07.07.2022
Cinema Moralia – Folge 278

Zurück in die Zukunft

1972
Am 9. Juli in der HFF: Sarah Morris' 1972
(Foto: Studio Sarah Morris)

Die Intensität des Augenblicks: Berlinale-Forum, DFFB, Filmfest und sogar München auf der Suche – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kinogehers, 278. Folge

Von Rüdiger Suchsland

»If you want to achieve something, you have to clean the bathroom.«
- T.L., Student aus Chile, z.Zt. Berlin

Ganz über­ra­schend war diese Nachricht nicht und doch: Cristina Nord verlässt bereits im kommenden Jahr die Leitung des »Inter­na­tio­nalen Forums« der Berlinale, nach nur vier Ausgaben, davon zweien in der Pandemie.

Das Arsenal verpackt dies als »Rückkehr« und formu­liert die Nachricht in höflicher Kühle geschäfts­mäßig, ohne ein Wort des Bedauerns:
»Forums-Leiterin Cristina Nord kehrt im Juli 2023 zum Goethe-Institut zurück.
Im Sommer 2019 hat das Arsenal – Institut für Film und Video­kunst e.V. Cristina Nord die Leitung des Forums der Berlinale über­tragen. Cristina Nord kam vom Goethe-Institut Brüssel, das ihr einen fast vier­jäh­rigen Sonder­ur­laub gewährte. Zum 1. Juli 2023 wird sie zum Goethe-Institut zurück­kehren, um die Leitung des Instituts in Nairobi zu über­nehmen. Die Berlinale 2023 wird daher ihren Abschied vom Forum markieren.«

Dass da etwas gar nicht gepasst hat, war bereits nach einem knappen Jahr klar, als sich Nord für die Nachfolge der Direktion der Berliner Film­hoch­schule DFFB beworben hatte – was seiner­zeit viele in Berlin über­raschte und nicht gerade positiv. Nachdem die Bewerbung schei­terte, war das Verhältnis endgültig gestört.

Die Formu­lie­rung vom »gewährten Sonder­ur­laub«, die sugge­riert, dass eine Rückkehr Nords zum GI nach vier Jahren immer klar gewesen wäre, ist eine fromme Lüge. Tatsäch­lich können solche Auszeiten verlän­gert werden, und im Fall eines DFFB-Enga­ge­ments hätten sie das müssen.

Es ist jeden­falls eine gute Nachricht, wenn bald wieder jemand das Forum leitet, der mit ganzem Herz bei der Sache ist. Und das Forum hat es bitter nötig, eine starke, kolle­giale und gegenüber allen Film-, Präsen­ta­tions- und Publi­kums­arten offene Leitung zu bekommen. Eine Leitung, die den Unter­schied zum Berlinale-Einerlei macht.

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Kuriose Koin­zi­denz: Am gleichen Tag kam die weitaus über­ra­schen­dere Mittei­lung, dass die Regis­seurin Marie Wilke, die dann an Stelle von Cristina Nord erst im letzten August das Amt der künst­le­ri­schen DFFB-Direk­torin über­nommen hatte, die Akademie nach weiger als einem Jahr wieder verlässt. Ein Schock für die ebenfalls seit Jahren durch ständige Reibe­reien und unbe­frie­di­gende Direk­tionen erschüt­terte Film­hoch­schule.
Und eine neue Ohrfeige für die Berliner »Film­po­litik«.

Über Ursachen und Hinter­gründe dieses Abschieds lässt sich im Augen­blick noch nichts Weiteres sagen.

Ein Kapitel für sich ist dabei aller­dings die öffent­liche Nicht­kom­mu­ni­ka­tion der Ange­le­gen­heit. Auf der Website für »News« findet sich diese dich nicht komplett unwich­tige News bislang (Donners­tag­morgen, 7.7.) nicht.
Unfassbar wie die dffb es schafft, eine Pres­se­mit­tei­lung derart zu verste­cken, und sie zudem noch so zu formu­lieren, dass die eigent­liche – leider schlechte – Nachricht fast versteckt komplett unsichtbar gemacht wird.
Versteht man das neuer­dings unter »guter Pres­se­ar­beit«?

