Lieber einen Cockpit designen als einen Satelliten |
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| (Foto: HFF München · Taç Romey) | ||
»Lieber einen Cockpit designen als einen Satelliten«: Das Zitat ist von einer Bekannten, die Luft- und Raumfahrttechnik studiert. Vielleicht ist es auch gar nicht von ihr, sondern etwas, was in vielen Spinds überall in der Welt hängt. Dann ist es aber umso passender, denn es beschreibt ganz gut, was wohl einige Menschen in Bezug auf KI denken.
Aber was »denkt« die KI darüber? Ich sollte sie danach fragen, wie in so einigen Metatexten über und eben auch mit der KI, weil es natürlich nett ist, das Thema mit dem Betroffenen selber zu besprechen. Ich glaube aber nicht, dass die KI betroffen ist, sondern nur wir Menschen. Deshalb habe ich mir einen menschlichen Gesprächspartner gesucht: Taç Romey, frischgebackener Professor für den neuen Masterstudiengang: »Serial Storytelling: Created by AI & I«, der im kommenden Wintersemester an der Hochschule für Fernsehen und Film startet und den ich im 1. Teil »Kino-Abo und KI« erwähne, worauf er zu Beginn unseres Gesprächs Bezug nimmt.
Das Gespräch führte Nora Moschuering
Taç Romey: Was ist Originalität? Dabei kommt es auf den Blickwinkel von Künstlerinnen und Künstlern an, die die Themen neu erkennen und neu zusammenfassen. Das finde ich an deinem Artikel eben besonders, weil er zwei unterschiedliche Dinge zusammennimmt, die so noch gar nicht aneinandergereiht waren. Du hast deine Gedanken, deinen Blick auf die Welt, zu einem neuen eigenen Werk gemacht. Das fand ich spannend daran. Das ist nämlich auch das, was ich in meiner Lehre mache: diesen besonderen Blick zu fördern und etwas Neues daraus zu machen. Die leicht kritische Note habe ich aber mitbekommen.
Nora Moschüring: Das ist mir eher so passiert, dass sich die beiden Themen gefunden haben: Kino und KI. Ich habe mich davor eine Zeitlang viel mit Robotern beschäftigt, jetzt ist es aber immer mehr weggedriftet vom Körper zum Körperlosen. Ich interessiere mich sehr dafür und lese viel dazu. Über Autorenschaft und Kreativität geht es ja oft, aber ich wollte mal schauen, was das für Menschen bedeutet, die ins Kino gehen, mit ihrem Körper in diesen Raum gehen und das schon seit Jahren. Ich weiß, man muss nicht ins Kino gehen. Ich gehe zwar, schaue aber auch viele Filme woanders.
Taç Romey: Also, ich muss dir widersprechen: Man muss ins Kino gehen! Der Moment – wie im Theater –, wenn der Vorhang hochgeht oder wenn das Licht ausgeht und all diese Sachen. Das macht was mit einem. Ich war jetzt letztens in „Der Astronaut“ und die haben eine Pause im Film gemacht. Ich fand das auf der einen Seite eigenartig, auf der anderen Seite hat es mich zurückerinnert an die Zeit, als ich kleiner war. Und dann war es in dem Kino aber auch so, dass du erst einmal durch eine Art Supermarkt mit einer Riesenauswahl an Essen und Trinken musstest, wie ein Museumsshop, der größer ist als das Museum, und wahrscheinlich machen sie eine Pause, damit du wieder runtergehst und konsumierst. Das ist dann eher einer der Gründe, warum ich weniger ins Kino gehe. Manchmal stört es mich auch, wenn neben mir jemand die ganze Zeit Popcorn oder Nachos isst. Aber eigentlich gehe ich sehr, sehr gerne ins Kino. Ich bin zum Beispiel fast mein ganzes Leben lang Sonntagabends ins Kino gegangen. Jetzt gehe ich manchmal extra in die Spätvorstellung, weil ich dann eine bestimmte Gruppe von Menschen treffe, die weniger Nachos essen.
