Ein Klavier, (noch ein) Klavier! oder: Mit Bach im Fluss |
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| (Foto: Filmfest München · Arnaud Desplechin · Deux pianos) | ||
Von Thomas Willmann
Wenn das Filmfest München dieses Jahr eine Playlist hätte, wären darauf nicht Film-Soundtracks. Sondern Titel wie »Man müsste Klavier spielen können«, »Piano Man« oder »Gib dem Mann am Klavier noch ein Bier«. (Mmmmmmh, Bier...! Wieviel Stempel fehlen eigentlich noch auf meinem Bierpass...?) Es hatte sich ja schon beim prima vista-Überfliegen der Filmtitelliste angekündigt – mit Tuner (oder, auf gut Deutsch, im hiesigen Verleih: The Piano Tuner) etwa und Deux pianos. Aber in der Zahl, wie Klavier & Co. selbst bei den unerwartetsten Filmen unterm Deckel steckten, fühlte man sich allmählich schon halb bei den Süddeutschen Tagen der Tastenmusik.
Wer glaubt noch an einen Zufall, dass bei der Eröffnungsgala der, ähm, muntere...? Na ja, der Reigen, um nicht zu sagen der lange Drone-Ton der filmpolitischen An- und Aussagen durch einen Konzertflügel be... ähm... flügelt wurde?! Das war doch nicht nur Absicht, sondern quasi ein Statement-Flügel. Und dass an ihm Martin Kohlstedt saß, versonnen das Elfenbeinimitat zu streicheln und die Saiten zu dämpfen, ja nur vorgeschoben als Verbindung zur Festivalfilmfüllung. (Kohlstedt schrieb die Musik zu Lieblingsmenschen, der unter dem Spotlight, bzw. in der so benamsten Rubrik lief.)
Man musste auch lediglich im Kino-... ähm... Mehrzwecksaalsessel der Isarphilharmonie verbleiben, um das erstmals trapsen zu hören. Denn im Eröffnungsfilm Vaterland erweist sich eine Orgel als entscheidendes dramaturgisches Instrument (und zwar, parbleu!, im doppelten Sinne). Mehr soll jetzt hier nicht gespoilert sein. Aber selbst in diesem sonst keineswegs gefühligen Film, der sich als eigentliche Filmmusik kaum mehr gönnt als das sehr bewusst gesetzte heiligspröde Orgelzilpen von Messiaen, und der Musikstücke in Szenen sonst vor allem wegen ihrer historischen Konnotationen, als kulturelle Markierungen nutzt... (ähm, Moment, wie fing der Satz an...? Ah ja...:) Selbst in diesem Film herrscht letztlich der Glaube, dass Musik etwas aufschließen kann in den Menschen, zu dem es auf anderem Weg keinen Zugang gibt.
Bach habe Klaus fast doch an Gott glauben lassen, sagt Erika Mann in Vaterland zu ihrem stets sehr nobelpreistragenden Vater. Über den Bruder sprechend, der kurz zuvor seinem Leben selbst ein Ende setzte. Und dass es dem – wie sein Protagonist enorm präzisen, kontrollierten – Film ernst ist damit, merkt man genau daran, dass er’s sogleich ironisch bricht. Habe das nicht Nietzsche über Beethoven gesagt, fragt Thomas Mann, stets zitatsfest, seine Tochter...
Es war in den Filmen dieses Festivaljahrgangs dann immer wieder nicht nur einfach die Musik, nicht nur speziell das Spielen von Tasteninstrumenten, sondern eben das Werk von J.S. (um nicht gar zu sagen: Johann Sebastian!) Bach, welches zentrale emotionale Momente bündelt, auslöst, ermöglicht.
Nun wäre hier wohl der Platz, die allfälligen Wasserwortspiele zu machen mit »Bach«. Zumal ja nun das FFMUC sich festgelegt hat auf die H2O-Motivik als visuelles Identitätsmerkmal. Weil: Wasser – wo gibt’s das sonst?! Einzigartig! Filmfest München – Dürre: Dazwischen ist nix! (Andererseits aber: Dieses Jahr schon auch »Oh Wasser, kostbar' Nass, welch quickende Versprechung!«, also quasi positive Assoziation voll am Start.) Aber bei aller Wertschätzung, liebe Leserschaft: Bei den Temperaturen müssen Sie solch Kalauerkraft bitte selbst aufbringen, wenn Sie Wert darauf legen. Mir stockt auch so hinreichend das Hirneiweiß. (Ich hoffe, das beeinträchtigt nicht den übrigen Text. Merkt man nicht, oder...?)
