Cinema Moralia – Folge 391
Vertrieben aus dem Reich der Sinne |
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| Die Welt des deutschen Kinos. Die Welt, in der wir leben. Von der wir hier reden, besteht auch aus 22 Bahnen... | ||
| (Foto: Constantin) | ||
»Statt Kinderbetreuungseinrichtungen bekamen wir das Binnen-I, statt Chancengleichheit bot man uns 'diversity', und anstelle von progressiver Unternehmensbesteuerung erhielten wir erweiterte Antidiskriminierungsrichtlinien. Das entspricht dem Grundprinzip neoliberaler Propaganda: Alle Ungleichheit beruht demnach lediglich auf Diskriminierung. Sie ist nur ein Vorurteil, das sich durch liberale Gesinnung überwinden lässt; und nicht etwa ein Effekt starrer oder sich gar noch verhärtender Eigentumsverhältnisse.«
– Robert Pfaller, Philosoph»Man darf sich nichts vormachen: wer widerständig ist, muss mit Widerstand rechnen. Wer eine Minderheitsmeinung vertritt, der fällt bei der Mehrheit schnell in Ungnade. ... Wer meckert und schimpft, wird unhöflich zurechtgewiesen, vielleicht sogar angeschrien oder verklagt. Wer aus der Reihe tanzt, wird an den Rand gedrängt oder rausgeschmissen.«
– Maria-Sibylla Lotter, Philosophin»Das Eigene beginnt mit einem Nein.«
– Carolin Emcke, Philosophin
Diese Woche kommt der Film Im Reich der Sinne, einer der legendären »Skandalfilme« aus den heute arg in Verruf gekommenen liberalen Siebziger Jahren, einer Phase künstlerischer Umbrüche und politischer Unruhe, ins Kino, und vielleicht könnte er uns ein bisschen zu Sinnen bringen.
Lilith Stangenberg hat in ihrem heutigen wunderschönen Text zu Nagisa Ōshimas Im Reich der Sinne alles gesagt.
Bleibt nur noch der Meister selbst über seinen Film: »Seine Existenz ist pornografisch — unabhängig von seinem Inhalt ... Der Begriff der Obszönität wird geprüft, wenn man es wagt, etwas anzusehen, das man unbedingt sehen möchte, sich aber selbst verboten hat anzusehen. Wenn man das Gefühl hat, dass alles, was man sehen wollte, enthüllt wurde, verschwindet die Obszönität, ebenso das Tabu, und es entsteht eine gewisse Befreiung.«
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Und der britische Kritikerpapst Peter Bradshaw (The Guardian): »Dieser kompromisslose Film ist nicht im Geringsten gealtert — vielleicht, weil Filme, die wirklich von Sex handeln, noch immer so selten sind, trotz der angeblichen Sexualisierung, die uns überall umgibt. Oshimas Film erweitert und vertieft die sinnliche Sphäre.«
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»Das sind die FFA-Branchentiger 2026« – wieder so eine originell formulierte FFA-Pressemitteilung. Je erfolgreicher ein Film an der Kinokasse, bei Filmpreisen und Festivals in den Vorjahren war, desto mehr Referenzpunkte sammelt er. Die erfolgreichsten Unternehmen und Filmschaffenden nennen sie in der FFA die »FFA-Branchentiger 2026«.
Die FFA vergibt rund 39 Millionen Euro Referenzförderung an Produktions- und Verleihunternehmen sowie Regisseure und
Autoren. Produktionsunternehmen von Langfilmen erhalten in diesem Jahr durchschnittlich 0,99 Euro pro Punkt, wenn sie die Maximalfördersumme von 2 Mio. Euro nicht erreichen. Insgesamt wurden für 115 Filme 24,18 Millionen Euro zuerkannt.
Die Regie-Branchentiger 2026 sind: Michael Bully Herbig für Das Kanu des Manitu, Bernhard Jasper für Schule der magischen Tiere 4, Karoline Herfurth für Wunderschöner, Tim Dünschede für Die Drei ??? und der Karpatenhund, Marcus H. Rosenmüller für Pumuckl und das große Missverständnis, Fatih Akin für Amrum und Mia Maariel Meyer für 22 Bahnen.
Das ist die Welt des deutschen Kinos. Die Welt, in der wir leben. Von der wir hier reden.
Kommen wir zum Thema.
