Living in the Present |
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| (Foto: Filmkunstwochen München · Nicolas Humbert) | ||
Von Dunja Bialas
Warum sollte ich ein Bett kaufen – wenn alles, was ich will, ist zu schlafen? Nicolas Humbert, Regisseur ikonischer Musik-Dokumentarfilme wie Step Across the Border oder Middle of the Moment schuf 1999 ein Portrait über den amerikanischen Dichter Robert Lax, kurz vor seinem Tod. Den Film nannte er nach den Zeilen von Lax: Why Should I Buy a Bed When All That I Want Is Sleep? Über dreißig Jahre lebte Robert Lax als Einsiedler auf der griechischen Insel Patmos, ließ sich nur von wenigen Künstlerfreunden stören, zu denen unbedingt Nicolas Humbert und sein Freund Werner Penzel gehörten, mit dem Humbert, wie schon seine anderen Musikfilme auch, den Film realisierte. Letztes Jahr veröffentlichte Humbert ein Musikalbum, das auf die kompletten Tonaufnahmen zurückgreift, die er während der Dreharbeiten sammelte. Es entstand die Audio-Komposition »Robert Lax – Living in the Present«, die mehr als ein bloßer Soundtrack ein regelrechter Soundscape ist und die Erinnerungsspur einer langjährigen Freundschaft.
Im Rahmen der 74. Filmkunstwochen mit dem Sonderprogramm »Kino Live« wird nun das Album in Teilen im Theatiner-Kino aufgeführt, mit den Musikerinnen Carina Khorkhordina an der Trompete und Miki Yui für die elektronische Zuspielung. Zu Gast ist außerdem Nicolas Humbert. (Freitag, 31.7., 19:30, Theatiner Filmkunst, Filmvorführung mit Konzert)
Die zweite Woche der 74. Filmkunstwochen München fängt somit nicht nur wegen der neuerlichen Hundstage heiß an.
Erinnert werden darf an dieser Stelle an die 2. Tour des Bollerwagen-Kinos, die dieses Jahr durch Berg am Laim im Münchner Osten führt. Restplätze werden bei Bettina Steininger vergeben (bollerwagenkino-muenchen@gmx.de). Ansonsten gilt: Im Kinosaal ist es nicht nur am schönsten, sondern vor allem auch am kühlsten – ohne dass man hochtourige
Klimaanlagen befürchten muss. Deshalb kommt jetzt ein Deep Dive in die zweite Programmwoche.
Übers Theatiner gilt es noch zu vermerken, dass zwei 35mm-Projektionen in der nächsten Woche anstehen. Die Western Three Burials – Die drei Begräbnisse des Melquiades Estrada und Dead Man werden in der Hommage an das Theatiner-Vorgängerkino Film-Cabinett, das dieses Jahr seinen 70. Geburtstag feiert, als – Hurra, endlich stimmt das Wort – Streifen aufgeführt. Beide Filme gehören der jüngeren Western-Generation an und gelten als meisterhafte Neo-Western, mit Lakonie und trotzdem atemberaubenden Landschaftsaufnahmen.
Die Filmstadt München ist dieses Jahr wieder zu Gast bei den Filmkunstwochen. Ganz besonders hinweisen möchten wir auf die Filme von Cinema Iran, das dieses Jahr als Festival aufgrund der anhaltenden Kriegsereignisse im Iran nicht stattfindet. »Unsere Solidarität und Mitgefühl gelten den Betroffenen von Krieg, Gewalt und Unterdrückung«, so Festivalleiterin Silvia Bauer. Umso schöner, dass im Rahmen des Themenschwerpunkts im Neuen Maxim »Literally Arts« zwei Filme aus dem Programm von Cinema Iran gezeigt werden. Lolita lesen in Teheran erzählt von Literatur als Überlebensstrategie (Di 4.8. 20:40). Roya (5.8. 20:40) erzählt von Roya, die wegen ihrer politischen Überzeugungen im berüchtigten Teheraner Evin-Gefängnis inhaftiert ist. Während Vergangenheit und Gegenwart aus der zeitlichen Ordnung geraten, bewegt sich Roya zwischen inneren Landschaften und gelebter Realität. Silvia Bauer ist an beiden Terminen zu Gast.
Auch das DOK.fest gibt sich wieder die Ehre im City-Kino. Meanwhile in Namibia wurde dieses Jahr mit dem »Viktoria Deutsch« ausgezeichnet, auch die Artechock-Redaktion fand ihn hervorragend (hier im Filmquartett-Podcast). Im Film von Jonas Spriesterbach geht es um Reparationszahlungen an Namibia für den begangenen Völkermord an den Indigenen durch die deutsche Kolonialmacht. Ein kaum besehenes Kapitel deutscher Geschichte, die noch in der Gegenwart Formen von Rassismus und Neokolonialismus annimmt (So 02.08.13:00).
Im Rottmann ist vom italienischen Film-Club Circolo Cento Fiori Onde di terra zu sehen (Sa 01.08. 18:00), der in den Langhe der 1970er-Jahre spielt, als sich das Land durch die zunehmende Industriallisierung entvölkert.
Wer noch nicht im kühlen Souterrain-Kinosaal des Neuen Maxim war, kann dort dieser Tage besondere Kinomomente erleben. »Licht am Ende des Tunnels« hat das Künstlerduo Katrin Schafitel und Andreas Köpnick von den Anmut-Studios ihr Programm genannt. Im »Open Door«-Kino finden sich filmische Aufzeichnungen, Momentaufnahmen und »Miniaturen des Naheliegenden«, festgehalten mit einer Webcam (Sa 01.08.17:00). Bei der »Artschool Confidential« gibt es 60 Minuten lang eine kurzweilige Hypermontage rund um das Thema »Frame« zu sehen. Motto: Einmal einfach nur aus dem Rahmen fallen (So 02.08. 20:00).
Das Neue Rex und das Kino Solln im Münchner Westen sowie das Rottmann in der Maxvorstadt haben sich dieses Jahr ganz dem Thema »Erinnerung und (fremde) Heimat« verschrieben. Im Programm finden sich eine Liebeserklärung an die Welt an der Würm (Sa 01.08. 18:00 Kino Solln, mit Gast) und Ruinenschleicher und Schachterleis – München nach 1945 über die unmittelbaren Münchner Nachkriegsjahre (So 02.08. 11:00 Kino Solln), der laut Programmerin Susi Schmid dieses Jahr zum letzten Mal gezeigt wird.
Nicht zuletzt deshalb, wegen möglicher verpasster Chancen und FOMO (Fear of Missing Out), gilt in diesem, aber wirklich nur in diesem Fall: Einfach in der Gegenwart leben hilft gegen die Torschlusspanik. Warum sollte man in Panik geraten, wenn man auch einfach in der Gegenwart leben kann? Für alle anderen Lebenslagen gilt aber bitteschön der Lifestyle der Nachhaltigkeit. Mal sehen, was Robert Lax dazu sagt.