11.06.2026
Cinema Moralia – Folge 391

Vertrieben aus dem Reich der Sinne

22 Bahnen
Die Welt des deutschen Kinos. Die Welt, in der wir leben. Von der wir hier reden, besteht auch aus 22 Bahnen...
(Foto: Constantin)

Deutscher Film von Sinnen: Glücklicherweise interessiert die Wenders-Debatte nur die Filmblase, aber die Therapiemoral ersetzt die Kunstdiskurse – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kinogehers, 391. Folge

Von Rüdiger Suchsland

»Statt Kinder­be­treu­ungs­ein­rich­tungen bekamen wir das Binnen-I, statt Chan­cen­gleich­heit bot man uns 'diversity', und anstelle von progres­siver Unter­neh­mens­be­steue­rung erhielten wir erwei­terte Anti­dis­kri­mi­nie­rungs­richt­li­nien. Das entspricht dem Grund­prinzip neoli­be­raler Propa­ganda: Alle Ungleich­heit beruht demnach lediglich auf Diskri­mi­nie­rung. Sie ist nur ein Vorurteil, das sich durch liberale Gesinnung über­winden lässt; und nicht etwa ein Effekt starrer oder sich gar noch verhär­tender Eigen­tums­ver­hält­nisse.«
– Robert Pfaller, Philosoph

»Man darf sich nichts vormachen: wer wider­s­tändig ist, muss mit Wider­stand rechnen. Wer eine Minder­heits­mei­nung vertritt, der fällt bei der Mehrheit schnell in Ungnade. ... Wer meckert und schimpft, wird unhöflich zurecht­ge­wiesen, viel­leicht sogar ange­schrien oder verklagt. Wer aus der Reihe tanzt, wird an den Rand gedrängt oder raus­ge­schmissen.«
– Maria-Sibylla Lotter, Philo­so­phin

»Das Eigene beginnt mit einem Nein.«
– Carolin Emcke, Philo­so­phin

Diese Woche kommt der Film Im Reich der Sinne, einer der legen­dären »Skan­dal­filme« aus den heute arg in Verruf gekom­menen liberalen Siebziger Jahren, einer Phase künst­le­ri­scher Umbrüche und poli­ti­scher Unruhe, ins Kino, und viel­leicht könnte er uns ein bisschen zu Sinnen bringen.

Lilith Stan­gen­berg hat in ihrem heutigen wunder­schönen Text zu Nagisa Ōshimas Im Reich der Sinne alles gesagt.

Bleibt nur noch der Meister selbst über seinen Film: »Seine Existenz ist porno­gra­fisch — unab­hängig von seinem Inhalt ... Der Begriff der Obszö­nität wird geprüft, wenn man es wagt, etwas anzusehen, das man unbedingt sehen möchte, sich aber selbst verboten hat anzusehen. Wenn man das Gefühl hat, dass alles, was man sehen wollte, enthüllt wurde, verschwindet die Obszö­nität, ebenso das Tabu, und es entsteht eine gewisse Befreiung.«

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Und der britische Kriti­ker­papst Peter Bradshaw (The Guardian): »Dieser kompro­miss­lose Film ist nicht im Geringsten gealtert — viel­leicht, weil Filme, die wirklich von Sex handeln, noch immer so selten sind, trotz der angeb­li­chen Sexua­li­sie­rung, die uns überall umgibt. Oshimas Film erweitert und vertieft die sinnliche Sphäre.«

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»Das sind die FFA-Bran­chen­tiger 2026« – wieder so eine originell formu­lierte FFA-Pres­se­mit­tei­lung. Je erfolg­rei­cher ein Film an der Kinokasse, bei Film­preisen und Festivals in den Vorjahren war, desto mehr Refe­renz­punkte sammelt er. Die erfolg­reichsten Unter­nehmen und Film­schaf­fenden nennen sie in der FFA die »FFA-Bran­chen­tiger 2026«.
Die FFA vergibt rund 39 Millionen Euro Refe­renz­för­de­rung an Produk­tions- und Verleih­un­ter­nehmen sowie Regis­seure und Autoren. Produk­ti­ons­un­ter­nehmen von Lang­filmen erhalten in diesem Jahr durch­schnitt­lich 0,99 Euro pro Punkt, wenn sie die Maxi­mal­för­der­summe von 2 Mio. Euro nicht erreichen. Insgesamt wurden für 115 Filme 24,18 Millionen Euro zuerkannt.

