09.07.2026

Lieber einen Cockpit designen als einen Satelliten

Taç Romey
(Foto: HFF München · Taç Romey)

Kino und KI, Teil 2: Interview mit Taç Romey, Professor an der HFF München für »Serial Storytelling: Created by AI & I«

»Lieber einen Cockpit designen als einen Satel­liten«: Das Zitat ist von einer Bekannten, die Luft- und Raum­fahrt­technik studiert. Viel­leicht ist es auch gar nicht von ihr, sondern etwas, was in vielen Spinds überall in der Welt hängt. Dann ist es aber umso passender, denn es beschreibt ganz gut, was wohl einige Menschen in Bezug auf KI denken.

Aber was »denkt« die KI darüber? Ich sollte sie danach fragen, wie in so einigen Meta­texten über und eben auch mit der KI, weil es natürlich nett ist, das Thema mit dem Betrof­fenen selber zu bespre­chen. Ich glaube aber nicht, dass die KI betroffen ist, sondern nur wir Menschen. Deshalb habe ich mir einen mensch­li­chen Gesprächs­partner gesucht: Taç Romey, frisch­ge­ba­ckener Professor für den neuen Master­stu­di­en­gang: »Serial Story­tel­ling: Created by AI & I«, der im kommenden Winter­se­mester an der Hoch­schule für Fernsehen und Film startet und den ich im 1. Teil »Kino-Abo und KI« erwähne, worauf er zu Beginn unseres Gesprächs Bezug nimmt.

Das Gespräch führte Nora Moschue­ring

Taç Romey: Was ist Origi­na­lität? Dabei kommt es auf den Blick­winkel von Künst­le­rinnen und Künstlern an, die die Themen neu erkennen und neu zusam­men­fassen. Das finde ich an deinem Artikel eben besonders, weil er zwei unter­schied­liche Dinge zusam­men­nimmt, die so noch gar nicht anein­an­der­ge­reiht waren. Du hast deine Gedanken, deinen Blick auf die Welt, zu einem neuen eigenen Werk gemacht. Das fand ich spannend daran. Das ist nämlich auch das, was ich in meiner Lehre mache: diesen beson­deren Blick zu fördern und etwas Neues daraus zu machen. Die leicht kritische Note habe ich aber mitbe­kommen.

Nora Moschüring: Das ist mir eher so passiert, dass sich die beiden Themen gefunden haben: Kino und KI. Ich habe mich davor eine Zeitlang viel mit Robotern beschäf­tigt, jetzt ist es aber immer mehr wegge­driftet vom Körper zum Körper­losen. Ich inter­es­siere mich sehr dafür und lese viel dazu. Über Auto­ren­schaft und Krea­ti­vität geht es ja oft, aber ich wollte mal schauen, was das für Menschen bedeutet, die ins Kino gehen, mit ihrem Körper in diesen Raum gehen und das schon seit Jahren. Ich weiß, man muss nicht ins Kino gehen. Ich gehe zwar, schaue aber auch viele Filme woanders.

Taç Romey: Also, ich muss dir wider­spre­chen: Man muss ins Kino gehen! Der Moment – wie im Theater –, wenn der Vorhang hochgeht oder wenn das Licht ausgeht und all diese Sachen. Das macht was mit einem. Ich war jetzt letztens in „Der Astronaut“ und die haben eine Pause im Film gemacht. Ich fand das auf der einen Seite eigen­artig, auf der anderen Seite hat es mich zurü­ckerin­nert an die Zeit, als ich kleiner war. Und dann war es in dem Kino aber auch so, dass du erst einmal durch eine Art Super­markt mit einer Riesen­aus­wahl an Essen und Trinken musstest, wie ein Muse­ums­shop, der größer ist als das Museum, und wahr­schein­lich machen sie eine Pause, damit du wieder runter­gehst und konsu­mierst. Das ist dann eher einer der Gründe, warum ich weniger ins Kino gehe. Manchmal stört es mich auch, wenn neben mir jemand die ganze Zeit Popcorn oder Nachos isst. Aber eigent­lich gehe ich sehr, sehr gerne ins Kino. Ich bin zum Beispiel fast mein ganzes Leben lang Sonn­tag­abends ins Kino gegangen. Jetzt gehe ich manchmal extra in die Spät­vor­stel­lung, weil ich dann eine bestimmte Gruppe von Menschen treffe, die weniger Nachos essen.

