07.04.2022
ABSTAND/ZOOM

S_SAMMELN

The Beforeigners
Komissare am »Sammeln«: In der super skandinavischen Serie The Beforeigners
(Foto: BR / ARD Degeto)

Ich saß in einer Sofa­land­schaft um eine Smart-TV-Ecke im Hause der Familie W. Auf dem einen Set war es mir dann auch möglich, auf beide Streaming-Dienste, die bei den dies­jäh­rigen Oscars eine Rolle gespielt haben, zuzu­greifen

Von Nora Moschue­ring

Ich saß in einer Sofa­land­schaft um eine Smart-TV-Ecke im Hause der Familie W. Ich hatte mich gegen ein Hotel entschieden und bin in das Haus der (so stelle ich es mir vor) verstor­benen Eltern- oder Groß­el­tern gezogen, das in seiner Deko­ra­tion noch so persön­lich ist, dass man sich nicht nur in die 60er-Jahre, sondern auch in den Geschmack einer bestimmten Familie setzen und Fernsehen gucken kann. Alles war wie ein Film-Set zu einem anderen Film als dem eigenen. Dann habe ich noch ein Ches­ter­field-Sofa auspro­biert vor einem fast ebenso großen Flach­bild­schirm, auf dem sämtliche Media­theken, Streaming-Dienste, YouTube und Platt­formen, die ich noch nicht kenne, aufrufbar waren, in der Wohnung von N. Ab und an musste ich die Blätter der ziemlich großen Topf­pflanze neben mir strei­cheln, mein Totem, um mich wieder zu erden. Oder ich habe eine Weile gelesen, es gibt immer auch eine Leselampe in diesen Settings. Das macht Alles so viel Sinn, das schafft mich, ich kann mich kaum draus befreien.

Auf dem einen Set war es mir dann auch möglich auf beide Streaming-Dienste die bei den dies­jäh­rigen Oscars eine Rolle gespielt haben, zuzu­greifen, Apple+ und Netflix. The Power of the Dog hatte ich schon gesehen, bewusst mit einem Beamer, bei Coda scheint der nicht unbedingt nötig zu sein. Die Oscars habe ich mir nicht angesehen, die Auswahl an Filmen erschien mir dieses Jahr ein bisschen dürftig und dass mit Coda (den ich nicht gesehen habe, weil ich dann doch lieber gezappt habe) ein offenbar freund­li­cher, mensch­li­cher Film ausge­zeichnet wurde, in der gleichen Veran­stal­tung aber ein Mann aufsteht, um einem anderen eine Ohrfeige zu geben, zeigt schon viel von einem Vor-und-hinter-den-Kulissen, von bewussten Entschei­dungen und unbe­wussten Affekten. Viel­leicht war es aber auch kein Affekt, kein Impuls, kein Instinkt, viel­leicht war es eine merk­wür­dige Form der Selbst­in­sze­nie­rung und Fehl­ein­schät­zung.

Auf dem Sofa habe ich dann u.a. The Andy Warhol Diaries ange­fangen. Darin wird Warhols Selbst­in­sze­nie­rung beleuchtet. Netflix geht es – wie so oft – mit dem Plan und Verkaufs­slogan an, jetzt doch mal richtig dahinter zu blicken, seine Geheim­nisse zu enthüllen. Es macht Spaß zu sehen, wie mit dem alten Film­ma­te­rial umge­gangen wird, den Filmen, Fern­seh­auf­nahmen, Fotos und Tage­buch­texten, die Warhol ab 1976 diktiert. Die Serie löst sich auch weitest­ge­hend von Warhols Kunst, und dreht sich sehr entschieden fast nur um sein Privat­leben. Zentral sind die Bezie­hungen zu Jed, Jon und Jean-Michel und die wirklich penetrant immer wieder auftau­chende Frage danach, ob er nun mit ihnen Sex gehabt hat oder nicht. Das inter­es­siert mich gar nicht. Null. Dafür ist meine Neugier am Privat­leben anderer Leute einfach zu unaus­ge­reift. (Noch einmal mehr wenn sich jemand als Marke stili­siert, als Produkt, dann ist die Ober­fläche sein Werk, mit dem ich mich beschäf­tigen möchte, und nicht sein Privat­leben, zumindest solange, wie ich nicht mit ihm in die Kneipe gehe.) Ich habe The Andy Warhol Diaries dann eben nicht zu Ende gesehen. Mögen Warhols Geheim­nisse und die Antwort auf die Frage »mit wem er schlief« für immer ruhen.