Die Regie-Bran­chen­tiger 2026 sind: Michael Bully Herbig für Das Kanu des Manitu, Bernhard Jasper für Schule der magischen Tiere 4, Karoline Herfurth für Wunder­schöner, Tim Dünschede für Die Drei ??? und der Karpa­ten­hund, Marcus H. Rosen­müller für Pumuckl und das große Miss­ver­s­tändnis, Fatih Akin für Amrum und Mia Maariel Meyer für 22 Bahnen.

Das ist die Welt des deutschen Kinos. Die Welt, in der wir leben. Von der wir hier reden.

Kommen wir zum Thema.

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Die Masse hat gesiegt. Staats­an­wälte, Ankläger, Richter und Beifall klat­schendes Publikum in einem, haben es die Gesin­nungs­mao­isten innerhalb der deutschen Filmblase geschafft, eine Diskus­sion, bevor sie richtig begonnen hatte, zu ersticken und einen der renom­mier­testen deutschen Regis­seure – ob zu Recht oder zu Unrecht tut hier gar nichts zur Sache –, einen Mann, den sie gerade eben noch mit einem Ehren­preis ausge­zeichnet haben, in einer Ange­le­gen­heit zum Einlenken zu zwingen, in der er das ganz offen­sicht­lich nicht wollte. Sie haben es durch mora­li­schen Druck und öffent­liche Kampagnen geschafft, obwohl Wim Wenders seit 15 Jahren die Sache um die es geht, anders sieht, und bisher dem immer stärkeren Druck wider­standen hat.

Sie werden das als Sieg verbuchen. Und wahr­schein­lich haben sie recht.

Aber es ist kein Sieg für die Filmkunst und kein Sieg für die Streit­kultur. Denn Argumente wurden hier nicht ausge­tauscht, sie wurden gar nicht erst angehört. Sondern alle wussten eigent­lich immer schon von Anfang an, wer hier recht hat, und wer das »Opfer« ist und wer der »Täter«.

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Schon diese Worte, mit denen hier hantiert wird – Opfer, Täter, Miss­brauch, Übergriff – sind komplett unan­ge­messen, so wie die Forderung nach einer Entschul­di­gung. Entschul­di­gungen sind nichts, was man öffent­lich macht.

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Menschen, so Marie-Sybille Lotter, Profes­sorin für Philo­so­phie und Ethik in Bochum, in ihrem neuen Buch, das einfach »Opfer« heißt, üben in den west­li­chen Gesell­schaften derzeit ein, sich selbst als Opfer zu verstehen, und nur als das. Sie lernen,´ihren Zuständen neue Namen zu geben, Namen wie Depres­sion und Trauma.
Es ist ein Prozess, in dem medi­zi­ni­sche Begriffe wie »Trauma« die Thera­pie­praxen verlassen und Eingang in unsere Alltags­sprache finden. Plötzlich sind wir alle »trau­ma­ti­siert«, jede Trau­rig­keit ist »eine Depres­sion«, jede Unkon­zen­triert­heit ein Fall von ADHS. Lotter sieht darin nicht nur eine Entgren­zung von Begriff­lich­keiten, sondern auch die Entste­hung dessen, was sie Thera­pie­moral nennt.
In dieser Moral wird das Opfer verab­so­lu­tiert, und alle Menschen sind gezwungen, es anzu­er­kennen, ihm zuzuhören und »Raum zu geben«. Wer das nicht tut, ist nicht einfach »unem­pa­thisch«, er »vertei­digt Über­griffe«, ist Komplize und eigent­lich schon selbst Täter.

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Aber wer entscheidet darüber, wann jemand Opfer ist und wann Täter? Wir haben den Unter­schied zwischen Ankläger und Opfer vergessen, wir machen Vertei­di­gungen und Unschulds­ver­mu­tung lächer­lich.

Machen wir uns nichts vor: Diese Aushe­be­lung des Rechts­staats und rechts­staat­li­cher Prin­zi­pien hat System: Hier spielen sich Rechts­extreme mit ihrer Verächt­lich­ma­chung demo­kra­ti­scher Rechte und repu­bli­ka­ni­scher Verfahren und unab­hän­giger Medien und Links­iden­ti­täre in ihrer Verab­so­lu­tie­rung von Minder­hei­ten­rechten, ihrem Kampf gegen den Univer­sa­lismus und »Rechte, die für alle gelten«, gegen alles vermeint­lich »Elitäre« und »Privi­le­gierte« gegen­seitig in die Hände.