Aber also... Wo waren wir? Ah ja: Bach. Im Film. Beim Filmfest München. (Wo ich aber grad nochmal das Logo des FFMUC anschaue: Was da als Hintergrund sprudelt und schwappt, ist das womöglich die Eisbachwelle? Ist dieser Hintergrund also voll hintergründig und politisch? Und egal ob sie und er es ist: Wäre das nicht ein besserer Aufhänger gewesen für einen Text? Hmmmm... möglich. Aber na ja. Jetzt ist’s eh zu spät. Also: Weiter in die Tasten gehauen! (Weil: Klaviatur, Tastatur – beides Tasten! Ha! Geht doch mit den Wortwit... Äh. Sorry...))
Nee, nu aber: Bach. Im Film. Beim Filmfest München. Weil eben: Vaterland nur der Auftakt! Dass dann in Deux pianos das Tastenklimpern noch zentraler war, kam nun nicht so überraschend, wenn man die Angewohnheit hat, vor dem Besuch eines Films dessen Titel zu lesen. Aber nun haben ja auch andere Menschen komponiert, wird behauptet; und manche auch recht hübsch. Und doch ist’s im entscheidenden Moment auch hier wieder: Bach (Johann Sebastian, um nicht zu sagen J.S. – wobei in dem Fall unter transkribierender Mithilfe seines eigentlich damals viel berühmteren Sohns Carl Phi... ah, sorry, führt grad zu weit...).
Deux pianos erzählt von einem einst gefeierten, inzwischen ziemlich verkrachten Virtuosen, der von seiner Mentorin zurückgerufen wird nach Lyon, für einen gemeinsamen Auftritt mit Bartóks Konzert für zwei Klaviere, Schlagwerk & Orchester. (Tolles Stück! Hören Sie mal rein...!) Und der dabei unsanft in sein früheres Leben stolpert, seine frühere Liebe – die in der alten Heimat mehr an Spuren, Folgen hinterlassen hat, als er ahnte. Die »zwei« im Titel ist dabei mindestens so wichtig wie der Rest dieser Besetzungsbezeichnung: Es ist ein Film voller Dualitäten, Spiegelungen, Doppelungen. Was Sie jetzt nicht mir glauben müssen. Hat nämlich auch so der Regisseur selber gesagt, Arnaud Desplechin, beim durchaus nicht nur anekdoten-, sondern auch aufschlussreichen Bühnengespräch nach dem Film. Und der wird’s ja wohl wissen.
Von den Filmen mit dezidiert, professionell klavierspielenden Hauptfiguren war Deux pianos aber leider der eine, einzige, dem ich ein »Bravo!« zurufen würde. Zu Gentle Monster und (The Piano) Tuner belassen wir’s lieber bei »Tacet«. Da gäbe es sonst nur Unerquickliches zu vokalisieren. Beide überkonstruiert und faulig im Kern (der eine, weil er trotz der teil-französischen Besetzung von seiner Natur her ein deutscher Fernsehfilm ist und sich dem Thema Kindesmissbrauch mit einer deplazierten »Hat der Mann nun, hat er nicht?«-Spannungsdramaturgie nähert; der andere, weil sein »Held« in Wahrheit ein selbstmitleidiger, trotziger Narzisst ist, Bauart »Verhinderter Künstler, der’s allen, insbesondere den Frauen, noch zeigen wird«...). Und letztlich die Tasteninstrumente, die Musik eher in ihrer Konkretheit austauschbare Mittel zum Zweck – Auslass für die weibliche Wut im einen, narratives Möbel zum In-Gang-Bringen-und-Halten des Plots beim anderen –, als dass man das Gefühl hat, die Filme würden wirklich mal innehalten und hinhören; als bedeute ihnen genau diese Musik etwas.
Was dann wieder sogleich anders war, wo man eigentlich gedacht hätte: Klar, Strange River, Film mit Wasser als zentraler Metapher, dem wird der Fluss, zumal Europas längster, reichen – der braucht keinen Bach!
(Wo: Also dieses Ding mit der Wassermotivik zieht das Festival schon echt durch. Preise – wie in dem Fall den CineCoPro Award, der da vermutlich einen Großteil des Budgets refinanzierte, gibt’s quasi nur für Filme, die eine haben. Am besten schon im Titel. Wäre vielleicht eine Studie wert. Einfluss des Klimawandels auf die Vergabe von Kunstpreisen und so. Weil: Finden Jurys bei über 30°C einfach alles toll, was sie wenigstens virtuell in Freibad, an den See, zum erfrischenden Planschen versetzt? Wo dann die mangelnde Temperaturabkühlung wohl auch der entscheidende Fehler war des ohne Auszeichnung gebliebenen Hot Water. (NB: Teile dieses Witzes habe ich von Frau Anna Edelmann geborgt und werde sie nach Abschluss des Texts höflich dankend zurückgeben.))
