30.06.2005
22. Filmfest München 2005

»Wenn man das Spiel nicht gewinnen kann, muss man die Regeln ändern!«

Chris Cooper in SILVER CITY
Chris Cooper in Silver City

Ein Gespräch mit John Sayles über die USA, Western-Mythen und seinen neuen Film Silver City

Seit etwa 20 Jahren gehört John Sayles zu den wich­tigsten unab­hän­gigen Regis­seuren der USA. In seinem neuen Film, der Polit-Satire Silver City, hat sich Sayles erstmals direkt dem Feld der Politik zugewandt – mit deut­li­chen Anspie­lungen auf die US-Präsi­dent­schafts­wahlen 2004. Silver City spielt vor dem Hinter­grund des Gouver­neurs­wahl­kampfs im Bundes­staat Colorado. Richard Dreyfus spielt den gerissen-zwie­späl­tigen Wahl­kampf­ma­nager des konser­va­tiven Wahl­fa­vo­riten, Kris Kris­tof­fersson einen erzre­ak­ti­onären Lobby­isten, Danny Huston einen desil­lu­sio­nierten Ex-Jour­na­list, der als Privat­de­tektiv eigent­lich im Auftrag der Konser­va­tiven ermittelt, aber plötzlich im falschen Moment zu viel nachfragt. Grandios ist aber vor allem Chris Coopers Part als Gouver­neurs­kan­didat, der mühsam seine vorge­stanzten Phrasen repro­du­ziert – und kaum selbst versteht, was er redet. Unüber­sehbar sind hierbei die Anklänge an die Wahl­kampf­rhe­torik des George W. Bush, dessen Tonlagen und Eigen­heiten Cooper hervor­ra­gend parodiert. Wie die meisten von Sayles Filmen ist auch Silver City zugleich ein Heimat­film der anderen Art. Anspie­lungs­reich und hinter­gründig dekon­stru­iert Sayles die Mythen der Silber­minen, der Natur­ver­bun­den­heit und des Fron­tier­le­bens. Was übrig bleibt, ist Selbst­zer­störung. Der Film ist in den USA auf DVD erhält­lich, ein Kinostart in Deutsch­land ist noch ungewiss.

(Das Gespräch wurde von Rüdiger Suchsland anläss­lich der inter­na­tio­nalen Premiere von Silver City am Rande des Film­fes­ti­vals von San Sebastian Ende September geführt)

artechock: Der Gouver­neurs­kan­didat in Ihrem Film Silver City wirkt über­for­dert und dumm, eine Mario­nette seiner Hinter­männer. Trifft das auch Ihre Sicht auf Präsident Bush?

John Sayles: Unüber­sehbar habe ich die Figur, die Chris Cooper spielt, mit einigen ganz offen­sicht­li­chen Anspie­lungen an George W. Bush ausge­stattet, damit das Publikum keine Zweifel haben konnte, von wem hier die Rede ist. Ich habe einige klare Paral­lelen zwischen der Welt von Silver City zu dem gezogen, was zur Zeit in unserem Land los ist.

Die Figur basiert auf Bushs erstem Wahlkampf für das Amt des Gouver­neurs von Texas. Darum klammere ich Inter­na­tio­nale Politik aus – aber es geht natürlich darum, wie dieser Typ die Welt sieht. Eine andere Filmfigur sagt über ihn: »He is a true believer« (Er ist ein wahrhaft Glau­bender). Einer, der ein gott­glei­ches Vertrauen darin hat, wie er die Welt sieht, und dass er immer recht hat.

Das Problem dieser Figur ist, dass er nicht dumm ist. Er macht einfach seinen Job nicht gut. Für mich ist es ein Teil des Jobs, dass man sich klar ausdrü­cken kann, dass man etwas von der Welt da draußen weiß, über den eigenen Horizont hinaus­bli­cken kann. Bestimmt gibt es unter Poli­ti­kern intel­li­gen­tere und weniger intel­li­gente. Aber das wich­ti­gere sind seine Hand­lungen.

Es spielt keine Rolle, ob man schlau oder dumm ist. Einige Leute, die hinter George W. Bush stehen, sind in jedem Fall sehr schlau. Aber was sie mit der Welt und unserem Land tun wollen, ist meiner Ansicht nach sehr unde­mo­kra­tisch. Wenn wir in den USA eine Demo­kratie haben wollen, müssen wir uns als Bürger sehr anstrengen und unsere Bürger­rechte in Bezug auf unsere Kandi­daten und unsere Infor­ma­ti­ons­me­dien sehr viel ernster nehmen.

artechock: Ihr Film dreht sich stark um das Verhältnis von Presse und Macht, um die mora­li­sche Korrup­tion der Medi­en­land­schaft.