Ich knüpfe jetzt mal an das Thema Selbst­in­sze­nie­rung an und gehe zu der Gruppe der Super­helden. Sie tun dies ja auch gerne, das Selbst­in­sze­nieren, und hier wider­spreche ich mir jetzt, denn in ihrem Fall inter­es­siere ich mich dann doch für ihr Privat­leben, ihre Backstory. Warum ist das so? Sie wurde mir schon immer mitge­lie­fert, als Antipode, als Iden­ti­fi­zie­rungs­punkt, Drama­ti­sie­rung. Darin ähneln sich Batman und Warhol auch, sie wollen ihre »andere« Identität nicht enthüllen, das schafft Spannung. Wahr­schein­lich ist das Story­tel­ling in klas­si­scher Form, mit dem Unter­schied, dass eine Künst­ler­per­sön­lich­keit in der Realität existiert und Super­helden in der Fiktion. Aber einmal ange­nommen, Batman exis­tierte, dann würde ich schon gerne wissen wollen, wer er ist, weil er das Gesetz in die Hand nimmt, während Warhol in Sieb­druck­ver­fahren den Kapi­ta­lismus thema­ti­siert und Geld gedruckt hat. Ich schweife ab, zurück zu The Batman, der ja, anders als sein Freund Supermann, keine Super­kräfte im eigent­li­chen Sinn hat, aber super viel Geld und die richtige Einstel­lung. Das heißt Robert Patt­in­sons Batman arbeitet noch an seiner Einstel­lung. Er lernt, er irrt sich und er übt, mit seiner Körper­kraft umzugehen. Er ist auch noch relativ jung und muss seine Rolle finden und sich irgendwo zwischen James Bond, Sherlock Holmes und dem Iron Man posi­tio­nieren.

Das Haus der Familie W. war eine kurze Reise, N.s Couch eine kleine Quaran­täne-Episode, kommen wir zu einer längeren Reise. In Abteil Nr. 6 reist die Finnin Laura mit dem Zug von Moskau nach Murmansk. Sie studiert in Moskau Archäo­logie und will auf der russi­schen Halbinsel Kola die Petro­gly­phen sehen, das sind Fels­ma­le­reien, die gerade erst, es muss kurz nach 1997 sein, gefunden wurden. Skan­di­na­vien ist damit ein sehr enger Begriff für diesen Text­ab­schnitt. (Zu Skan­di­na­vien gehören wahlweise Schweden, Norwegen, Dänemark und ein Teil Finnlands. Aus geolo­gi­scher Sicht sind sie alle Teil Fenno­skan­di­na­viens, zu dem eben auch die Halbinsel Kola gehört, Karelien und das restliche Finnland. Laut Wikipedia). Wie reist man, wenn man alleine reist? Voller Neugier, aber auch immer auf der Hut. Der finnische Regisseur Juho Kuosmanen lässt Laura auf den Russen Ljoha treffen. Und so wie man an jeder Bar einem wie Ljoha aus dem Weg gehen würde, der mit einer ganzen Flasche voll Schnaps da sitzt, raucht und Wurst isst, so will man es noch viel mehr, wenn man mit ihm auf einer langen Reise ein Zugabteil teilen soll. Allein reisen ist mutig, man ist unge­schützter und damit sehr aufmerksam, man nimmt die Dinge sehr klar wahr. Gleich­zeitig will man sich in etwas hinein­be­geben, etwas erleben. Laura ist so, sie ist dabei nicht unsicher, zwar ist sie in einer Habacht­stel­lung gleich­zeitig aber auch neugierig, lässt zu und geht gewisse Risiken ein. So folgt sie einfach einem Hund und bekommt am Ende Schnaps geschenkt (der nie getrunken wird) oder sie folgt schließ­lich doch der Einladung von Ljoha zu einer alten Frau (bei der viel getrunken wird). Laura vertraut an bestimmten Stellen, und mit Vertrauen in die Menschen hat Alleine-Reisen auch zu tun. Vom ersten Abge­stos­sen­sein bis zu jenem Vertrauen oder – im Fall von Laura und Ljoha – dem Vertraut­heits­ge­fühl kann es Zeit brauchen und den Willen, sich aufein­ander einzu­lassen, obwohl der erste Impuls ein anderer gewesen ist. Dieses Vertraut­heits­ge­fühl erinnert mich an die Beziehung in Lost in Trans­la­tion, eine Beziehung zwischen Menschen, die etwas anderes ist als Freund­schaft, aber auch etwas anderes als eine klas­si­sche Liebes­ge­schichte. Es sind kurze, fast magische Begeg­nungen, die einem passieren können, nicht nur auf Reisen. Aber auf Reisen ist das Gefühl stärker, dass man für einen Moment anders ist, Laura beschreibt das in einer Szene. Aber sie und wir werden das Gefühl nicht los, dass sie sich im Moskauer Salon ihrer Geliebten unsi­cherer bewegt hat als später im Eis und Schnee auf den Straßen von Murmansk. Aber zurück zur Begegnung: Dieser zeitlich begrenzte, besondere Augen­blick mit einer Person, die man zufällig trifft und die man berührt, sind Momente, die filmisch schwer zu vermit­teln sind, weil es Gesten und Blicke und kleine Berüh­rungen sind und keine drama­ti­sche Kulmi­na­tion, aber wenn man sie mitfühlt, dann sind es Momente, die einem viel­leicht für das ganze Leben in Erin­ne­rung bleiben.