Nora Moschüring: Der Astronaut ist für mich auch ein Beispiel für: »Braucht die große Leinwand«. Ich hatte den gar nicht auf dem Schirm, ich hab mir gedacht: Na, sind zwei gute Schau­spieler:innen dabei und es spielt zum Teil im Weltraum. Schau ich mir mal an. Ich fand ihn dann sehr schwe­relos, die Bilder, die Raum­schiffe, wie sie und die beiden Wesen so umein­ander herum­schweben im Nichts und sie in digital konstru­ierten Welten leben. Obwohl die Erzählung eher »klein« ist, eigent­lich eine kleine Freund­schafts­er­zäh­lung.

Taç Romey: Wenn man überlegt, da war eigent­lich nicht viel Origi­nelles dabei. Da gibt es z. B. Arrival, in dem Aliens auf die Welt kommen und die Menschen versuchen, die Sprache zu iden­ti­fi­zieren. Der Astronaut benutzt so viele Elemente, die bereits exis­tieren, und hat sie zusam­men­ge­wür­felt und dann als Original präsen­tiert. Ich habe nichts dagegen, weil ich glaube, Krea­ti­vität kommt aus dem, wie wir Menschen Sachen, die wir erleben, sehen und spüren, inter­pre­tieren und wieder zusam­men­fügen. Sie kommt aus einem erzäh­le­ri­schen Bedürfnis heraus und der Bedeutung, die wir dem geben. Origi­na­lität entsteht also aus dem Zusam­men­schluss von unwahr­schein­lich vielen Dingen.

Nora Moschüring: Alles, was du gerade beschreibst, ist doch per se mensch­lich und bedeutet, dass du einen Menschen hinter einem Text oder Film brauchst, einen Menschen mit Erfah­rungen, mit ange­le­senem Wissen, mit Leid und Freude und Ebenen, die ihm viel­leicht selber gar nicht bewusst sind. Und jetzt kommt die KI.
Wie sieht denn diese Zusam­men­ar­beit im neuen Studi­en­gang aus?

Taç Romey: Mit der KI hast du eine weitere Entity im Writers` Room, die dir dabei hilft, deine Gedanken noch mal zu mischen. Mischen ist ja das, was Origi­na­lität ist. Ein Mensch ist auch ein Unikat, aber er basiert ja trotzdem auf der Idee oder den Genen von Zweien und jetzt verbindet er sich mit der KI. Aber was viele nicht verstehen, ist, dass die KI eigent­lich ein Spiegel ist. Sie ist immer nur so gut, wie du bist, und je besser du in deinem Handwerk bist, umso besser kannst du mit der KI arbeiten. Du entschei­dest, was wichtig ist. Du weißt, wann du abspringen musst.
Die Menschen, die sich beworben haben, und die, die wir genommen haben, sind alles Geschich­ten­er­zähler. Oft haben sie sich mit Projekten beworben, die aufgrund der Kosten und der expe­ri­men­tellen Art gerade niemanden finden würden, der sie produ­ziert. Gerade können sie auch mit der KI noch nicht alles umsetzen, was sie da vorge­schlagen haben, aber sie können schon Geschichten erzählen, die man vorher nicht erzählen konnte.

Nora Moschüring: Mussten sie für die Bewerbung mit KI arbeiten?

Taç Romey: Sie mussten als Bewer­bungs­auf­gabe ein Seri­en­kon­zept entwi­ckeln. Wenn sie das mit der KI gemacht haben, sollten sie es offen­legen und auch beschreiben, wie sie sie genutzt haben. Dann mussten sie einzelne Episoden beschreiben und einen kurzen Clip zum Konzept anfügen, mit max. 3 Minuten Länge und mit unter­schied­li­chen Kame­ra­ein­stel­lungen. Dann gab es noch ein drei­tä­giges Aufnah­me­ver­fahren an der HFF.

Nora Moschüring: Welche Hinter­gründe haben sie?

Taç Romey: Sie haben alle sehr unter­schied­liche Hinter­gründe. Meistens natürlich einen Bachelor oder einen anderen Abschluss, einige sind auch schon im Beruf. Die haben dann gemerkt: ich bin eher ein Geschich­ten­er­zähler.

