30.07.2026

Living in the Present

WHY SHOULD I BUY A BED
(Foto: Filmkunstwochen München · Nicolas Humbert)

Die 74. Filmkunstwochen München gehen in die 2. Woche – ausgewählte Highlights

Von Dunja Bialas

Warum sollte ich ein Bett kaufen – wenn alles, was ich will, ist zu schlafen? Nicolas Humbert, Regisseur ikoni­scher Musik-Doku­men­tar­filme wie Step Across the Border oder Middle of the Moment schuf 1999 ein Portrait über den ameri­ka­ni­schen Dichter Robert Lax, kurz vor seinem Tod. Den Film nannte er nach den Zeilen von Lax: Why Should I Buy a Bed When All That I Want Is Sleep? Über dreißig Jahre lebte Robert Lax als Einsiedler auf der grie­chi­schen Insel Patmos, ließ sich nur von wenigen Künst­ler­freunden stören, zu denen unbedingt Nicolas Humbert und sein Freund Werner Penzel gehörten, mit dem Humbert, wie schon seine anderen Musik­filme auch, den Film reali­sierte. Letztes Jahr veröf­fent­lichte Humbert ein Musik­album, das auf die kompletten Tonauf­nahmen zurück­greift, die er während der Dreh­ar­beiten sammelte. Es entstand die Audio-Kompo­si­tion »Robert Lax – Living in the Present«, die mehr als ein bloßer Sound­track ein regel­rechter Sound­scape ist und die Erin­ne­rungs­spur einer lang­jäh­rigen Freund­schaft.

Im Rahmen der 74. Film­kunst­wo­chen mit dem Sonder­pro­gramm »Kino Live« wird nun das Album in Teilen im Theatiner-Kino aufge­führt, mit den Musi­ke­rinnen Carina Khork­hor­dina an der Trompete und Miki Yui für die elek­tro­ni­sche Zuspie­lung. Zu Gast ist außerdem Nicolas Humbert. (Freitag, 31.7., 19:30, Theatiner Filmkunst, Film­vor­füh­rung mit Konzert)

Die zweite Woche der 74. Film­kunst­wo­chen München fängt somit nicht nur wegen der neuer­li­chen Hundstage heiß an.
Erinnert werden darf an dieser Stelle an die 2. Tour des Boller­wagen-Kinos, die dieses Jahr durch Berg am Laim im Münchner Osten führt. Rest­plätze werden bei Bettina Stei­ninger vergeben (boller­wa­gen­kino-muenchen@gmx.de). Ansonsten gilt: Im Kinosaal ist es nicht nur am schönsten, sondern vor allem auch am kühlsten – ohne dass man hoch­tou­rige Klima­an­lagen befürchten muss. Deshalb kommt jetzt ein Deep Dive in die zweite Programm­woche.

Übers Theatiner gilt es noch zu vermerken, dass zwei 35mm-Projek­tionen in der nächsten Woche anstehen. Die Western Three Burials – Die drei Begräb­nisse des Melquiades Estrada und Dead Man werden in der Hommage an das Theatiner-Vorgän­ger­kino Film-Cabinett, das dieses Jahr seinen 70. Geburtstag feiert, als – Hurra, endlich stimmt das Wort – Streifen aufge­führt. Beide Filme gehören der jüngeren Western-Gene­ra­tion an und gelten als meis­ter­hafte Neo-Western, mit Lakonie und trotzdem atem­be­rau­benden Land­schafts­auf­nahmen.