Sayles: Sicher geht es mir in Silver City nicht zuletzt um eine Verar­bei­tung meiner Enttäu­schung über die ameri­ka­ni­sche Main­stream-Medi­en­land­schaft. Wenn Sie Michael Moores Fahren­heit 9/11 gesehen haben: Es sollte darüber gar keinen Film geben müssen. Die ganzen Infor­ma­tionen hätte man drei Jahre vorher in den Haupt­abend­nach­richten senden müssen. Sie waren allgemein verfügbar, die ameri­ka­ni­sche Öffent­lich­keit hätte darüber reden müssen.

Aber die Main­stream-Presse in den USA macht keinen guten Job. Sie dringen nicht sehr tief hinter die offi­zi­elle Version. Zum Teil geht es da auch um Einschüch­te­rung. Der Satz, den die Billy-Zane-Figur, ein Lobbyist, spricht – »Don’t tell us, how to stage the news, and we won’t tell you, how to report it.« – stammt original aus einer Pres­se­kon­fe­renz während der Reagan-Regierung. Man gab sich Mühe, Jour­na­listen, die kritische Fragen stellten, oder Unter­su­chungen anstrengten, in den Ruf zu bringen, sie wären Teil einer liberalen Verschwörung, um die Regierung zu unter­mi­nieren. Es kam zu sehr gut orga­ni­sierten Telefon- und E-mail-Kampa­gnien, wo Leuten in den Verlags­lei­tungen und Heraus­ge­bern sugge­riert wurde: »Ihr habt da einen, der poli­ti­siert ist, und der hinter den falschen Leuten her ist«.
Also: es gibt dort Einschüch­te­rungen. Zur gleichen Zeit wurden die regulären Nach­richten- und Infor­ma­ti­ons­sen­dungen durch immer mehr Enter­tain­ment-Elemente verwäs­sert. Aber je seichter sie wurden, um so besser die Quoten. Und dazu kommt: Richtige Nach­richten sind teuer. Es kostet Geld, Reporter fürs recher­chieren zu bezahlen.
Also kommen zwei Dinge zusammen: Die, denen die Nach­rich­ten­sender gehören, wollen Profit machen. Und die, denen die Nach­rich­ten­sender gehören, sind große Firmen, die andere Firmen besitzen, und Angst haben, von der Regierung Schwie­rig­keiten zu bekommen.

In Silver City trifft man auf ein halbes Dutzend Reporter von sehr unter­schied­li­chem Zuschnitt. Jeder von ihnen hat seine eigenen Ansichten, was ein Reporter ist, und wem ein Reporter dient. Auf der einen Seite der Linie hat man Leute, die nur noch ein Sprach­rohr bestimmter Firmen sind, auf der anderen Seite einen, der wirklich nach der Wahrheit sucht – aber solche Typen sind in den USA derart margi­na­li­siert worden, dass meine Figur, die von Tim Roth gespielt wird, tatsäch­lich in einem Keller wohnt. Also: Die Geräusche derje­nigen, die sich weiterhin um die Wahrheit bemühen, sind sehr leise, während der Lärm des Main­stream alles übertönt. Am lautesten sind die Medien wie „Fox News“. Sie wieder­holen sich Tag um Tag um Tag. Es kann alles völlig gelogen sein, aber es erscheint einem irgend­wann wie die Wahrheit, weil man es so oft gehört hat.

artechock: Fühlen Sie sich auch als margi­na­li­siert, als Stimme in der Wüste?

Sayles: Dazu kann ich nur sagen: Man muss den meisten Lärm machen, wenn alle anderen still sind. Warum wir diesen Film gemacht haben, war ja unter anderem der Eindruck, dass die alltäg­li­chen Gespräche in den USA sehr einseitig waren. Die Leute schienen Angst davor zu haben, etwas gegen die Regierung zu sagen – in jeder Hinsicht, nicht nur in Bezug auf den Irak-Krieg. Dieses Fehlen eines wirk­li­chen Dialogs ist für eine Demo­kratie sehr schlecht. Es erschien mir darum als eine patrio­ti­sche Pflicht, diesen Film zu drehen.

artechock: Wie würden Sie die Bericht­erstat­tung der großen Nach­rich­ten­sender Fox und CNN verglei­chen?

