12.02.2026

Kolonialität, Macht und Träume

Nuestra Tierra
Auf dem Heimweg: Lucrecia Martels Nuestra Tierra
(Foto: IFF Rotterdam · Lucrecia Martel)

Lucrecia Martel untersucht in ihrem ersten Dokumentarfilm die Tötung eines Indigenen; Filme aus Kongo und Indonesien erzählen vom Andauern kolonialer Strukturen – das 55. Filmfestival Rotterdam

Von Dunja Bialas

Das Festival von Rotterdam ist über die Hafen­stadt mit der kolo­nialen Vergan­gen­heit der Nieder­lande eng verbunden. Das Logo von Rotterdam ist ein Tiger, ein Emblem für den südasia­ti­schen Raum. Und wenn man durch die Stadt geht, fallen einem sofort die vielen asia­ti­schen Imbisse auf, hier gibt es an jeder Ecke Pho und Ramen, außerdem große chine­si­sche Restau­rants mit gigan­ti­schen Dreh­ti­schen, auf denen die Speisen von festlich geklei­deten Tisch­ge­mein­schaften geteilt werden. Die Aktivität der Rotter­damer Kura­to­rinnen und Kuratoren beinhal­tete seit jeher, nach Asien, Afrika oder Süda­me­rika zu fahren, dort Projekte anzu­stoßen, der Hubert Bals Fund gilt ausdrück­lich der Förderung von Filmen anderer Konti­nente. Gertjan Zuilhof, ein Vier­tel­jahr­hun­dert Programmer des IFFR, brachte die Filme der Phil­ip­piner Khavn de la Cruz und Lav Diaz in den europäi­schen Raum, zeigte unab­hän­giges Kino aus Malaysia und widmete ganze Film­reihen dem afri­ka­ni­schen Kino. Letztes Jahr hat er seinen Abschied aus dem Leben genommen und hinter­ließ comic­ar­tige Skizzen, die er für die Leinwand animiert hatte. Khavn hat sie in der dies­jäh­rigen Ausgabe am Klavier live begleitet, sein Sohn spielte dazu Saxofon. Ein Gänse­haut­mo­ment, zu sehen, wie Rotterdam seine Programmer in Ehren hält.

Poetik des Poli­ti­schen: Kongo, Indo­ne­sien

Die Frage nach der Kolo­nia­lität, also der Fort­set­zung von Macht­struk­turen aus der Kolo­ni­al­zeit, zog sich wie ein roter Faden durch das Rotter­damer Programm. Um die Rein­wa­schung des post­ko­lo­nialen Gewissens ging es in What We Said to Brussels Airlines, dem jüngsten Kurzfilm des belgisch-kongo­le­si­schen Collectif Faire-Part, dem die Kuratoren Koen de Rooij und Lyse Nsen­gi­y­umva einen eigenen Fokus gewidmet hatten.

Brussels Airlines
(Foto: IFF Rotterdam · Collectif Faire-Part)

Zum hundert­jäh­rigen Jubiläum der Flüge zwischen Brüssel und Kinshasa soll die Künst­ler­gruppe ein Programm ihrer Kurzfilme zusam­men­stellen, um sie während der Flüge zu zeigen. Es beginnen Diskus­sionen: Die Flüge dienen auch der Depor­ta­tion abge­lehnter Asyl­be­werber. Will man sich durch das Zeigen kriti­scher Filme ein reines Gewissen verschaffen? Geld sollen die Künstler*innen für ihre Filme nicht bekommen. Im über­wäl­ti­gend schönen L’escale (2022) des Kollek­tivs begleitet ein Bilder­strom aus Wolken und Himmel die Off-Stimmen zweier Kongo­lesen, die von ihrer Reise nach Europa erzählen.