In den Stel­lung­nahmen von Co-Direk­torin und Senat ist immerhin das Bedauern über die Nachricht deutlich.

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Wo wir gerade bei Perso­nal­fragen sind: Warum ist Ulrich Matthes eigent­lich als Präsident der Film­aka­demie nach nur einer Amtszeit nicht mehr ange­treten?
Kolpor­tiert wird, dass es vor allem die Mimo­sen­haf­tig­keit und wie manche sagen würden, nun ja... Eitelkeit des Mimen ist, die hier eine Haupt­rolle spielt: Zu viel interne Kritik gab es für Matthes-Haltung (und desin­te­grie­rendem Schlin­ger­kurs) zu #alles­dicht­ma­chen
Das mochte sich der Applaus gewohnte Herr nicht antun.

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In der Illus­trierten des vergan­genen Filmfests hat artechock-Kollege Sedat Aslan einen schönen Text zur Olympiade'72 und den städ­ti­schen Gedenk­ver­an­stal­tungen zum 50. Jubiläum geschrieben.
Angekün­digt wurde dort auch die aller­letzte Film­fest­ver­an­stal­tung, die zugleich eine der aller­schönsten war: Zwei Tage nach dem letzten Tag, Montag, den 4. Juli, im Open-Air-Kino des Olym­pia­park, wurden dort einige Film­schätze aus dem Archiv des BR gezeigt, sowie vorab ein Doku­men­tar­film, der im September seine Fern­seh­pre­miere haben wird.
Zwar fiel alles durch einen Gewit­ter­regen ganz schön ins Wasser, die Filme waren trotzdem sehr inter­es­sant.

Nicht minder inter­es­sant wird es am kommenden Samstag (9. Juli) ab 19 Uhr in der Hoch­schule für Fernsehen und Film in München.
Dort läuft der 2008 urauf­ge­führte Film »1972« der briti­schen Künst­lerin und Filme­ma­cherin Sarah Morris zum Attentat auf die israe­li­sche Sport­mann­schaft während der Olym­pi­schen Sommer­spiele 1972 in München.
In der Ankün­di­gung heißt es: »Aufnahmen des Olympia-Geländes und dessen Umgebung sind mit poli­zei­li­chem Archiv­ma­te­rial der damaligen Ereig­nisse kombi­niert. Im Mittel­punkt steht ein intimes Interview mit Dr. Georg Sieber, dem damaligen Chef­psy­cho­logen des olym­pi­schen Sicher­heits­dienstes. Weniger ein Doku­men­tar­film, der versucht eine objektive Realität über die Tragödie der Geisel­nahme von München darzu­stellen, ist die Arbeit vielmehr eine offene Frage­stel­lung, die die komplexen Ebenen an möglichen und alter­na­tive Wahr­heiten eines ganz konkreten Falles in unserer Geschichte visuell erfahrbar macht. Das Verhältnis von Macht, Verant­wor­tung und Kontrolle, und dem Zusam­men­spiel aus Vorher­sagen, Planungen und schluss­end­lich eintre­tenden Ereig­nissen, wird in einer sensiblen Bild­sprache zum Zentrum der Thematik.«
Anschließend gibt es ein Gespräch zwischen der Künst­lerin und dem Lenbach­haus.

Unter dem Motto »München auf dem Weg in die Zukunft 1972-2022-2072« erinnert sich die Stadt ein ganzes Jahr lang mit verschie­densten Aktionen und Veran­stal­tungen an die Sommer­spiele von 1972.

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Über einem Kommentar in Print- Radio- oder Online­me­dien finden sich neuer­dings gern Formu­lie­rungen wie: »Diese Kritik stellt die Meinung des Autors dar.«
Ja was denn sonst?

