28.05.2026
79. Filmfestspiele Cannes 2026

Die Wortlosen

La libertad doble
Freiheit in der argentinischen Pampa: Alonsos La libertad doble
(Foto: Cannes · planta · Lisandro Alonso)

Lisandro Alonso findet mit »La libertad doble« (Quinzaine) zu einem befreiten Kino zurück; Ivan Marković demontiert in »Promised Spaces« (ACID) die leeren Versprechungen der New Economy

Von Dunja Bialas

Befreites Kino: Lisandro Alonso

La libertad doble
(Foto: Cannes · planta · Lisandro Alonso)

Die Motorsäge frisst sich durch die Baum­stämme, sägt Äste ab, schält die Rinde. Es ist laut und körper­lich. Ein Mann schuftet schwer in der Hitze. Zwischen­durch nimmt er die Axt, haut kleine Zweige vom Stamm, nimmt Maß und durchsägt die Stämme in gleich­große Stücke. Später werden sie als Zaun wieder­auf­er­stehen, für das große Haus des Nachbarn, für den er die Arbeiten erledigt. Misael (Misael Saavedra) ist ein mittel­loser Land­ar­beiter, der buchs­täb­lich von der Hand in den Mund lebt. Mittags kehrt er heim, isst einen Brocken Fleisch, den er auf einem einfachen Ofen vor seiner Hütte zube­reitet. Nach dem Essen überfällt ihn die Müdigkeit. Siesta auf seinem schmalen Bett; der tiefe Schlaf ereilt ihn augen­blick­lich.

Bald wird die karge Zurück­ge­zo­gen­heit durch einen Anruf gestört. Misael soll seine Schwester Micaela (Catalina Saavedra) zu sich holen, weil das Heim, in dem die an Autismus Erkrankte unter­ge­bracht ist, geschlossen wird. Die Nacht verbringt Misael auf dem nackten Boden vor seiner Hütte, das Bett mit den Sprung­fe­dern okkupiert jetzt die Schwester.

Mit La libertad doble kehrt der argen­ti­ni­sche Regisseur Lisandro Alonso zurück zu den Anfängen seines Film­schaf­fens – zu jenem Film, der genauso hieß: La libertad. 25 Jahre nach seinem Debüt, das er program­ma­tisch »Freiheit« nannte, entfaltet sich erneut die Kraft seiner mini­ma­lis­ti­schen Erzähl­weise. Wieder zeigt er einen Tag im Leben des Holz­fäl­lers Misael, diesmal drama­ti­scher zuge­spitzt, durch die Ankunft der pfle­ge­be­dürf­tigen Schwester, die ihn aus seiner Alltags­rou­tine heraus­reisst. Wieder taucht der Film mit ihm in die Natur ein, sie ist durch­drungen von ihrem Rauschen, vom Schrei der Vögel. Mit dem Hacken des Holzes und dem Motor­geräusch der Säge beginnt Misael einen stummen, gewalt­vollen Dialog mit der Natur.

Vergeb­lich sucht man bei Alonso die Idylle. Die Natur ist in seinen Filmen, und auch in La libertad doble, nie unberührt oder zur Kontem­pla­tion geeignet. Mit dem mensch­li­chen Eindringen verbindet sie sich auch mit der Gewalt, im Häuten der Baum­stämme oder im Stück Fleisch, das noch das Tier verrät, von dem es stammt. Auch die Menschen erfahren bei Alonso Gewalt, und die größte ist hier auch eine poli­ti­sche. Als er die mental beein­träch­tigte Schwester bei sich aufnehmen muss, zerstört dies nicht nur seine Lebens­weise; auch die Schwester findet sich nicht mehr zurecht. Schon am ersten Abend ihrer Freiheit nimmt sie keine Tabletten mehr, weil Misael sich in den Packungen nicht auskennt.

Fast gänzlich ohne Worte bricht so der Staat in das Leben ein. Alonsos Film ist politisch, auch produk­ti­ons­po­li­tisch, das sagt er im Interview, er hat mit einem chile­ni­schen Produ­zenten gear­beitet, weil Argen­ti­nien mit dem Motor­sägen-Milei nicht mehr am frei­heits­lie­benden Kino inter­es­siert ist. Mit La libertad doble findet er nach größeren, auch inter­na­tio­nalen Co-Produk­tionen wie Liverpool (2008), Jauja (2014) oder zuletzt Eureka (der Film lief 2023 in Cannes Premières) wieder zu einem von ökono­mi­schen Zwängen befreiten Kino zurück­finden, mit dem er begonnen hatte.