Sayles: Es gibt eine sehr sehr gute Doku­men­ta­tion über Fox, namens Outfoxed, die man bei amazon kaufen kann – ins Kino kommt sie nicht. Fox ist im Prinzip ein Propa­gan­daarm für Rupert Murdoch. Das ist ein sehr sehr rechter Typ. Die Kris-Kris­tof­ferson-Figur in Silver City hat einige Paral­lelen zu Murdoch. Fox ist ein Sender, der mittels Nach­richten poli­ti­sche Botschaften verbreitet. Für mich ist das ein Propa­ganda-Sender.
CNN litt darunter, dass sie zuletzt in den Quoten von Fox überholt wurden. Darum haben sie damit begonnen, nicht nur immer konser­va­tiver zu werden, sondern auch immer simpler und weniger komplex. Die Verein­fa­chung von kompli­zierten Geschichten ist für mich ein großer Teil des Problems: dass etwa der Irak-Krieg als Kampf zwischen Gut und Böse präsen­tiert wird, nicht dagegen als Teil eines weitaus größeren Zusam­men­hangs.

artechock: Aber wo steht CNN im Vergleich?

Sayles: CNN steht links von Fox, aber weit rechts von der Wahrheit. [Lacht] Dafür kriegen sie mich.

artechock: Wie würden Sie die Entwick­lung in den USA während der Bush-Regierung beschreiben?

Sayles: Ein sehr wichtiger Satz in Silver City lautet: »If you can’t win the game, just change the rules.« (Wenn man das Spiel nicht gewinnen kann, muss man die Regeln ändern.) Das ist es, was gerade in den USA passiert: Die Regeln werden geändert. Etwa die Trennung zwischen Kirche und Staat in der Verfas­sung: Sie war seit den Grün­der­vä­tern sehr stark, und löst sich zunehmend auf. Die Rolle des Wählers in der Demo­kratie: Sehr viele Abge­ord­nete reprä­sen­tieren heute die Verbände, Orga­ni­sa­tionen und Unter­nehmen, die ihren Wahlkampf unter­s­tützt haben, nicht die Menschen, die sie gewählt haben. Die Rolle der Presse: Jour­na­listen machen so viele Kompro­misse gegenüber den Firmen, denen ihre Auftrag­geber gehören. Sie kümmern sich nicht um Wahrheit, sondern um Kassen­er­folg und Umfragen, darum, was populär ist, was die Leute hören wollen. Oder was ihr Boss hören will.
Man inter­es­siert sich nicht mehr für das Allge­meine. Eine zentrale Metapher meines Films sind die Linien, die der Detektiv aufmalt. Sie verbinden verschie­dene Gescheh­nisse, Personen und Orga­ni­sa­tionen. Ich möchte, dass mein Publikum auch in der Lage ist solche Verbin­dungs­li­nien zu ziehen – zwischen Silver City und unserem Land zum Beispiel. Denn vieles, von dem ich hier spreche, hat etwas mit George W. Bush zu tun.

artechock: Die Haupt­figur von Silver City, der Detektiv, den Danny Huston spielt, steht für den ameri­ka­ni­schen Durch­schnitts­men­schen, der allmäh­lich erkennt: Man kann sich nicht zurück­lehnen, und nur passiv sein…

Sayles: Wer wissen will, was in der Welt los ist, muss selbst zum Detektiv werden. Wir Bürger wissen nun: Wir müssen ins Internet gehen, wir müssen Bücher lesen, wir müssen mehr als eine Zeitung lesen. Das gilt für die ganze Welt: Man muss der offi­zi­ellen Darstel­lung gegenüber miss­trau­isch sein – selbst wenn sie von einer Quelle stammt, die wir der „freien Presse“ zurechnen. Die meisten Medien gehören großen Firmen.

Als wir erstmals gegen den Irak-Krieg demons­trierten, gab es im Februar 2003 eine große Demons­tra­tion in New York. Da nahmen viel­leicht 250.000 – 300.000 Leute teil. Das war ein Samstag. Die „New York Times“ hat davon erst am folgenden Mittwoch berichtet. Nachdem sie zig kritische Leser­briefe bekommen hat. Das ist die „New York Times“, das sind »All the news, thats fit to print«.