Hinter derar­tigen Formu­lie­rungen verbirgt sich eigent­lich eine Entmün­di­gung des Lesers, und eine Infan­ti­li­sie­rung der öffent­li­chen Kommu­ni­ka­tion. Der Leser wird nicht als mündiges Gegenüber auf Augenhöhe angesehen, sondern als Wesen, das alles Mögliche grund­sätz­lich noch nicht verstanden hat, dem man Nachhilfe geben muss, dem in einfacher Sprache die Rahmen­be­din­gungen wieder und wieder erklärt werden müssen. Ihm wird signa­li­siert: Wir nehmen dich nicht für voll.

Ein weiteres Element der allge­meinen Infan­ti­li­sie­rung.

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Es gibt eine Form der Unter­kom­ple­xität und Simpli­fi­zie­rung, die sich hinter sehr elabo­riertem Gerede verbirgt. Viel­leicht verbirgt sie sich sogar so gut, dass sie selbst denen die da gerade reden, gar nicht mehr bewusst ist.

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Wenn man will, dann kann man es sich ganz einfach machen beim Münchner Filmfest: Die übliche Kritik von den üblichen Verdäch­tigen, ein Haken dahinter, lochen und rein in den dicken fetten Leitz-Ordner kriti­scher Filmfest-Kritik.
Man könnte Filmfest-Kritik aber wie jede Kritik, jeden­falls wenn sie von uns kommt, auch als die Kritik enttäuschter Liebender begreifen, als wohl­wol­lende Kritik, als kosten­losen Ratschlag. Denn es ist klar, dass solche Texte wie die hier keine Bewer­bungs­schreiben für eine zukünf­tige Filmfest-Direktion sind. Also keine Angst, Freunde: Euer Job wird nicht von uns bedroht, sondern viel­leicht eher von Hand­lungen, die dazu führen, dass das Filmfest in diesem Jahr einige Schritte zurück gemacht hat, statt einen Schritt vorwärts.

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Wo bleibt das Positive? Beginnen wir damit: Eine Gesell­schafts­sa­tire, die in einer filmi­schen Phan­ta­sie­welt spielt, in der die Gesell­schaft in drei Haupt­klassen unter­teilt ist, die sich aus Neben­fi­guren, Haupt­fi­guren und Outtakes zusam­men­setzen, hat den Förder­preis Deutsches Kino gewonnen. Gleich doppelt für beste Regie und die beste Produk­tion an Sophie Linnen­baums origi­nelle Science-Fiction-Satire The Ordi­na­ries.

Dies ist einer der schrägsten und origi­nellsten Filme seit langem. So etwas hat man eigent­lich noch nie gesehen, schon gar nicht aus Deutsch­land – und darum sind die zwei großen Preise und die insgesamt 50000 Euro Preisgeld, die die Jury beim Filmfest München zum Abschluss an Sophie Linnen­baums Debütfilm The Ordi­na­ries vergab, auch sehr gut zu verstehen.

Ein Film, in dem Film­fi­guren die Haupt­rollen spielen, und Plot Points und Film­schnitte und Ähnliches, das man eigent­lich nur aus Film­hoch­schul­se­mi­naren und Dreh­buch­rat­ge­bern kennt.
Fine Sendel spielt eine ehrgei­zige junge Frau namens Paula, die von einer Neben­rolle zu einer Haupt­figur aufsteigen will. Ein gewagter Schritt, der spannende Konse­quenzen hat. Paula sucht ihren Vater, kämpft zwischen Selbst­wahr­neh­mung und Fremd­zu­schrei­bungen und stellt schließ­lich die gesamte Handlung in Frage, weil sie das Drehbuch nicht akzep­tiert.
Vor allem aber ist The Ordi­na­ries höchst originell und unter­haltsam: Mit Musical-Elementen und Kulissen im Retrostil zwischen Brazil und Hollywood wurde alles in Eisen­hüt­ten­stadt gedreht. Man könne kaum glauben, dass The Ordi­na­ries der Abschluss­film einer Hoch­schule sei, schrieb die Jury begeis­tert in der Laudatio.

