25.05.2019
72. Filmfestspiele Cannes

Gereiztes Genie und der #MeToo-Sprechautomat

Once upon a time in Hollywood
Once upon a time in Hollywood

Warum mir Tarantino unsym­pa­thisch wurde – die Pres­se­kon­fe­renz zu Once upon a time in Hollywood – Cannes-Notizen, 9. Folge

Von Rüdiger Suchsland

»Warum finden Sie eigent­lich Descartes so wichtig?« – »Weil das Cogito kein Geschlecht hat.«
Judith Butler

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Dass mir Quentin Tarantino bei seiner Pres­se­kon­fe­renz in Cannes sympa­thi­scher geworden ist, kann ich jetzt nicht behaupten. Ganz im Gegenteil: Miss­ge­launt, im Gesichts­aus­druck voller leicht erkenn­barer Arroganz, gab er seine Antworten an die Jour­na­listen mehr als einmal von oben herab und ganz offen schnoddrig, ablehnend und narziss­tisch.

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Als Tarantino zu Roman Polanski gefragt wurde, antwor­tete er zunächst, dass er »ein Fan« von dessen Filmen sei, insbe­son­dere Rose­ma­ries Baby. Er sagte auch, nein, er halte Polanski nicht für den besten Regisseur seiner Epoche, sondern er sei damals der »heißeste Regisseur« seiner Zeit gewesen. Bezogen auf sein persön­li­ches Verhältnis zu Polanski antwor­tete Tarantino: »Ich habe ihn getroffen.« – dann Stille. Eine unge­wöhn­liche Lakonie. Schon hier fällt auf, dass er nicht hinzu­fügte, wann, weshalb, wo Gemein­sam­keiten lagen. Ein zweiter Frage­steller wurde dann deut­li­cher und fragte direkt nachdem, was nach meinem Eindruck alle inter­es­sierte, danach nämlich, ob Tarantino für seinen neuen Film Polanski denn in irgend­einer Form kontak­tiert habe? Dies war die Frage, die auch ich selbst gestellt hätte, wäre ich an die Reihe gekommen. Ich hätte Tarantino gefragt, ob er Polanski um Erlaubnis gebeten hatte. Klarer­weise braucht auch Tarantino juris­tisch gesehen keine Erlaubnis von Polanski, schon gar nicht, um wie gehabt eine Märchen-Geschichte zu erzählen. Was er aber sehr wohl braucht, ist ein mora­li­sches Plazet.
Taran­tinos Antwort war hier noch wort­karger: »No. I didn‘t.«, Nein! Keinerlei Begrün­dung, warum er Polanski nicht kontak­tiert, ihn nicht mal infor­miert habe, keinerlei Erklärung, wie er sein Verhältnis zu den übrigen noch lebenden Figuren und Prot­ago­nisten der schreck­li­chen Ereig­nisse vom 9. August 1969 beschreiben würde.
Der große Unter­schied zu Taran­tinos »Inglou­rious Basterds« vor zehn Jahren liegt ja genau hier: Damals ging es zum einen um Personen, die sofern sie reale histo­ri­sche Figuren sind, bereits sämtlich tot waren; zum Zweiten ging es darum, dass die Toten hier böse Menschen waren, Nazi-Verbre­cher, denen man den Tod wünscht. Ganz anders gelagert sind die Ereig­nisse in Once upon a time in Hollywood: Manche der Betei­ligten leben noch, manche Zeugen, auch manche Täter. Hier wäre natürlich mehr persön­liche und histo­ri­sche Sensi­bi­lität ange­bracht gewesen – eine Empfin­dungs­fähig­keit, die Tarantino in seinem Film dann durchaus an den Tag legt. Schade, aber so erinnerte die Pres­se­kon­fe­renz daran, dass öffent­liche Personen auch unsym­pa­thi­sche Seiten haben.

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Tarantino war offen­sicht­lich genervt von der Situation. Das ist zwar sehr vers­tänd­lich, wenn man sich eine Vielzahl von »Kollegen« näher anguckt oder anhört, und nicht gleich einen großen Bogen um sie macht. Aber das kann ich mir leisten, ein Regisseur, der einen Cannes-Wett­be­werbs­bei­trag präsen­tiert. Und es ist auch mehr als unge­schickt von Tarantino, der in seinen Filmen ja durchaus ein hervor­ra­gender Frau­en­re­gis­seur und Frau­en­ver­steher ist, dem bei diesem Film in der Luft liegenden #MeToo-Themen­feld komplett auszu­wei­chen. Denn dies ist auf seine Art selbst­ver­s­tänd­lich ein filmi­scher Kommentar zu jenen Debatten, die zur Zeit unter den Stich­worten »männ­li­cher/weib­li­cher Blick«, »#MeToo« eher nicht geführt werden.
Zugegeben: #MeToo ist inzwi­schen im schlech­testen Sinn zum Gemein­platz geworden: Jour­na­lis­tinnen fragen Schau­spie­le­rinnen in Cannes nicht mehr nach ihrer Rolle, nach der Arbeit in einem Film, nasch ihrer ureigenen Expertise, sondern »objek­ti­fi­zieren« sie gewis­ser­maßen zum #MeToo-Sprech­au­to­maten. So geschehen auch in der Frage der Klatsch­re­por­terin der New York Times. Sie sprach nicht etwa die Haupt­dar­stel­lerin Margot Robbie an, sondern den Herren Regisseur und redete klassisch ÜBER die Frau, statt mir ihr wie über eine Vase, während die daneben saß: »She was with Leonardo DiCaprio in The Wolf of Wall Street; she was in I, Tonya; this is a person of a great deal of acting talent and I wondered, why you haven't given her very many lines?«
Statt die Dame auf genau diesen Wider­spruch hinzu­weisen, verwei­gerte Tarantino überaus knapp jeden inhalt­li­chen Kommentar: »I reject your hypo­thesis.«

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Robbie immerhin versuchte die Stimmung zu retten: »As an actor, I think the job is to try to under­stand, what purpose our character has in the story, Quentin said to me early on she is the heartbeat of the story. For me, she was a ray of light. To show those wonderful sides of her I think could be adequa­tely done without speaking. Rarely do I get an oppor­tu­nity to spend so much time on my own as a character, going through daily existence.«
Sharon Tate redet in diesem Film übrigens einfach deshalb relativ wenig, weil sie die meiste Zeit allein ist – und eine Neben­figur des Films, nicht sein Zentrum.

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Was mir an Once upon a time in Hollywood gefällt, dass er sehr verschie­dene Frau­en­fi­guren präsen­tiert. Er handelt von Gewalt gegen Frauen, aber er handelt auch von der Gewalt, die Frauen ausüben.
Tarantino erfasst auch sehr gut die dunkle Seite der Hippies. Die Manson-Family nannte der Regisseur »creepy« und »sinister« – das ist schwer zu über­setzen –, und fügte hinzu: »I think we‘re fasci­nated by the Manson family story because at the end of the day, how he got these young girls and even boys to submit to him seems almost unfa­thomable. It actually gets more obscure the more you know.«

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Mit dem Regisseur und anderen wort­kargen Stars vergli­chen erschien mir Brad Pitt erstaun­lich sympa­thisch und offen, und auch seine Antworten waren klug: »I didn't see it as a rage against indi­vi­duals but a rage against a loss of innocence.« – so erklärte er den Mordrausch der Manson-Family.

(to be continued)

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