09.08.2001

»Wir sind bereit für etwas Neues«

Filmszene »Faust: Love of the Damned«
Faust: Love of the Damned

Interview mit Brian Yuzna

Für Fans des Horror­films zählt sein Namen mit zu den letzten, die noch immer frischen Glanz haben: Seit fast 20 Jahren versorgt Brian Yuzna sie mit Genre-Perlen und tut es noch immer, in einer Zeit, wo die meisten anderen Helden des Metiers sich in den Ruhestand oder den Main­stream abgesetzt haben. Dem großen Publikum ist Yuzna weniger vertraut, dafür hat es seinen indi­rekten Einfluss unwis­sent­lich sicher schon des öfteren gespürt – Filme wie The Cell oder Hannibal sähen wohl anders aus ohne die Pionier­ar­beit von Yuzna. Mitte der 80er drückte er als Produzent von Re-Animator dem Splatter-Kino einen enorm prägenden Stempel auf und ließ dann als Regisseur eine Reihe feiner, kleiner Perlen folgen (u.a. Bride of the Re-Animator, Return of the Living Dead 3, The Dentist), die alle wesent­lich surrealer, subver­siver, gutge­launter waren als das, was zur selben Zeit im ameri­ka­ni­schen Horror­kino sonst so sein Unwesen zu treiben pflegte.
Mitt­ler­weile hat Brian Yuzna sich in Spanien nieder­ge­lassen, wo er derzeit zusammen mit der großen Produk­ti­ons­forma Filmax das Label „Fantastic Factory“ aufbaut, das eine Art Reinkar­na­tion solch tradi­tio­neller Fantas­ti­scher-Film-Schmieden wie American Inter­na­tional oder der Hammer-Studios werden soll: Ein Dach, unter dem sich (insbe­son­ders junge) Kreative versam­meln können, um mit wenig Geld, aber viel Ideen leben­diges Genre-Kino zu produ­zieren. Zu den ersten drei Filmen aus diesen Werks­tätten gehört auch Yuznas jüngstes Werk, Faust: Love of the Damned nach den berüch­tigten Comics von David Quinn und Tim Vigil.
Das Fantasy Filmfest 2001 widmet Yuzna eine Hommage – aus diesem Anlass sprach Artechock-Redakteur Thomas Willmann mit dem ebenso sympa­thi­schen wie auskunfts­freu­digen Meister in München über Vergan­gen­heit und Zukunft des Horror­films – und darüber, was das Film­ge­schäft mit BSE zu tun hat.

artechock: Zur Zeit scheint das Horror-Genre etwas anämisch. Seinen letzten richtig großen Boom hatte es in den 80ern – seither gibt es immer wieder einzelene erfolg­reiche Horror­filme, von denen aber keiner so recht eine ganze neue Welle auslösen konnte. Haben Sie eine Erklärung dafür?

Brian Yuzna: Norma­ler­weise lenke ich meinen Blick auf die Finan­zie­rung, um alles im Film­ge­schehen zu erklären. Ich weiß, das ist nicht die belieb­teste Art, es zu tun, aber für mich scheint sie zu funk­tio­nieren.
In den 80ern fand gerade erst die Video-Revo­lu­tion statt. Das bedeutete, dass die großen Studios und Verleiher den Wert von Video noch nicht begriffen hatten. Dadurch hatten die ganzen kleinen Inde­pend­ents die Möglich­keit, ihre Filme vorab zu verkaufen und zu finan­zieren durch einen riesigen Kapital-Vorrat, der heut­zu­tage an die Majors geht. Weil so viele kleine Firmen Filme machten konnten, gab es, wenn sie Horror­filme machten – die zu den Filmen gehören, die man am einfachsten mit geringen Budgets drehen kann (ich weiß, dass die Effekte da billig und lächer­lich sein können, aber das ist manchmal auch okay) – da gab es so viel Freiheit, und das ermög­lichte Leuten wie Sam Raimi, Stuart Gordon und selbst Veteranen wie Wes Craven, der schon in den 70ern ziemlich viel Erfahrung hatte, oder John Carpenter – all diesen verschie­denen Leute ermög­lichte das, Filme zu machen, und es gab eine sehr offene Atmo­sphäre.

