23.07.2026

Feuerwerk der Kino-Vielfalt

1+1=3
Film-Rarität: Heidi Genées 1 + 1 = 3 galt als lange verschollenes Werk des Jungen deutschen Films. Jetzt ist es auf dem Dachboden des Produzenten wieder aufgetaucht
(Foto: Veith von Fürstenberg · Heidi Genée)

Die 74. Filmkunstwochen München zeigen in drei Wochen über 130 Filme. 12 Arthouse-Kinos machen beim bundesweit einzigartigen Sommer-Festival mit. Ein Blick auf erste Highlights

Von Dunja Bialas

Kino live erleben, das steht dieses Jahr im Mittel­punkt der tradi­ti­ons­rei­chen Film­kunst­wo­chen München. Das Boller­wagen-Kino geht wieder auf Tour. Diesmal leuchtet Bettina Stei­ninger mit ihrem Beamer in die verbor­genen Winkel in Laim. Rest­karten gibt es nur noch für den 2. Termin der Tour. (30.7., 21:00 Uhr)

Wer traurig ist, am ersten Termin keinen Platz ergattert zu haben, sollte zur Late Night Film Lecture »Magic Moments« mit Anna Edelmann und Thomas Willmann in die City-Kinos kommen. In einem rasanten Ritt durch die Film­ge­schichte geht es diesmal in kurz­wei­ligen Film-Auszügen um die bunte Tierwelt, die uns so possier­lich zu begeis­tern vermag. (23.7. 21:00 Uhr, City-Kinos)

Und gleich am ersten Wochen­ende startet im Neuen Maxim ein Expe­ri­ment. Das Unter­ge­schoss wird frei­ge­macht für die Ausstel­lung »Licht-Spiel-Kunst« von den Anmut-Studios. Dazu zeigt an mehreren Terminen die Münchner Tänzerin Katrin Schafitel ihre Perfor­mance »Auge um Auge«. Es geht um die Schnitt­stellen und Begeg­nungs­räume zwischen darstel­lender Kunst, Musik und bildender Kunst – Kino wird hier zum viel­be­spro­chenen und sehr zeit­ge­mäßen »dritten Ort«. Wie das aussieht, lässt sich bei der Vernis­sage und in den kommenden drei Wochen erleben. Eröffnung: So 26.7. Eröffnung mit Perfor­mance ab 17:00 Uhr.
Genaues Programm

Andere Kino-Live-Acts werden wir in den nächsten drei Sommer­wo­chen ankün­digen.

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Kommen wir nun zu »Kino pur«, denn schließ­lich stehen nach wie vor die Filme im Mittel­punkt der Film­kunst­wo­chen. Das Sommer-Festival der Münchner Arthouse-Kinos ist bundes­weit einmalig: In keiner anderen Stadt gibt es ein gemein­sames Programm der Kinos, und in keiner anderen Stadt halten die Kino­be­treiber*innen und Thea­ter­leiter*innen so sehr zusammen, wenn es um ihre Kinos geht. Da ist die Sorge um die Kinos ganz allgemein, die unter dem Druck eines immer größer werdenden Frei­zeit­sek­tors zusam­men­rü­cken, die vor allem aber den Immo­bi­li­en­druck einer Stadt wie München zu fürchten haben. Im Zentrum ihrer Kino-Arbeit aber stehen die Liebe zum Kino und die Begeis­te­rung für gute Filme – woraus auch die Sorge erwächst, ob die guten Filme ihr Publikum finden – kleine Verleiher haben gute Filme, aber auch ein kleines Marketing-Budget. Schlimm ist auch die Angst vor der Film­flaute, wenn sich so gar kein attrak­tiver Titel im Verlei­h­an­gebot finden lässt.

In dieser Richtung gibt es dieses Jahr wohl nichts zu befürchten.

Vor wenigen Tagen vermel­dete die »Süddeut­sche Zeitung«, dass mit der Schub­kraft des neuen Films von Chris­to­pher Nolan, Die Odyssee ein sehr starkes Kinojahr zu erwarten ist. Die Autorin dieser Zeilen versuchte vor ein paar Tagen, einen Platz für die täglich statt­fin­dende 70mm-Vorfüh­rung des Films im mit über 300 Plätzen ausge­stat­teten Astor-Arri zu ergattern – vergebens. Das lässt hoffen. Nicht nur wissen die Nolan-Fans ganz genau Bescheid, was sie von 70mm haben – hier sitzen Connais­seure in den Sesseln –, auch wir wissen seit dem Barben­heimer-Effekt, dass ein oder zwei einzelne Filme einen Booster auf die gesamte Kino­kultur zu erzeugen vermögen.