Nehmen sie diese beste und durchaus liberale, sehr kritische Zeitung für die eine Seite des Spektrums, während das andere Extrem durch „Fox News“ reprä­sen­tiert ist, dann wissen Sie ungefähr, wie gut der Durch­schnitts­bürger infor­miert ist. Intel­li­gente Leute lesen die „New York Times“, der Rest sieht Fox.
Unser Land steckt in richtig großen Schwie­rig­keiten. Das ist die wich­tigste Wahl, die wir je hatten. Wir haben eine Regierung, die an den „preemtive war“, an vorbeu­genden Krieg glaubt. Daran, dass man einen Krieg führen darf, wenn man nur glaubt, man könnte mal einen Gegner haben. Es gibt nicht Gefähr­li­cheres für uns alle, als diese Regierung!

artechock: Wo hört unter diesen Umständen die Demo­kratie auf? Wo fängt die Diktatur an?

Sayles: Nun, alle Demo­kra­tien haben große Probleme. Und Infor­ma­tion und Medien sind eines der größten Probleme für jede Demo­kratie. Wir haben weiterhin das Potential, eine Demo­kratie zu sein. Unsere Geschichte handelt von Menschen, die sich aus eigenem Antrieb entschließen, eine Demo­kratie zu sein, und dann immer wieder Demo­kratie neu defi­nieren.
In der ursprüng­li­chen Verfas­sung steht: alle weißen Männer dürfen wählen. Das steht in der Verfas­sung, aber das haben wir abge­schafft, und die Verfas­sung entspre­chend moder­ni­siert. Demo­kratie bedeutet dieses ständige Moder­ni­sieren und Neude­fi­nieren der Verfas­sung. Es ist ein Prozeß, eine Bewegung. Manchmal bewegen wir uns in Richtung zu mehr Demo­kratie, manchmal in die Gegen­rich­tung. Zur Zeit sicher in die Gegen­rich­tung.

Aber wir leben nicht in einer Diktatur. Wir können diesen Film machen, wie wir wollen, und wir können ihn heraus­bringen. Hollywood ist politisch mehr­heit­lich liberal, aller­dings geben da die Koope­ra­tionen den Ton an. Deswegen versucht man Politik möglichst aus den Filmen heraus­zu­halten, und Fahren­heit 9/11 kommt nur in einem kleinen Verleih heraus. Aber er kommt heraus. Disney sagt nur: Wir wollen selbst keinem auf die Füße treten.
Umgekehrt glaube ich nicht, dass wir bisher je irgendwo eine perfekte Demo­kratie erreicht haben. Aber wir glauben an sie, und wir kämpfen dafür. Und wie sie sehen können, wenn sie ins Internet gucken: Es gibt starken Druck von Leuten, die mehr Demo­kratie wollen.

artechock: Ihr Film ist trotzdem etwas pessi­mis­ti­scher. Der Gute siegt nicht. Der klas­si­sche Western erzählt dagegen vom Triumph des ehrlichen Indi­vi­duums, er entwi­ckelt einen liberalen Heroismus…

Sayles: …meine Filme sind nie sehr heroisch. Sie haben immer sehr viele Figuren. Einige von ihnen können zwischen­durch mal etwas Heroi­sches tun, aber dann wieder nicht.
Am Beginn ist der Ton von Silver City fast parodis­tisch, jeden­falls sehr heiter und ironisch. Nehmen sie die Haupt­figur, Danny-Hustons-Charakter. Er ist der schlech­teste Detektiv der Welt. Er vernach­läs­sigt seinen Job. Aber am Ende nimmt er ihn ernst, da hat er sein mora­li­sches Gespür zurück­ge­wonnen. Er hat begriffen, dass er nicht mehr zynisch sein kann. Er ist wütend über das, was er heraus­ge­funden hat.

Und das andere Positive: Die Wahrheit wird immerhin aufge­deckt. Ob das was nützt, bleibt offen, aber immerhin.
Aber diese heroische Idee: Ein Einzelner kann gegen das Böse kämpfen, und er kann sogar siegen, die ist eher ein Problem unserer ameri­ka­ni­schen Gesell­schaft.
Meine Filme sagen meistens eher: Du kannst das Böse nicht allein schlagen, also tut euch zusammen, oder versucht wenigs­tens, das Problem zu begreifen. Die Idee des einzelnen Helden, allein gegen alle, die Ronald Reagan als Politiker gespielt hat, und die auch Kerry manchmal aufgreift, wenn es um seinen Mili­tär­dienst geht, ist überholt.