Nora Moschüring: Ja, ich glaube, das kann wirklich eine Zeit dauern, gerade wenn es um Kunst geht, bis man das entdeckt oder sich viel­leicht auch zutraut. Das ist spannend, weil die dann ja auch noch mal andere Erfah­rungen mitbringen, die für sie selber, aber auch für die anderen berei­chernd sind.

Taç Romey: Alle bringen auch Themen mit Relevanz und Bedeutung mit. Also es ging nicht um die Technik, sondern wirklich um dieses reflek­tierte Arbeiten an Themen, bei denen man sagt, dass sie dafür brennen. Wir haben außerdem darauf geachtet: Sind das Geschich­ten­er­zähler, die mit der KI als Tool besser werden können?

Nora Moschüring: Und warum haben sie sich dafür beworben und nicht für was Klas­si­sches, z. B. Drehbuch? Was unter­scheidet euch davon?

Taç Romey: Ich kann nur das wieder­geben, was mir zurück­ge­spie­gelt worden ist, aus ihren Texten und aus den Gesprächen mit ihnen. Es geht um die Inno­va­ti­ons­kraft, die in der KI steckt, und darum, dass mit ihr viel­leicht sogar eine neue Kunstform möglich ist. Sie sind außerdem risi­ko­be­reit und lassen sich auf einen Studi­en­gang ein, der sich noch nicht bewiesen hat. Und sie sind expe­ri­men­tier­freudig. Aber sie sind der Tech­no­logie gegenüber teilweise auch kritisch und haben trotzdem gesagt, sie haben Lust darauf, etwas zu machen, was noch keiner vorher gemacht hat. Es schwingt also auch ein Pionier-Gedanke mit.
Aber die Ausbil­dung ist auch sehr umfassend, es geht nicht nur darum, KI-Filme zu schreiben und zu erstellen, es geht ja auch um Manage­ment, Executive Producing, Time­ma­nage­ment. Es werden ihnen Leute an die Seite gestellt und sie lernen, wie man zusam­men­ar­beitet und ein Team leitet. Sie haben doku­men­ta­ri­sches Erzählen, Themen aus der Medi­en­wis­sen­schaft, sie lernen aris­to­te­li­sches Erzählen, aber auch prädiktiv (predic­tive) zu arbeiten. Wie kann ich z. B. meine Geschichte so erzählen, dass ich sie gege­be­nen­falls schon auf sozialen Medien testen kann? Also das gesamte Paket ist so zusam­men­ge­stellt, dass die Studie­renden, wenn sie Lust drauf haben, mit einem kleinen Team ihre Vision gleich umsetzen können. Sie können aber auch ganz klassisch arbeiten, z. B. Showrunner werden.

Nora Moschüring: Das klingt wirklich sehr breit aufgestellt. Es geht also nicht »nur« darum, eine Idee zu entwickeln und schriftlich auszuarbeiten, sondern auch darum, zu produzieren, also den Film umzusetzen? Also ist Schrift nicht euer einziges Medium?

Taç Romey: Nein, ist es nicht. Alles ändert sich gerade so rasend schnell. Es gibt zahl­reiche Festivals, die aus dem Boden schießen und sich mit KI beschäf­tigen. Auf Social Media stellen KI-Künstler:innen aus. Einer unserer Gast­do­zenten hat 44 Millionen Follower und er hat komplett KI-gene­rierten Content. So was ist auch möglich. Das ist dann nicht fürs Kino, Fernsehen oder für Streamer, das ist nur für Social Media. Es wird ja heute an so vielen verschie­denen Orten erzählt. Da entstehen neue Inhalte und damit neue Chancen. Ein ganz großes Thema sind gerade Mikro­dramen, dafür ist die KI prädes­ti­niert. Ich selbst versuche auf der Höhe der Zeit zu bleiben, sehe und beobachte, was sich verändert. Obwohl ich das mit der KI eigent­lich lange nicht machen wollte.

Nora Moschüring: Das wollte ich auch fragen, wie du dazu stehst? Ist es der Pionier-Gedanke, der dich antreibt? Du kommst vom Schreiben und viel­leicht hängst du auch an dem Begriff der Auto­ren­schaft? Ich selber frage mich ja auch: Die Zeiten ändern sich und wie gehe ich jetzt damit um? Ich schreibe Artikel für Artechock, wie lange noch? Dort habe ich ja auch geschrieben, dass ich diesen – ja immerhin ersten Master­stu­di­en­gang der HFF –, einer­seits verstehe, er mich auf der anderen Seite besorgt. Man hätte sich ja auch für was anderes entscheiden können.

