15.01.2026

Happy-JANUAR 2026: Kino-Abo und KI

Die jüngste Tochter
Ein Argument für ein Kino ist das Rausgehen oder das Ausgehen...
(Foto: Alamode)

Sentimental Value von Joachim Trier / JaPlan von Der Plan / Die jüngste Tochter von Hafsia Herzi und KI

Von Nora Moschuering

Zum Ende des letzten Jahres habe ich, wie das so Tradition ist, auf einer Online-Wich­tel­seite meinen Wich­tel­wunsch einge­tragen: ein Kino-Abo für das Jahr 2026. Ich habe nämlich, spätes­tens im letzten Jahr, aber ehrli­cher­weise schon davor, fest­ge­stellt, dass es mit meinen Kino­gängen konti­nu­ier­lich bergab gegangen ist. Das hat einige Gründe, die auf meiner Seite liegen, aber es war auch das Angebot, also die Filme, die irgendwie zu wünschen übrig ließen (kommt nächstes Jahr auf die Wichtel-Wunsch­liste): es gab nicht viel, was mich ange­spro­chen hat, und oft war das, was mich inter­es­sierte, nicht lange im Kino und ich nicht schnell genug.

Vorsatz: Das soll sich dieses Jahr ändern! Ich will konse­quenter ins Kino gehen und auch konse­quenter in Filme, die ich eigent­lich gar nicht unbedingt sehen will.

Viel­leicht möchte ich auch an meine 12 guten Kinojahre anknüpfen, in denen ich in Kinos gear­beitet habe und während­dessen einfach alles geguckt habe, was dort lief, weil ich vor Ort war und es mich kein Geld gekostet hat. Das waren nicht immer Filme, für die ich mich im ersten Moment inter­es­siert habe, aber viel­leicht habe ich gerade von ihnen viel gelernt – besonders darüber, was viele Menschen gucken – und unter­haltsam waren sie auch oft.

Kino und KI: 1
Dass ich jetzt diese beiden Themen vermische, liegt eher an einem Zufall, wobei man bei Social Media eigent­lich nicht mehr von wirk­li­chen Zufällen sprechen kann. Mir ist nur die letzten Tage immer wieder der HFF-Professor Taç Romey in meinen Feed gespült worden, der den neuen und ersten Master­stu­di­en­gang »Serial Story­tel­ling: Created by AI & I (M.A.)« der HFF vorstellt (Start WS 2026/27). Obwohl ich es schätze, wenn man opti­mis­tisch in die Zukunft blickt, weiß ich nicht, ob ich nicht auch ein bisschen besorgt bin, weil es sich so anfühlt, als arbeite hier eine Hoch­schule an ihrer Selbst­ab­schaf­fung oder zumindest an einer merk­wür­digen Profil­bil­dung. »Studie­rende lernen, wie KI-Tools kreative Prozesse unter­s­tützen können – ohne dabei die mensch­liche Autor­schaft aus den Augen zu verlieren.« KI als Werkzeug, wie praktisch. So eine KI braucht auch gar keinen Platz im Writers’ Room, die ist ja ziemlich bescheiden, zumindest in ihren, für uns sicht­baren, Raum­an­sprüchen. Was macht der Körper eines anderen Menschen, mit dem man in einem Raum sitzt, eigent­lich mit einem? Und wie groß sind die Server­farmen gerade und in wessen Besitz sind sie? Die Gedanken zu diesem Studium mischen sich also mit Gedanken, die ich während meiner ersten Kinogänge in diesem neuen Jahr hatte.