Was Bush angeht, wenn er sich in Pilo­ten­uni­form auf den Flug­zeug­träger stellt, dann glaube ich, dass er das aus dem Film Inde­pen­dence Day geklaut hat. Er glaubt, er ist der Typ aus dem Film, der gegen die Aliens kämpft, während die USA in Trümmern liegen.
Das andere Problem ist Enter­tain­ment. Als ich ein Kind war, war die „News Hour“ eine Stunde Nach­richten. Heute ist es eine Stunde minus 20 Minuten Enter­tain­ment: Promis, Stars, Musik, Film. Hinzu kommt die Idee des „Enter­tain­ment-News“. Da sieht man dann zwei Typen, die sich gegen­seitig anschreien. Das kommt einem vor wie eine Variante des Freistil-Catchens.

Auf die aktuelle Lage bezogen, wo es nur noch darum geht, wer die Wahl gewinnt, und die Welt­ge­schichte am Morgen des 3. November zuende ist, denke ich aber auch, dass man über den Teller­rand dieser kommenden Wahl in jedem Fall hinaus­bli­cken muss. Auf den Einfluß der großen Koope­ra­tionen, die ganze Regie­rungen kaufen, und die Macht des Volkes verkaufen, auch ihre Rechte, ihre Güter.

artechock: Ihre Filme sind ameri­ka­ni­sche Heimat­filme – der anderen Art. Sie zeigen immer ein sehr präzises Bild sehr bestimmter ameri­ka­ni­scher Land­schaften und Orte. Sie drehen sozusagen Bundes­staaten-Filme. Lone Star handelte von Texas, Limbo von Alaska, Rumble Fish von Louisiana, Sunshine State von Florida. Silver City ist Ihr Colorado-Film. Können Sie Ihre Heran­ge­hens­weise genauer beschreiben?

Sayles: Was mich an diesen verschie­denen Land­schaften und Orten vor allem inter­es­siert: Sie sind zwei­ge­teilt. Sie haben eine reale, physische Seite, und eine imaginäre Seite. Die imaginäre ist mindes­tens so stark, eher stärker. Diese Mythen gehen dann auch unter­ein­ander Bezie­hungen ein, vers­tärken und verändern sich wiederum selber.

Bei Silver City ging es nun offen­kundig um die Mythen des Westens. Nehmen Sie zum Beispiel die berühmten Western-Filme von Anthony Mann: da gibt es immer wieder diese Idee „des Westens“. Diese enthält immer auch implizit eine bestimmte Vorstel­lung von Indi­vi­dua­lismus, die ein sehr sehr starker Bestand­teil der ameri­ka­ni­schen Kultur ist: Der einsame Mann, der in die Stadt kommt; und die Stadt versteht ihn nicht richtig, und die Bad Guys sind hinter ihm her, und er bekommt nicht wirklich Hilfe von anderen. Und er löst jeder­manns Probleme und dann reitet er allein wieder weg. Dieses Muster wurde in Hunderten von Western variiert. Es gibt linke und rechte Western, linke und rechte Billy-the-Kid-Filme, usw.

Was mich besonders am Bundes­staat Colorado inter­es­sierte, ist, dass die Menta­lität dort, das Selbst­bild, weiterhin das eines Ortes ist, wo Rinder­zucht und Bergbau betrieben wird: »Wir ziehen das Vieh groß, pflegen es und verkaufen es dann. Wir graben uns tiefer und tiefer in die Erde hinein, und bringen dann Gold und Silber nach Hause.« – aber weniger zwei Prozent des Wirt­schaft­pro­dukts von Colorado basiert tatsäch­lich auf Rinder­zucht oder Bergbau! [Lacht] Das hat nichts mit der Wirk­lich­keit zu tun, ein Mythos!
Eigent­lich verdient man dort das Geld mit Tele­kom­mu­ni­ka­tion, Immo­bi­li­en­handel und Braue­reien. Ein Charakter wie die Kris-Kris­tof­ferson-Figur zieht sich weiterhin wie ein Cowboy an, aber er ist, wenn es ums Geld­ver­dienen geht, genau so gerissen und mit allem Wassern gewaschen, wie jeder Firmen­boss und CEO an der Ostküste.