Nach dieser Beschäf­ti­gung mit einem sehr großen Skan­di­na­vien komme ich zum Schluss doch noch mal konkreter dorthin, denn in letzter Zeit habe ich einige super skan­di­na­vi­sche Serien gesehen: Die norwe­gi­sche Serie The Befor­eig­ners zum Beispiel, die über Neuan­kömm­linge oder soge­nannte Zeit­mi­granten, die aus der Vergan­gen­heit in die Gegenwart migrieren (oder migriert werden) erzählt, und den Normal­zu­stand, den das einnimmt und in dem die Polizei Mordfälle aufklärt. Krista Kosonen spielt darin Alfhildr, eine der Kommis­sare (sie spielt auch in Tove mit). Ihre Alfhildr ist dabei so voller Energie, voller Kraft und Unfreund­lich­keit. Es geht eben auch um Bilder von Weib­lich­keit und Männ­lich­keit, alte und neue Konflikte, ein bisschen anknüp­fend an Laura, die auch durch die Vergan­gen­heit der Gegenwart näher kommen will. Auch in der dänischen Serie »Ragnarök« bricht die Vergan­gen­heit ein, dieses Mal aber die mytho­lo­gi­sche. In der fiktiven norwe­gi­schen Klein­stadt Edda tauchen Götter und Riesen auf und stellen sich dem Kampf, wie sie das schon mal gemacht haben. Das ist inter­es­sant, solange es um die gegen­wär­tige Natur- und Umwelt­ver­schmut­zung geht und um die Macht von Konzernen (obwohl man viel­leicht nicht gleich davon ausgehen sollte, dass alle Menschen mit Geld und Einfluss von mytho­lo­gi­schen Riesen abstammen müssen), es wird aber etwas, mhm anachro­nis­tisch, wenn es um einzelne »Auser­wählte«, also doch wieder Super­helden geht, die dann mit einem Hammer die Welt vor der Zerstö­rung retten müssen. Wenn wir darauf warten, dann sind die Gletscher verloren. Anders als The Befor­eig­ners driftet Ragnarök ziemlich schnell ab, nimmt sich zu ernst und vertut auch die Chance, gegen­wär­tige Absur­di­täten aufzu­de­cken, damit auch witzig zu sein und einen Kern zu treffen, wie es The Befor­eig­ners gelingt.

Na, mal gucken, wie lange ich da dran bleibe, denn aus Mangel an einer Sofa­land­schaft besteht bei mir und meinen kleinen Tablet immer die Gefahr des Abdrif­tens in eine andere Serie.

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