Sobald die Mitte der 80er kam und die großen Studios und Verleiher erkannten, wie wertvoll Video war, fingen sie an, den Markt zu domi­nieren. Inzwi­schen wissen wir, dass Video nichts weiter ist als eine Möglich­keit, zu zahlen, um den selben Film, der vor drei Monaten im Kino war, nochmal zu sehen. Bevor er ins Fernsehen kommt. Oder viel­leicht nachdem er im Kabel lief. Jetzt ist es einfach Teil des selben Systems, und nun befinden wir uns in Konkur­renz zu den selben riesigen Budgets, und wenn man jetzt einen Horrofilm macht, sind die Leute, die ihn finan­zieren, stets besorgt, ob sie ihr Geld zurück­be­kommen.
Oft ist das Publikum für die origi­nel­leren Filme, für die Evil Dead-Art von Filmen, kein sehr großes Publikum. Für jeden The Evil Dead oder Blair Witch Project, jeden dieser kleinen Filme mit unglaub­li­chem Erfolg, gibt es ungefähr 50 weitere, die nicht funk­tio­niert haben, die aber genauso billig waren.

Im heutigen Markt bekommt man, wenn man kein großes Publikum hat oder keinen großen Verleiher findet, der einen unter­s­tützt, gar nichts. Da kann jemand, zum Beispiel eine deutsche Gruppe von Leuten, einen low-budget-Film machen, und man denkt, »Wow, der kostet überhaupt nicht viel«, doch wenn sie von Anfang an Schwie­rig­keiten haben, einen Verleiher zu finden, kann es sein, dass sie nie irgendwen finden werden, der ihn zeigt. Und dieser Film könnte dann ein finan­zi­elles Debakel werden. Während, wenn es von Anfang an die Unter­s­tüt­zung von, sagen wir, Helkon, gäbe, dann wüssten sie, dass sie zumindest ihre Kosten wieder herein­be­kommen werden, und sie hätten eine Chance etwas zu machen, das ein The Evil Dead oder Friday the 13th werden könnte – das Risiko wäre nicht so groß.
Wenn sie es ohne diese Unter­s­tüt­zung machen, und der Film stellt sich als unglaub­lich gut heraus, dann ist es kein Problem. Hast du Lola rennt, dann startest du durch. Aber wenn er, wie die meisten Filme, nicht 100% gelungen ist, kein Klassiker ist, dann war’s das. Aus und vorbei.

Ich glaube, wenn man das Film­ge­schehen verstehen will und was da passiert, sollte man wirklich auf die Finan­zie­rung schauen, und auf das Marketing, und schauen, woher das Geld kommt und wohin es geht. Denn das bestimmt wirklich unser Produkte – in allen Belangen. Wenn man will, kann man das selbe in einem ganz anderen Bereich verfolgen, BSE zum Beispiel. Wenn man sich die Agrar­po­litik zwischen den Ländern anschaut, dann wird man sehen, dass die direkt BSE und die Maul- und Klau­en­seuche fördert, weil es eine Art von Agrar-Business kreiert, in der Seuchen gefähr­lich gedeihen können. Und im Film­ge­schäft diese paar großen Firmen zu haben, die den gesamten Markt domi­nieren – einer­seits kann man sagen, ja, die arbeiten viel effi­zi­enter, ande­rer­seits lassen sie keinen Raum für neues Blut, buchs­täb­lich.

artechock: Jeder Markt aber wird auch von den Gesetzen von Angebot und Nachfrage bestimmt – ohne Nachfrage nützt das schönste Angebot nichts. Gibt es nicht auch Gründe, warum die Nachfrage schwankt?

Yuzna: Wenn man jenseits der finan­zi­ellen Ebene der Geschichte schaut – die ich für sehr, sehr wichtig halte – dann haben sie recht, dann gibt es da quasi diesen Zyklus der Ideen. Wenn man zum Beispiel die Mons­ter­filme von Universal aus den 30ern nimmt, dann wurden da ein paar gemacht, die einen Stil kreiert haben – vor allem von James Whale und Todd Browning... Plötzlich hatte man diesen Stil von Filmen, die in einer Art von Welt exis­tierten, die sowas wie ein Alter­nativ-Universum war. Fran­ken­stein und Dracula exis­tieren in keiner normalen Welt. Es gab diesen Look, der von den Universal-Monstern begründet wurde – damit hatten sie eine ganze Reihe von großen Erfolgen. Es gab Fran­ken­stein, The Bride of Fran­ken­stein, The Mummy, The Wolfman, The Old Dark House und nun bauten sie diese Filme auf, und dann gingen ihnen die Ideen aus. Da gab es dann Fran­ken­stein Meets the Wolfman (kein schlechter Film, aber man sieht, wohin das führt...) und dann all diese verschie­denen Versionen von The Mummy – die hatten alle die sich langsam bewegende Mumie, aber sie hatten nichts von dem magischen, eigen­ar­tigen Herz des ersten. Und schließ­lich landeten wir bei Abbott & Costello Meet the Mummy, und dann starb es aus. Der ganze Stil wurde schließ­lich zum Witz, weil er sich abnutzte, und er wurde nurmehr etwas für Anspie­lungen, für liebe­volle Refe­renzen. Dann dauerte es bis zu den Hammer-Filmen in den 50ern, dass die Dracula- und Fran­ken­stein-Filme erneut gemacht wurden, aber nun mit Blut und nackten Brüsten und in Farbe.