Was mich an diesem Teil des Westens auch inter­es­sierte, und was essen­tiell für Silver City war, ist, dass viele Leute hier­her­ziehen, weil es so schön ist, wegen der Berge und Seen und Flüsse. Aber zum Erbe des Bergbaus gehört auch, dass es 15 Meilen von Denver entfernt es eine riesige Masse Giftmüll gibt, der dort einfach abgeladen wurde – knapp unter der Erde. Manches liegt sogar auf der Erde.

Für mich ist das die Aufgabe eines Detektivs: Unter die glänzende Ober­fläche der Dinge zu sehen. Nehmen Sie die klas­si­schen Geschichten, die Raymond Chandler für Hollywood schrieb. Sie handeln immer von der glän­zenden Ober­fläche, dem Schein, und der dunkleren Seite, die darunter liegt. Eben weil ich wollte, dass Silver City wie eine Detektiv-Story im Stil von Chinatown funk­tio­niert, gibt es auch im Film diese Spannung zwischen der wunder­schönen Natur, ange­sichts derer jeder ausruft: »Oh mein Gott, da sind die wunder­baren Colorado-Mountains« – aber wenn man drunter schaut, dann sieht man giftigen Müll.

artechock: Sie mögen bekannt­lich Mexiko sehr gern, in vielen Ihrer Filme geht es um Hispanics, auch hier kommen Mexikaner vor, in diesem Fall ist einer der „Bad Guys“ ein Mexikaner…

Sayles: Meine Filme haben oft mit Mexi­ka­nern zu tun, weil ihre Kultur ein Teil der Verei­nigten Staaten sind. Ein gutes Drittel des US-Terri­to­riums gehörte früher lange Zeit zu Mexiko. Man hat einfach eine neue Grenze gezogen, viele Mexikaner wurden US-Bürger. In den letzten Jahr­zehnten gab es das, was einige die „Recon­quista“ [Rück­er­obe­rung, analog zur spani­schen recon­quista des Mittel­al­ters] nennen: eine Menge Mexikaner wanderten in die USA ein, und besie­delten die südlichen Gebiete. Das ist ein langer, schwie­riger Prozeß.

artechock: Viele US-Filme­ma­cher inter­es­sieren sich für die Hispanos in den USA. Aber die meisten entwerfen ein ziemlich folk­lo­ris­ti­sches Bild – sie nicht. Ihr Bild der Hispanos ist ehrlicher…

Sayles: Zunächst geht es einmal darum, ob man sich dafür inter­es­siert, wer die Leute wirklich sind, oder ob man nur ein exoti­sches Interesse hat, in der Art: Ah, das sind die Leute, die Mariachi spielen, oder die Salsa tanzen. Seit dem Auftritt von Afonso Bedoja in John Hustons Der Schatz der Sierra Madre muss jeder mexi­ka­ni­sche Bandit in einem US-Film viel grinsen, lachen und sonderbar-verrückte Dinge tun. Das ist zum Klischee eines Latino geworden.

Ich kenne viele Hispanos, und weiß, wie verschieden sie sind. In Miami zum Beispiel leben längst nicht nur Kubaner. Dort gibt es Leute aus El Salvador, aus Puerto Rico, aus Mexiko.
In Los Angeles gibt es zwar ein klares Über­ge­wicht der Mexikaner, aber es kommt sehr darauf an, aus welchem Teil in Mexiko sie kommen. Die Leute tendieren dazu, in eine Gegend zu ziehen, wo man den gleichen Akzent spricht, den gleichen Geschmack hat. Für mich ist das wichtige nicht zu sagen: Das sind Latinos. Sondern: Was für Latinos sind es? Darum zeige ich Leute, die schon lange in den USA leben, und illegale Saison­ar­beiter, und welche, die irgendwo dazwi­schen stehen, in ihren unter­schied­li­chen Verhal­tens­weisen und Iden­ti­fi­ka­tionen.