Kinogang Nr. 1: Senti­mental Value von Joachim Trier
Wie schon bei Der schlimmste Mensch der Welt (2021) – schönster Titel des Jahres – von Joachim Trier dreht sich auch bei Senti­mental Value vieles um Entschei­dungen und die Unfähig­keit, diese zu fällen. Wieder ist es Renate Reinsve, die hier Nora spielt, eine Schau­spie­lerin, die nach Jahren der Abwe­sen­heit ihren Vater wieder­trifft. Der nun seiner­seits ist Regisseur und arbeitet an seinem, wie sich heraus­stellt, sehr auto­bio­gra­fi­schen, neuen Film, für den er sie gerne als Haupt­dar­stel­lerin hätte – ein kläg­li­cher, weil auch sehr instru­men­teller Versuch der Annähe­rung. Es geht um Väter und Töchter, aber auch um das Altern, das »Ein Zuhause finden«, aber auch darum, was es bedeutet, Filme zu machen: Wie persön­lich können sie sein und wie schwer kann es sein, etwas anzu­spre­chen, und wie der Umweg über die Kunst dabei helfen kann. Der Umweg spielt aber nicht nur für den Regisseur und seine Tochter eine Rolle, sondern auch für jeden, der den Film – den inner­fil­mi­schen und den filmi­schen – im Kino sieht. Dabei sind die Subti­lität und auch die künst­le­ri­schen Mittel in Senti­mental Value wenig ausge­prägt, also von sehr kreativen Ideen, Entfrem­dung, Bear­bei­tung, Verän­de­rung, Konzen­tra­tion oder Dena­tu­ra­li­sie­rung kann in dem Film (im Film) kaum die Rede sein. Allein die Erzählung des Fami­li­en­hauses als Person, das ziemlich verkitscht, rot gestri­chen und wohl­be­tucht zwischen den Stadt­bäumen liegt, als Bild für Heimat und Zuhause, wirkt schon arg nahe­lie­gend. So ist es auch mit dem Fami­li­en­bild als ziemlich klas­si­scher Konstel­la­tion und offen­barer Ziel­vor­stel­lung (die Schwester hat’s geschafft), das ist schon sehr bieder. Man fragt sich außerdem, wo weitere Figuren: Freunde, entfern­tere Verwandte und Kolleg:innen bleiben? (Love Interest gibt’s natürlich schon) Wäre viel­leicht etwas komplexer gewesen, hätte der Film aber vertragen. Was bleibt, ist ein sehr feiner, mensch­li­cher, unauf­ge­regter Film und besonders die Beziehung der beiden Schwes­tern.

Kino und KI: 2
In Senti­mental Value geht es um das Älter­werden. Der Vater/Regisseur, gespielt von Stellan Skarsgård, ist über 70. Auch bei seinem »neuen« Film will er mit »alten« Kollegen zusam­men­ar­beiten. Dabei schwelgen sie kaum in Erin­ne­rungen (wäre aber auch vers­tänd­lich), sondern thema­ti­sieren ihr Altwerden und was jetzt noch möglich ist. In einem der Kinos, in denen ich gear­beitet habe, hatten wir einen Stammgast, einen Anfang 90-jährigen Mann. Er saß immer sehr weit vorne, viel­leicht in der dritten Reihe und rechts von der Leinwand. Er sah nicht mehr gut und hörte nur noch auf einem Ohr. Er meinte mal zu mir, dass er so gerne ins Kino ginge, weil er dann sähe, wie Menschen, die er schon sein Leben lang kenne, mit ihm alterten, auf der Leinwand, vor ihm, bis sie dann irgend­wann weg seien. Jetzt stelle man sich mal vor, das ginge nicht mehr, also die KI würde, zumindest auf der Leinwand, den Alte­rungs­pro­zess anhalten. Wir könnten Brigitte Bardot immer und immer wieder in neuen Filmen sehen, während wir doch alle wissen, dass auch sie gealtert ist, ja sogar kürzlich verstorben. Da fehlt irgendwie der Trost, dass wir alle auf das gleiche Ende zusteuern und sich auf dem Weg dahin auch unser Äußeres verändert. Da werden uns seit Jahr­zehnten Filme gezeigt, in denen einer der Haupt­aspekte des Menschen, ja das Mensch­liche überhaupt neben der Liebe, der Tod ist, und dann wird er raus­ge­schnitten.

Kinogang Nr. 2: JaPlan (Der Plan in Japan) von »Der Plan«
Ganz weit weg von KI, selbst von jeglicher Digi­ta­lität, sind die Musik­vi­deos aus den 80ern der Band »Der Plan«, ein Vorläufer der Neuen Deutschen Welle, die zu Gast im Werk­statt­kino war. Damals wurde mit Papp­ver­klei­dungen, selbst­ge­bas­telten Requi­siten und gebauten Bühnen­bil­dern gear­beitet: Analoge Begeis­te­rung. Neben den Videos gab es JaPlan, einen Film, der 1984 auf einer Reise der Band nach Japan in das Pop-Kaufhaus/Plat­ten­laden/Vertrieb »Wave« entstanden ist. Der Film hält in den Köpfen von »Der Plan« viel­leicht besser zusammen, als es der eigent­liche Film tut, aber wen inter­es­siert’s? Vom Stein (grau) zur Pflanze (Kaktus) zu Insekten (unde­fi­niert) zu Mündern und Augen ... einfach mal Geschichte des Planeten abge­frühs­tückt, auf Tokioter Straßen oder in einem japa­ni­schen Garten in Düssel­dorf. Zwei Band­mit­glieder von »Der Plan« saßen im Anschluss auf Kino-Stühlen und erzählten dazu Anekdoten und Geschichten von damals bis zur aktuellen Easy-Listening-Platte. Das Ganze war eigent­lich für ein nettes Gespräch zwischen Publikum und Band prädes­ti­niert, hat aber nicht geklappt. Viel­leicht war das Publikum zu star­s­truckt. War trotzdem ziemlich schön und ziemlich spaßig. Um die Biegung zum Digitalen zu bekommen, ein fast schon visi­onärer Hit von »Der Plan« über Computer: Gummi­twist.