Oder wenn man sich etwa Roger Cormans Poe-Serie ansieht...

Ich glaube schon, dass es da eine gewisse Eigen­dy­namik gibt, einen Zyklus. Im Moment befinden wir uns in einer Zeit, wo die großen Studios Genre-Filme machen auf eine Art, wie sie es nie zuvor getan haben. In den 30ern, 40ern, 50ern, 60ern, haben sie nicht diese Art von Filme gemacht, die jetzt riesige Budgets haben – eine Art von Filmen, die einst von Roger Corman und American Inter­na­tional produ­ziert wurden. Aber jetzt werden diese Filme mit $100 Mio. Budgets gemacht, und da bleibt den Inde­pend­ents fast nur noch Splatter – und selbst das verlieren sie, weil inzwi­schen die Action-Filme mehr Splatter liefern als Legion of the Dead – nicht ganz, aber...

Aber im Moment sind wir, glaube ich, bereit für etwas Neues. Wir hatten einen Zyklus in den 70ern, und dann haben die 80er wirklich groß einge­schlagen – da gab es eine richtige Flut von Interesse für Horror-Filme. Die 90er waren mehr unein­heit­lich.

artechock: Ist Scary Movie dann quasi unser Abbott & Costello Meet the Last House on the Left?

Yuzna: Ja, ich denke schon. Es ist zur Farce geworden. In der Tat ist mein Projekt gerade – das, was mich derzeit am meisten beschäf­tigt: Re-Animator 3. Und was mir wirklich Kopf­zer­bre­chen macht ist: Wie macht man das noch einmal? Denn es ist die Fort­set­zung einer Fort­set­zung, die Story wurde schon erzählt – ich habe erst gestern den ersten Re-Animator wieder gesehen, der ist so nahezu perfekt, wie er voran­mar­schiert, und man denkt sich, »Oh Mann, wenn man diese Art von Film wieder macht, gibt es dafür ein Publikum?« Denn das Publikum verändert sich, und das junge Publikum – das hat Scary Movie gesehen. Da gibt es kaum was in Re-Animator, mit dem man es scho­ckieren könnte.

Einer der Gründe, warum ich glaube, dass bald etwas Neues passieren wird ist, erstens, weil ich einen Glauben an den Frühling habe (lacht) und zweitens sehe ich um mich herum und bei mir selbst dieses Mischen von Genres. Zwei Filme diese Woche beim Festival: Der eine war Chris­tophe Gans' Le pacte des loups, und der andere war mein Faust: Love of the Damned. Die sind beide eine Art Misch­masch – die sind so »können die sich nicht entscheiden, was für eine Art Film sie machen wollen?«-mäßig. Will Chris­tophe einen Kung Fu-Film machen, oder ein großes fran­zö­si­sches Kostüm­drama? Will FAUST ein Comic-Film sein oder ein Horror­film? »Los, entscheidet Euch!« Ein Monster-Film oder was? Und von mir selbst aus, der daran teilhat, kann ich sagen, dass es damit zu tun hat, dass man versucht, etwas Neues zu finden – und das erste was wir tun, wenn wir etwas Neues tun wollen, ist, die bekannten Zutaten zu nehmen und sie zusam­men­zu­mi­schen, um zu sehen, ob was passiert. Hin und wieder nur sieht man etwas, das Origi­neller ist. Deswegen habe ich das Gefühl, dass bald etwas passieren wird – dass wir am Ende eines Zyklus angelangt sind.
Und was wird das Neue sein? Keine Ahnung. Wer hätte The Evil Dead voraus­sagen können, oder Re-Animator, oder selbst Return of the Living Dead – den ich für einen der wirklich einfluss­rei­chen Filme seiner Zeit halte.

artechock: Die Infusion an neuem Blut für diese Zyklen scheint oft aus Europa gekommen zu sein...