Dass dann also auch in Estrany riu (wie Strange River sich nennt, wenn er daheim ist und Katalanisch spricht) auf Familien-Radltour entlang der Donau aber – pardauz! – wieder ein Klavier im Bild steht, und man statt Flußfahrt dort Bachspiel treibt (ist es grad ein paar Grad kühler geworden...?!), das war nicht zu erwarten. Und ausgerechnet in der Hochschule für Gestaltung in Ulm! (Oder um Ulm? Oder um Ulm herum?) Wo: War ich noch nie. (Also in Ulm an sich schon, auch um und um Ulm herum – aber noch nicht in der HfG. Müsste man mal hin, sah interessant aus!) Ich gehe aber mal sehr davon aus, dass das Musikmöbel da extra für den Film in die kühl-bauhausigen Gänge geschafft und gestellt wurde. Hoffentlich mit weniger Problemen als bei diesem Laurel & Hardy-Film mit dem Klaviertransport die Treppe hoch. (So lange Treppen gibt’s aber glaube ich eh nicht in Ulm...) Um diesen Moment zu ermöglichen, wo der mit seiner Architekturvernarrtheit die Familie etwas nervende Vater und der eben zu seinem (homo)sexuellen Begehren erwachende Teenager-Sohn eine selbstverständliche, liebevolle und wortlose Verbindung teilen, die in den bemühten Gesprächen ziemlich am Bröckeln scheint.
Und selbst wenn Filme mal auf den Bach verzichteten – die Klaviere wurden geliefert wie von der zuverlässigsten Spedition. Im norwegischen Low Expectations lässt das erste Klimpern auf dem Wohnzimmer-Piano ahnen, dass die junge Protagonistin wieder zu ihrer Kreativität zurückfinden könnte. Nachdem sie, als einst (vor allem online) gehypter Popstar, ausgebrannt heim zur Mutter und in einen Job als Aushilfslehrerin geflohen ist, alle Musik in ihr scheinbar erloschen.
In A Girl Unknown gibt’s einen Moment, wo Kind und (ungeliebte) Pflegemutter beim gemeinsamen Klavierspiel kurz mal eine seelische Brücke zueinander finden. (Sonst der Film... Bzw. nicht nur sonst, sondern auch in der Szene: Mir ging’s damit quasi wie in Abwandlung einer gängigen Redensart, nämlich »Das Gegenteil von gut ist gut gemacht›. Aber halt: Auch hier Wassermotivik absolut 1A. Fehlt eigentlich nur im Titel. Würde mich nicht wundern, wenn die wörtliche Übersetzung des chinesischen Titels sowas wäre wie Welle wogt (außer man hebt oder senkt die Stimme in der Silbe falsch, und dann ist’s Pferdesplitter linksherum, oder so). Könnte man jetzt freilich nachschauen, aber: Es. Ist. Zu. Heiß!‹«)
Und selbst wenn die Klaviere stumm blieben im Film (also quasi umgekehrt wie bei Stummfilmbegleitung mit Klavier, wo... na, kennen Sie eh), waren sie wichtig. Im Abschlussfilm See You When I See You – nach einem CineMerit Galachen (Galalein?, Gälchen? Notiz an selbst: Verniedlichungsform nachschlagen!) für David Duchovny, das dann doch zwar merklich etwas behelfsmäßig, aber überraschend schön bis an die Grenze zu berührend war – spielt niemand mehr auf dem Piano der toten Tochter/Schwester. Aber es ist das eine materielle Erinnerungsstück an sie, das ins elterliche Haus gerettet wird.
Kann das alles Zufall sein? Ja, freilich! Kann es. So wie das Ding mit der Wassermotivik. Aber auch im Zufall steckt mitunter ja sowas wie eine insgeheime Absicht, Erkenntnis. Wie kommt’s, dass das Kino grad immer wieder auf die Idee verfällt mit der Tastenmusik? Was sucht es da? Na ja – bisherigen Text nicht gelesen? Steht doch da! Momente der Gemeinschaft, der Verbindung, die sich einer Versprachlichung entziehen.
Es gab Zeiten, da war’s sehr in Mode im Kino, dem Medium selbst die Kraft zuzuschreiben, solch quasi-magische Transzendenz zu schaffen. Da schickte der Film seine Figuren gerne ins Kino, um dort solche Kunst-Kommunion zu finden.