Taç Romey: Das sind ja jetzt mehrere Fragen. Ich kann dir mal erzählen, wie wir dahin gekommen sind. Ich hab geschrieben und vor vier Jahren etwa hat mir ein anderer Autor eine Szene gezeigt, die er mit der KI geschrieben hat. Und die war lustig. Damals war das Wort »Prompting« noch nicht so sehr in aller Munde. Und da wusste ich: Okay, da passiert was und wir müssen uns damit ausein­an­der­setzen, ob ich will oder nicht. Dann habe ich das HFF-Studie­renden vorge­stellt und sie haben gefragt wie wir das gemacht haben. Sie waren neugierig und wir haben es ihnen gezeigt. Ich habe schließ­lich eine ganze Workshop-Reihe dazu gemacht.
Außerdem war ich bei fast allen Sendern, Streamern und Produk­ti­ons­häu­sern und habe dadurch auch gesehen, was die schon alles mit KI planen. Ich wollte ursprüng­lich etwas leicht anderes machen, hatte dort aber auch schon die KI verankert. Ich habe in den letzten Jahren aber mehr und mehr fest­ge­stellt: Okay, wir bewegen uns in ein neues Zeitalter und, wenn die KI so weiter­läuft, dann wird sich unser fiktio­nales Erzählen verändern. Und dann dachte ich, dass wir das als Film­hoch­schule unbedingt mitnehmen müssen. Damit sind wir weltweit eine der ersten.

Nora Moschüring: An der HFF gibt es auch den Lehrstuhl »KI in der Medi­en­pro­duk­tion«. Arbeitet ihr mitein­ander und wenn wie?

Taç Romey: Wir arbeiten alle mitein­ander. Die Master­stu­die­renden werden in allen Abtei­lungen unter­richtet: im KI-Lehrstuhl, im Dreh­buch­be­reich, beim fiktio­nalen und doku­men­ta­ri­schen Film. Wir werden auch ganz klas­si­sche Drama­tur­gie­kennt­nisse vermit­teln: wie schreibt man eine Szene und vieles mehr. Ich bin jemand, der sagt, ihr müsst Drama­turgie beherr­schen und ihr müsst eine eigene Stimme haben. Dabei kann euch die KI nur unter­s­tützen. Dafür gibt es breite Unter­s­tüt­zung von den Kolleg:innen, aber auch sehr kritische Stimmen und das auch zu Recht.

Nora Moschüring: Ich bin auch kritisch und sehr ambi­va­lent. Einer­seits habe ich das Gefühl: Wie spannend! Ich bin verblüfft. Dann wieder würde ich mir wünschen, dass die KI dem Menschen an anderer Stelle Arbeit abnähme und nicht ausge­rechnet in Themen­be­rei­chen, bei denen uns Hollywood seit Jahr­zehnten sagt, dass sie zutiefst mensch­lich sind: der Tod, die Liebe, die Krea­ti­vität und Kunst.
Wie sieht es denn bei euch mit dem Daten­schutz aus? Wo landet das, was ihr macht? Ist es geschützt? Denn sobald man z. B. mit ChatGPT etwas macht, dann bekommt es ja immer mehr Infor­ma­tionen, die dann dazu führen könnten, dass die KI auch Krea­ti­vität »lernt«. Und dann braucht sie uns irgend­wann auch nicht mehr zum Seri­en­ent­wi­ckeln. Glaubst du nicht, dass es dazu kommen kann?