Fast alle Ameri­kaner sind Emigranten. Meine Vorfahren kamen um 1900 nach Amerika. Mich inter­es­siert, wie Assi­mi­la­tion funk­tio­niert. Wann hört man auf zu denken: »Ich bin in einem fremden Land.« und beginnt zu sagen: »Das ist meine Heimat.«? Oder passiert das erst bei den Kindern, die im Land geboren werden?
Einwan­de­rung ist für uns Ameri­kaner ein großes Thema. Unsere gesamte Wirt­schaft ist von Einwan­de­rung und von illegalen Arbeitern abhängig. Erst wenn wir beginnen, uns einzu­ge­stehen, dass illegale Arbeiter das Fundament unserer Wirt­schaft sind, jeden­falls eines wichtigen Teils, können wir beginnen, unsere Wirt­schafts­pro­bleme zu lösen.
Sicher können wir nicht über Arbeits­be­din­gungen und die Rolle der Gewerk­schaften sprechen, bevor wir nicht zugeben, dass wir uns die Dinge, die wir uns leisten, zum Teil nur leisten können, weil wir Nied­riglöhne an Illegale zahlen.

artechock: In letzter Zeit ist die grund­sätz­liche Offenheit gegenüber Einwan­de­rern ja wieder­holt in Frage gestellt worden, gerade in Bezug auf die Latinos. Samuel Huntington, der Autor der berühmten „Clash of Civi­li­sa­tions“-These warnt in seinem neuesten Buch vor dem wach­senden Einfluß der Hispano-Kultur. Sie werde, behauptet er, die USA essen­tiell verändern – im Gegensatz zu früheren Einwan­de­rer­wellen…

Sayles: Das ist alles eine riesige Heuchelei. Wir geben Unsummen für Grenz­truppen aus, für Patrouillen, die nachts durch die Wüste streifen, um alle aufzu­greifen, die im Süden über den Zaun klettern. Aber in dem Moment, wo sie im Land sind, hängen wir von ihnen ab: Die Restau­rant-Industrie, die Bau-Industrie, die Land­wirt­schaft könnten ohne diese Leute gar nicht exis­tieren.
Meiner Meinung nach ist das nur ein Trick der Besit­zenden, um das Mindest-Einkommen künstlich niedrig zu halten. Denn nur dann kann man sagen: Wir haben genug Leute, die für weniger Geld arbeiten, oder ohne Über­stunden-Zahlungen oder was auch immer.
Also: Es ist eine große Lüge zu behaupten, die Hispanics würden Amerika schaden. Was wahr ist: es gibt einige, die hätten gerne, dass die Hispanics nie das Bürger­recht bekämen. Dass man ihnen kaum etwas bezahlen muss, ihre Arbeits­kraft ausbeuten kann, und sie dann wieder nach Hause schickt. Und sich um keinerlei Gesund­heits­ver­sor­gung oder Ausbil­dung kümmern muss.

artechock: Wird sich die US-Einwan­de­rungs­po­litik zum Schlech­teren verändern, wird man die Grenzen noch dichter ziehen?

Sayles: Nein, was gerade passiert, ist dass immer mehr Menschen mit Latino-Abstam­mung öffent­liche Ämter über­nehmen. Wo immer sie in den USA hingehen: Sie hören überall Spanisch. Es ist eine US-Mutter­sprache. Das ist ein Teil unserer Kultur geworden. Vor allem hört man oft „Spanglish“. Es wird immer schwie­riger, die Hispanics zu miss­achten. Das ist ein evolu­ti­onärer Prozeß. Zur Zeit gibt es so viele Lügen – die angeb­li­chen Bedro­hungen durch Terro­risten sind ein beliebter Vorwand für alle möglichen Verschär­fungen der Einwan­de­rungs­ge­setze.

artechock: Sie müssen gezwun­ge­ner­maßen sehr billig produ­zieren. Wie haben Sie es geschafft, derart viele bekannte Leute zur Zusam­men­ar­beit zu bewegen: Richard Dreyfus, Darryl Hannah, Kris Kris­tof­ferson aber auch hinter der Kamera Haskell Wexler?

Sayles: Wexler hat bereits einen der großen Polit­filme Amerikas gemacht: Medium Cool, der 1969 heraus­ge­kommen ist. Da gab es auch einige doku­men­ta­ri­sche Elemente. Er hat im Prinzip einen Fiction-Film an einem öffent­li­chen, doku­men­ta­risch inter­es­santen Ort gedreht – dem Wahl­kon­vent der Demo­kra­ti­schen Partei 1968. Irgend­wann hat die Polizei ange­fangen, auf die Leute mit Knüppeln loszu­gehen und mit Tränengas zu schießen. Wexler hat das dann einfach aufge­nommen und zu einem Teil des Film gemacht.
Das ist der vierte Film, den ich mit ihm gemacht habe. Ich denke, er sucht einfach nach guten Geschichten. Es ist keine Frage, dass es für ihn sehr schwierig ist, unter den Bedin­gungen zu arbeiten, unter denen ich zwangs­läufig arbeiten muss: Wirb hatten nur sechs Wochen – das ist sehr wenig für einen so anspruchs­vollen Film. Aber sein Talent, in so kurzer Zeit so viel aus den Möglich­keiten zu machen – aufgrund seiner Erfahrung – ist unglaub­lich.

