09.01.2020

Life is beautiful after all

Lee Chang-dong, Burning (2018)
In sich versunkene Ménage à trois: Burning (Foto: Public Insight / Neues asiatisches Kino)

Lee Chang-dong gilt als einer der wichtigsten südkoreanischen Filmemacher. Die Filmreihe »Neues asiatisches Kino« zeigt im Münchner Werkstattkino jetzt eine Retrospektive seines Werks

Von Dunja Bialas

Gewächs­häuser anzünden ist seine Leiden­schaft. Eine gefähr­liche Passion mit viel Symbolik, von der man aber nicht genau weiß, wofür sie stehen könnte. Viel­leicht ist das alles ja nur eine Art Sport, oder ein dummer Spaß. Eine Art Laus­bu­ben­streich. Das wäre dem reichen Schnösel Ben auf jeden Fall zuzu­trauen, in seiner Upper-Class-Wohnung scheint er auch noch andere unschöne Hobbys zu pflegen. Aber ob das alles überhaupt wahr ist oder nur Hirn­ge­spinste des Möch­te­gern­schrift­stel­lers Jong-su, einem Freund von Ben, der ihm sein Freundin ausge­spannt hat, lässt Lee Chang-dong in seinem gefei­erten Burning offen. Raffi­niert unter­nimmt er die Grat­wan­de­rung zwischen dem Imaginären und dem Realen, ausgehend von den sozialen Unter­schieden der südko­rea­ni­schen Gesell­schaft. Unge­rech­tig­keit setzt Phantasie in Gang, so viel steht fest.

Lee Chang-dong wurde mit Burning vor zwei Jahren in Cannes von der inter­na­tio­nalen Kritik eupho­risch als »bester Film aller Zeiten« gefeiert, die Goldene Palme erhielt dann ein Jahr später sein Landsmann Bong Joon-ho für Parasite, die damit erstmals an einen Südko­reaner ging. Beide Regis­seure zeigen die Meis­ter­schaft, Sozi­al­kritik mit einer großen Lust am Erzählen zu verbinden. Das südko­rea­ni­sche Kino machen sie unbe­stritten zu einer der span­nendsten Kine­ma­to­gra­phien weltweit.

Mit seiner Wachheit gegenüber sozialen und poli­ti­schen Themen, gleich­zeitig dem hohen Grad an Unter­halt­sam­keit und der ästhe­ti­schen und darstel­le­ri­schen Brillanz versöhnt das südko­rea­ni­sche Kino große Genre-Würfe à la Hollywood mit dem intel­lek­tu­ellen Anspruch des euro­päi­schen Autoren­kinos, das ebenfalls das Film­schaffen in Asien stark beein­flusst hat. Bong Joon-ho hat mit Genre­er­neue­rungen und spie­le­ri­schen Inter­pre­ta­tio­nenen kluge Block­buster geschaffen, und Lee Chang-dong ist mit seiner Mystery-Verfil­mung Burning von Murakamis Kurz­ge­schichte einem breiten Publikum bekannt geworden.

Lee Chang-dong ist fünfzehn Jahre älter als Bong, und doch hat der 65-Jährige seit seinem Debüt Green Fish 1997 gerade erst einmal sechs Filme reali­siert. Ein Glücks­fall für die Filmreihe Neues Asia­ti­sches Kino, die jetzt im Münchner Werk­statt­kino fünf seiner Filme zeigt. Die Münchner Filme­ma­cherin Susanne Mi-Son Quester hat die Reihe vor ein paar Jahren wieder­be­lebt und zeigt nun immer zum Jahres­be­ginn ausge­suchte Filmo­gra­phien.

Lee begann mit dem Filme­ma­chen, als die südko­rea­ni­sche Film­in­dus­trie, die in den fünfziger Jahren heraus­ra­gende Werke geschaffen hatte, nahezu brachlag. Schuld an der Zäsur war die Mili­tär­dik­tatur, und erst Ende der achtziger Jahre, mit dem Aufbe­gehren gegen die Diktatur und dem Einsetzen der Demo­kra­ti­sie­rungs­pro­zesse, kam der neue Boom des südko­rea­ni­schen Kinos. Plötzlich war die Rede von einer Korean New Wave, und der 1954 geborene Lee, zunächst Schrift­steller und Lehrer, bis er mit Anfang vierzig seinen ersten Film reali­sierte, gehört zu dieser neuen Regie-Genera­tion.