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Die Masse hat gesiegt. Staatsanwälte, Ankläger, Richter und Beifall klatschendes Publikum in einem, haben es die Gesinnungsmaoisten innerhalb der deutschen Filmblase geschafft, eine Diskussion, bevor sie richtig begonnen hatte, zu ersticken und einen der renommiertesten deutschen Regisseure – ob zu Recht oder zu Unrecht tut hier gar nichts zur Sache –, einen Mann, den sie gerade eben noch mit einem Ehrenpreis ausgezeichnet haben, in einer Angelegenheit zum Einlenken zu zwingen, in der er das ganz offensichtlich nicht wollte. Sie haben es durch moralischen Druck und öffentliche Kampagnen geschafft, obwohl Wim Wenders seit 15 Jahren die Sache um die es geht, anders sieht, und bisher dem immer stärkeren Druck widerstanden hat.
Sie werden das als Sieg verbuchen. Und wahrscheinlich haben sie recht.
Aber es ist kein Sieg für die Filmkunst und kein Sieg für die Streitkultur. Denn Argumente wurden hier nicht ausgetauscht, sie wurden gar nicht erst angehört. Sondern alle wussten eigentlich immer schon von Anfang an, wer hier recht hat, und wer das »Opfer« ist und wer der »Täter«.
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Schon diese Worte, mit denen hier hantiert wird – Opfer, Täter, Missbrauch, Übergriff – sind komplett unangemessen, so wie die Forderung nach einer Entschuldigung. Entschuldigungen sind nichts, was man öffentlich macht.
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Menschen, so Marie-Sybille Lotter, Professorin für Philosophie und Ethik in Bochum, in ihrem neuen Buch, das einfach »Opfer« heißt, üben in den westlichen Gesellschaften derzeit ein, sich selbst als Opfer zu verstehen, und nur als das. Sie lernen,´ihren Zuständen neue Namen zu geben, Namen wie Depression und Trauma.
Es ist ein Prozess, in dem medizinische Begriffe wie »Trauma« die Therapiepraxen verlassen und Eingang in unsere Alltagssprache finden. Plötzlich sind wir alle
»traumatisiert«, jede Traurigkeit ist »eine Depression«, jede Unkonzentriertheit ein Fall von ADHS. Lotter sieht darin nicht nur eine Entgrenzung von Begrifflichkeiten, sondern auch die Entstehung dessen, was sie Therapiemoral nennt.
In dieser Moral wird das Opfer verabsolutiert, und alle Menschen sind gezwungen, es anzuerkennen, ihm zuzuhören und »Raum zu geben«. Wer das nicht tut, ist nicht einfach »unempathisch«, er »verteidigt Übergriffe«, ist Komplize und
eigentlich schon selbst Täter.
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Aber wer entscheidet darüber, wann jemand Opfer ist und wann Täter? Wir haben den Unterschied zwischen Ankläger und Opfer vergessen, wir machen Verteidigungen und Unschuldsvermutung lächerlich.
Machen wir uns nichts vor: Diese Aushebelung des Rechtsstaats und rechtsstaatlicher Prinzipien hat System: Hier spielen sich Rechtsextreme mit ihrer Verächtlichmachung demokratischer Rechte und republikanischer Verfahren und unabhängiger Medien und Linksidentitäre in ihrer Verabsolutierung von Minderheitenrechten, ihrem Kampf gegen den Universalismus und »Rechte, die für alle gelten«, gegen alles vermeintlich »Elitäre« und »Privilegierte« gegenseitig in die Hände.
Wie gefährlich diese Konzentration auf die vermeintliche (!!) Opferrolle sein kann, zeigt der Fall des Influencers Gil Ofarim, der vortäuschte, Opfer eines antisemitischen Übergriffs geworden zu sein.
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Empathie schafft gerade keine Gerechtigkeit.
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Im Nachhinein ist der Filmpreis der Ehrenpreis der Deutschen Filmakademie für Wim Wenders zu einem Danaergeschenk geworden. Wenders selbst hätte vielleicht lieber auf den Ehrenpreis verzichtet. Denn die Ehre durch die Filmakademie hat dazu geführt, dass Wenders öffentlich gedemütigt wurde und wird und sich dazu zwingen lassen musste, vor dem Moralregime der Berliner Film- und Medienblase einen Kotau zu machen.
Natürlich: hätte man Wim Wenders vor zwei Wochen beraten dürfen, hätte man ihm dringend geraten, bei der Filmpreisrede überhaupt nichts zum Fall zu sagen. Denn erst dadurch wurde die Filmblase, die von nichts eine Ahnung hatte, richtig erregt, erst dadurch wurden die allermeisten informiert – wer liest schon die Süddeutsche? Und wer liest solche Artikel?