Yuzna: Nun, man muss fest­stellen, dass Dario Argento in den 70ern sehr einfluss­reich war, und selbst in den 50ern, William Castle, obwohl er so einzig­artig war – wenn man sich The Tingler anschaut, sieht man mitten­drin (Henri-Georges Clouzots) Les diabo­li­ques. Ich glaube, jeder ist sich (dieser anderen Tradi­tionen) bewusst. Selbst Chris­tophe Gans und selbst Quentin Tarantino – die machen Hong Kong. Und sie haben Glück, weil das Publikum keine Hong Kong-Filme gesehen hat. Jeder nimmt von jedem – das ist keine Kritik, sondern eine Beschrei­bung. Wir müssen Wurzeln haben.

artechock: Wäre dann Ihre „Fantastic Factory“ mit ihrem Standort in Spanien nicht viel­leicht tatsäch­lich in einer guten Position, um eine Renais­sance des Genres zu bringen?

Yuzna: Was da passiert ist eine Art Mischung. Aber ich habe das schon in der Vergan­gen­heit versucht. Heute zeigen sie auf dem Festival Necro­no­micon, ein Film, der mir sehr am Herzen liegt, weil ich ihn immer als Expe­ri­ment angesehen habe. Ehrlich gesagt finde ich nicht, dass Necro­no­micon als Film an sich so wahn­sinnig gut funk­tio­niert, und es ist immer schwierig für ein Publikum, drei verschie­dene Geschichten zu haben. Filme­ma­cher lieben es, solche Antho­logie-Filme zu machen, aber das Publikum schaut sie nicht gerne an. Es ist ein unein­heit­li­cher Film. Aber das macht mir nichts aus, denn als ich anfing, ihn zu machen, da habe ich das als Expe­ri­ment getan. Das Expe­ri­ment war, einen Regisseur aus Europa, einen aus Asien und einen aus Amerika zu nehmen und jeden einen Lovecraft-Film machen zu lassen, und sich die Mixtur anzusehen. Denn für mich sind das die drei Teile der cine­as­ti­schen Welt zur Zeit. Und ich wollte einfach sehen, wie die Mischung aussehen würde.

Das ist es zum Teil, was derzeit in Barcelona passiert: Ich versuche, so viele Leute wie möglich, die ich inter­es­sant finde, zu mischen – innerhalb der von der EU vorge­schrie­benen Natio­na­li­täten-Quoten, was sehr kompli­ziert ist. Ich glaube zum Beispiel, dass Jaume Balagueró, der unser auf einhei­mi­scher Erde gewach­sener Held ist, unser kata­la­ni­scher Held, davon profi­tiert hat – dass er einen anderen Film macht, als er ihn ohne die „Fantastic Factory“ gemacht hätte. Er macht einen Film, der ganz und gar seiner ist, er hat einen kata­la­ni­schen Kame­ra­mann, Cutter, das ganze Team. Aber nachdem wir drei Filme dort produ­ziert haben, haben wir uns mit dem was wir tun etwas aufein­ander einge­stellt, und die Crew hat ihr eigenes System erfunden. Ich glaube, es gibt da einige europäi­sche oder spanische oder kata­la­ni­sche Sicht­weisen, die daraus resul­tieren, die ziemlich fresh – ziemlich neu und cool – sind. Und ziemlich inter­es­sant.

Ich hoffe, dass das etwas bewegen wird. Ich will einfach Filme machen, die ich liebe. Mich ermüdet das herkömm­liche Zeug. Ich liebe einiges von dem herkömm­li­chen Zeug – ich hätte unheim­lich gern Hollow Man gemacht gehabt, viel­leicht nicht genau so, aber diese Art von Film sind großartig. Ich mochte The Cell. Ich mag Filme, die ganz in einem Labor spielen – nun gut, das waren riesige Budgets, aber es hätten keine sein müssen.

artechock: Oft scheinen die erfolg­rei­chen Zyklen von Horror­filmen auch an ein konser­va­tives gesell­schaft­li­ches Klima gekoppelt zu sein. Wäre das auch ein Indiz, dass die nächste Welle unmit­telbar bevor­steht?