Die Filme von Chris­to­pher Nolan haben den neuen Trend im Kino begonnen, die Zeit außer Kraft zu setzen, das machen z.B. auch die Filme von Tim Kröger, Sandra Wollner oder der bald startende Funeral Casino Blues von Roderick Warich. Die Homer’sche »Odyssee« vom verhin­derten Heim­kehrer passt deshalb auch so gut ins Portfolio des Kino-Mega­lo­manen Nolan. Die 74. Film­kunst­wo­chen München zeigen im Leopold mit Inter­stellar, Dunkirk und Tenet eine »Best of Nolan«-Auswahl.

Das deutsche Kino ist derzeit auch inter­na­tional erfolg­reich. Wie gut, dass wir die Hüller haben! Sandra Hüller revo­lu­tio­niert durch ihr Schau­spiel auch das inter­na­tio­nale Kino. Im ABC wird neben Thomas Stubers In den Gängen (2018) eine Auswahl der erfolg­reichsten inter­na­tio­nalen Filme der Thürin­gerin gezeigt: Jonathan Glazers The Zone of Interest, Justine Triets Anatomie eines Falls und Pawel Pawli­kow­skis Vaterland.

Die Münch­nerin Caroline Link ist, an Oscars gemessen, die erfolg­reichste Regis­seurin Deutsch­lands. Was kaum einer präsent hat: Sie hat in einer Szene in Pünktchen und Anton dem Arena-Kino ein Denkmal gesetzt. Im Kino in der Hans-Sachs-Straße werden in einer Hommage noch einmal die wich­tigsten Filme von Caroline Link gezeigt, die an drei Terminen (28.-30.7.) persön­lich für ein Publi­kums­ge­spräch anwesend sein wird.

Deutsches Kino spielt tradi­tio­nell eine große Rolle bei den Film­kunst­wo­chen. Eine ganz besondere Rarität des Jungen deutschen Films ist 1 + 1 = 3 (1979) von Heidi Genée, der mit dem Ernst-Lubitsch-Preis ausge­zeichnet wurde. In eine der Rollen ist der junge Dominik Graf zu sehen, der auch zu Gast sein wird, neben dem Produ­zenten Veith von Fürs­ten­berg, auf dessen Dachboden sich der verschollen geglaubte Film befand. Zu Gast ist neben den Kindern von Heidi Genée auch Robert Fischer, der die Restau­rie­rung begleitet hat. (Mi 29.7. 20:15 Theatiner)

Bei den Film­kunst­wo­chen lässt sich auch Kino-Geschichte erleben: Das Theatiner eröffnete vor 70 Jahren unter dem Namen Film-Cabinett (der Betreiber war Hanns Luttner), erst ein Jahr später übernahm Kirchner. Luttner hatte ein beson­deres Faible für den Western, ließ deshalb im neu errich­teten Kino die erste Cine­maScope-Leinwand Münchens einbauen und liebte außerdem Musicals. Das Jubiläums­pro­gramm zum 70-jährigen Bestehen zeigt eine Auswahl beider Genres aus allen Jahr­zehnten, darunter Die Männer um Hilda Crane, mit dem das Film-Cabinett 1956 eröffnete (23.7. 18:15), Chantal Akermans Golden Eighties (24.7. 18:15) oder Nur für einen Tag, den Eröff­nungs­film von Cannes 2025 (4.8. 18:15). Außerdem im Western-Genre 3:10 to Yuma (1957), Three Burials – Die drei Begräb­nisse des Melquiades Estrada oder El Topo des 97-jährigen Alejandro Jodo­rowsky.
Übersicht über das Musical- und Western-Programm.

20 Jahre Cinema Español / Cinema Latino feiert das Studio Isabella. Ganz besonders kann man sich auf den Beitrag von Lafita aus der Filmstadt München freuen, die den Doku­men­tar­film Gaucho Gaucho bekommen konnten. (29.7. 18:30)
Übersicht über das Español- / Latino-Programm.

Mit über 130 Filmen ist das Programm der 12 teil­neh­menden Kinos natürlich wieder ein einziges, unbän­diges Feuerwerk. Wir werden in den nächsten drei Wochen weitere High­lights hervor­heben.

Die Autorin ist orga­ni­sa­to­ri­sche Leiterin der Film­kunst­wo­chen München.