Die Filmstadt München ist dieses Jahr wieder zu Gast bei den Film­kunst­wo­chen. Ganz besonders hinweisen möchten wir auf die Filme von Cinema Iran, das dieses Jahr als Festival aufgrund der anhal­tenden Kriegs­er­eig­nisse im Iran nicht statt­findet. »Unsere Soli­da­rität und Mitgefühl gelten den Betrof­fenen von Krieg, Gewalt und Unter­drü­ckung«, so Festi­val­lei­terin Silvia Bauer. Umso schöner, dass im Rahmen des Themen­schwer­punkts im Neuen Maxim »Literally Arts« zwei Filme aus dem Programm von Cinema Iran gezeigt werden. Lolita lesen in Teheran erzählt von Literatur als Über­le­bens­stra­tegie (Di 4.8. 20:40). Roya (5.8. 20:40) erzählt von Roya, die wegen ihrer poli­ti­schen Über­zeu­gungen im berüch­tigten Teheraner Evin-Gefängnis inhaf­tiert ist. Während Vergan­gen­heit und Gegenwart aus der zeit­li­chen Ordnung geraten, bewegt sich Roya zwischen inneren Land­schaften und gelebter Realität. Silvia Bauer ist an beiden Terminen zu Gast.

Auch das DOK.fest gibt sich wieder die Ehre im City-Kino. Meanwhile in Namibia wurde dieses Jahr mit dem »Viktoria Deutsch« ausge­zeichnet, auch die Artechock-Redaktion fand ihn hervor­ra­gend (hier im Film­quar­tett-Podcast). Im Film von Jonas Spries­ter­bach geht es um Repa­ra­ti­ons­zah­lungen an Namibia für den began­genen Völker­mord an den Indigenen durch die deutsche Kolo­ni­al­macht. Ein kaum besehenes Kapitel deutscher Geschichte, die noch in der Gegenwart Formen von Rassismus und Neoko­lo­nia­lismus annimmt (So 02.08.13:00).

Im Rottmann ist vom italie­ni­schen Film-Club Circolo Cento Fiori Onde di terra zu sehen (Sa 01.08. 18:00), der in den Langhe der 1970er-Jahre spielt, als sich das Land durch die zuneh­mende Indus­tri­al­li­sie­rung entvöl­kert.

Wer noch nicht im kühlen Souter­rain-Kinosaal des Neuen Maxim war, kann dort dieser Tage besondere Kino­mo­mente erleben. »Licht am Ende des Tunnels« hat das Künst­lerduo Katrin Schafitel und Andreas Köpnick von den Anmut-Studios ihr Programm genannt. Im »Open Door«-Kino finden sich filmische Aufzeich­nungen, Moment­auf­nahmen und »Minia­turen des Nahe­lie­genden«, fest­ge­halten mit einer Webcam (Sa 01.08.17:00). Bei der »Artschool Confi­den­tial« gibt es 60 Minuten lang eine kurz­wei­lige Hyper­mon­tage rund um das Thema »Frame« zu sehen. Motto: Einmal einfach nur aus dem Rahmen fallen (So 02.08. 20:00).

Das Neue Rex und das Kino Solln im Münchner Westen sowie das Rottmann in der Maxvor­stadt haben sich dieses Jahr ganz dem Thema »Erin­ne­rung und (fremde) Heimat« verschrieben. Im Programm finden sich eine Liebes­er­klärung an die Welt an der Würm (Sa 01.08. 18:00 Kino Solln, mit Gast) und Ruinen­schlei­cher und Schach­ter­leis – München nach 1945 über die unmit­tel­baren Münchner Nach­kriegs­jahre (So 02.08. 11:00 Kino Solln), der laut Programm­erin Susi Schmid dieses Jahr zum letzten Mal gezeigt wird.

Nicht zuletzt deshalb, wegen möglicher verpasster Chancen und FOMO (Fear of Missing Out), gilt in diesem, aber wirklich nur in diesem Fall: Einfach in der Gegenwart leben hilft gegen die Torschluss­panik. Warum sollte man in Panik geraten, wenn man auch einfach in der Gegenwart leben kann? Für alle anderen Lebens­lagen gilt aber bitte­schön der Lifestyle der Nach­hal­tig­keit. Mal sehen, was Robert Lax dazu sagt.