Yuzna: Möglich. Es könnte auch einfach mit neuen Leuten zu tun haben, die andere Ideen haben, wie man Horror­filme macht. Ich würde sagen, The Evil Dead war eine Mischung von allem, an was Sam Raimi sich nur erinnern konnte. Und trotzdem ist da pure Krea­ti­vität am Werk. Und bei Return of the Living Dead machte Dan O’Bannon im Prinzip eine fast perfekte filmische Version der EC-Comics, bevor Joel Silver Tales From the Crypt gemacht hat oder sonstwas von dem Zeug. Es gab den Ton vor. Niemand hat je einen Zombie-Film gemacht, wie Dan O’Bannon ihn machte. Auch Nightmare on Elm Street war eine ganz neue Idee – Surrea­lismus mit einem Slasher-Film zu mischen.

Im Moment scheint es, dass der größere Markt mehr an Grusel-Geschichten inter­es­siert ist, mehr an der Art Geschichte von The Sixth Sense. Das basiert jetzt natürlich auf dem Erfolg eines einzelnen Films... Aber es werden viele Filme gemacht über Geister, über Spuk­häuser, und ich glaube, wir werden davon mehr sehen, wir werden mehr Children of the Damned-artige Sachen sehen. Diese Ängste, die man nicht ganz fassen kann... wo man kein Blut sieht und keine abge­trennten Glied­maßen und Monster. Aber auch das ist ein Zyklus.

Die eine Sache, die ich wirklich für im Kommen halte, ist der Horror des Solips­ismus, in der Art von The Matrix. Wo die Welt nicht real ist. eXistenZ war für mich wirklich, wirklich gut – viele mochten den nicht, aber ich fand, das war das beste Video­spiel, dass ich je auf der Leinwand gesehen habe.
Ich denke, die Welt der Video­spiele hat der Film immer noch nicht zu fassen gekriegt. Das fing an mit Tron und seither frickeln sie daran rum, und zuletzt hatten wir Lara Croft: Tomb Raider, den ich einfach nur furchtbar fand (Einspruch, Euer Ehren – Die Red.) und nun Final Fantasy. Sie versuchen noch immer, dieses Erlebnis, das so viele Leute rund um die Welt haben, die ihre Zeit mit Video­spielen verbringen, einzu­be­ziehen. Das wird sicher Auswir­kungen haben.

artechock: Das neue Erstarken der Konser­va­tiven hat ja auch die leidige Debatte um Gewalt in den Medien wieder sehr hoch­ko­chen lassen. Sind Sie davon in irgend­einer Weise betroffen?

Yuzna: Ich bin mir dessen sicher bewusst. Es betrifft mich nicht wie jemandem wie beispiels­weise Tobe Hooper, der jede Menge Angriffe einste­cken musste für The Texas Chainsaw Massacre , so dass er jetzt lieber Filme macht über Monster statt über Menschen, die rumziehen und töten. Weil er nicht verant­wort­lich gemacht werden will für Probleme in unserer Gesell­schaft. Aber da die meisten meiner Filme so fantas­tisch sind, ist es wirklich schwierig, etwas wie Return of the Living Dead 3 zu nehmen und zu sagen, das ermutigt Kinder irgendwie, sich gegen­seitig umzu­bringen – das sehe ich einfach nicht, es ist einfach zu abseitig. Von dieser Seite gesehen habe ich da nicht die gleiche Beziehung. Aber es gibt gewiss Leute die finden, dass die Filme, die ich mache, sich einfach nur in perversen Bildern suhlen und eine Art porno­gra­phi­sche Sache bedienen, die das Leben oder den Tod entwerten, so etwas...

Und ich weiß es wirklich nicht. Ich glaube gewiss, dass Filme und Literatur Menschen beein­flussen, aber ich denke gewiss nicht, dass daher die Inhu­ma­nität der Menschen herkommt. Wir haben ja überhaupt erst seit sehr kurzem sowas wie eine alpha­be­ti­sierte Gesell­schaft, geschweige denn Kino oder CDs, und trotzdem haben wir eine Geschichte von Jahr­tau­senden von gegen­sei­tigem Abschlachten und sich die schreck­lichsten Dinge antun – man kann für die Spanische Inqui­si­tion gewiss keine Horror­filme verant­wort­lich machen, oder Splat­ter­filme. Dann sollte man viel­leicht die katho­li­sche Kirche dafür verant­wort­lich machen. Nun, ich sehen niemand, der der Katho­li­schen Kirche sagt, sie soll damit aufhören, Jesus jeden Sonntag zu töten und zu essen, oder ihre Statuen abschaffen von Heiligen, denen die Haut abgezogen wird... Gewiss, sie haben ein höheres Ziel.