Nora Moschüring: Der Astronaut ist für mich auch ein Beispiel für: »Braucht die große Leinwand«. Ich hatte den gar nicht auf dem Schirm, ich hab mir gedacht: Na, sind zwei gute Schauspieler:innen dabei und es spielt zum Teil im Weltraum. Schau ich mir mal an. Ich fand ihn dann sehr schwerelos, die Bilder, die Raumschiffe, wie sie und die beiden Wesen so umeinander herumschweben im Nichts und sie in digital konstruierten Welten leben. Obwohl die Erzählung eher »klein« ist, eigentlich eine kleine Freundschaftserzählung.
Taç Romey: Wenn man überlegt, da war eigentlich nicht viel Originelles dabei. Da gibt es z. B. Arrival, in dem Aliens auf die Welt kommen und die Menschen versuchen, die Sprache zu identifizieren. Der Astronaut benutzt so viele Elemente, die bereits existieren, und hat sie zusammengewürfelt und dann als Original präsentiert. Ich habe nichts dagegen, weil ich glaube, Kreativität kommt aus dem, wie wir Menschen Sachen, die wir erleben, sehen und spüren, interpretieren und wieder zusammenfügen. Sie kommt aus einem erzählerischen Bedürfnis heraus und der Bedeutung, die wir dem geben. Originalität entsteht also aus dem Zusammenschluss von unwahrscheinlich vielen Dingen.
Nora Moschüring: Alles, was du gerade beschreibst, ist doch per se menschlich und bedeutet, dass du einen Menschen hinter einem Text oder Film brauchst, einen Menschen mit Erfahrungen, mit angelesenem Wissen, mit Leid und Freude und Ebenen, die ihm vielleicht selber gar nicht bewusst sind. Und jetzt kommt die KI.
Wie sieht denn diese Zusammenarbeit im neuen Studiengang aus?
Taç Romey: Mit der KI hast du eine weitere Entity im Writers` Room, die dir dabei hilft, deine Gedanken noch mal zu mischen. Mischen ist ja das, was Originalität ist. Ein Mensch ist auch ein Unikat, aber er basiert ja trotzdem auf der Idee oder den Genen von Zweien und jetzt verbindet er sich mit der KI. Aber was viele nicht verstehen, ist, dass die KI eigentlich ein Spiegel ist. Sie ist immer nur so gut, wie du bist, und je besser du in
deinem Handwerk bist, umso besser kannst du mit der KI arbeiten. Du entscheidest, was wichtig ist. Du weißt, wann du abspringen musst.
Die Menschen, die sich beworben haben, und die, die wir genommen haben, sind alles Geschichtenerzähler. Oft haben sie sich mit Projekten beworben, die aufgrund der Kosten und der experimentellen Art gerade niemanden finden würden, der sie produziert. Gerade können sie auch mit der KI noch nicht alles umsetzen, was sie da vorgeschlagen haben, aber sie
können schon Geschichten erzählen, die man vorher nicht erzählen konnte.
Nora Moschüring: Mussten sie für die Bewerbung mit KI arbeiten?
Taç Romey: Sie mussten als Bewerbungsaufgabe ein Serienkonzept entwickeln. Wenn sie das mit der KI gemacht haben, sollten sie es offenlegen und auch beschreiben, wie sie sie genutzt haben. Dann mussten sie einzelne Episoden beschreiben und einen kurzen Clip zum Konzept anfügen, mit max. 3 Minuten Länge und mit unterschiedlichen Kameraeinstellungen. Dann gab es noch ein dreitägiges Aufnahmeverfahren an der HFF.
Nora Moschüring: Welche Hintergründe haben sie?
Taç Romey: Sie haben alle sehr unterschiedliche Hintergründe. Meistens natürlich einen Bachelor oder einen anderen Abschluss, einige sind auch schon im Beruf. Die haben dann gemerkt: ich bin eher ein Geschichtenerzähler.
Nora Moschüring: Ja, ich glaube, das kann wirklich eine Zeit dauern, gerade wenn es um Kunst geht, bis man das entdeckt oder sich vielleicht auch zutraut. Das ist spannend, weil die dann ja auch noch mal andere Erfahrungen mitbringen, die für sie selber, aber auch für die anderen bereichernd sind.