Sie in die Musik, ins Musizieren zu verlagern, auszulagern, ist vielleicht bescheidener. Vielleicht auf raffinierte Weise auch ein bisserl prahlend: Die Musik ist ja eine Kunst unter anderen, die vom Kino vereinnahmt, vereint werden. Und es ist somit auch auf subtilere Art selbstreflexiv, als wenn da gleich eine Kinoleinwand auf der Kinoleinwand erscheint. (Boah, wenn jetzt noch was ginge mit »Reflektionen auf der Wasseroberfläche«... das wäre preisverdächtig! Aber ich fürchte...)
Und warum immer wieder Bach? Gute Frage. Vielleicht, weil man da eben – siehe Klaus Mann à la Vaterland – von etwas Heiligem rumdingsen kann, ohne gleich religiös oder wabernd spirituell zu werden. Weil man da immer auch in die andere Richtung zeigen kann und sagen: Ha, nein – pure Mathematik, Konstruktion, menschlicher Geist! Quasi ökumenisch selbst für Atheisten.
Vielleicht, weil man in unseren feudalkapitalistischen Zeiten in Bach eine Utopie findet vom individuellen Ausdruck, von vermeintlich absoluter Kunst (wo: nein – aber das wäre ein Thema für sich...) im abhängigen Dienstverhältnis.
Es war, so oder so, nicht der schlechteste cineastische Soundtrack zu einem Filmfest, das eben – es gilt da grosso modo alles schon zum letzten Jahrgang Ausgeführte noch immer und wieder – sich nach den Irrungen der »Irgendwas mit Glamour«-Ära wieder (er)findet als Ort der cineastischen Begegnung, Gemeinschaft.
Und dass da, auch wenn diese 43. Ausgabe vermutlich nicht als eine der spektakulärsten im Gedächtnis bleiben wird, doch die Schritte (Schwimmzüge...?) nochmal weiter in die richtige Richtung gelenkt hat. Der subjektive Eindruck, durch die offiziellen Publikumszahlen bestätigt: Endlich hat München (wieder?) eine Wahrnehmung und Neugier entdeckt für Filme, die wo (hmmmm... ist »die wo« falsch, Süddeutsch, oder beides?) nur auf dem Filmfest laufen. Selbst unter der Woche nachmittags, bei außereuropäischem Arthouse, waren die Kinos besser gefüllt, als man das lange Jahre betrübt gewohnt war.
Meinetwegen waren vielleicht viele Leute auch nur auf der Suche nach zwei Stunden Klimaanlage. (Es war SO. HEISS!) Mag aber auch mit daran liegen, dass das FFMUC sich vom reinen Publikums- zum Branchenfestival umzuwuchten bemüht. (Auch da: Eigenes Thema, warum sowas nötig heute – und wo in diesen Bemühungen noch Luft nach oben wäre, oder mehr Eintauchtiefe möglich...) Es fühlte sich alles nicht mehr ganz so regional an, mitunter gar einen Hauch von wahrhaft international.
Selbst die Verlegung der »Beergarden Convention« vom lauschigen Amerikahaus-Garteneckerl in die versteppte Glutzone hinter der HFF funktionierte deutlich besser als vorab befürchtet. Was über Bande durchaus wichtig ist auch fürs zivile Münchner Publikum: Ein Festival, das sich für die Leute vom Fach etablieren kann als angenehmer, zwanglos neue, unerwartete Kontakte bescherender Ort, kann einfach mehr und interessantere Filme ködern.
Um nicht schon wieder »Hock di her da, samma mehra« zu bemühen, sagen wir’s diesmal lieber mit Bach, wie’s war mit den Bierbank-Begegnungen über Länder- und sonstige Grenzen hinweg. Es galt: Wir setzen uns mit Dänen nieder. (Und sämtlichen sonstigen Nationalitäten, ob bei der XXL-WM dabei oder nicht... (Hurrah, jetzt in der Nachspielzeit doch noch den Fußball untergebracht!))
Und so also... Wie? Was...? Wer meint da aus dem Off...? Ah. Sorry. Höret auf, ruft uns die Stimme. Und sie hat vermutlich recht. Kein einziges Bach-Wortspiel mehr – die werden bei der Hitze ja nur alle schlecht.
In diesem Sinne... Bis hoffentlich nächstes Jahr wieder auf dem Filmfest München! Dann vielleicht mit Chopin auf der Blockflöte in jedem zweiten Film. Wer weiß...? (Na ja, Wassermotivik dürfte safe wieder dabei sein.) Für heute aber gilt: Es ist genug.
Anmerkung der Redaktion: Dieser Text entstand bei >30°C. Wir haben unserem Autor inzwischen ein Eisbad verordnet.
N.B.: Auf dem Klavier/ steht ein Glas Bier/ Wer daraus trinkt/ stinkt. – Kindergartenlied der 70er-Jahre