Happy-JANUAR 2026: Kino-Abo und KI |
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| Ein Argument für ein Kino ist das Rausgehen oder das Ausgehen... | ||
| (Foto: Alamode) | ||
Von Nora Moschuering
Zum Ende des letzten Jahres habe ich, wie das so Tradition ist, auf einer Online-Wichtelseite meinen Wichtelwunsch eingetragen: ein Kino-Abo für das Jahr 2026. Ich habe nämlich, spätestens im letzten Jahr, aber ehrlicherweise schon davor, festgestellt, dass es mit meinen Kinogängen kontinuierlich bergab gegangen ist. Das hat einige Gründe, die auf meiner Seite liegen, aber es war auch das Angebot, also die Filme, die irgendwie zu wünschen übrig ließen (kommt nächstes Jahr auf die Wichtel-Wunschliste): es gab nicht viel, was mich angesprochen hat, und oft war das, was mich interessierte, nicht lange im Kino und ich nicht schnell genug.
Vorsatz: Das soll sich dieses Jahr ändern! Ich will konsequenter ins Kino gehen und auch konsequenter in Filme, die ich eigentlich gar nicht unbedingt sehen will.
Vielleicht möchte ich auch an meine 12 guten Kinojahre anknüpfen, in denen ich in Kinos gearbeitet habe und währenddessen einfach alles geguckt habe, was dort lief, weil ich vor Ort war und es mich kein Geld gekostet hat. Das waren nicht immer Filme, für die ich mich im ersten Moment interessiert habe, aber vielleicht habe ich gerade von ihnen viel gelernt – besonders darüber, was viele Menschen gucken – und unterhaltsam waren sie auch oft.
Kino und KI: 1
Dass ich jetzt diese beiden Themen vermische, liegt eher an einem Zufall, wobei man bei Social Media eigentlich nicht mehr von wirklichen Zufällen sprechen kann. Mir ist nur die letzten Tage immer wieder der HFF-Professor Taç Romey in meinen Feed gespült worden, der den neuen und ersten Masterstudiengang »Serial Storytelling: Created by AI & I (M.A.)« der HFF vorstellt (Start WS 2026/27). Obwohl ich es schätze, wenn man optimistisch in die Zukunft
blickt, weiß ich nicht, ob ich nicht auch ein bisschen besorgt bin, weil es sich so anfühlt, als arbeite hier eine Hochschule an ihrer Selbstabschaffung oder zumindest an einer merkwürdigen Profilbildung. »Studierende lernen, wie KI-Tools kreative Prozesse unterstützen können – ohne dabei die menschliche Autorschaft aus den Augen zu verlieren.« KI als Werkzeug, wie praktisch. So eine KI braucht auch gar keinen Platz im Writers’ Room, die ist ja ziemlich bescheiden,
zumindest in ihren, für uns sichtbaren, Raumansprüchen. Was macht der Körper eines anderen Menschen, mit dem man in einem Raum sitzt, eigentlich mit einem? Und wie groß sind die Serverfarmen gerade und in wessen Besitz sind sie? Die Gedanken zu diesem Studium mischen sich also mit Gedanken, die ich während meiner ersten Kinogänge in diesem neuen Jahr hatte.