Taç Romey: Angst habe ich nicht, viele Sachen, die wir im Fernsehen sehen, sind schon seit Jahr­zehnten generisch. Und was sind die ausbre­chenden Formate gewesen? Das sind »Baby Reindeer« gewesen, das wird eine KI niemals schreiben können. Oder »Adole­s­cence«. Aber man kann sie mit KI entwi­ckeln, wenn man möchte, wenn man gut genug ist. Diese Sachen, die wirklich guten Sachen, werden weiterhin von Menschen sein. Und wir werden den Unter­schied auch weiter sehen. Davon bin ich überzeugt und da mach ich mir wenig Sorgen.
Aber eine Sache, da müssen wir uns alle an die Nase fassen: Wir alle reden davon, dass Fliegen schlecht ist. Wir wissen es und wir fliegen trotzdem in den Urlaub. Und wie viele Leute haben in den letzten 20 Jahren Bilder von Pinterest genommen, um ihre Konzepte zu prävi­sua­li­sieren, oder haben Werke im Internet gelesen, wofür sie nichts bezahlt haben? D. h., wir müssen da auch alle ein Stück weit ehrlich sein: Haben wir nicht immer schon das Internet genutzt, um Infor­ma­tionen zu bekommen, ohne die Künstler zu bezahlen?
Und wir müssen überlegen, was passiert in einer Gesell­schaft, wenn künst­le­ri­sche, frei­heit­liche Gedanken nicht mehr für Trai­nings­zwecke genutzt werden? Dann bleibt nur noch eine Seite, die die KI mit Inhalten bestückt, und keine Vielfalt. D. h. wir stehen vor einem Riesen-Dilemma. Auf der einen Seite sagen wir: Ich möchte für das bezahlt werden, was ich gemacht habe. Und damit hat man 100 % Recht. Auf der anderen Seite, wenn ich meine Inhalte, meine Kunst, wenn ich diese Gedanken nicht mehr für Trai­nings­zwe­cken zur Verfügung stelle, dann unter­halte ich mich irgend­wann ohne den Freigeist, den künst­le­ri­schen Gedanken. Wir müssen das politisch debat­tieren! Wir müssen uns überlegen, wie man damit umgeht! Für das alles muss ein Bewusst­sein entwi­ckelt werden.
Und dann gibt es noch ein Problem: Weißt du, wie viele Daten­zen­tren (Rechen­zen­tren) gebaut worden sind und wie viel Energie es kostet, wenn ich etwas streame?
Außerdem zeigt mir Google nicht die Wahrheit, sondern die 200 meist­ge­se­henen Artikel. Das heißt, ich muss, wenn ich die KI nutze, auch anders arbeiten.
Das sind alles so Themen, die wir auch als Lehr­in­halte vermit­teln wollen.

Nora Moschüring: Total wichtig: Woher speist sich das »Wissen« der KI? Worauf basiert das? Wer ist da eigent­lich im Internet? Wer macht diese Daten und zu was für rassis­ti­schen und sexis­ti­schen Stereo­typen führt das schon jetzt?
Aber die HFF ist eine staat­liche Hoch­schule. Mit was arbeitet ihr da? Und auf welchem Server liegt es dann?

Taç Romey: Egal, was für ein KI-Programm du benutzt, deine Daten werden verar­beitet. Wenn du deine Google-History löschst, ist sie nicht gelöscht. Das heißt, im Grunde genommen ist diese ganze Sache mit Servern proble­ma­tisch, denn sobald du ein bestimmtes Programm benutzt, auch unser Gespräch hier, dann liegt etwas auf einem Server. Wie wir damit umgehen, das ist etwas, das ist noch nicht ganz geklärt.
Im ersten Jahr ist es sowieso ganz klar erst einmal Ausbil­dung: z. B. Drama­turgie. Dann geht es weiter mit Executive Producing, Writers’ Room-Structure. Parallel werden wir den Markt beob­achten und schauen, ob z. B. Mistral gut für uns ist, das einzig europäi­sche Modell. Wir schauen welche Bild­mo­delle raus­kommen. Wir beob­achten das sehr genau.
Lizenzen müssen wir den Studie­renden natürlich zur Verfügung stellen und sie bekommen von uns auch Laptops. Wir stellen ihnen einige Programme zur Auswahl und die Studie­renden können sich aussuchen, mit was sie arbeiten wollen.
Das heißt, ich bin gerade mit ganz vielen Leuten im Gespräch, um Dritt­mittel zu finden, damit die Studie­renden ihre Filme umsetzen können. Außerdem suche ich nach Stipen­dien, um die Studie­renden auch finan­ziell zu unter­s­tützen, weil München so teuer ist. Deswegen ist der Studi­en­gang auch hybrid, damit nicht jeder nach München ziehen muss.

Nora Moschüring: Die Technik-Kompo­nente ist bei euch groß und wie sieht es mit der ethischen Reflexion aus?