Wie gefähr­lich diese Konzen­tra­tion auf die vermeint­liche (!!) Opfer­rolle sein kann, zeigt der Fall des Influen­cers Gil Ofarim, der vortäuschte, Opfer eines anti­se­mi­ti­schen Über­griffs geworden zu sein.

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Empathie schafft gerade keine Gerech­tig­keit.

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Im Nach­hinein ist der Filmpreis der Ehren­preis der Deutschen Film­aka­demie für Wim Wenders zu einem Dana­er­ge­schenk geworden. Wenders selbst hätte viel­leicht lieber auf den Ehren­preis verzichtet. Denn die Ehre durch die Film­aka­demie hat dazu geführt, dass Wenders öffent­lich gede­mü­tigt wurde und wird und sich dazu zwingen lassen musste, vor dem Moral­re­gime der Berliner Film- und Medi­en­blase einen Kotau zu machen.

Natürlich: hätte man Wim Wenders vor zwei Wochen beraten dürfen, hätte man ihm dringend geraten, bei der Film­preis­rede überhaupt nichts zum Fall zu sagen. Denn erst dadurch wurde die Filmblase, die von nichts eine Ahnung hatte, richtig erregt, erst dadurch wurden die aller­meisten infor­miert – wer liest schon die Süddeut­sche? Und wer liest solche Artikel?

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In quälender, voyeu­ris­ti­scher Ausführ­lich­keit und in der Sache weit­ge­hend unin­for­miert, beschreibt die SZ-Autorin die Dreh­um­s­tände in den Worten der Erin­ne­rung der heute 65-Jährigen Nastassja Kinski an die Zeit, als sie 13 war. Und dann zieht diese Nicht-Film­kri­ti­kerin Schluss­fol­ge­rungen über »das, was der Neue Deutsche Film in großen Teilen war: eine Männer­ver­an­stal­tung.«

Das passt zwar in den Zeitgeist. Genau das war der Neue Deutsche Film, aber im Vergleich zu allen anderen Kine­ma­to­gra­phien früherer Jahre, eben gerade nicht! Sondern es war die Zeit, in der Frauen Haupt­rollen spielten, und in der Frauen begannen, Regie zu führen: Jeanine Meerapfel, May Spils, Margarete von Trotta, Jutta Brückner, Helma Sanders-Brahms, Helke Sander, Elfi Mikesch, Ulrike Ottinger, Ula Stöckl, Claudia von Alemann, Doris Dörrie und so weiter und so weiter.

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Wenders hat zurück­ge­zogen. Er hat gesagt, dass er den Film Falsche Bewegung bis auf Weiteres nicht öffent­lich zeigen möchte. Dieser Film ist schon jetzt nur noch schwer zugäng­lich. Jetzt droht er aus der Öffent­lich­keit zu verschwinden, das Publikum bleibt bis auf Weiteres aus der Diskus­sion ausge­schlossen.

Wer das nicht akzep­tieren und sich selbst ein Bild verschaffen möchte, muss sich beeilen: Auf Amazon.de ist der Film auch in verschie­denen Import-Versionen als »derzeit nicht verfügbar« bezeichnet; das dürfte vor allem an der erhöhten Nachfrage der letzten Tage liegen. Es wird aber jeder, der sich ein bisschen auskennt, Wege finden, diesen Film trotzdem weiterhin zu bekommen, entweder in Samme­l­edi­tionen wie »Best of Wim Wenders« oder der in Frank­reich heraus­ge­brachten edlen Film-Kollek­tion Coffret Wim Wenders, aller­dings für 299 Euro, und Criterion Coll­ec­tion.

Wer nur »die Stellen« kennen möchte, um mitreden zu können, dem wird über diverse Ausschnitte und halb­le­gale auslän­di­sche Streaming-Portale verläss­lich geholfen. Um das angeb­liche Anliegen, die Löschung von Szenen, kann es hier also gar nicht gehen, denn sie ist unmöglich. Glück­li­cher­weise schützt hier das Netz vor Zensur­ein­griffen.