Taç Romey: Alle bringen auch Themen mit Relevanz und Bedeutung mit. Also es ging nicht um die Technik, sondern wirklich um dieses reflektierte Arbeiten an Themen, bei denen man sagt, dass sie dafür brennen. Wir haben außerdem darauf geachtet: Sind das Geschichtenerzähler, die mit der KI als Tool besser werden können?
Nora Moschüring: Und warum haben sie sich dafür beworben und nicht für was Klassisches, z. B. Drehbuch? Was unterscheidet euch davon?
Taç Romey: Ich kann nur das wiedergeben, was mir zurückgespiegelt worden ist, aus ihren Texten und aus den Gesprächen mit ihnen. Es geht um die Innovationskraft, die in der KI steckt, und darum, dass mit ihr vielleicht sogar eine neue Kunstform möglich ist. Sie sind außerdem risikobereit und lassen sich auf einen Studiengang ein, der sich noch nicht bewiesen hat. Und sie sind experimentierfreudig. Aber sie sind der Technologie
gegenüber teilweise auch kritisch und haben trotzdem gesagt, sie haben Lust darauf, etwas zu machen, was noch keiner vorher gemacht hat. Es schwingt also auch ein Pionier-Gedanke mit.
Aber die Ausbildung ist auch sehr umfassend, es geht nicht nur darum, KI-Filme zu schreiben und zu erstellen, es geht ja auch um Management, Executive Producing, Timemanagement. Es werden ihnen Leute an die Seite gestellt und sie lernen, wie man zusammenarbeitet und ein Team leitet. Sie haben
dokumentarisches Erzählen, Themen aus der Medienwissenschaft, sie lernen aristotelisches Erzählen, aber auch prädiktiv (predictive) zu arbeiten. Wie kann ich z. B. meine Geschichte so erzählen, dass ich sie gegebenenfalls schon auf sozialen Medien testen kann? Also das gesamte Paket ist so zusammengestellt, dass die Studierenden, wenn sie Lust drauf haben, mit einem kleinen Team ihre Vision gleich umsetzen können. Sie können aber auch ganz klassisch arbeiten, z. B.
Showrunner werden.
Nora Moschüring: Das klingt wirklich sehr breit aufgestellt. Es geht also nicht »nur« darum, eine Idee zu entwickeln und schriftlich auszuarbeiten, sondern auch darum, zu produzieren, also den Film umzusetzen? Also ist Schrift nicht euer einziges Medium?
Taç Romey: Nein, ist es nicht. Alles ändert sich gerade so rasend schnell. Es gibt zahlreiche Festivals, die aus dem Boden schießen und sich mit KI beschäftigen. Auf Social Media stellen KI-Künstler:innen aus. Einer unserer Gastdozenten hat 44 Millionen Follower und er hat komplett KI-generierten Content. So was ist auch möglich. Das ist dann nicht fürs Kino, Fernsehen oder für Streamer, das ist nur für Social Media. Es wird ja heute an so vielen verschiedenen Orten erzählt. Da entstehen neue Inhalte und damit neue Chancen. Ein ganz großes Thema sind gerade Mikrodramen, dafür ist die KI prädestiniert. Ich selbst versuche auf der Höhe der Zeit zu bleiben, sehe und beobachte, was sich verändert. Obwohl ich das mit der KI eigentlich lange nicht machen wollte.
Nora Moschüring: Das wollte ich auch fragen, wie du dazu stehst? Ist es der Pionier-Gedanke, der dich antreibt? Du kommst vom Schreiben und vielleicht hängst du auch an dem Begriff der Autorenschaft? Ich selber frage mich ja auch: Die Zeiten ändern sich und wie gehe ich jetzt damit um? Ich schreibe Artikel für Artechock, wie lange noch? Dort habe ich ja auch geschrieben, dass ich diesen – ja immerhin ersten Masterstudiengang der HFF –, einerseits verstehe, er mich auf der anderen Seite besorgt. Man hätte sich ja auch für was anderes entscheiden können.
