02.08.2001

The Horror! The Horror!

Eröffnungsfilm: DER PAKT DER WÖLFE

The Horror! The Horror!

Stuttgart: Was sagt das heutige Horrorkino über unsere Welt und Zeit?

Von Thomas Willmann

Zombies und Disco­tänzer, Leichen­berge in David Cronen­bergs Zukunfts-Fantasie RABID und in Vietnam, der von Redneck-Vigi­lanten erschos­sene Held aus NIGHT OF THE LIVING DEAD und das Attentat auf Martin Luther King: Die Botschaft der Doku THE AMERICAN NIGHTMARE war für halbwegs Einge­weihte keines­wegs neu, aber in der direkten Gegenü­ber­stel­lung der Bilder schön augen­fällig präsen­tiert – Horror­filme sind so etwas wie die Alpträume einer ganzen Gesell­schaft, sind Fantasien, in denen die Traumata, die Ängste einer Ära in maskierter, trans­for­mierter Form be- und verar­beitet werden. Der Film exer­zierte das an einer Handvoll Klassiker des Splatter-Kinos – ange­fangen 1968 mit NIGHT OF THE LIVING DEAD über TEXAS CHAINSAW MASSACRE und LAST HOUSE ON THE LEFT bis hin zu HALLOWEEN – durch. Mit der gegebenen histo­ri­schen Distanz ging da natürlich alles wunderbar auf – die nagende Frage, die sich aber spätes­tens während dem Betrachten dieser Doku unaus­weich­lich aufdrängt war: Was sagt das heutige Horror­kino über unsere Welt und Zeit?

Eins zumindest war während des dies­jäh­rigen Fantasy Filmfests unüber­sehbar: Die »80er sind zurück. Hat SCREAM (so über­schätzt der Film auch ist) in der letzten Hälfte der Clinton-Ära wenigs­tens seine Rückkehr zum konser­va­tiven Teenie-Slasher-Horror noch mit besser­wis­se­ri­scher Selbst­re­fle­xi­vität verbrämt, so hat man inzwi­schen die Maske der Ironie abge­streift: George W. Bush sitzt im Weißen Haus und ist eine noch schlech­tere, noch dümmere, noch gefähr­li­chere Neuauf­lage seines Vaters, der schon eine miss­ra­tene Neuauf­lage von Reagan war. Und genau so sehen viele ameri­ka­ni­sche Horror­filme jetzt aus – schlech­tere, dümmere (hoffent­lich aber wenigs­tens unge­fähr­liche) Aufgüsse der Teenager-Metze­leien aus den ‘80ern, die sich zumeist auch noch wesent­lich wichtiger nehmen, wesent­lich auftrump­fender, teurer daher­kommen als ihre Vorbilder. Was zugleich Hand in Hand geht mit den endgültig aller­letzten Ausläu­fern der ursprüng­li­chen Welle, die mit SCARY MOVIE 2 nun komplett auf den Hund gekommen ist – die unsäg­liche Fort­set­zung einer schon schlechten Parodie. So tief war der Zyklus der Universal-Mons­ter­filme an seinem Ende nicht einmal mit JESSE JAMES MEETS FRANKENSTEIN«S DAUGHTER gesunken.

Bei allen starken Ermü­dungs­er­schei­nungen, die SLEEPLESS (NON HO SONNO) aufwies, war es da im Vergleich doch angenehm zu sehen, dass Altmeister Dario Argento (der hier seinen, man darf es sagen, wohl schwächsten Film vorlegte) bei seiner Rückkehr zum giallo, zum Schlitzer-Krimi, den er einst so furios geprägt hat, wenigs­tens die zeitliche Distanz mitre­flek­tiert; das Ganze wenigs­tens zur Ausein­an­der­set­zung mit den Origi­nalen und nicht nur zum puren Abklatsch macht. Mit Abstand die gelun­genste Reise in die letzten Jahre der Reagan-Regent­schaft zeigte DONNIE DARKO. Der hat aber auch mit dem Kino jener Jahre wenig am Hut und nichts gemeinsam – sondern das Zeug, in den kommenden Jahren für alle zum Kultfilm zu werden, die sich in unserer wunder­baren neo-konser­va­tiven Welt fremd und depla­ziert fühlen.