Was die Darsteller angeht: Ich denke in den letzten 15 Jahren ist es für Schau­spieler nicht nur akzep­tabel geworden, in einem small-budget-Film mitzu­spielen – die Agenten reißen sich geradezu darum. Denn es sind oft die besseren Rollen.
Man kann zwar in Hollywood mehr Geld machen, aber die Rollen tendieren dazu, sehr einseitig zu sein. Besonders, wenn man über 40 ist. Und manchmal nervt es einen, immer das Gleiche spielen zu sollen. In Inde­pen­dent-Filmen kann man mal etwas anderes machen, abseits der Klischees. Und seine Möglich­keiten erweitern. Wie Charlize Theron das in Monster gemacht hat, und den Oscar gewann. Sie hätte niemals einen solchen Part von Hollywood angeboten bekommen.

artechock: Fühlen Sie sich als der Anarchist des US-Kinos?

Sayles: Nein, das nicht. Aber ich bin in der Lage, abseits von Hollywood Filme zu machen. Ich kann die Geschichte erzählen, die ich erzählen will. Das ist nicht der leichte Weg, aber es ist möglich.
In Hollywood zu arbeiten, ist dagegen mehr wie Produkt­de­sign. Man denkt an das, was das Publikum vermeint­lich will, nicht an das, was man selber erzählen will. Sondern an das, was verkäuf­lich ist. Zuviele Leute reden mit. Und sie fragen: Was wird die Mode dieses Sommers? Und fast immer lügt man über irgend­etwas, um es populärer zu machen.
Ich mache das Gegenteil. Und dann wird der Film kompli­zierter. Ich bin ganz sicher, dass die größte Differenz meiner Filme zu Main­stream-Filmen nicht der ist, dass sie poli­ti­scher sind, sondern ihre Komple­xität. Dass sie eine Welt zeigen, die nicht nur aus Gut und Böse besteht.

artechock: Sie werden oft als Inde­pen­dent-Regisseur bezeichnet. Der Ausdruck „Inde­pen­dent“ hat etwas Virtu­elles – es ist unklar, was das überhaupt bedeutet. Was heißt das für sie?

Sayles: Für mich ist es eine bestimmte Haltung. Es gibt darum auch bestimmte Regis­seure, die innerhalb des Studio­sys­tems ihre Unab­hän­gig­keit bewahrt haben: Martin Scorsese, Spike Lee, die Coen-Brüder, Oliver Stone…

artechock: Ich finde Ihre Filme auch bei allem Ernst oft durchaus humorvoll. Ich würde Silver City als Polit-Satire bezeichnen. Wie wichtig sind Ihnen Satire und Ironie?

Sayles: Von den Filmen, die ich bei der Arbeit an Silver City im Kopf hatte, war wohl der wich­tigste Dr. Stran­gelove (Dr. Seltsam, oder Wie ich lernte, die Bombe zu lieben) von Stanley Kubrick. Einer­seits ein sehr witziger Film, aber sehr dunkel und depressiv auf der anderen Seite. So ähnlich muss man auch Silver City sehen: Der Film beginnt als Parodie und Satire, den Gouver­neurs-Kandi­daten kann man genauso wenig ernst nehmen, wie den Privat­de­tektiv, der von Danny Huston gespielt wird. Der stolpert so durch die Gegend und ist so ziemlich der schlech­teste Detektiv der Welt. Aber je länger der Film weiter­geht, um so ernster muss man auch die Figuren nehmen: Der Kandidat wird wirklich gefähr­lich. Und auch Danny Hustons Charakter gewinnt an Gewicht. Er findet sich wieder, seinen Sinn für Moral, den er verloren hatte
Ironie ist eine Weise, etwas zu präsen­tieren. Das Besondere an Ironie ist, dass hinter dem Witz der Punkt kommt, an dem etwas nicht mehr lustig ist.