11.06.2026

Kommerz schlägt Kunst, Moral schlägt Glamour

Plakat In die Sonne schauen
Zehn Preise für In die Sonne schauen: Trotz allem dann auch wieder zuviel...

Symbol des deutschen Films, Spiegel des Zeitgeists: Der deutsche Filmpreis ist wie das ganze Land

Von Rüdiger Suchsland

Hat man Künstler und Boheme nicht früher mal mit Drogen­miss­brauch, Diebstahl, Raub, Brand­stif­tung, Sex, Gewalt, Anarchie und Kapi­tal­ver­bre­chen in Verbin­dung gebracht?
Heutige Kunst­schaf­fende machen aufmerksam, verleihen Stimme, propa­gieren Biole­bens­mittel, kümmern sich um Klima, Bürger­rechte und Daten­schutz als Nachweis gesell­schaft­li­chen Nutzens. Dafür gibt es Förder­gelder.
– Ruth Herzberg, Schrift­stel­lerin (»Frequenzen«)

Dass der wunder­bare Film In die Sonne schauen am Freitag vor einer Woche gleich zehn deutsche Film­preise bekommen hat, ist verdient und trotzdem fast zuviel. Vor allem aber haben es die Leute leider fast übersehen – denn seit Frei­tag­abend ging es gefühlt nur noch um die soge­nannte Wenders-Debatte, also um die überaus mora­li­sie­rend und einseitig, alles andere als ergeb­nis­offen geführte Frage, ob es richtig ist, dass im Nach­hinein Filmen öffent­liche mora­li­sche Schau­pro­zesse gemacht werden.

Versuchen wir mal hier, dagegen wieder ein bisschen zurück zum Eigent­li­chen zu kommen, also zu der Frage, was denn von diesem Deutschen Filmpreis überhaupt zu halten ist?

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Ich habe mir diesmal die persön­liche Anwe­sen­heit am Abend erspart. Erst ein paar Tage aus Cannes und seiner würde­vollen Cine­philie zurück­ge­kommen, hab ich die Aussicht auf diese von sich selbst zu Tränen gerührten Filmleute nicht ertragen, diese geschwol­lenen Reden nicht mehr hören wollen, noch dazu von Leuten, die ganz andere Sachen machen, und sich plötzlich Zustän­dig­keiten anmaßen, die sie nicht haben.

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Ein Beispiel: Was bitte hat denn Colleen Fernandes mit Doku­men­tar­film zu tun? Nichts gegen Colleen Fernandes! Aber die Entschei­dung, sie mit der Laudatio für Doku­men­tar­film zu betrauen, ist Exploita­tion pur – und das von einer Film­aka­demie, die behauptet, sie würde genau gegen diese Art von Ausbeu­tung einstehen. Aber de facto wird hier natürlich die öffent­liche Debatte um Colleen Fernandes und die augen­blick­liche Bekannt­heit ihrer Person ausge­nutzt; eine öffent­liche Aufregung ausge­beutet.

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Die Doku­men­tar­film-Preis­trä­gerin, die Berliner Produ­zentin Irene Höfer sagte dann übrigens manches, was die ARD aus ihrer »Über­tra­gung« später leider heraus­ge­schnitten hat. Weil es dem Sender nicht wichtig genug ist.
Wir zitieren die volls­tän­dige Rede sehr gern:

»Diese Lola zeigt uns: dran­bleiben. Und das hat nicht vier, sondern sieben Jahre gedauert. Doch wie lange können wir solche Filme noch machen? Kultur ist politisch. Und Literatur findet auch im Kino ihre Kraft.
Der Doku­men­tar­film ist sichtbar, aber nicht sicher. Er ist nicht billig zu haben, er ist kein Nebenfach des Kinos, sondern sein Gedächtnis und Gewissen.
Damit diese Form lebendig bleibt, müssen wir sie nicht nur feiern, sondern auch ermög­li­chen. Ich danke meinem Partner Andreas Schroth und meiner Familie fürs gemein­same Durch­halten, Sabine für ihr Vertrauen, Siri und unserem groß­ar­tigen Team und allen Förderern.
Und um es mit Rosa von Praunheim zu sagen: 'Weiter­ma­chen! Weiter­kämpfen!'«

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Kein Nebenfach des Kinos. Genau!

Die Film­aka­demie behandelt Doku­men­tar­filme und Kinder­filme aber genau so: Wie etwas Zweit­ran­giges. Für Doku­men­tar­filme wie für Kinder­filme gab es nämlich keine »Lola talks«, wie für die Spiel­filme. Ein Akade­mie­mit­glied kommen­tiert das so: »Man sagt ja immer wie wichtig das alles ist, und wie gleich­ge­stellt, aber wenn’s zur Sache geht, dann doch nicht.«

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Andere Veran­stal­tungs­gäste lobten die Insze­nie­rung sehr. »Es ist extrem fein insze­niert. Aber ja, selbst­be­sof­fene Reden sind natürlich dabei.«

Bei Ton und Sound waren Männer deutlich über­re­prä­sen­tiert. Dafür die Frauen bei Szenen­bild, Maske, Kostüm. D hätte man »früher« gesagt: »Frauen = Hand­ar­beit; Männer = Technik.« Was sagt man heute?

