79. Filmfestspiele Cannes 2026
Die Wortlosen |
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| Freiheit in der argentinischen Pampa: Alonsos La libertad doble | ||
| (Foto: Cannes · planta · Lisandro Alonso) | ||
Von Dunja Bialas
Die Motorsäge frisst sich durch die Baumstämme, sägt Äste ab, schält die Rinde. Es ist laut und körperlich. Ein Mann schuftet schwer in der Hitze. Zwischendurch nimmt er die Axt, haut kleine Zweige vom Stamm, nimmt Maß und durchsägt die Stämme in gleichgroße Stücke. Später werden sie als Zaun wiederauferstehen, für das große Haus des Nachbarn, für den er die Arbeiten erledigt. Misael (Misael Saavedra) ist ein mittelloser Landarbeiter, der buchstäblich von der Hand in den Mund lebt. Mittags kehrt er heim, isst einen Brocken Fleisch, den er auf einem einfachen Ofen vor seiner Hütte zubereitet. Nach dem Essen überfällt ihn die Müdigkeit. Siesta auf seinem schmalen Bett; der tiefe Schlaf ereilt ihn augenblicklich.
Bald wird die karge Zurückgezogenheit durch einen Anruf gestört. Misael soll seine Schwester Micaela (Catalina Saavedra) zu sich holen, weil das Heim, in dem die an Autismus Erkrankte untergebracht ist, geschlossen wird. Die Nacht verbringt Misael auf dem nackten Boden vor seiner Hütte, das Bett mit den Sprungfedern okkupiert jetzt die Schwester.
Mit La libertad doble kehrt der argentinische Regisseur Lisandro Alonso zurück zu den Anfängen seines Filmschaffens – zu jenem Film, der genauso hieß: La libertad. 25 Jahre nach seinem Debüt, das er programmatisch »Freiheit« nannte, entfaltet sich erneut die Kraft seiner minimalistischen Erzählweise. Wieder zeigt er einen Tag im Leben des Holzfällers Misael, diesmal dramatischer zugespitzt, durch die Ankunft der pflegebedürftigen Schwester, die ihn aus seiner Alltagsroutine herausreisst. Wieder taucht der Film mit ihm in die Natur ein, sie ist durchdrungen von ihrem Rauschen, vom Schrei der Vögel. Mit dem Hacken des Holzes und dem Motorgeräusch der Säge beginnt Misael einen stummen, gewaltvollen Dialog mit der Natur.
Vergeblich sucht man bei Alonso die Idylle. Die Natur ist in seinen Filmen, und auch in La libertad doble, nie unberührt oder zur Kontemplation geeignet. Mit dem menschlichen Eindringen verbindet sie sich auch mit der Gewalt, im Häuten der Baumstämme oder im Stück Fleisch, das noch das Tier verrät, von dem es stammt. Auch die Menschen erfahren bei Alonso Gewalt, und die größte ist hier auch eine politische. Als er die mental beeinträchtigte Schwester bei sich aufnehmen muss, zerstört dies nicht nur seine Lebensweise; auch die Schwester findet sich nicht mehr zurecht. Schon am ersten Abend ihrer Freiheit nimmt sie keine Tabletten mehr, weil Misael sich in den Packungen nicht auskennt.
Fast gänzlich ohne Worte bricht so der Staat in das Leben ein. Alonsos Film ist politisch, auch produktionspolitisch, das sagt er im Interview, er hat mit einem chilenischen Produzenten gearbeitet, weil Argentinien mit dem Motorsägen-Milei nicht mehr am freiheitsliebenden Kino interessiert ist. Mit La libertad doble findet er nach größeren, auch internationalen Co-Produktionen wie Liverpool (2008), Jauja (2014) oder zuletzt Eureka (der Film lief 2023 in Cannes Premières) wieder zu einem von ökonomischen Zwängen befreiten Kino zurückfinden, mit dem er begonnen hatte.
Mit der Rückkehr lässt Alonso genau jenen Film wiederauferstehen, der uns für sein Kino begeisterte. Ein minimalistisches Kino, das mit dem ungetrübten dokumentarischen Blick von einer sich selbst überlassenen Welt erzählt. Hier finden die Menschen zu einer archaischen Einheit mit der Natur und jenseits der Zivilisation auch zum Einklang mit sich selbst – ohne dass sie geheilt werden müssen. Als Micaela (die Laienschauspielerin heißt nur zufällig wie Misael auch Saavedra) in die Büsche der Pampa eindringt und verschwindet, bleibt nur das Rauschen der Natur zurück.
Was für ein Glück dieses befreite Kino ist.
Auf der anderen Seite der Weltkugel, in Kambodscha, taucht Ivan Marković in eine von der Zivilisation bereits aufgebrochene Natur ein. Sein erster Langfilm Promised Spaces (in der Reihe ACID zur Förderung eines unabhängigen Kinos) ist eine sanfte Demontage der Versprechen der New Economy in einer globalisierten Welt, in der die Schere zwischen Arm und Reich, zwischen den Arbeitern und jenen, die sich von ihnen Gated Communities bauen lassen, mehr und mehr auseinanderklafft.
Wiederzuerkennen ist von Marković die Bildsprache, die er als Kameramann für die Filme von Angela Schanelec und in eigenen Kurzfilmen entwickelt hat; diesmal arbeitet er mit der audiovisuellen Künstlerin Katharina Hauke. Seine fast stumme Erzählung wird von den Transparenzen des Gefilmten vorsichtig balanciert, immer wieder durchdringt die Kamera mehrere Ebenen, verknüpft in dokumentarisch-poetischen Bildern das Imaginäre mit der realen Welt.
In einer stillen Auseinandersetzung von Tradition und Moderne, von Architektur und Natur, von New Economy und Einsamkeit verlieren sich in dem halbdokumentarischen Film Markovićs somnambule Figuren. Die Geschäftsfrau Seda (Vita Vong) ist fest entschlossen, ihre erste Nacht in der Wohnanlage der titelgebenden »Promised Spaces« zu verbringen, auch wenn die Wohnung, die sie bezieht, den Zustand des Rohbaus kaum überwunden hat und sie die einzige Bewohnerin in der geisterhaften Wohnanlage ist. Sie verlässt hungrig die halbfertige Wohnung, driftet durch die Anlage, entlang eingefasster Beete, alles um sie herum und auch alles an ihr ist gezähmt und adrett, die helle Seidenbluse hat sie trotz der Hitze zugeknöpft, die bordeauxfarbene Businesshose umspielt ihre Figur, die Stöckelschuhe setzt sie sicher auf die absurden Gesteinsplatten, die – frei nach Jacques Tati – von einem kleinen Spalt getrennt den Weg abgeben.
In der Spiegelung eines kleinen Sees zeichnen sich die hochragenden Betonskelette der Trabantenstadt inmitten der grünen Felder ab, in denen das Vieh weidet. Der Gegensatz der gefilmten Welt kondensiert sich zu einem Sowohl-als-auch und macht die drohende Verdrängung der Natur und der Einheimischen durch den Neubau anschaulich – andererseits: erobert sich nicht auch die Natur den menschenleeren Asphalt zurück?
Erst außerhalb der Gated Community trifft Seda auf andere Menschen. In einem kleinen Imbiss bestellt sie sich etwas zu essen, zahlt dankend. Die Kamera taucht von nun an in die andere Seite dieser abgeschiedenen Welt ein. Dort hinein, wo das Leben ist.