03.02.2022
ABSTAND/ZOOM

Q_QUAL

The Power of the Dog - Tee im Freien trinken
In The Power of the Dog quälen sich alle...
(Foto: Netflix)

Anhand einer Ausstel­lung kann ich einlei­tend erläutern, auf welchem Level sich gerade meine eigene kleine Gequält­heit abspielt

Von Nora Moschue­ring

Ich war in der Ausstel­lung: »Nachts. Club­kultur in München« (das macht man jetzt: tagsüber in Ausstel­lungen über die nächt­liche Kultur gehen). In ihr wird u.a. das The Atomic Café musea­li­siert, und das ist auf mindes­tens zweierlei Arten höchst merk­würdig. Einmal weil in meinem Kopf, alles was in einem Museum steht, mindes­tens 50 Jahre alt zu sein hat, es sei denn, es ist tech­ni­scher oder natur­wis­sen­schaft­li­cher oder, na ja, künst­le­ri­scher Art – na ok, das habe ich hiermit offiziell als Argument aus meinem Kopf geschmissen, aber trotzdem: doch bitte nicht die Club­kultur der 90er oder Nuller­jahre. Das Atomic Café war zwar an sich retro in seiner Aufma­chung, aber es hat trotzdem erst 2015 geschlossen!! Aber was früher sechs Jahre waren, erscheint heute wie eine Ewigkeit. Und das andere Mal, weil es absurd ist – oder viel­leicht genau richtig –, eine Ausstel­lung über die Club­kultur zu machen, wenn diese gerade nicht statt­findet. Das ist wie dieses Gefühl, das ich bei Ema beschrieben habe, dieses Passi­vi­täts­ge­fühl, das irgendwie traurig macht, aber auch aktiv. Es freut einen, dass man einen Hauch von dem sieht, was man vermisst, und dann möchte man es da rausholen aus dem, wo man es sieht, weil es da gar nicht hingehört. Wieder­se­hens­freude, Absur­dität, Erin­ne­rung, Frust, Wehmut und ein bisschen Qual eben. Noch bis zum 01. Mai geht die Ausstel­lung. Außerdem laufen bis zum 12. März im Film­mu­seum Deutsche Filme der Jahre 2020/21, das ist aber keine Musea­li­sie­rung, sondern eine Kinoi­sie­rung und sehr empfeh­lens­wert.

Also zurück ins Jahr 2021. Im Dezember hatte ich zwei etwas quälende Adam Driver-Erfah­rungen (so ein bisschen ein Ryan Gosling/Lars Eidinger-Effekt: Er taucht einfach überall auf). Der Fokus in House of Gucci liegt zwar nicht auf ihm, aber auf Lady Gaga, in der Rolle von Patrizia Reggiani, konnte ich mich nicht einfinden. (Patrizia Reggiani ließ ihren Ex-Ehemann Maurizio Gucci (Adam Driver) 1995 ermorden.) Also bin ich immer von einer Neben­figur zur nächsten gesprungen, was eine Weile gereicht hat, denn um das Paar gestaltet Ridley Scott ein Potpourri verschie­denster, oft sehr exzen­tri­scher Figuren von Aldo Gucci (Al Pacino), Paolo Gucci (Jared Leto) bis hin zu TV-Wahr­sa­gerin Pina Auriemma (Salma Hayek). Das macht, immer wenn es ein wenig zu über­zeichnet ist, Spaß. Leider ist der Film recht unent­schieden dabei, ob er das eigent­lich will, mal tut er das, mal nicht und das ist einer der Gründe, weshalb er sich doch recht zieht. Eine Entschei­dung wurde zumindest getroffen: dass die Mode nicht im Mittel­punkt steht. Dabei wäre das etwas, in dem man Lady Gaga insze­nieren hätte können. Exzen­trisch, eingehüllt in den Kosmos, in den sie gerne aufge­stiegen wäre. So aber bleibt sie ein ehrgei­ziges, aber in ihrer Erschei­nung konser­va­tives und irgendwie schwer­fäl­liges Etwas, das zum Schluss hin einfach verplant aktio­nis­tisch wirkt. Auch die Neben­rollen schwimmen immer wieder in etwas Unein­deu­tigem: Alle spielen sich in etwas rein, was komö­di­an­tisch und gleich­zeitig bierernst ist. Mal so, mal so. Vieles, was z.B. der Trailer verspricht: Glamour, Kraft und etwas Wahnsinn, versandet. Warum macht Ridley Scott das? Einen Mord, nach wahren Bege­ben­heiten, in der High Class zu insze­nieren? Um den Ehrgeiz einer Frau zu zeigen, die skru­pellos und nicht unclever vorgeht, die aber zum Schluss doch nicht clever genug ist und sich zudem von einer TV-Wahr­sa­gerin beraten lässt? Strau­chelnde Unter­nehmen, implo­die­rende Fami­li­en­dy­nas­tien? Aufstieg, Abstieg? Lady Gaga? Humor? Keine Ahnung.