Im Interview beklagt Lee den Wandel der Gesell­schaft. Auch seine Filme, die in das Imaginäre hinein­rei­chen und die Wirk­lich­keit über­formen, sind getragen von der Wachheit gegenüber einer Härte des Lebens. In Pepper­mint Candy (1999), seinem zweiten Film, verar­beitet Lee die unmit­tel­bare Vergan­gen­heit der Mili­tär­dik­tatur, unter der seine Genera­tion aufwuchs. »Life is beautiful after all«, kehrt es wie in einer Beschwö­rungs­formel im Film wieder. Ein Spruch wie ein Pfef­fer­minz­bonbon, das den schlechten Geschmack vertreiben soll.

In einer Zeitreise erkundet Pepper­mint Candy die Vergan­gen­heit, erforscht, wie die Geschichte des Landes das Leben insgesamt im Griff hatte: die Liebe, die Schule, den Alltag. Mit Oasis (2002) taucht er in die dunkle Gegenwart ein, erzählt mit Anklängen an das Melodram und den Stummfilm von der unmö­g­li­chen Liebe zweier Außen­seiter, die – der eine delin­quent und geistig zurück­ge­blieben, die andere mit Kinder­läh­mung – ein erschüt­terndes Paar formen, das mit ihrer anar­chi­schen Vitalität immer wieder auch mit den Liebenden von Pont Neuf aus Leo Carax’ gleich­na­migem Film vergli­chen wurde. Ein mitreißender Gefühls­strudel, für den Lee mit Preisen, unter anderem in Venedig, über­schüttet wurde. Er hatte einen Nerv getroffen.

Erst fünf Jahre später folgte Secret Sunshine (2007, im Werk­statt­kino auf 35mm zu sehen!), eine sozi­al­kri­ti­sche Tour de Force, von einer, die zunächst Rache nehmen möchte, dann an der großen Frage nach Vergebung fast zerbricht. Lee stellt im Interview seinen Film in den Zusam­men­hang des Massakers von Gwangju 1980, das ebenfalls Fragen nach dem Verzeihen aufwarf. Aller­dings, so Lee, »ist die Frage nach der Vergebung auto­ma­tisch eine poli­ti­sche«, ist der Staat beteiligt. In Secret Sunshine verlegt er diese großen Fragen in einen sozi­al­kri­tisch ange­legten Krimi­nal­plot, dessen Haupt­figur nach dem Trauma, ihr Kind durch ein Verbre­chen verloren zu haben, religiös abdriftet. Das alles ist bei Lee aber auch immer wieder komisch, satirisch, ein Genremix, worin er seinem Regie­kol­legen Bong sehr nahe steht.

Der Tod kehrt in den Filmen Lees wieder, als Konstante der Existenz. Fast wie ein Zentrum erscheint er in der Weltsicht des Südko­rea­ners, ordnet Erin­ne­rungen, Reli­gio­sität, Politik. Gegen den Schmerz und gegen die Welt können seine Figuren nur durch Fantasie antreten, wie in Burning. Bereits in Poetry (2010) erzählt Lee von der Kraft des Schrei­bens. Die 60-jährige Mija hat Alzheimer und verliert sich mehr und mehr im imaginären Raum ihrer Worte.

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Neues asia­ti­sches Kino: Lee Chang-dong – Retro­spek­tive
Werk­statt­kino München
9. – 15. Januar 2020

Gefördert vom Kultur­re­ferat der Landes­haupt­stadt München

Burning: 9. und 16.1.
Pepper­mint Candy: 10.1.
Secret Sunshine: 11. und 14.1. (35mm!)
Oasis: 12.1.
Poetry: 13.1.

Mehr Infor­ma­tionen unter neue­s­asia­ti­sches­kino.de