Kolonialität, Macht und Träume |
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| Auf dem Heimweg: Lucrecia Martels Nuestra Tierra | ||
| (Foto: IFF Rotterdam · Lucrecia Martel) | ||
Von Dunja Bialas
Das Festival von Rotterdam ist über die Hafenstadt mit der kolonialen Vergangenheit der Niederlande eng verbunden. Das Logo von Rotterdam ist ein Tiger, ein Emblem für den südasiatischen Raum. Und wenn man durch die Stadt geht, fallen einem sofort die vielen asiatischen Imbisse auf, hier gibt es an jeder Ecke Pho und Ramen, außerdem große chinesische Restaurants mit gigantischen Drehtischen, auf denen die Speisen von festlich gekleideten Tischgemeinschaften geteilt werden. Die Aktivität der Rotterdamer Kuratorinnen und Kuratoren beinhaltete seit jeher, nach Asien, Afrika oder Südamerika zu fahren, dort Projekte anzustoßen, der Hubert Bals Fund gilt ausdrücklich der Förderung von Filmen anderer Kontinente. Gertjan Zuilhof, ein Vierteljahrhundert Programmer des IFFR, brachte die Filme der Philippiner Khavn de la Cruz und Lav Diaz in den europäischen Raum, zeigte unabhängiges Kino aus Malaysia und widmete ganze Filmreihen dem afrikanischen Kino. Letztes Jahr hat er seinen Abschied aus dem Leben genommen und hinterließ comicartige Skizzen, die er für die Leinwand animiert hatte. Khavn hat sie in der diesjährigen Ausgabe am Klavier live begleitet, sein Sohn spielte dazu Saxofon. Ein Gänsehautmoment, zu sehen, wie Rotterdam seine Programmer in Ehren hält.
Die Frage nach der Kolonialität, also der Fortsetzung von Machtstrukturen aus der Kolonialzeit, zog sich wie ein roter Faden durch das Rotterdamer Programm. Um die Reinwaschung des postkolonialen Gewissens ging es in What We Said to Brussels Airlines, dem jüngsten Kurzfilm des belgisch-kongolesischen Collectif Faire-Part, dem die Kuratoren Koen de Rooij und Lyse Nsengiyumva einen eigenen Fokus gewidmet hatten.
Zum hundertjährigen Jubiläum der Flüge zwischen Brüssel und Kinshasa soll die Künstlergruppe ein Programm ihrer Kurzfilme zusammenstellen, um sie während der Flüge zu zeigen. Es beginnen Diskussionen: Die Flüge dienen auch der Deportation abgelehnter Asylbewerber. Will man sich durch das Zeigen kritischer Filme ein reines Gewissen verschaffen? Geld sollen die Künstler*innen für ihre Filme nicht bekommen. Im überwältigend schönen L’escale (2022) des Kollektivs begleitet ein Bilderstrom aus Wolken und Himmel die Off-Stimmen zweier Kongolesen, die von ihrer Reise nach Europa erzählen.
Die indonesische Kolonialvergangenheit nimmt der visuelle Künstler Timoteus Anggawan Kusno in seinem schwarzweißen Kurzfilm Sola Fata in den Blick. Ein Kolonialherr wird in einer Sänfte durch den Dschungel getragen. Bald durchdringt die Realität die träumerische Fiktion: »My soul was anchored in sorrow, wandering the passage of time.«
Selten hat man politisches Kino so künstlerisch, so poetisch gesehen.
Die argentinische Regisseurin Lucrecia Martel hat vierzehn Jahre lang an ihrem ersten Dokumentarfilm gearbeitet, ihr Spielfilm Zama (2017) und eine Krebserkrankung schoben sich dazwischen. Wie in Zama geht es auch in Nuestra tierra (Landmarks) um Besitz und Herrschaft, um Landnahme und die Vertreibung der Indigenen.
Ein Gerichtsprozess bildet den Ausgangspunkt ihres Films, über sieben Jahre lang, bis 2018, zog er sich hin, auch dies ein Grund, warum es mit ihrem Dokumentarfilm so lange dauerte. Der Prozess verhandelt die Erschießung eines Angehörigen der indigenen Chuschagasta-Gemeinschaft in der Provinz Tucumán im Norden Argentiniens. Die Chuschagasta sollen für Investoren ihr Land räumen, damit diese die Bodenschätze heben können. Der Investor Dario Amin behauptet, er hätte das Land erworben, während die Chuschagasta seit Jahrhunderten dort leben, aber nirgendwo in den Grundbüchern stehen. Sie widersetzen sich der feindlichen Übernahme, Javier Chocobar, der Chef der Community, wird erschossen. Amin und seine Kollegen plädieren auf Notwehr – obwohl es ein Video gibt, auf dem man die Erschießung sieht.
Die Übervorteilung der Indigenen durch die Nachkommen der spanischen Eroberer verdankt sich dem ungleichen epistemischen Machtverhältnis. Das wird sehr bald in den Gesprächen deutlich, die Martel mit den Chuschagasta in ihren Häusern führt. Ihnen fehlt das Wissen, als Indigene besondere Rechte zu haben, und selbst als Indigene können sie sich nicht definieren. In den Schulen wird keine Geschichte des »Indio nacional« gelehrt, die ihnen ein Bewusstsein gäbe, nur die der Eroberung Südamerikas. Sie wissen jedoch sehr wohl über ihre Vergangenheit Bescheid, über ihre Ahnen, über das frühere Leben. Schwarzweiß-Fotografien, die schon vom Zahn der Zeit zersetzt sind, zeigen das Leben ihrer Vorfahren, die verwitterten Gesichter, die große Gemeinschaft.
Lucrecia Martel verlässt in einzelnen Momenten die Aufnahmen des Prozesses, die Dokumente und Interviews. Sie entwirft eine weitere Ebene, die von einer größtmöglichen Autonomie des Bildes getragen wird. Eine Drohne überfliegt das bergige Gelände von Tucumán, filmt Ziegen und scheucht Pferde auf. Einmal gibt es einen Angriff durch einen Greifvogel, die Drohne stürzt im Vertigo-Strudel ab. Dann kehrt Martel auch die digitalen Bilder um, lässt aus ihnen eine kunstvolle Plastizität hervortreten, die sich der Orientierung widersetzt. Tritt das Grün zwischen den Ziegen hervor, oder schweben die Ziegen auf grünsattem Untergrund? Es sind Überhöhungen, Reminiszenzen an Zama und genau die Momente, in denen die Landschaft zu einem Imaginären findet. Während der Apparat filmt, ist der Mensch abwesend, als würde in diesem Gestus die Landschaft denen, die sie bewohnen, wieder zurückgegeben werden.