Taç Romey: Das sind ja jetzt mehrere Fragen. Ich kann dir mal erzählen, wie wir dahin gekommen sind. Ich hab geschrieben und vor vier Jahren etwa hat mir ein anderer Autor eine Szene gezeigt, die er mit der KI geschrieben hat. Und die war lustig. Damals war das Wort »Prompting« noch nicht so sehr in aller Munde. Und da wusste ich: Okay, da passiert was und wir müssen uns damit auseinandersetzen, ob ich will oder nicht. Dann habe ich das
HFF-Studierenden vorgestellt und sie haben gefragt wie wir das gemacht haben. Sie waren neugierig und wir haben es ihnen gezeigt. Ich habe schließlich eine ganze Workshop-Reihe dazu gemacht.
Außerdem war ich bei fast allen Sendern, Streamern und Produktionshäusern und habe dadurch auch gesehen, was die schon alles mit KI planen. Ich wollte ursprünglich etwas leicht anderes machen, hatte dort aber auch schon die KI verankert. Ich habe in den letzten Jahren aber mehr und mehr
festgestellt: Okay, wir bewegen uns in ein neues Zeitalter und, wenn die KI so weiterläuft, dann wird sich unser fiktionales Erzählen verändern. Und dann dachte ich, dass wir das als Filmhochschule unbedingt mitnehmen müssen. Damit sind wir weltweit eine der ersten.
Nora Moschüring: An der HFF gibt es auch den Lehrstuhl »KI in der Medienproduktion«. Arbeitet ihr miteinander und wenn wie?
Taç Romey: Wir arbeiten alle miteinander. Die Masterstudierenden werden in allen Abteilungen unterrichtet: im KI-Lehrstuhl, im Drehbuchbereich, beim fiktionalen und dokumentarischen Film. Wir werden auch ganz klassische Dramaturgiekenntnisse vermitteln: wie schreibt man eine Szene und vieles mehr. Ich bin jemand, der sagt, ihr müsst Dramaturgie beherrschen und ihr müsst eine eigene Stimme haben. Dabei kann euch die KI nur unterstützen. Dafür gibt es breite Unterstützung von den Kolleg:innen, aber auch sehr kritische Stimmen und das auch zu Recht.
Nora Moschüring: Ich bin auch kritisch und sehr ambivalent. Einerseits habe ich das Gefühl: Wie spannend! Ich bin verblüfft. Dann wieder würde ich mir wünschen, dass die KI dem Menschen an anderer Stelle Arbeit abnähme und nicht ausgerechnet in Themenbereichen, bei denen uns Hollywood seit Jahrzehnten sagt, dass sie zutiefst menschlich sind: der Tod, die Liebe, die Kreativität und Kunst.
Wie sieht es denn bei euch mit dem Datenschutz aus? Wo landet das, was ihr macht? Ist es geschützt? Denn sobald man z. B. mit ChatGPT etwas macht, dann bekommt es ja immer mehr Informationen, die dann dazu führen könnten, dass die KI auch Kreativität »lernt«. Und dann braucht sie uns irgendwann auch nicht mehr zum Serienentwickeln. Glaubst du nicht, dass es dazu kommen kann?
Taç Romey: Angst habe ich nicht, viele Sachen, die wir im Fernsehen sehen, sind schon seit Jahrzehnten generisch. Und was sind die ausbrechenden Formate gewesen? Das sind »Baby Reindeer« gewesen, das wird eine KI niemals schreiben können. Oder »Adolescence«. Aber man kann sie mit KI entwickeln, wenn man möchte, wenn man gut genug ist. Diese Sachen, die wirklich guten Sachen, werden weiterhin von Menschen sein. Und wir werden den Unterschied
auch weiter sehen. Davon bin ich überzeugt und da mach ich mir wenig Sorgen.
