hundert Jahre hat das ganze europäische »Abendland« an Wiederauferstehung geglaubt, gar nicht so wenige Menschen, nicht nur buddhistisch angehauchte Manager, halten Seelenwanderungen für möglich. Vor diesem Hintergrund ist es leicht, sich auf den magischen Realismus dieses Films einzulassen.
Erzählt wird, so kann man das trotzdem für all jene formulieren, die vom Naturalismus nicht lassen können, die unbedingt wissen wollen »worum es denn geht«, »was denn die Handlung ist«, von Trauerarbeit, davon, wie Mutter und Schwester mit dem Tod von Jessie umgehen.
Aber viel gewonnen ist mit solchen Feststellungen nichts. Tatsächlich ist dies nämlich keineswegs ein trauriger, sondern eher ein heiterer, abwechslungsreicher und manchmal sehr witziger Film, in dem das, was wir für die Wirklichkeit halten, sehr schnell in Frage gestellt wird. Denn vielleicht ist auch alles ganz anders: vielleicht können Erinnerungen lebendig werden, vielleicht ist die Tochter gar nicht tot oder sie kann wieder auferstehen.
Es stimmt schon: In »Everytime« ist es klar die Absicht der Regisseurin, die Verbindungen zu Trauma, Abwesenheit und der möglichen Existenz einer anderen Dimension, die sich unserer gewöhnlichen Wahrnehmung entzieht, durch filmische Strategien zu entfalten, die aus den bildenden Künsten und dem experimentellen Kino stammen: das Spiel mit Maßstäben, Distanzen und nichtmenschlichen Perspektiven; eine gewisse narrative Entleerung; die Neucodierung der Landschaft; und die
visuelle Kraft bestimmter Momente, die mit der Dominanz der Sonne verbunden sind. Wollner spielt auch mit dem Beunruhigenden, mit jener Grauzone zwischen Vertrautem und Fremdem.
So gesehen ist »Genrekino«, ein Fall des »Phantastischen Films«. Nicht etwa Horrorkino, aber eine an David Lynch erinnernde tröstlich-schreckliche Aushebelung des Selbstverständlichen.
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Regisseurin Sandra Wollner, eine Österreicherin, die in Berlin lebt, wo der Film auch zum Teil gedreht wurde und eines der großen Talente des europäischen Films, zeigt vor allem die Magie des Kinos, das eben sogar vermag, Wirklichkeit zu verändern, und Tote wieder zum Leben zu erwecken. Im Kino, jedenfalls dem von Sandra Wollner, ist alles möglich. Ihr Film hat darum mehr mit dem Kino des Surrealismus, mit Luis Bunuel und Salvador Dali und Georges Franju zu tun, als mit
Befindlichkeitsstudien oder einer sozialpsychologischen Fallanalyse des Sozialamts.
Ein mutiges, großes Kinoerlebnis voll poetischer Kraft.
Dabei zärtlich, nie schmerzhaft, jederzeit spannend. So zauberhaft wie die Begegnung mit Nixen, mit heiteren altgriechischen Göttern, mit manchen Gespenstern, die nur Kindern Angst machen.
Ein Kino des »Möglichkeitssinns« (Robert Musil) und der Unschärfen, das Zwänge auflöst, und uns zeigt: Die Welt liegt im Auge von uns Betrachtern. Alles könnte auch anders sein. Nichts ist unausweichlich.
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Everytime von Sandra Wollner ist ein sehr reifer, sehr besonderer Film, ein Film, der alles, was er erzählt, über Bilder erzählt, ohne deswegen auf Dialoge zu verzichten; der ruhig ist, genau, im richtigen Moment langsam, aber auch im richtigen Moment schnell, ohne aus dieser Langsamkeit oder Schnelligkeit einen Fetisch zu machen.
Zugleich aber auch ein Film, der das Rätsel und die Rätselhaftigkeit an den Anfang stellt, ohne sich zu verrätseln, denn genau genommen ist die Geschichte, die Handlung, sind die Figuren und ist das, was formal und mit Bildern mit Bildern erzählt wird, ganz einfach.
Es ist die Rätselhaftigkeit des Lebens.
Dies ist aber eben auch jederzeit ein Film der schönen Bilder. Sie stammen vom britischen Kameramann Gregory Oke, dem der Film Aftersun seinen besonderen Flair und seinen Welterfolg verdankt.
»Ein Film sollte nicht nur geschaut werden, sondern entziffert.« hat Chris Marker einmal gesagt, an dessen sinnliches Entzifferungskino dieser Film gelegentlich erinnert. Das was man nicht sieht, das muss man zeigen.
Man schaut trotzdem gefesselt, mit offenen, gelegentlich weitaufgerissenen Augen; aber man weiß nicht, mit wessen Blick man das tut. Man weiß nur, dass man Wunderschönes sieht.
PS:
Bei den Filmfestspielen in Cannes gewann Everytime den Preis in der wichtigsten Nebenreihe »Un Certrain Regard«.
Das zeigt noch einmal rückblickend, wie gut die Entscheidung war, den Film genau hier zu zeigen und nicht im Wettbewerb um die Goldene Palme. Das hätte diesen zarten, im allerbesten Sinn kleinen Film überfordert und unter einen Druck gesetzt, der ihm nicht gut getan hätte. Es spricht für das Filmfestival von Cannes,
das nicht wie die Festivals in Locarno oder Berlin aus dem Hauptwettbewerb eine Nachwuchsreihe macht.