Adam Driver zum Zweiten: Dieses Mal Annette, der hier des Öfteren und meistens sehr enthu­si­as­tisch bespro­chen wurde. Mir ging es die erste Stunde dieses Musical-Horror-Liebes­films rund um die Beziehung von Henry McHenry (Adam Driver) und Ann Defras­noux (Marion Cotillard) und ihre Tochter Annette auch so, kraftvoll, großartig und auch ein bisschen wahn­sinnig. Dann aller­dings, und das besonders, wenn es beginnt, sich um die Tochter zu drehen, zieht es sich, besonders diese Singerei und ich meine hier wort­wört­lich dieses »Lala«. (Wahr­schein­lich die einfachste Form, etwas Faszi­nie­rendes herzu­stellen, es einfach klein zu machen. Aber bei mir hat es gar Nichts bewirkt.) Ich hatte das Gefühl, dass an einem bestimmten Punkt im Film die Musik stagniert. Da kommt immer wieder das Selbe. Ich bin wahrlich ohnehin kein Fan von Musicals, aber wenn die Musik es schafft, eine ähnliche Rolle, oder viel­leicht eine stärkere einzu­nehmen als der Text, dann kann das gut sein. Aber hier? Irgendwie plänkelt sie so vor sich hin. Bei Annette findet eigent­lich alles auf Bühnen statt, sei es auf denen, auf denen die Eltern auftreten, oder die ihrer Tochter, aber auch die Schiffs­fahrt und der Pool wirken wie Thea­ter­ku­lissen. Alles theatral. Aber bei dem »Lala« hat mich Léos Carax verloren (um mich am Schluss übrigens wieder zu gewinnen). Etwas wie die fast schon berühmte Kame­ra­fahrt zu Beginn »So may we start«, die Schiffs­szene oder Henrys Stand-Up Comedy-Auftritte kommen irgend­wann nicht mehr vor. Das ist schade, aber wenigs­tens kann Adam Driver mal zeigen, was er kann: von Gucci bis Annette, von diabo­lisch bis verloren, von gehetzt bis naiv. Ein Mann, der mit dem Erfolg der Frau nicht klarkommt und sie tötet oder von ihr umge­bracht wird, weil er sie schon immer falsch einge­schätzt hat.