Aber eine Sache, da müssen wir uns alle an die Nase fassen: Wir alle reden davon, dass Fliegen schlecht ist. Wir wissen es und wir fliegen trotzdem in den Urlaub. Und wie viele Leute haben in den letzten 20 Jahren Bilder von Pinterest genommen, um ihre Konzepte zu prävisualisieren, oder haben Werke im Internet gelesen, wofür sie nichts bezahlt haben? D. h., wir müssen da auch alle ein Stück weit ehrlich sein:
Haben wir nicht immer schon das Internet genutzt, um Informationen zu bekommen, ohne die Künstler zu bezahlen?
Und wir müssen überlegen, was passiert in einer Gesellschaft, wenn künstlerische, freiheitliche Gedanken nicht mehr für Trainingszwecke genutzt werden? Dann bleibt nur noch eine Seite, die die KI mit Inhalten bestückt, und keine Vielfalt. D. h. wir stehen vor einem Riesen-Dilemma. Auf der einen Seite sagen wir: Ich möchte für das bezahlt werden, was ich gemacht habe. Und
damit hat man 100 % Recht. Auf der anderen Seite, wenn ich meine Inhalte, meine Kunst, wenn ich diese Gedanken nicht mehr für Trainingszwecken zur Verfügung stelle, dann unterhalte ich mich irgendwann ohne den Freigeist, den künstlerischen Gedanken. Wir müssen das politisch debattieren! Wir müssen uns überlegen, wie man damit umgeht! Für das alles muss ein Bewusstsein entwickelt werden.
Und dann gibt es noch ein Problem: Weißt du, wie viele Datenzentren (Rechenzentren) gebaut
worden sind und wie viel Energie es kostet, wenn ich etwas streame?
Außerdem zeigt mir Google nicht die Wahrheit, sondern die 200 meistgesehenen Artikel. Das heißt, ich muss, wenn ich die KI nutze, auch anders arbeiten.
Das sind alles so Themen, die wir auch als Lehrinhalte vermitteln wollen.
Nora Moschüring: Total wichtig: Woher speist sich das »Wissen« der KI? Worauf basiert das? Wer ist da eigentlich im Internet? Wer macht diese Daten und zu was für rassistischen und sexistischen Stereotypen führt das schon jetzt?
Aber die HFF ist eine staatliche Hochschule. Mit was arbeitet ihr da? Und auf welchem Server liegt es dann?
Taç Romey: Egal, was für ein KI-Programm du benutzt, deine Daten werden verarbeitet. Wenn du deine Google-History löschst, ist sie nicht gelöscht. Das heißt, im Grunde genommen ist diese ganze Sache mit Servern problematisch, denn sobald du ein bestimmtes Programm benutzt, auch unser Gespräch hier, dann liegt etwas auf einem Server. Wie wir damit umgehen, das ist etwas, das ist noch nicht ganz geklärt.
Im ersten Jahr ist es sowieso ganz
klar erst einmal Ausbildung: z. B. Dramaturgie. Dann geht es weiter mit Executive Producing, Writers’ Room-Structure. Parallel werden wir den Markt beobachten und schauen, ob z. B. Mistral gut für uns ist, das einzig europäische Modell. Wir schauen welche Bildmodelle rauskommen. Wir beobachten das sehr genau.
Lizenzen müssen wir den Studierenden natürlich zur Verfügung stellen und sie bekommen von uns auch Laptops. Wir stellen ihnen einige Programme zur Auswahl und die
Studierenden können sich aussuchen, mit was sie arbeiten wollen.
Das heißt, ich bin gerade mit ganz vielen Leuten im Gespräch, um Drittmittel zu finden, damit die Studierenden ihre Filme umsetzen können. Außerdem suche ich nach Stipendien, um die Studierenden auch finanziell zu unterstützen, weil München so teuer ist. Deswegen ist der Studiengang auch hybrid, damit nicht jeder nach München ziehen muss.
Nora Moschüring: Die Technik-Komponente ist bei euch groß und wie sieht es mit der ethischen Reflexion aus?