Was dem Horror­film derzeit zu fehlen scheint, das sind die großen kollek­tiven Ängste – zumindest solche, die sich in klare Bilder fassen ließen. Krieg, Revo­lu­tion, Vergäng­lich­keit, Krankheit, Körperängste scheinen inzwi­schen in den west­li­chen (und verwest­lichten) Ländern derart wirksam als Schre­ckens­bilder verdrängt und unter Kontrolle gebracht, dermaßen weit weg geschoben von Posi­tionen real gefühlter Bedrohung, dass dem Horror­kino kaum mehr bleibt als die Redu­zie­rung auf gleichsam mecha­ni­sche Schock­ef­fekte. Da trifft kaum mehr was direkt ins Unter­be­wusste, wühlen die Bilder nicht mehr auf, verstören nicht – das bleibt Geis­ter­bahn.

Viel­leicht hat der vermehrte Erfolg von Spuk- und Geis­ter­ge­schichten im Kino, von Filmen über unsicht­bare jensei­tige Bedro­hungen (THE BLAIR WITCH PROJECT, WHAT LIES BENEATH) ja damit zu tun, dass immer mehr Leute spüren, dass unserer Tage ein Gespenst umgeht, nicht nur in Europa. Wer übrigens anschau­lich vorge­führt haben wollte, was Globa­li­sie­rung heißt, der war auf dem Fantasy Filmfest gerade richtig. Denn nicht nur in Amerika füllt man den sauer gewor­denen Wein des old school-Teenager-Horrors in neue Filmdosen: In Deutsch­land macht man das bekann­ter­weise jüngst genauso; gele­gent­lich mit großem finan­zi­ellen, bisher aber stets mit absolut null künst­le­ri­schem Erfolg. Und Asien steht (wenn­gleich in kompe­ten­terer Umsetzung) mitt­ler­weile da genauso wenig nach wie Süda­me­rika. Das Gruse­ligste, Grau­en­er­re­gendste an diesen Filmen (sieht man mal von der »Qualität« der deutschen Beiträge ab) ist dabei, wie austauschbar die alle unab­hängig von ihrer Herkunft sind, wie sehr sie sich nur in punkto Profes­sio­na­lität und Gelackt­heit noch unter­scheiden. Da findet so gut wie kein Dialog mehr statt mit heimi­schen Tradi­tionen, mit der eigenen Kultur. Es wird aus USA impor­tiert und so perfekt als möglich imitiert. Wenn diese Filme auch nur halbwegs als Indikator taugen, dann rasen wir tatsäch­lich auf eine globale geistige Mono­kultur zu, die in spätes­tens zwei Gene­ra­tionen alles platt gemacht hat, was es an Diffe­renzen noch gibt.

Zum Glück aber hat das Fantasy Filmfest wie gewohnt nicht nur manches aufge­trieben an Horror­filmen, was sich diesem Trend trotz allem wider­setzt – das Genre-Spektrum war auch breit genug, dass sich da sehr viel tummeln konnte, was fantas­ti­sches Kino in mehr als einer Hinsicht war. Sowohl absolut als auch relativ gesehen lag da die Zahl der wirklich begeis­ternden Entde­ckungen sehr deutlich über dem Vergleichs­wert vom dies­jäh­rigen Münchner Filmfest; was fast schon Gewohn­heit ist und auch insofern kaum verblüf­fend, als drei der wenigen High­lights DIE FABELHAFTE WELT DER AMELIE (LE FABULEUX DESTIN D’AMÉLIE POULAIN), LA COMMUNIDAD und MEMENTO hier erneut am Start waren. In den nächsten Tagen werden wir zu einer Reihe der Filme ausführ­li­chere Kommen­tare bieten – als Nachlese für alle Münchner, und als Vorschau für all die Glück­li­chen, denen in den übrigen Tour-Städten jetzt eine Woche Kino-Rausch bevor­steht.

Fantasy Filmfest 2001 25. Juli – 1. August Frankfurt a.M. und Köln: 1. – 8. August Hamburg und Berlin: 8. – 15. August