Aber wir müssen vorsichtig sein mit unserer Einschät­zung. Ich denke, dass es auch dumm ist zu sagen: Nein, es gibt keinerlei Effekt. Es gibt gewiss Sachen, die ich nie darstellen wollen würde. Aber mache ich das, was für mich funk­tio­niert – wenn man es von außen betrachtet und all das Blut und so sieht mag man sagen, »Oh, das ist eine schreck­liche Sache«, ande­rer­seits finde ich, dass Horror­filme extrem streng sind moralisch gesehen. Ein Horror­film hat eine unglaub­lich starke mora­li­sche Struktur, viel mehr, als normale Filme. Und ich glaube, es gibt viel mehr Immo­ra­lität in einer Menge von Main­stream-Filmen.

artechock: Jetzt haben ja auch ausge­rechnet die inhu­mansten Dikta­turen immer die saubersten Medien...

Yuzna: Nun, die unter­drü­cken. Es ist so ähnlich wie wenn man japa­ni­sche Horror­filme anschaut – manchmal zeigen die solch schreck­liche Folter-Szenen, solch schreck­li­chen Sadismus (der mich ehrlich nicht anzieht, der mir nichts gibt) – aber dann schaut man sich die Gesell­schaft an, und es ist diese absolut homogene Art von Gesell­schaft, in der alles so unter­drück wird – auf der einen Seite, und dann explo­diert es auf der anderen einfach vor Wahnsinn. Sie haben wahr­schein­lich recht, dass eine rechts­las­tige Kultur diese abartigen Bilder, diese Perver­sionen kreiert.

artechock: Würden Sie sich in gewisser Weise als subver­siven Filme­ma­cher ansehen?

Yuzna: Ich weiß nicht. Ich wüsste nicht, gegen was meine Arbeit subversiv wäre. Ich bin für die Welt an sich ziemlich unge­fähr­lich, weil ich einfach rein­passen will, mit allen klar­kommen will. Als ich jünger war, war ich ein Hippie und war Teil dieser ganzen linken Szene, Hippie-Kommunen und alles, und da gab es immer das Gefühl, dass man ein Outlaw sei. Seit diese Kultur das Ruder übernahm – oder vom Main­stream geschluckt wurde – bin ich wie jeder andere: Ich will Geld, ich will mein Haus haben. Vor allem wenn man älter wird: Man möchte Annehm­lich­keit. Wenn man jung ist, lassen einem die Leute viel Freiraum, weil man süß aussieht oder sowas. Aber je älter man wird: Mann, da hast du besser ein Geschäft, hast besser Geld, oder du bekommst von den Leuten weder Respekt noch sonst irgendwas. Und wenn man diese Dinge will, dann beginnt man, in den status quo zu inves­tieren... – Ich fände es etwas präten­tiös zu glauben, dass ich subversiv sein könnte. Viel­leicht in einem sehr eng begrenzten Bereich des Filme­ma­chens bin ich es, aber was ich mache ist so gewöhn­lich in der Welt des Films, wenn man darüber nachdenkt... – die Fantastic Factory aufzu­ziehen ist, was viele Leute in der Vergan­gen­heit gemacht haben. American Inter­na­tional, New World, alle von diesen Sachen. Das läuft nach dem Muster: »Okay, lasst uns eine Reihe von Filmen machen, lasst sie uns low-budget machen, und wir versuchen, ein paar größere zu machen.« Der Unter­schied für mich ist, dass ich einfach Gefallen an dem Genre habe.

Selbst meine Kinder, wenn sie ein gewisses Alter erreicht haben, wollen nicht mehr mit mir ins Kino gehen, weil sie meinen Geschmack zu pubertär finden. (Lacht) Viel­leicht ist es, weil ich als Katholik aufge­wachsen bin, und das allein pflanzt einem schon diese seltsame Idee in den Kopf von Körper-Trans­for­ma­tionen und Tod und Schmerz, Wundern und Geistern... Die katho­li­sche Kirche gibt uns die am besten orga­ni­sierte Symbolik des Horror überhaupt, viel mehr als östliche Reli­gionen. Wenn man sich östliche Horror­filme anschaut, da geht alles kreuz und quer, die wissen nicht, was die Regeln sind. Aber, mein Gott, die Katho­li­sche Kirche gibt uns Vampire! (Lacht) Sie diktiert uns diese Sachen sehr klar, und das ist etwas, das ich wohl in mir trage. Und aus der Zeit, in der ich aufwuchs, erinnere ich mich an Bildern von Filmen am stärksten an die aus den Horror­filmen.

artechock: Immerhin zeigen Sie in Ihren Filmen stets mehr Mitgefühl mit den Monstern als mit dem Estab­lish­ment...