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Immerhin räumte Gelbe Briefe nicht ab! Nur sein Produzent Ingo Fliess hielt als neuer Klas­sen­primus des deutschen Films stolz­ge­schwellt eine Rede, an der alles richtig ist – und die trotzdem die entschei­denden Punkte verfehlt.
Simon Verhoe­vens malmenden Backen­kno­chen konnte man noch im Fernsehen den Verdruss ansehen, dass er auch für seinen neuen Film keine »Beste Regie«-Auszeich­nung bekam. Da würde man sich etwas mehr Conten­ance wünschen. Oder das Bewusst­sein dafür, dass die Regie­ar­beit von Mascha Schi­linski tatsäch­lich im Vergleich viel besser ist.
Das gilt auch für Fatih Akin, der noch vor Ende der Preis­ver­lei­hung dieselbe verließ – aber wenn zum Beispiel Nico Hofmann einen Film wie Amrum gemacht hätte, würden sich alle empören. Akin immerhin darf eine brave germa­ni­sche Blubo-Schnulze drehen, ohne mit ernst­hafter Kritik rechnen zu müssen.

Trotzdem: Zehn Preise für In die Sonne schauen war trotz allem dann auch wieder zuviel. Alle Preise für den gleichen Film – das war wieder nur ein Symptom der bekannten mangelnden Diffe­ren­zie­rungs­fähig­keit der Film­aka­demie und des Preis­ver­fah­rens: Die Schwarm­dumm­heit ist bei einer Massen­ab­stim­mung syste­misch. Und manche Doofen wollen auch lieber nichts falsch machen, wollen Kunst­ver­stand zeigen, und stimmen darum in allem für den Film, der im Cannes-Wett­be­werb war...

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Martin Mosz­ko­wicz setzte einen anderen Akzent und vermel­dete über »Social Media« am gleichen Tag: »Die Nomi­nie­rungen für den Deutschen Filmpreis zeigen: An Begabung mangelt es nicht.
Was fehlt, ist eine ökono­mi­sche Archi­tektur, in der Produ­zenten unter­neh­me­risch denken – und das Geld dort einge­setzt wird, wo über Erfolg oder Verschwinden entschieden wird: beim Start.«
Darüber, wie der deutsche Film sein Publikum (zurück-)gewinnt, schrieb er jetzt einen Gast­bei­trag in der FAZ (29.5.2026).

Darin schreibt er unter anderem: »Der dies­jäh­rige Jahrgang ist untypisch: Drei der als Bester Film nomi­nierten Produk­tionen erreichten deutlich mehr als hundert­tau­send Zuschauer, eine – Ach, diese Lücke, diese entsetz­liche Lücke – sogar mehr als eine Million. Nach den Maßstäben der vergan­genen Jahre ist das erfreu­lich. Es reicht nicht, und wir riskieren, uns darauf auszu­ruhen – sie bleiben die Ausnahme. Bemer­kens­wert ist ein Detail, das in der Bericht­erstat­tung kaum auftaucht: Die Mehrzahl dieser Produk­tionen – und gerade der eine Ausreißer mit mehr als einer Million Zuschauern – wurde von einem ameri­ka­ni­schen Verleih in die deutschen Kinos gebracht. Wer in einem Markt mit Dutzenden Neustarts pro Woche nicht sichtbar ist, existiert nicht. Und sichtbar ist in Deutsch­land fast kein deutscher Film.«

Mosz­ko­wicz macht darauf aufmerksam, dass die Logik der Kino­aus­wer­tungs­kette aus den 50er Jahren stammt. »Damals war die Trennung zwischen Produk­tion und Verleih eine sinnvolle Kana­li­sie­rung von Risiken und Kompe­tenzen. Seitdem hat sich die Welt des Films von Grund auf verändert – Auswer­tungs­kette, Medi­en­nut­zung, Finan­zie­rungs­ar­chi­tektur, Wett­be­werb um Aufmerk­sam­keit. Das System dieser Arbeits­tei­lung blieb. Eine Erneue­rung ist längst über­fällig.«

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Die 50er Jahre – das waren noch Zeiten: 1951, 27. Mai. Die Berlinale gab es nicht im Winter, sondern im Sommer und jedes Jahr zur Berlinale-Eröffnung wurden im Zoopalast die Bundes­film­preise verliehen. Das Ausland musste zugucken bei der wich­tigsten staat­li­chen Auszeich­nung für deutsche Filme.