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Der zweite außer­ge­wöhn­liche Film in der deutschen Reihe ging bei der Preis­ver­lei­hung leider leer aus: es handelt sich um Servus Papa, See You in Hell, den zweiten Kino­spiel­film des Berliner Regis­seurs Chris­to­pher Roth.
Roth (Baader) inter­es­siert sich für Utopien, ihre Verspre­chungen und ihr Scheitern. Gemeinsam mit seiner Co-Autorin Jeanne Tremsal entwirft er das Bild einer fiktiven Kommune, die Ende der 80er Jahre einem alter­na­tiven, anti­ka­pi­ta­lis­ti­schen Daseins­ent­wurf fröhnt, und bürger­liche Lebens­weisen verachtet, während der eigene Lebens­stil schon längst repres­sive, sektenähn­liche Züge ange­nommen hat.
Ziemlich früh wird das deutlich, trotzdem malt Roth eine Weile die Möglich­keit, aus dass dieses ganz andere Leben nahe der Natur, mit vielen Tieren, mit Gemein­schaft und viel Kunst und Musik zumindest für die Kinder und Jugend­li­chen eine Art para­die­si­scher Zustand sein könnte.
Doch bald kippt das alles und wird zum Horror­trip – bevor dies der Film wieder auf elegante Weise einfängt und ins Gleich­ge­wicht bringt.
Ausgehend von den sehr persön­li­chen Erin­ne­rungen seiner Co-Autorin, die auch als Schau­spie­lerin in einer Neben­rolle zu sehen ist, erzählt Roth in erster Linie eine Befrei­ungs­ge­schichte, in zweiter Ebene auch eine Allegorie auf die realen Ereig­nisse rund um die Kommune des öster­rei­chi­schen Akti­ons­künst­lers Otto Mühl.
Aber Servus Papa, See You in Hell ist an keiner Stelle ein Doku­men­tar­film. Vielmehr handelt es sich um eine abgrün­dige Sehn­suchts-Geschichte, die zwingend, spannend und mit Stil­be­wusst­sein erzählt ist und auch den Sinn für die Verluste der Zivi­li­sa­tion wach hält. Nicht zuletzt glänzt der Film durch gute Musik und zum Teil ausge­zeich­nete Darstel­ler­leis­tungen.

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Der deutsche Kinofilm gab, so wie er sich in München zeigte, ein dispa­rates Bild ab. Gene­ra­tio­nen­kon­flikte stehen oft im Zentrum. Und man kann dies nicht immer nur mit der Jugend­lich­keit mancher Filme­ma­cher erklären. Es ist auch Zeitgeist, wenn Kinder immer wieder von Eltern bestätigt werden wollen, wenn Mütter nicht loslassen können, wenn Erwach­sene in Lebens­krisen zu ihren Eltern fliehen, wenn es immer wieder um Iden­ti­täts-Probleme und Sensi­bi­li­täten der Haupt­fi­guren geht, aber eigent­lich nie um poli­ti­sche Verhält­nisse, und deren Verän­de­rung oder wenigs­tens Analyse. Wenn Geld kein Problem ist, die Traumata keine gesell­schaft­li­chen, sondern private der Kindheit und die Flucht nicht in die Zukunft die Utopien führt, sondern aufs Land.
Auch stilis­tisch sah man – von den zwei erwähnten Ausnahmen abgesehen – einmal mehr den mittleren Realismus, der nicht einmal besonders realis­tisch ist, sondern konsu­mierbar fürs Publikum des Fern­se­hens, das tatsäch­lich und vor allem auch im deutschen Kinofilm den Ton angibt.