Taç Romey: Ethisch bedeutet zum Beispiel: Wie stelle ich eine Frau dar? Die KI kennt Instagram und »weiß«, dass eine Frau schlank ist, lange Haare hat und unten drunter stehen 20 Millionen Likes. Wie arbeite ich da dagegen? Wie stelle ich Menschen anders dar? Und vor allem: Wo ist das mensch­liche Erzählen drin und eine Art Offen­le­gung?
Wichtig ist auch die Frage: Was bedeutet KI eigent­lich insgesamt für unsere Gesell­schaft? Wenn wir anfangen, Prozesse zu auto­ma­ti­sieren, welche Jobs werden als erste wegra­tio­na­li­siert? Welche Jobs haben mit Daten­ein­gaben oder der Verar­bei­tung von Daten zu tun? Das sind zum Beispiel Verkäu­fe­rinnen, also über­wie­gend Frauen, die gerade ihre Jobs verlieren. Kommen diese Jobs wieder zurück? Gibt es andere?
Eine wichtige Frage ist auch: Wer verdient eigent­lich an der KI? Und was passiert mit einer Gesell­schaft, wenn ein paar wenige Leute extrem reich werden?Wie müssen die KI auch als eine Art Entity, die die Gesell­schaft verändern wird, verstehen. Wir müssen die Diskus­sion darüber eingehen.

Nora Moschüring: Das ist ziemlich komplex, auch wie das alles mitein­ander zusam­men­hängt und was auf einer größeren Ebene mit unserer Gesell­schaft passiert. Ich habe in meinem Text auch über die Rezi­pi­enten geschrieben, also die Zuschauer:innen. Die Frage ist dabei auch: Können da alle mitmachen? Wollen da alle mitmachen? Lässt man alle gleich­be­rech­tigt mitmachen, und wie erkennen wir Mani­pu­la­tion?

Taç Romey: Natürlich mache ich mir auch wirklich Sorgen über Fake News und all das Ganze, ich kann die Unter­schiede nicht mehr sehen.

Nora Moschüring: Ja, das ist jetzt schon schwierig bis fast unmöglich. Wird die »Autor­schaft« der KI bei euch benannt?

Taç Romey: Ja, das werde ich schon einfor­dern. Aber machen wir uns nichts vor: Was Menschen mit ihren Fähig­keiten im Anschluss machen, auch wenn sie eine ganz klas­si­sche Ausbil­dung hatten, das kann ich nicht kontrol­lieren. Das ist auch nicht meine Absicht, sondern ich kann Menschen nur schulen und sagen: Wenn du Projekte herstellst, dann musst du verant­wor­tungs­voll damit umgehen.
Das ist ja auch ein Thema für den Unter­richt: Was passiert, wenn ich jetzt von den Studie­renden Master­ar­beiten einfor­dere? Muss ich da nicht noch mehr Zeit damit verbringen, zu über­prüfen, ob sie von ihnen geschrieben wurden oder von der KI? Wo stehen wir als Ausbil­derin und Ausbilder? Wo stehen wir als Gesell­schaft, wenn wir nicht mehr wissen, welche Inhalte überhaupt noch echt sind? Der Studi­en­gang soll all diesen Fragen einen Raum bieten.

Nora Moschüring: Es wird wahrscheinlich vermehrt mündliche Prüfungen oder Prüfungen in Anwesenheit geben oder es wird eben mitgeprüft, wie jemand promptet. Und wie vermittelt man das jetzt eigentlich, dieses »Prompten«?

Taç Romey: Das sind Dinge, mit denen ich mich natürlich beschäf­tige: Ich teste die Grenzen der KI, um zu sehen, was geht eigent­lich? Wo stehen wir? Ich erarbeite mir was, probiere es aus, bebildere es mit KI, expe­ri­men­tiere mit Musik. Ich will die Prozesse verstehen und ich habe Spaß dabei.
Und ja, wir sind in einem neuen Zeitalter angelangt. Und wenn die KI diese Entwick­lung so weiter­macht, dann wird sich was verändern. Was das genau ist, weiß ich nicht. Ich bin kein Wahrsager, aber ich sehe es auf uns zukommen. Und anstatt mich dem zu verschließen, hab ich irgend­wann entschieden, dass ich beibringen will, wie man sie nutzen kann. Ich will sie gleich­zeitig aber auch als ein Sprach­rohr nutzen, um zu sagen: »Hey, do you know what you’re doing?«