Yuzna: Ich denke, das ist ziemlich tradi­tio­nell. Das ist eine gewis­ser­maßen tradi­tio­nelle Sicht­weise. Der Grund, warum sowohl King Kong und Fran­ken­stein als Filme so attraktiv sind ist, dass man Sympathie für das Monster empfindet, sowohl für King Kong als auch Fran­ken­stein. Wir fühlen sogar Mitleid mit der Mumie – und The Wolfman hat das sogar richtig gehend gemolken, da haben sie alle Hemmungen fahren lassen. Es ist keine unge­wöhn­liche Sache. Aber Sie haben Recht – ich mag die Monster. Und mich inter­es­sieren die mehr als sonst wer.

artechock: In den 80ern und 90ern, als Ihre Filme entstanden, war Sympathie mit den Monstern aber nicht gerade en vogue. Mit einem Jason oder all den anderen Schlit­zern hatte man wenig Mitgefühl...

Yuzna: Ja, die waren ziemlich gesichtslos. Der eine meiner Filme, der für mich am deut­lichsten damit arbeitet, ist Return of the Living Dead 3 – denn es war so schwierig, die zweite Fort­set­zung zu einer Alter­nativ-Fort­set­zung eines Klas­si­kers zu machen (lacht). (Die Return of the Living Dead-Reihe ist ein Ableger von George Romeros Living Dead-Trilogie, die durch einen Rechts­streit zwischen Romero und O’Bannon zu Stande kam. – Die Red.) Aber auch, die Mytho­lo­gien von George Romero und Dan O’Bannons Zombies zu mischen und damit etwas anderes zu machen. Das erste, was mir einfiel war, die Haupt­figur zum Zombie zu machen. In Day of the Dead hat Romero ange­fangen, ein bisschen in diese Richtung zu gehen. Und in Re-Animator gab’s sowas Ähnliches mit Dr. Hill – obwohl wir mit dem nicht so viel Zeit verbringen.

Bei Bride of the Re-Animator habe ich immer bereut, dass wenn ich ihn gesehen mir aufge­stossen ist: Die Braut kommt erst ganz zum Schluss, wie bei The Bride of Fran­ken­stein. Sie hätte früher kommen sollen, wir hätten ein bisschen bei ihr sein sollen, sie war großartig. Und als ich die Chance hatte, einen Zombie-Film zu machen, habe ich gesagt: Dieses Mal kommt die Braut gleich zu Beginn, und wir werden bei ihr sein. Ich finde es eine sehr anrüh­rende Geschichte. Mich hat schon immer inter­es­siert was in der Zeit passiert zwischen dem Moment wenn jemand stirbt und dann zum Zombie wird – was ist das für eine Erfahrung? Wie kommt man damit klar?

artechock: Sie haben ja auch nie diesen Horror der Zers­tü­cke­lung mitge­macht, der die anderen Filme der Zeit so prägte...

Yuzna: Mich hat das Slasher-Ding nie wirklich inter­es­siert, das war ein Genre, das ich nicht sonder­lich mochte, ehrlich gesagt. Selbst bei einem Film wie Halloween, den ich sehr bewundere – der Einfluss, den dieser Film hatte, ist unglaub­lich... Mich hat immer eher Nightmare on Elm Street angezogen, weil es da das abge­fah­rene Zeug gibt. Diese Szene mit der Zunge aus dem Tele­fon­hörer? Sowas finde ich groß­ar­tige Sachen. Oder Freddies Arme, die immer länger werden – wow, das sind Alptraum-Geschichten! Aber wenn einfach einer kommt und Leute metzelt, das habe ich noch nie gemocht, obwohl ich fand, dass Friday the 13th ziemlich gut war, weil der praktisch die Anfangs­szene von HALLOWEEN genommen hat und einen ganzen Film daraus gemacht. Soweit ich sehe, habe ich nur einen „body count-movie“ gemacht, und das ist The Dentist. Und ich wusste damals, als ich den machte, schon: Oh je, da ist nur dieser Typ, der einen Haufen Leute umbringt. Wie kann ich das machen? Sowas hab ich noch nie gemacht, das ist nichts, was mir Freude bereitet – ich suche nicht nach neuen Methoden, Leute umzu­bringen, ich inter­es­siere mich für Tod nur als Weg, um andere Dinge damit zu tun. Deshalb fand ich The Dentist sehr schwer zu machen – ich ging in andere Filme, um Wege zu finden, Leute umzu­bringen, weil ich selbst daran keine Freude hatte. Also hab ich eine Menge von Hitchcock über­nommen. Letztlich musste ich mich viel mehr auf den Zahnarzt konzen­trieren als sein Morde, weil ich den Film nicht hätte machen können, wenn ich den Zahnarzt nicht gemocht hätte. Am Schluss mochte ich den Zahnarzt. Für mich war er, trotz all seiner schlimmen Taten, ein Mann der – schon sehr verklemmt – einfach nur vom Leben enttäuscht ist.