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Film­fest­szene 1: Studenten einer deutschen Film- und Fern­seh­aka­demie treffen den wich­tigsten Redakteur eines der beiden deutschen öffent­lich-recht­li­chen Sender. Sein Eindruck danach: »Die haben ja von gar nichts eine Ahnung. Sie wissen nicht, mit wem sie reden sollten; sie wissen nicht, welche Redak­teure bei welchen Sendern für was zuständig sind; sie finden alle Filme hier 'doof' und 'nicht innovativ genug', aber wenn man sie dann fragt, was sie denn selber für Filme machen wollen, dann kommt überhaupt nichts. Nur immer dieses Redak­teurs­ge­bashe geht mir auf die Nerven.«
Mag sein, dass dieses Bild einseitig ist. Aber was mindes­tens zutrifft, ist die Erfahrung, dass die Leute, die eigent­lich mitein­ander reden müssen, anein­ander vorbei­reden und offenbar sehr verschie­dene Erwar­tungen gegenüber den jeweils anderen haben. Und was auch zutrifft, ist eine generelle Blauäu­gig­keit sehr vieler Film­stu­denten. Einer­seits muss eine Akademie oder Film­hoch­schule solche Blauäu­gig­keit pflegen, schützen und produktiv machen, denn eine Hoch­schule sollte nicht dazu da sein, die Leute schon vorab abzu­schmir­geln, bevor das System es tut. Ande­rer­seits geht es natürlich darum, die Studis auch für die Realität zu stärken, zu empowern, ihnen Rüstzeug mit auf den Weg zu geben.
Selbst­be­wusst­sein kommt durch Kenntnis, Ignoranz und Arroganz über­spielen nur Unsi­cher­heit.

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Film­fest­szene 2: »Dass es um Gender geht, ... mit Klischees und Sehn­süchten konfron­tiert, diverser geht es kaum und zwar sowohl vor als auch hinter der... Danke an sie, liebe Produ­zen­tinnen und Produ­zenten, liebe Auto­rinnen und Autoren, dass sie uns all diese Geschichten schenken... wissen sie, was mich in Cannes gerade wieder faszi­niert hat: Dort wird der Film gefeiert, man präsen­tiert stolz die Projekte, die Produ­zenten, Regis­seure, Auto­rinnen, Autoren und natürlich wird auch der Cast gefeiert und zu recht. Wir brauchen Sie alle für einen welt­of­fenen kultu­rellen Dialog und deshalb feiern wir heute zusammen den Film. Auch wenn es Kritik­punkte gibt am deutschen Film­schaffen, an der Krea­ti­vität, an der Radi­ka­lität, an der Förderung, diese Kritik gehört für mich zum Dialog und in Klammern möchte ich aber noch ergänzen: konstruk­tive.
Und natürlich werden wir nicht immer einer Meinung sein, das ist auch nicht der Anspruch. Denn gerade das Abwägen, die Ausein­an­der­set­zung mit Perspek­tiven ist ja genau das, was uns voran­bringt.
Sie erinnern sich sicher an Toni Kroos nach dem gewon­nenen Spiel Real gegen Liverpool; 'da merkt man gleich, dass Sie aus Deutsch­land kommen' ist es aus ihm heraus­ge­platzt, als ihm ein Sport­jour­na­list unmit­telbar nach dem Sieg so kritische Fragen stellte, sie hatten 90 Minuten Zeit sich vernünf­tige Fragen zu überlegen und dann so Scheißfragen'. Jetzt möchte ich mich nicht der Kritik an dem Reporter anschließen, viel­leicht waren die Fragen berech­tigt, aber ich möchte die Grund­stim­mung... Bitte nicht nur das Negative sehen... lassen Sie uns auf dem, was geschafft wurde, aufbauen. Unsere Film­branche hat in den letzten beiden Jahren Immenses geleistet: von Drehstops über Verschie­bungen Motiv­aus­fälle Mehr­kosten Steu­er­fragen Fach­kräf­te­mangel manches auch viel­leicht ja viel­leicht auch mitver­schuldet, aber wir haben vieles geschul­tert und das ist toll. Jetzt sind alle Betei­ligten dringend gefragt, den Pool an Krea­ti­vität, an Talent, an Wissen und Infra­struktur, der aber Jahr­zehnte gewachsen ist, auszu­bauen... das betrifft die kreativen Inhalte, das Publikum ebenso wie die Fach­kräfte das ist für Sie, liebe Bran­chen­mit­glieder eine Chance und es ist meiner Meinung nach ein Beitrag zur Stabi­lität unserer Demo­kratie, denn teilhabe entzieht zugleich Radi­ka­li­sie­rung den Nährboden. Ich wünsche Ihnen heute gute Gespräche... Vergessen wir nicht die Probleme, aber heute würde ich gerne mit ihnen den Film feiern, Danke schön!«