Die Erich-Kästner-Verfil­mung Das doppelte Lottchen, ein niedlich-unpo­li­ti­scher Kinder­film war der aller­erste »Beste Film« beim Bundes­film­preis. Inzwi­schen ist der Preis längst im Renten­alter, und feierte nun seinen 75. Geburtstag:

Im Smoking und Abend­kleid, bloß nicht zu leicht und leger gekleidet, nahmen die Stars die Preise entgegen, machten artig Knicks und Diener, der für Film zustän­dige Innen­mi­nister gab ebenso wohl­erzogen Handküsse und die Auszeich­nungen hießen Filmband. Da mischte sich die Beschei­den­heit der jungen deutschen Wieder­aufbau-Republik mit dem Stolz auf das Erreichte und auf eine Film­wirt­schaft in der pro Jahr über 800 Millionen Menschen ins Kino gingen – nur in West­deutsch­land wohl­ge­merkt.

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Aber das waren auch die Zeiten vor dem Fernsehen, und so änderte sich das deutsche Kino und mit ihm auch der Bundes­film­preis immer wieder.

Regel­mäßig wurde alles rund­erneuert. Und aus den wohl­erzo­genen »Film­schaf­fenden« wurden rebel­li­sche »Jung­filmer« und dann mit einer Rolle rückwärts im neuen Jahr­tau­send wieder »Film­schaf­fende«.

Irgend­wann mochte man keine Handküsse vom Minister mehr und auch nicht mehr, dass die Preise Filmband hießen.

Der Film wurde vom Kulturgut mehr und mehr zum Wirt­schaftsgut.

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Mit dem neuen Jahr­tau­send sollte alles noch viel grund­sätz­li­cher anders werden, vom Oscar wollte man lernen, und das tat man dann auch. Wurde es damit besser? Das liegt im Auge der Betrachter. Mit dem deutschen Film jeden­falls wurde es nicht besser.

Aus Kunst wurde Event; Jury­be­ra­tung wurde abge­schafft, statt­dessen gab es Schwarm­ent­schei­dung per Massen­ab­stim­mung. Und das Filmband in Gold, Silber und Bronze hat man inzwi­schen umgetauft in »Lola« – irgendwo zwischen Marlene Dietrich und Fass­binder und Lola rennt liegend, zwischen vulgär und Glamour und Frechheit – dass das irgendwie ein bisschen nach Oscar klingen soll, merkt man dieser Namens­ge­bung auch nach 20 Jahren noch an – zumal die Statue ziemlich ähnlich aussieht: Wie eine Oscarline, der man schamhaft ein Filmband über die primären und sekun­dären Geschlechts­merk­male gezogen hat.

Diese Verän­de­rung ist von der Idee des »Neuen Berlin« um die Jahr­tau­send­wende, die inzwi­schen selbst in vielem ziemlich ranzig geworden ist, nicht zu trennen.

Ein deutscher Oscar ist daraus bislang trotzdem noch nicht geworden,

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Angeblich mussten die Deutschen erst feiern lernen. So ein Unsinn! Aber sie glaubten es selbst.

Dabei schaut der Zusam­men­schnitt aus Stars und Sternchen, in Schwarz­weiß und Farbe, den man sich auf YouTube und der Film­aka­de­mie­seite zusam­men­su­chen kann, erstaun­lich glamourös aus: Romy Scheider und Curd Jürgens, Hanna Schygulla und Rainer Werner Fass­binder, Hannelore Elser und Mario Adorf.

Der bekam noch immer die meisten Film­preise, zehn Stück für Robert Siodmaks Nachts, wenn der Teufel kam von 1958. Soviel bekam sonst nur noch einer: Michael Haneke 2010 für Das weiße Band – obwohl der doch eigent­lich Öster­rei­cher ist. Aber wenn es um die Selbst­feier ging, war die deutsche Filmszene schon immer sehr großzügig.

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Der Deutsche Filmpreis ist ein Spiegel des Zeit­geists – wie des deutschen Films in seiner Zerris­sen­heit: E oder U, Fernsehen oder Kino, Sinn oder Sinn­lich­keit?
Dabei muss beides zusam­men­gehen, erst dann wird Kunst draus.

Aber Franzosen werden wir nie!

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Darum spie­gelten die Nomi­nie­rungen am vergan­genen Freitag auch wieder genau diese ewigen Konflikte: Da gibt es den bedeu­tungs­vollen Film über Natio­nal­so­zia­lismus; die knallige Dödel-Unter­hal­tung, die Unter­hal­tung mit Pseu­do­an­spruch, den Migran­ten­film, den Kunstfilm für die gebil­deten Stände; es gibt den ange­passten Kunst­drang eines ober­fläch­lich poli­ti­schen mittleren Realismus; und schließ­lich die Best­sel­ler­ver­fil­mung.

Der Deutsche Filmpreis ist also eigent­lich ein ganz tref­fendes Symbol für den deutschen Film in seiner Unent­schie­den­heit, in den ein bisschen zu vielen Gedanken, die man ja auch vielen Filmen anmerkt: Was machen wir, damit die Zuschauer kommen? Was machen wir, damit er lustig ist? Was machen wir, damit er auf die Film­fes­ti­vals einge­laden wird? Was machen wir, damit der Film nicht zu dumm wird?

Der deutsche Film ist also wie das ganze Land: Fragen über Fragen. Statt einfach mal zu machen.