12.09.2018
75. Filmfestspiele von Venedig

Die Vertrei­bung aus dem Cinema Paradiso

Roma
Der beste Goldene Löwe seit mindes­tens zehn Jahren...

Kinokunst im Vertei­di­gungs­kampf: Der Goldene Löwe von Venedig geht sehr verdient an den Mexikaner Alfonso Cuarón; aber alle reden über Netflix – Notizen aus Venedig, Folge 11

Von Rüdiger Suchsland

»Roma« – das stark auto­bio­gra­phi­sche Fami­li­en­por­trait des Mexi­ka­ners Alfonso Cuarón gewinnt den Goldenen Löwen von Venedig.
Es war keine echte Über­ra­schung, als dieser Preis am Sams­tag­abend verkündet wurde. Denn in dem wohl stärksten Wett­be­werb seit einem Jahrzehnt gab es zwar keinen klaren Favoriten. Aber das latein­ame­ri­ka­ni­sche Kino war mit zwei mexi­ka­ni­schen und zwei argen­ti­ni­schen Beiträgen besonders prägnant vertreten, und »Roma« – benannt nicht etwa nach der italie­ni­schen Haupt­stadt, sondern nach einem Stadt­viertel in Mexico-City – war unter all den heraus­ra­genden Filmen am ehesten derjenige, auf den sich alle einigen konnten. Zum zweiten Mal hinter­ein­ander gewinnt in Venedig also ein Mexikaner, zum dritten Mal in vier Jahren ein Film aus Latein­ame­rika.

Auch die zwei Preise für Yorgos Lanthimos »The Favourite« waren erwartet worden. Und dass die einzige Frau im Wett­be­werb, die Austra­lierin Jennifer Kent, trotz schlechter Rezen­sionen im Jahr von »Me Too« und einer von Schau­spie­le­rinnen domi­nierten Jury nicht leer ausgehen würde, war auch schon klar, bevor das Festival begonnen hatte.
Am schwersten nach­voll­ziehbar waren die zwei Preise für die beiden Wild-West-Filme. Sowohl die Coen-Brüder als auch der Franzose Jacques Audiard boten hier eher Kino-Haus­manns­kost, Western von Gestern, die weder grandios unter­hielten, noch tiefere Bedeutung boten – vermut­lich galten die Preise hier den Namen und dem Gesamt­werk der Regis­seure. Schade dass dagegen die mutigsten bild­kräf­tigen Werke, der unga­ri­sche »Sunset« (immerhin der FIPRESCI-Preis ging an ihn), der italie­ni­sche »Suspiria« und »Vox Lux« aus Amerika gar nicht gewürdigt wurden.
Es waren viel­leicht doch zu viele Schau­spieler in der Jury, da ist selten ein gutes Jury­er­gebnis zu erwarten. Trine Dyrholm, Nicole Garcia, Naomi Watts, Sylvia Chang, Christoph Waltz. Immerhin haben Garcia und Chang schon Regie geführt.

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Das beherr­schende Gesprächs­thema an dieser Preis­ver­gabe war aber etwas ganz anderes: Dass mit »Roma« erstmals ein Film einen der bedeu­tendsten Film­preise erhielt, der von Netflix finan­ziert wurde, spaltet die inter­na­tio­nale Kinoszene.
Unter den Strea­m­ing­por­talen, den neuen Playern im globalen Filmmarkt, ist Netflix der aggres­sivste und gefähr­lichste. Er hat dem Kino selbst den Kampf angesagt, setzt nicht auf Koexis­tenz, sondern auf dessen Vernich­tung. Hier liegt der Unter­schied zu anderen Streaming-Diensten. Daher ist der Preis für einen Netflix-Film ein Politikum.

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Für das Festival von Venedig beginnen damit erst die Probleme. In diesem Jahr nutzte man aus, dass sich das Festival von Cannes durch den öffent­li­chen Boykott von Netflix-Produkten scheinbar eine Blöße gegeben hatte.
Aber auch in Italien und auf europäi­scher Ebene gab es heftige Kritik an dieser Vene­zianer Einla­dungs­po­litik – und keines­wegs nur von jenen Ewig­gest­rigen, die den Cinema-Paradiso-Traum weiter­träumen wollen.
Vergessen wir nicht: Film­fes­ti­vals wie Venedig oder die Berlinale werden mit massiven öffent­li­chen Geld­mit­teln gefördert. Sie sollen damit eine Feier des Mediums Kino zele­brieren, und nicht zuletzt Auto­ren­filmen Raum geben, solchem Kino, das mutig, schwierig und expe­ri­men­tell ist.
Sie sollen aber nicht Produk­ti­ons­firmen und Markt­teil­neh­mern den Roten Teppich ausrollen, die mit unfairen Mitteln agieren und eben dieses gewünschte, förde­rungs­wür­dige Medium Kino zerstören wollen.

Zwar hat Netflix scheinbar einge­lenkt und verspro­chen, Filme wie Alfonso Cuaróns Sieger­film zunächst im Kino heraus­zu­bringen. Ob sich damit aber die grund­sätz­liche Netflix-Strategie, dem Kino den Krieg zu erklären, verändert, bleibt erstmal offen.
Gut möglich, dass Netflix ein paar hippe Kino­re­gis­seure und ein paar Beispiele kunst­vollen Auto­ren­kinos nur benutzt, um seine eigent­li­chen Absichten nur etwas geschickter zu kaschieren.

Die Film­branche muss wachsam bleiben und zusam­men­halten, um sich gegen die aggres­siven Netflix-Popu­listen zu wehren, um den Vorrang der Kinokunst und ihrer Räume gegenüber den neoli­be­ralen Geldhaien aus Amerika zu vertei­digen.

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Daran, dass Alfonso Cuarón ein wunder­schöner, mitreißender preis­wür­diger Film und der beste Goldene Löwe seit mindes­tens zehn Jahren, ja vermut­lich sogar seit den Gold-Löwen für Takeshi Kitano und Zhang Yimou Ende der 1990er gelungen ist, ändern solche Bedenken nichts.

Und gegenüber Cannes hat Venedig weiterhin Terrain gutge­macht. Hier laufen nicht nur US-Ameri­kaner, hier sieht man Heraus­ra­gendes aus der ganzen Welt. Auto­ren­film mischt sich mit Genrekino, digitale Strea­m­ing­filme mit Kino, das auf klas­si­schem analogem 35mm-Material gedreht wurde, und das entgegen allen Technik-Apoka­lyp­ti­kern seinen festen Platz im Weltkino behauptet.

(to be continued)

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