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Ich halte den Rück­zieher für einen schweren Fehler. Es gibt alles mensch­liche Vers­tändnis dafür, dass ein 80-jähriger Mann keine Lust hat, sich so einem Unsinn zu stellen und die Debatte mit einem aufge­wühlten emotio­na­li­sierten, Gegen­ar­gu­menten und Diffe­ren­zie­rung sehr schwer zugäng­li­chen digitalen Mob zu debat­tieren. Natürlich gibt es unter Wenders Kritikern auch Wohl­mei­nende. Aber sie bleiben leise und manche von ihnen stra­pa­zieren wiederum das Wohl­wollen derje­nigen, die ihre Position nicht teilen sehr.

Es ist absolut unter­griffig, dass Julia von Heinz ihren abwä­genden klugen Worten die Fest­stel­lung voran­stellt, sie sei Mitglied der Kommis­sion gewesen (wer noch?) und Wenders habe den Ehren­preis eigent­lich gar nicht bekommen sollen, der sei eigent­lich für Rosa von Praunheim beab­sich­tigt gewesen.

Das geht so nicht, Frau Kollegin, das ist einfach stillos!

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Und à propos Rosa von Praunheim: Ich kannte den leider Verstor­benen gut genug, um jetzt zu sagen: Wie gerne hätte ich den Wohl­fahrts­aus­schuss­mit­glie­dern und Tugend­wäch­tern der Gegenwart die Erfahrung gegönnt, das Rosa ihnen seine Ansichten über die Siebziger Jahre und seine damaligen Dreh­ar­beiten, den Umgang mit Nacktheit und die Bedeutung von Intimität – die heute manche nur noch von Intimacy-Coaches kennen –, über die verlorene Liber­ti­nage jener Zeit und im Gegensatz dazu über den spießigen Zeitgeist unserer Gegenwart, über die Klein­geis­terei unserer öffent­li­chen Debatten und ihrer Akteure erzählt hätte.

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Ich hätte auch gerne gehört, was Rosa von Praunheim wohl über das »virtue signal­ling« des Schau­spie­lers Julius Feldmeier gesagt hätte. Ungefragt schwingt sich Feldmeier zum Moral­apostel auf, schreibt in Social Media einen von Bana­li­täten strot­zenden »offenen Brief« an Wenders, der zur Sache nichts beiträgt und niemanden inter­es­siert, außer jenen Medien, die an Streit um des Streits willen inter­es­siert sind, oder an der Dele­gi­ti­mie­rung der Kunst oder der öffent­lich-recht­li­chen Sender wie die FAZ, die den Vogel abschoss indem sie Feldmeier noch ein trauriges Forum bot.

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Manche verstehen nicht – oder wollen nicht verstehen, warum nicht alle ihrer Ansicht sind, dass Wenders ganz schlimm ist, dass er unbedingt seinen Film »Falsche Bewegung« verändern muss, dass Nastassja Kinski unbedingt Recht hat mit ihrer Forderung die Bilder von sich als 13-Jähriger aus dem Film zu entfernen. Darum hier der ernst­ge­meinte Versuch, diese Position noch mal ein bisschen zu erklären.

»Gefühlte« Gefühle schieben sich vor die Realität – und verwan­deln Geschichte in immer­wäh­rende Gegenwart, in rasenden Still­stand.

Wenn es zu einer »Nach­be­ar­bei­tung« des Films durch den Regisseur kommt, wäre das tatsäch­lich der Präze­denz­fall, von dem Wenders spricht: Ein Türöffner, der ganz anderem Raum gibt. Schon aus Gründen der Bewahrung von Film­ge­schichte und Filmerbe müssen solche Maßnahmen jetzt und zukünftig definitiv ausge­schlossen bleiben. Einmal geschehen, werden auch Unbefugte und Menschen mit bösen Absichten (und AFD Partei­buch) kommen und »Nach­be­ar­bei­tungen« zu allem Möglichen fordern, die die ursprüng­liche künst­le­ri­sche Intention zerstören werden.

In den USA gibt es seit 1988 den National Film Preser­va­tion Act, der lautet: »Directs the Librarian of Congress to establish a National Film Registry to register films that are cultu­rally, histo­ri­cally, or aesthe­ti­cally signi­fi­cant.
Prohibits any person from knowingly distri­bu­ting or exhi­bi­ting to the public a film that has been mate­ri­ally altered, or a black and white film that has been colorized and is included in the Registry, unless such films are labeled disclo­sing specified infor­ma­tion.«

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Aber okay, man muss es auch nüchtern sagen: normale Menschen – es gibt sie tatsäch­lich! – normale Menschen können mit dieser ganzen Debatte glück­li­cher­weise nichts anfangen.