Kinogang Nr. 1: Sentimental Value von Joachim Trier
Wie schon bei Der schlimmste Mensch der Welt (2021) – schönster Titel des Jahres – von Joachim Trier dreht sich auch bei Sentimental Value vieles um Entscheidungen und die Unfähigkeit, diese zu fällen. Wieder ist es Renate Reinsve, die hier Nora spielt, eine Schauspielerin, die nach Jahren der Abwesenheit ihren Vater wiedertrifft. Der nun seinerseits ist Regisseur und arbeitet an seinem, wie sich herausstellt, sehr autobiografischen, neuen Film, für den er sie gerne als Hauptdarstellerin hätte – ein kläglicher, weil auch sehr instrumenteller Versuch der Annäherung. Es geht um
Väter und Töchter, aber auch um das Altern, das »Ein Zuhause finden«, aber auch darum, was es bedeutet, Filme zu machen: Wie persönlich können sie sein und wie schwer kann es sein, etwas anzusprechen, und wie der Umweg über die Kunst dabei helfen kann. Der Umweg spielt aber nicht nur für den Regisseur und seine Tochter eine Rolle, sondern auch für jeden, der den Film – den innerfilmischen und den filmischen – im Kino sieht. Dabei sind die Subtilität und auch die
künstlerischen Mittel in Sentimental Value wenig ausgeprägt, also von sehr kreativen Ideen, Entfremdung, Bearbeitung, Veränderung, Konzentration oder Denaturalisierung kann in dem Film (im Film) kaum die Rede sein. Allein die Erzählung des Familienhauses als Person, das ziemlich verkitscht, rot gestrichen und wohlbetucht zwischen den Stadtbäumen liegt, als Bild für Heimat
und Zuhause, wirkt schon arg naheliegend. So ist es auch mit dem Familienbild als ziemlich klassischer Konstellation und offenbarer Zielvorstellung (die Schwester hat’s geschafft), das ist schon sehr bieder. Man fragt sich außerdem, wo weitere Figuren: Freunde, entferntere Verwandte und Kolleg:innen bleiben? (Love Interest gibt’s natürlich schon) Wäre vielleicht etwas komplexer gewesen, hätte der Film aber vertragen. Was bleibt, ist ein sehr feiner, menschlicher,
unaufgeregter Film und besonders die Beziehung der beiden Schwestern.
Kino und KI: 2
In Sentimental Value geht es um das Älterwerden. Der Vater/Regisseur, gespielt von Stellan Skarsgård, ist über 70. Auch bei seinem »neuen« Film will er mit »alten« Kollegen zusammenarbeiten. Dabei schwelgen sie kaum in Erinnerungen (wäre aber auch verständlich), sondern thematisieren ihr Altwerden und was jetzt noch möglich ist. In einem der Kinos, in denen
ich gearbeitet habe, hatten wir einen Stammgast, einen Anfang 90-jährigen Mann. Er saß immer sehr weit vorne, vielleicht in der dritten Reihe und rechts von der Leinwand. Er sah nicht mehr gut und hörte nur noch auf einem Ohr. Er meinte mal zu mir, dass er so gerne ins Kino ginge, weil er dann sähe, wie Menschen, die er schon sein Leben lang kenne, mit ihm alterten, auf der Leinwand, vor ihm, bis sie dann irgendwann weg seien. Jetzt stelle man sich mal vor, das ginge nicht mehr, also die KI
würde, zumindest auf der Leinwand, den Alterungsprozess anhalten. Wir könnten Brigitte Bardot immer und immer wieder in neuen Filmen sehen, während wir doch alle wissen, dass auch sie gealtert ist, ja sogar kürzlich verstorben. Da fehlt irgendwie der Trost, dass wir alle auf das gleiche Ende zusteuern und sich auf dem Weg dahin auch unser Äußeres verändert. Da werden uns seit Jahrzehnten Filme gezeigt, in denen einer der Hauptaspekte des Menschen, ja das Menschliche überhaupt neben der
Liebe, der Tod ist, und dann wird er rausgeschnitten.
Kinogang Nr. 2: JaPlan (Der Plan in Japan) von »Der Plan«
Ganz weit weg von KI, selbst von jeglicher Digitalität, sind die Musikvideos aus den 80ern der Band »Der Plan«, ein Vorläufer der Neuen Deutschen Welle, die zu Gast im Werkstattkino war. Damals wurde mit Pappverkleidungen, selbstgebastelten Requisiten und gebauten Bühnenbildern gearbeitet: Analoge Begeisterung. Neben
den Videos gab es JaPlan, einen Film, der 1984 auf einer Reise der Band nach Japan in das Pop-Kaufhaus/Plattenladen/Vertrieb »Wave« entstanden ist. Der Film hält in den Köpfen von »Der Plan« vielleicht besser zusammen, als es der eigentliche Film tut, aber wen interessiert’s? Vom Stein (grau) zur Pflanze (Kaktus) zu Insekten (undefiniert) zu Mündern und Augen ... einfach mal
Geschichte des Planeten abgefrühstückt, auf Tokioter Straßen oder in einem japanischen Garten in Düsseldorf. Zwei Bandmitglieder von »Der Plan« saßen im Anschluss auf Kino-Stühlen und erzählten dazu Anekdoten und Geschichten von damals bis zur aktuellen Easy-Listening-Platte. Das Ganze war eigentlich für ein nettes Gespräch zwischen Publikum und Band prädestiniert, hat aber nicht geklappt. Vielleicht war das Publikum zu starstruckt. War trotzdem ziemlich schön und ziemlich spaßig.