In The Power of the Dog von Jane Campion quälen sich alle, die beiden Brüder, die Frau des einen, ihr Sohn – wobei bei dem bin ich mir nicht sicher. Ich habe mich auch nicht gequält. Das heißt zuerst schon, ein kleines bisschen, da hatte ich aber nur die ersten 15 Minuten gesehen. Mini, auf meinem Laptop, und war zu dem Schluss gekommen: Nein, das möchte ich jetzt nicht. Das ist mir gerade zu düster. Dann habe ich mich konzen­triert: Den Beamer ausge­packt und ihn mir angesehen und keine Sekunde mehr darüber nach­ge­dacht, warum ich das eigent­lich tue. In The Power of the Dog betreiben zwei Brüder eine Farm in Montana. Der Sohn der Inn-Besit­zerin im nahe­ge­le­genen Ort – sie wird schon bald einen der beiden Brüder heiraten – bastelt filigrane Papier­blumen, die von einem der wahr­schein­lich letzten Cowboys verlacht werden. Dabei ist alles so trist wie schön: Die große Ranch, in der flachen Ebene, von der man einen Blick auf die karg bewach­senen Berge hat, auf denen die Wolken­schatten Bilder werfen. Der Ort, wie zufällig im Irgendwo hinge­stellt. Eine Straße, mit kärg­li­chen Bauten, als plane da niemand jemals wirklich zu bleiben. Über all dem mini­ma­lis­ti­sche Musik. Das perfide, sich gegen­sei­tige Aushöhlen der Menschen. Das Quälen und wie das alles dann irgend­wann verrutscht, ganz langsam, in Pfiffen, Blicken und Gesten. Ich musste an Top of the Lake denken, aber mir fiel auch Ein Engel an meiner Tafel ein, der mich als Kind geprägt hat (doch, genauso würde ich das ausdrü­cken). Auch da spielt es eine Rolle, dieses Zermür­bende, aber eben auch das Da-Raus-Wachsen. Sonst ähneln sich die Filme wenig. Über The Power of the Dog habe ich viel gespro­chen. Ich habe mich dazu gezwungen abends, beim Einschlafen, an ihn zu denken, an einzelne Bilder, Blicke, das Seil. Ich bin Szenen in Gedanken abge­laufen, so wie der Sohn, der in seinen weißen Stoff­schuhen an den Cowboys vorbei­geht, um einen Vogel anzusehen. Zuerst erscheint es wie ein Spieß­ru­ten­lauf, dann merkt man, dass es eher eine Art Laufsteg ist, den er nutzt. Das Film­ab­laufen hat Spaß gemacht und so komme ich zum letzten Punkt.

Gerade wird so viel produ­ziert und dabei entsteht so viel Großar­tiges, dass ich immer wieder dankbar bin und gleich­zeitig das Gefühl habe, dass Vieles, und viel­leicht oft Besseres, als wir es die Jahr­zehnte zuvor gesehen haben, einfach so wegges­nackt wird. Bert Rebhandl hat zu Beginn der Pandemie überlegt, wie es wäre, wenn keine neuen Filme entstehen würden, also wir einfach nur weiter­schauen würden, was es schon gibt, in der Vergan­gen­heit und an anderen Orten der Erde. Das ist nicht passiert, oder doch nur sehr kurz. Jetzt hat man vielmehr das Gefühl, es gibt ständig was Neues und es ist oft auch sehr gut, oder doch zumindest inter­es­sant (klar, es ist sich auch zu einem guten Teil sehr ähnlich). Ich frage mich, wie es ist, etwas für eine Art gefühltes, sehr gieriges Loch zu machen? Eine Streaming-Plattform, Media­theken, für Klicks? Wenn Preise digital verliehen werden? Wenn die Premie­ren­feier fehlt? Aner­ken­nende Blicke von irgend­woher? Wenn man so sehr gebraucht und gesehen wird wie sonst nie, man in Freun­des­kreisen, in Kleinst­gruppen bespro­chen wird. Einen Moment. Und dann geht’s fast ohne Pause zum nächsten Film. Zumindest geht es mir so. Das ist gleich­zeitig so schön, wie etwas quälend, denn eigent­lich hat man das Gefühl, dass die Filme so gut sind, dass man sich über sie noch Wochen oder Monate später unter­halten könnte. Und jetzt läuft und läuft es, als wenn man die Autoplay-Funktion einge­schaltet hätte. Da ist auch The Power of the Dog fast schon wieder aus meinem Kopf gefallen. Mal gucken, wie lange man das Tempo durch­halten kann. Wahr­schein­lich bricht es ein, wenn wir wieder raus­können und uns in schweißigen Massen zu Britpop in orangenen Plastik-Räumen bewegen können und dabei unbedingt und wieder länger über Filme reden.

(Kurze Nach­rei­chung zu meinem letzten Text, hier gibt es einen Haufen Film-Podcasts.)

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