Mit der Rückkehr lässt Alonso genau jenen Film wieder­auf­er­stehen, der uns für sein Kino begeis­terte. Ein mini­ma­lis­ti­sches Kino, das mit dem unge­trübten doku­men­ta­ri­schen Blick von einer sich selbst über­las­senen Welt erzählt. Hier finden die Menschen zu einer archai­schen Einheit mit der Natur und jenseits der Zivi­li­sa­tion auch zum Einklang mit sich selbst – ohne dass sie geheilt werden müssen. Als Micaela (die Laien­schau­spie­lerin heißt nur zufällig wie Misael auch Saavedra) in die Büsche der Pampa eindringt und verschwindet, bleibt nur das Rauschen der Natur zurück.

Was für ein Glück dieses befreite Kino ist.

Demontage leerer Verspre­chungen: Ivan Marković

Promised Spaces
(Foto: Cannes · bocalupo · Ivan Marković)

Auf der anderen Seite der Weltkugel, in Kambo­dscha, taucht Ivan Marković in eine von der Zivi­li­sa­tion bereits aufge­bro­chene Natur ein. Sein erster Langfilm Promised Spaces (in der Reihe ACID zur Förderung eines unab­hän­gigen Kinos) ist eine sanfte Demontage der Verspre­chen der New Economy in einer globa­li­sierten Welt, in der die Schere zwischen Arm und Reich, zwischen den Arbeitern und jenen, die sich von ihnen Gated Commu­ni­ties bauen lassen, mehr und mehr ausein­an­der­klafft.

Wieder­zu­er­kennen ist von Marković die Bild­sprache, die er als Kame­ra­mann für die Filme von Angela Schanelec und in eigenen Kurz­filmen entwi­ckelt hat; diesmal arbeitet er mit der audio­vi­su­ellen Künst­lerin Katharina Hauke. Seine fast stumme Erzählung wird von den Trans­pa­renzen des Gefilmten vorsichtig balan­ciert, immer wieder durch­dringt die Kamera mehrere Ebenen, verknüpft in doku­men­ta­risch-poeti­schen Bildern das Imaginäre mit der realen Welt.

In einer stillen Ausein­an­der­set­zung von Tradition und Moderne, von Archi­tektur und Natur, von New Economy und Einsam­keit verlieren sich in dem halb­do­ku­men­ta­ri­schen Film Markovićs somnam­bule Figuren. Die Geschäfts­frau Seda (Vita Vong) ist fest entschlossen, ihre erste Nacht in der Wohn­an­lage der titel­ge­benden »Promised Spaces« zu verbringen, auch wenn die Wohnung, die sie bezieht, den Zustand des Rohbaus kaum über­wunden hat und sie die einzige Bewoh­nerin in der geis­ter­haften Wohn­an­lage ist. Sie verlässt hungrig die halb­fer­tige Wohnung, driftet durch die Anlage, entlang einge­fasster Beete, alles um sie herum und auch alles an ihr ist gezähmt und adrett, die helle Seiden­bluse hat sie trotz der Hitze zuge­knöpft, die bordeaux­far­bene Busi­ness­hose umspielt ihre Figur, die Stöckel­schuhe setzt sie sicher auf die absurden Gesteins­platten, die – frei nach Jacques Tati – von einem kleinen Spalt getrennt den Weg abgeben.

In der Spie­ge­lung eines kleinen Sees zeichnen sich die hoch­ra­genden Beton­ske­lette der Traban­ten­stadt inmitten der grünen Felder ab, in denen das Vieh weidet. Der Gegensatz der gefilmten Welt konden­siert sich zu einem Sowohl-als-auch und macht die drohende Verdrän­gung der Natur und der Einhei­mi­schen durch den Neubau anschau­lich – ande­rer­seits: erobert sich nicht auch die Natur den menschen­leeren Asphalt zurück?

Erst außerhalb der Gated Community trifft Seda auf andere Menschen. In einem kleinen Imbiss bestellt sie sich etwas zu essen, zahlt dankend. Die Kamera taucht von nun an in die andere Seite dieser abge­schie­denen Welt ein. Dort hinein, wo das Leben ist.