Um die Biegung zum Digitalen zu bekommen, ein fast schon visionärer Hit von »Der Plan« über Computer: Gummitwist.
Kino und KI: 3
Den Song finde ich toll. Ein weiterer Aspekt in dieser losen KI-Besprechung ist nämlich auch der, dass ich gerne bewundere. Aber wen soll ich denn bewundern, wenn die KI eine Hauptaufgabe übernimmt? Wen soll ich denn hochhalten und als Menschen spannend finden oder meinetwegen auch arrogant oder unergründlich, hintergründig, überraschend, witzig, schlau, was weiß ich …? Eigentlich fremde Menschen zu bewundern, sie anzuerkennen, mich über die
Leistungen zu freuen, mich von ihnen auf eine so merkwürdige Weise und sehr intim verstanden und mit ihnen verbunden zu fühlen, ohne sie wirklich zu kennen, das ist es doch, was Kunst macht. Einen gemeinsamen Pakt mit ihnen zu haben, Fäden zu knüpfen, die sonst nicht geknüpft würden, wie es auch Sentimental Value schafft. Aber wahrscheinlich sind das Gedanken einer sentimentalen Person,
die auch dem Geniekult etwas abgewinnen kann, den sie aber schon immer auf Personen jeglichen Geschlechts angewendet hat.
Kinogang Nr. 3: Die jüngste Tochter von Hafsia Herzi
Fatima, ein muslimisches Mädchen, kurz vor dem Schulabschluss, jüngste Tochter einer algerischen Einwandererfamilie, nähert sich und bekennt sich zu ihrer Homosexualität. Ein Film, der interessanterweise alles auf der Seite liegen lässt, was zu Konflikten führen könnte (bis auf die ersten Szenen in der Schule), und das ist
doch eigentlich an sich schon mal interessant … oder vielleicht ein bisschen ausweichend. Man hat keine Sekunde das Gefühl, dass Fatima nicht stark genug wäre, Dingen und Situationen nicht begegnen könnte und sie in sich nicht auch gefestigt genug ist, zu wissen, was sie braucht. Das macht den Film in der Mitte dann tatsächlich auch ein bisschen träge oder langweilig, weil sehr vieles sehr schnell ausgesprochen wird, was einerseits angenehm, andererseits auch manchmal eben
»sehr schnell« geht. Wenn z.B. ihre Freundin ihr erklärt, dass sie Depressionen hat: Plötzlich kommt das Thema auf, reden, weinen, Fatima geht. Beim späteren Wiedertreffen wird darüber dann nicht mehr gesprochen. »Coming of Age« als Befreiungs- und Emanzipationsgeschichte.
Ein Argument für ein Kino, das sich vielleicht etwas widersinnig anhört bei -2 Grad, ist das Rausgehen oder das Ausgehen. Wenn man abends ins Kino gegangen ist, dann hat man doch automatisch das Gefühl, man hat was erlebt. Quasi schon, weil man sich hinausbegeben hat in einen Möglichkeitsraum, weil man seinen Fuß hineingesetzt hat und weil man am nächsten Tag nicht sagen muss: »Ach ich habe gar nichts gemacht, ich bin einfach zu Hause geblieben!« Und dann? Gesprächsende. »Ich war
im Kino und habe mir einen Film angesehen und die beiden Ladys um die 70 neben mir haben das Ende von Die jüngste Tochter nicht verstanden. Die eine aber auch, weil sie eingenickt war.« – »Und wie fandest du den Film?« – »Ja, das erzähle ich dir!«
Außerdem ist so ein Übergang auch wichtig für die Konzentration, weil ich gemerkt habe, dass es mir zu Hause schwerfällt, über 20 Minuten
konzentriert einem Thema zu folgen, Da schaff ich nämlich nur Häppchen, also z. B. 2 Minuten Taç Romey und dann das nächste, das nächste, das nächste. Besonders viele Infos zu diesem Thema oder gar ein Diskurs passen da gar nicht rein, oberflächlich sieht da vieles gut aus. Aber das wissen wir ja eigentlich!
»Monat um Monat« ist eine monatliche Tour durch aktuelle Filme. Mit dabei: eine sehr lose Verknüpfung mit sehr freien Themen zur Zukunft des Kinos!