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Film­fest­szene 3: Aber ich versuche zu moti­vieren und sag dann hier, junge Frauen, wir brauchen euch und ihr braucht euch auch unter­ein­ander, ihr müsst euch unter­ein­ander unter­s­tützen, das heißt: ja, redet über Euch aber wenn ihr über euch redet, dann redet gut über euch und das will ich euch auch noch mal ein bisschen zurufen, auch der Branche; ich spüre gerade wirk­li­chen Aufbruch, die Leute sind gut drauf, auch wenn in vielen Bereichen mit Sicher­heit ich die Probleme jetzt nicht ganz wegdenken will, es ist eine Aufbruch­stim­mung da, ich finde wir sollten die nutzen um uns auch selber noch mal gut darzu­stellen, um über die Branche gut zu reden...

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Filmfest ist, wenn Frauen reden. Die Programmer stehen dahinter, nicken und lächeln.

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Film­fest­szene 4: Judith Gerlach, baye­ri­sche »Staats­mi­nis­terin für Digitales«, darum auch für Film, redet zu Beginn des FFF-Empfangs über die Zukunft des deutschen Films und nennt, wie man das so macht, drei Frauen: Maria Furt­wängler, Veronica Ferres (die sei »die dritt­erfolg­reichste weibliche Produ­zentin« ... von was? Der Welt? Deutsch­lands? Egal!), Doris Dörrie – »ich bewundere sie nicht nur sehr, sondern sie ist auch eine, die eine extrem klare Ansprache hat, also da steht man stramm ... das ist auch gut so glaube ich, aber auch da macht der Ton wieder die Musik und es ist einfach ja erfri­schend wenn sie da mit einem spricht und mit einem in Diskus­sion geht, aber sie ist auch so eine Fürspre­cherin für diese Branche, die sich gut deutsch nichts scheißt und hingeht und sagt: so machen wir das jetzt und ich bringe mein Fach­wissen mit, aber ich sage auch klar was Sache ist...«
Wenn das die Zukunft des deutschen Films ist – was ist dann die Vergan­gen­heit?

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Der deutsche Film wird durch all so etwas nicht besser werden. Er wird auch nicht diverser werden, jeden­falls nicht in ästhe­ti­schen und stilis­ti­schen Fragen, nicht in Geschichten, wahr­schein­lich auch nicht mal in seinen Betei­ligten.

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So gut sich das Filmfest in den letzten Jahren vor der Pandemie (2016-2019) gemacht hatte, so sehr fiel es in diesem Jahr zurück auf den Stand von 2010.

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In der Filmfest-Illu gibt es ausge­rechnet über die »Neuen Deutschen Kinofilme« keinen Text, obwohl das die wich­tigste und einzige ernst­zu­neh­mende Reihe ist.

Im Filmfest-Trailer gab es unter denen, die da so fröhlich redeten, keine Namen. Soll man nicht wissen, wer da was sagt?

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Das Münchner Filmfest, das war einmal ein Ort, an dem man Entde­ckungen machen konnte, auch wenn man zuvor in Cannes gewesen war. Es gab immer die Filme, die in Cannes liefen, in Venedig und in San Sebastian. »World Cinema« hieß das unter dem Festival Gründer Eberhard Hauff. Aber es gab auch die anderen.