Kino und KI: 3
Den Song finde ich toll. Ein weiterer Aspekt in dieser losen KI-Bespre­chung ist nämlich auch der, dass ich gerne bewundere. Aber wen soll ich denn bewundern, wenn die KI eine Haupt­auf­gabe übernimmt? Wen soll ich denn hoch­halten und als Menschen spannend finden oder meinet­wegen auch arrogant oder uner­gründ­lich, hinter­gründig, über­ra­schend, witzig, schlau, was weiß ich …? Eigent­lich fremde Menschen zu bewundern, sie anzu­er­kennen, mich über die Leis­tungen zu freuen, mich von ihnen auf eine so merk­wür­dige Weise und sehr intim verstanden und mit ihnen verbunden zu fühlen, ohne sie wirklich zu kennen, das ist es doch, was Kunst macht. Einen gemein­samen Pakt mit ihnen zu haben, Fäden zu knüpfen, die sonst nicht geknüpft würden, wie es auch Senti­mental Value schafft. Aber wahr­schein­lich sind das Gedanken einer senti­men­talen Person, die auch dem Geniekult etwas abge­winnen kann, den sie aber schon immer auf Personen jeglichen Geschlechts ange­wendet hat.

Kinogang Nr. 3: Die jüngste Tochter von Hafsia Herzi
Fatima, ein musli­mi­sches Mädchen, kurz vor dem Schul­ab­schluss, jüngste Tochter einer alge­ri­schen Einwan­de­rer­fa­milie, nähert sich und bekennt sich zu ihrer Homo­se­xua­lität. Ein Film, der inter­es­san­ter­weise alles auf der Seite liegen lässt, was zu Konflikten führen könnte (bis auf die ersten Szenen in der Schule), und das ist doch eigent­lich an sich schon mal inter­es­sant … oder viel­leicht ein bisschen auswei­chend. Man hat keine Sekunde das Gefühl, dass Fatima nicht stark genug wäre, Dingen und Situa­tionen nicht begegnen könnte und sie in sich nicht auch gefestigt genug ist, zu wissen, was sie braucht. Das macht den Film in der Mitte dann tatsäch­lich auch ein bisschen träge oder lang­weilig, weil sehr vieles sehr schnell ausge­spro­chen wird, was einer­seits angenehm, ande­rer­seits auch manchmal eben »sehr schnell« geht. Wenn z.B. ihre Freundin ihr erklärt, dass sie Depres­sionen hat: Plötzlich kommt das Thema auf, reden, weinen, Fatima geht. Beim späteren Wieder­treffen wird darüber dann nicht mehr gespro­chen. »Coming of Age« als Befrei­ungs- und Eman­zi­pa­ti­ons­ge­schichte.

Ein Argument für ein Kino, das sich viel­leicht etwas wider­sinnig anhört bei -2 Grad, ist das Rausgehen oder das Ausgehen. Wenn man abends ins Kino gegangen ist, dann hat man doch auto­ma­tisch das Gefühl, man hat was erlebt. Quasi schon, weil man sich hinaus­be­geben hat in einen Möglich­keits­raum, weil man seinen Fuß hinein­ge­setzt hat und weil man am nächsten Tag nicht sagen muss: »Ach ich habe gar nichts gemacht, ich bin einfach zu Hause geblieben!« Und dann? Gespräch­sende. »Ich war im Kino und habe mir einen Film angesehen und die beiden Ladys um die 70 neben mir haben das Ende von Die jüngste Tochter nicht verstanden. Die eine aber auch, weil sie einge­nickt war.« – »Und wie fandest du den Film?« – »Ja, das erzähle ich dir!«
Außerdem ist so ein Übergang auch wichtig für die Konzen­tra­tion, weil ich gemerkt habe, dass es mir zu Hause schwer­fällt, über 20 Minuten konzen­triert einem Thema zu folgen, Da schaff ich nämlich nur Häppchen, also z. B. 2 Minuten Taç Romey und dann das nächste, das nächste, das nächste. Besonders viele Infos zu diesem Thema oder gar ein Diskurs passen da gar nicht rein, ober­fläch­lich sieht da vieles gut aus. Aber das wissen wir ja eigent­lich!

»Monat um Monat« ist eine monat­liche Tour durch aktuelle Filme. Mit dabei: eine sehr lose Verknüp­fung mit sehr freien Themen zur Zukunft des Kinos!