Die indo­ne­si­sche Kolo­ni­al­ver­gan­gen­heit nimmt der visuelle Künstler Timoteus Anggawan Kusno in seinem schwarz­weißen Kurzfilm Sola Fata in den Blick. Ein Kolo­ni­al­herr wird in einer Sänfte durch den Dschungel getragen. Bald durch­dringt die Realität die träu­me­ri­sche Fiktion: »My soul was anchored in sorrow, wandering the passage of time.«

Sola Fata
(Foto: IFF Rotterdam · Timoteus Anggawan Kusno)

Selten hat man poli­ti­sches Kino so künst­le­risch, so poetisch gesehen.

Indio nacional: Lucrecia Martel

Die argen­ti­ni­sche Regis­seurin Lucrecia Martel hat vierzehn Jahre lang an ihrem ersten Doku­men­tar­film gear­beitet, ihr Spielfilm Zama (2017) und eine Krebs­er­kran­kung schoben sich dazwi­schen. Wie in Zama geht es auch in Nuestra tierra (Landmarks) um Besitz und Herr­schaft, um Landnahme und die Vertrei­bung der Indigenen.

Ein Gerichts­pro­zess bildet den Ausgangs­punkt ihres Films, über sieben Jahre lang, bis 2018, zog er sich hin, auch dies ein Grund, warum es mit ihrem Doku­men­tar­film so lange dauerte. Der Prozess verhan­delt die Erschießung eines Angehö­rigen der indigenen Chuscha­gasta-Gemein­schaft in der Provinz Tucumán im Norden Argen­ti­niens. Die Chuscha­gasta sollen für Inves­toren ihr Land räumen, damit diese die Boden­schätze heben können. Der Investor Dario Amin behauptet, er hätte das Land erworben, während die Chuscha­gasta seit Jahr­hun­derten dort leben, aber nirgendwo in den Grund­büchern stehen. Sie wider­setzen sich der feind­li­chen Übernahme, Javier Chocobar, der Chef der Community, wird erschossen. Amin und seine Kollegen plädieren auf Notwehr – obwohl es ein Video gibt, auf dem man die Erschießung sieht.

Die Über­vor­tei­lung der Indigenen durch die Nach­kommen der spani­schen Eroberer verdankt sich dem unglei­chen epis­te­mi­schen Macht­ver­hältnis. Das wird sehr bald in den Gesprächen deutlich, die Martel mit den Chuscha­gasta in ihren Häusern führt. Ihnen fehlt das Wissen, als Indigene besondere Rechte zu haben, und selbst als Indigene können sie sich nicht defi­nieren. In den Schulen wird keine Geschichte des »Indio nacional« gelehrt, die ihnen ein Bewusst­sein gäbe, nur die der Eroberung Süda­me­rikas. Sie wissen jedoch sehr wohl über ihre Vergan­gen­heit Bescheid, über ihre Ahnen, über das frühere Leben. Schwarz­weiß-Foto­gra­fien, die schon vom Zahn der Zeit zersetzt sind, zeigen das Leben ihrer Vorfahren, die verwit­terten Gesichter, die große Gemein­schaft.

Lucrecia Martel verlässt in einzelnen Momenten die Aufnahmen des Prozesses, die Dokumente und Inter­views. Sie entwirft eine weitere Ebene, die von einer größt­mög­li­chen Autonomie des Bildes getragen wird. Eine Drohne über­fliegt das bergige Gelände von Tucumán, filmt Ziegen und scheucht Pferde auf. Einmal gibt es einen Angriff durch einen Greif­vogel, die Drohne stürzt im Vertigo-Strudel ab. Dann kehrt Martel auch die digitalen Bilder um, lässt aus ihnen eine kunst­volle Plas­ti­zität hervor­treten, die sich der Orien­tie­rung wider­setzt. Tritt das Grün zwischen den Ziegen hervor, oder schweben die Ziegen auf grün­sattem Unter­grund? Es sind Über­höhungen, Remi­nis­zenzen an Zama und genau die Momente, in denen die Land­schaft zu einem Imaginären findet. Während der Apparat filmt, ist der Mensch abwesend, als würde in diesem Gestus die Land­schaft denen, die sie bewohnen, wieder zurück­ge­geben werden.