Taç Romey: Ethisch bedeutet zum Beispiel: Wie stelle ich eine Frau dar? Die KI kennt Instagram und »weiß«, dass eine Frau schlank ist, lange Haare hat und unten drunter stehen 20 Millionen Likes. Wie arbeite ich da dagegen? Wie stelle ich Menschen anders dar? Und vor allem: Wo ist das menschliche Erzählen drin und eine Art Offenlegung?
Wichtig ist auch die Frage: Was bedeutet KI eigentlich insgesamt für unsere Gesellschaft? Wenn wir
anfangen, Prozesse zu automatisieren, welche Jobs werden als erste wegrationalisiert? Welche Jobs haben mit Dateneingaben oder der Verarbeitung von Daten zu tun? Das sind zum Beispiel Verkäuferinnen, also überwiegend Frauen, die gerade ihre Jobs verlieren. Kommen diese Jobs wieder zurück? Gibt es andere?
Eine wichtige Frage ist auch: Wer verdient eigentlich an der KI? Und was passiert mit einer Gesellschaft, wenn ein paar wenige Leute extrem reich werden?Wie müssen die KI
auch als eine Art Entity, die die Gesellschaft verändern wird, verstehen. Wir müssen die Diskussion darüber eingehen.
Nora Moschüring: Das ist ziemlich komplex, auch wie das alles miteinander zusammenhängt und was auf einer größeren Ebene mit unserer Gesellschaft passiert. Ich habe in meinem Text auch über die Rezipienten geschrieben, also die Zuschauer:innen. Die Frage ist dabei auch: Können da alle mitmachen? Wollen da alle mitmachen? Lässt man alle gleichberechtigt mitmachen, und wie erkennen wir Manipulation?
Taç Romey: Natürlich mache ich mir auch wirklich Sorgen über Fake News und all das Ganze, ich kann die Unterschiede nicht mehr sehen.
Nora Moschüring: Ja, das ist jetzt schon schwierig bis fast unmöglich. Wird die »Autorschaft« der KI bei euch benannt?
Taç Romey: Ja, das werde ich schon einfordern. Aber machen wir uns nichts vor: Was Menschen mit ihren Fähigkeiten im Anschluss machen, auch wenn sie eine ganz klassische Ausbildung hatten, das kann ich nicht kontrollieren. Das ist auch nicht meine Absicht, sondern ich kann Menschen nur schulen und sagen: Wenn du Projekte herstellst, dann musst du verantwortungsvoll damit umgehen.
Das ist ja auch ein Thema für den Unterricht: Was
passiert, wenn ich jetzt von den Studierenden Masterarbeiten einfordere? Muss ich da nicht noch mehr Zeit damit verbringen, zu überprüfen, ob sie von ihnen geschrieben wurden oder von der KI? Wo stehen wir als Ausbilderin und Ausbilder? Wo stehen wir als Gesellschaft, wenn wir nicht mehr wissen, welche Inhalte überhaupt noch echt sind? Der Studiengang soll all diesen Fragen einen Raum bieten.
Nora Moschüring: Es wird wahrscheinlich vermehrt mündliche Prüfungen oder Prüfungen in Anwesenheit geben oder es wird eben mitgeprüft, wie jemand promptet. Und wie vermittelt man das jetzt eigentlich, dieses »Prompten«?
Taç Romey: Das sind Dinge, mit denen ich mich natürlich beschäftige: Ich teste die Grenzen der KI, um zu sehen, was geht eigentlich? Wo stehen wir? Ich erarbeite mir was, probiere es aus, bebildere es mit KI, experimentiere mit Musik. Ich will die Prozesse verstehen und ich habe Spaß dabei.
Und ja, wir sind in einem neuen Zeitalter angelangt. Und wenn die KI diese Entwicklung so weitermacht, dann wird sich was verändern. Was das genau
ist, weiß ich nicht. Ich bin kein Wahrsager, aber ich sehe es auf uns zukommen. Und anstatt mich dem zu verschließen, hab ich irgendwann entschieden, dass ich beibringen will, wie man sie nutzen kann. Ich will sie gleichzeitig aber auch als ein Sprachrohr nutzen, um zu sagen: »Hey, do you know what you’re doing?«