Apropos Eberhard Hauff. Ich hatte es beim Nachruf auf Eberhard Hauff hier auf artechock geschrieben: Ich selbst gehöre auch zu jenen, die zu Eberhard Hauff ein, gelinde gesagt, gespal­tenes Verhältnis hatten.

Aber dass sich im Filmfest-Programm nicht die kleinste Würdigung des Grün­dungs­di­rek­tors findet, der im vergan­genen Jahr im Alter von 89 Jahren gestorben war, dass er auch bei den Reden zur Film­fes­teröff­nung an keiner einzigen Stelle auch nur erwähnt, geschweige denn in seinen Leis­tungen anerkannt wurde, das ist einfach eine Schande.

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Alle die dort jetzt arbeiten, hätten ihre Jobs nicht, hätte Hauff nicht mit viel Geschick das Festival 1982/83 aufs Gleis gestellt.

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Dass das Filmfest München relativ verregnet war in diesem Jahr, passte zum Gesamt­bild: Schlecht gelaunte Verleiher genervte Filme­ma­cher, die für ihre Premie­ren­karten dem Filmfest mehr bezahlen müssen, als beim Kauf Online, die vor Preis­ver­lei­hungen nicht benach­rich­tigt werden...

Oft hat das etwas mit dem Gäste­ma­nage­ment des Filmfests zu tun, manchmal auch mit den Entschei­dern selbst. Zu spät und zu schlecht wird kommu­ni­ziert und manche Entschei­dungen sind in ihrem Gründen absolut nicht nach­voll­ziehbar.

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Zum Beispiel der Ausfall der Indie-Party. Zugegeben: Die »Inde­pen­dent Party« heißt schon seit einer Weile nicht mehr so, sie heißt so aller­dings immer noch bei allen Münchnern, die seit mehr als zwei Jahren zum Filmfest gehen.

Erstmals seit... »seit Menschen­ge­denken« ist man versucht, zu formu­lieren, aber jeden­falls seitdem ich mich an das Filmfest erinnern kann, also den späten 80er Jahren, gab es keine Indie-Party.

Was auch immer dafür die tatsäch­li­chen Gründe sein mögen – die Rede ist von Spar­maß­nahmen und Film­fest­ver­ant­wort­liche haben Verleihen gegenüber erklärt, es handle sich um ein »schlechtes Zeichen«. Aber daran kann es nicht liegen, denn die Indie-Party war seit den Zeiten von Ulla Rapp als Leiterin der Sektion der »American Inde­pend­ents« eine Verleiher-Party, bei der ein Großteil des Geldes von den unab­hän­gigen deutschen Film­ver­lei­hern bezahlt wurde, die – auch das sollte man nicht vergessen – ja die aller­meisten Filme im Filmfest-Programm längst einge­kauft haben, die sich aber gerade unter den American Inde­pend­ents, als es sie noch gab, oft noch ein paar Gold­s­tücke heraus­ge­pickt hatten.

Dies zeigt zumindest, wie wenig Tradi­ti­ons­be­wusst­sein die Film­fest­ma­cher haben, wie wenig man sich dort klar macht, was eigent­lich wirklich ein Film­fes­tival ausmacht. Es sind nur zum Teil – und eher zum geringen Teil – die Filme. Denn die Filme kann man letztlich auch woanders sehen. Es sind die Begeg­nungen, es ist das Reden über die Filme, es ist die Inten­sität des Augen­blicks.
Sowohl für die profes­sio­nellen Gäste, also Regis­seure und Produ­zenten und Schau­spieler, als auch aber für die regel­mäßigen Film­fest­gänger unter dem Münchner Cine­philen ist die Indie-Party immer der heimliche Höhepunkt des Filmfests gewesen.

Ein Filmfest ist, wer hätte das besser gewusst, als Eberhard Hauff, eben auch ein Fest und nicht nur Filme. So aber lässt man das Münchner Filmfest langsam den Bach runter­gehen.

(to be continued)