artechock: Sie haben vorhin das Älter­werden ange­spro­chen. Verändert sich dabei auch die Sicht auf Horror, viel­leicht auch im anderen Erfahren der eigenen Sterb­lich­keit?

Yuzna: Ich weiß nicht. Ich denke ja. Viel­leicht. Was ich sagen kann ist, dass ich mehr über Horror weiß. Denn seit ich ange­fangen habe Filme zu machen, habe ich auch Filme studiert. Ich habe mein eigenes Studium von Filmen betrieben. Ich habe Bücher gelesen und Tonnen von Filmen gesehen, besonders die alten Stumm­filme und die aus den 30ern. Also fühle ich mich viel mehr film-literate, Film-gebildet.

Ande­rer­seits gibt es diese Tendenz, je älter ich werde, um so stärker in einer Außen­sicht zu sein in der Art, wie ich über Filme denke. Während ich mich, als ich jünger, wenn ich die Gelgen­heit hatte, einen Film zu machen, einfach von einer Idee mitreißen ließ. Jetzt fange ich damit an, von einer Idee mitge­rissen zu werden, und dann beginne ich zu analy­sieren, von außen, vom Markt her, vom Publikum.

Schließ­lich ist da ein viel nüch­ter­neres Heran­gehen, und ich weiß nicht, ob das nicht viel­leicht eine schlechte Sache ist. Denn bei Horror­filmen braucht man wirklich diesen freudigen Enthu­si­asmus, man will das Gefühl von Freude. Und das ist schwie­riger zu bekommen, wo ich älter werde und viel­leicht viel nüch­terner als in jungen Jahren.

artechock: Also irgend­wann einmal der Wechsel zur Romantic Comedy?

Yuzna: Ich habe immer noch Freude daran, grau­se­lige Sachen auf der Leinwand zu machen. Aber von Anfang an hatte ich dabei irgend­eine abge­fah­rene Idee hinter dem allen, mit der ich arbeitete... Manchmal denke ich, es gäbe andere Arten von Filmen, die ich gerne machen würde – das sind immer noch Genre-Filme, aber sie wären viel­leicht etwas weniger pulpy, weniger groschen­roman-mäßig. Aber dann komm ich davon zurück und denke: Nun, dies ist ein Genre – wenn du es gut machst, dann ist es großartig. Wie jedes Genre.

Was mir an mir aufge­fallen ist: Ich fühle mich sehr unwohl an fast jedem Drehtag, wenn ich nicht etwas Abge­fah­renes in den Dailies, den am Tag abge­drehten Film­streifen, sehe. (Lacht) So bin ich einfach. Viel­leicht ist mein Geschmack einfach nur sehr boden­s­tändig.

Ich glaube nicht, dass ich gut wäre bei einer Romantic Comedy, aber ich würde sehr gerne einen Action-Film machen, oder ganz besonders einen Aben­teu­er­film, aber wenn es ein Abenteuer auf dem Mars wäre, würde ich es noch lieber machen...

Was man auch beachten muss ist, dass es sehr schwer ist davon zu leben, Filme zu machen. Ich hatte nie einen Riesen-Erfolg. Ich bin nicht jemand wie Tim Burton oder James Cameron, diese Leute, die offenbar mit riesigen Budgets umgehen können und dabei groß­ar­tige Sachen machen. Ich arbeite ziemlich hart und muss mir genau überlegen, was ich mache. Vom Filme­ma­chen zu leben ist sehr schwer. Und wenn man einmal in eine Richtung ange­fangen hat und es schafft, das zum Funk­tio­nieren zu bringen, ist es sehr schwer jemanden davon zu über­zeugen, einem eine andere Art von Film anzu­ver­trauen. Dabei könnte ich als Produzent freilich alles produ­zieren, und viel­leicht reduziert sich alles auf die Tatsache, dass es mich einfach lang­weilen würde. (Lacht)