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In quälender, voyeuristischer Ausführlichkeit und in der Sache weitgehend uninformiert, beschreibt die SZ-Autorin die Drehumstände in den Worten der Erinnerung der heute 65-Jährigen Nastassja Kinski an die Zeit, als sie 13 war. Und dann zieht diese Nicht-Filmkritikerin Schlussfolgerungen über »das, was der Neue Deutsche Film in großen Teilen war: eine Männerveranstaltung.«
Das passt zwar in den Zeitgeist. Genau das war der Neue Deutsche Film, aber im Vergleich zu allen anderen Kinematographien früherer Jahre, eben gerade nicht! Sondern es war die Zeit, in der Frauen Hauptrollen spielten, und in der Frauen begannen, Regie zu führen: Jeanine Meerapfel, May Spils, Margarete von Trotta, Jutta Brückner, Helma Sanders-Brahms, Helke Sander, Elfi Mikesch, Ulrike Ottinger, Ula Stöckl, Claudia von Alemann, Doris Dörrie und so weiter und so weiter.
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Wenders hat zurückgezogen. Er hat gesagt, dass er den Film Falsche Bewegung bis auf Weiteres nicht öffentlich zeigen möchte. Dieser Film ist schon jetzt nur noch schwer zugänglich. Jetzt droht er aus der Öffentlichkeit zu verschwinden, das Publikum bleibt bis auf Weiteres aus der Diskussion ausgeschlossen.
Wer das nicht akzeptieren und sich selbst ein Bild verschaffen möchte, muss sich beeilen: Auf Amazon.de ist der Film auch in verschiedenen Import-Versionen als »derzeit nicht verfügbar« bezeichnet; das dürfte vor allem an der erhöhten Nachfrage der letzten Tage liegen. Es wird aber jeder, der sich ein bisschen auskennt, Wege finden, diesen Film trotzdem weiterhin zu bekommen, entweder in Sammeleditionen wie »Best of Wim Wenders« oder der in Frankreich herausgebrachten edlen Film-Kollektion Coffret Wim Wenders, allerdings für 299 Euro, und Criterion Collection.
Wer nur »die Stellen« kennen möchte, um mitreden zu können, dem wird über diverse Ausschnitte und halblegale ausländische Streaming-Portale verlässlich geholfen. Um das angebliche Anliegen, die Löschung von Szenen, kann es hier also gar nicht gehen, denn sie ist unmöglich. Glücklicherweise schützt hier das Netz vor Zensureingriffen.
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Ich halte den Rückzieher für einen schweren Fehler. Es gibt alles menschliche Verständnis dafür, dass ein 80-jähriger Mann keine Lust hat, sich so einem Unsinn zu stellen und die Debatte mit einem aufgewühlten emotionalisierten, Gegenargumenten und Differenzierung sehr schwer zugänglichen digitalen Mob zu debattieren. Natürlich gibt es unter Wenders Kritikern auch Wohlmeinende. Aber sie bleiben leise und manche von ihnen strapazieren wiederum das Wohlwollen derjenigen, die ihre Position nicht teilen sehr.
Es ist absolut untergriffig, dass Julia von Heinz ihren abwägenden klugen Worten die Feststellung voranstellt, sie sei Mitglied der Kommission gewesen (wer noch?) und Wenders habe den Ehrenpreis eigentlich gar nicht bekommen sollen, der sei eigentlich für Rosa von Praunheim beabsichtigt gewesen.
Das geht so nicht, Frau Kollegin, das ist einfach stillos!
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Und à propos Rosa von Praunheim: Ich kannte den leider Verstorbenen gut genug, um jetzt zu sagen: Wie gerne hätte ich den Wohlfahrtsausschussmitgliedern und Tugendwächtern der Gegenwart die Erfahrung gegönnt, das Rosa ihnen seine Ansichten über die Siebziger Jahre und seine damaligen Dreharbeiten, den Umgang mit Nacktheit und die Bedeutung von Intimität – die heute manche nur noch von Intimacy-Coaches kennen –, über die verlorene Libertinage jener Zeit und im Gegensatz dazu über den spießigen Zeitgeist unserer Gegenwart, über die Kleingeisterei unserer öffentlichen Debatten und ihrer Akteure erzählt hätte.
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Ich hätte auch gerne gehört, was Rosa von Praunheim wohl über das »virtue signalling« des Schauspielers Julius Feldmeier gesagt hätte. Ungefragt schwingt sich Feldmeier zum Moralapostel auf, schreibt in Social Media einen von Banalitäten strotzenden »offenen Brief« an Wenders, der zur Sache nichts beiträgt und niemanden interessiert, außer jenen Medien, die an Streit um des Streits willen interessiert sind, oder an der Delegitimierung der Kunst oder der öffentlich-rechtlichen Sender wie die FAZ, die den Vogel abschoss indem sie Feldmeier noch ein trauriges Forum bot.
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Manche verstehen nicht – oder wollen nicht verstehen, warum nicht alle ihrer Ansicht sind, dass Wenders ganz schlimm ist, dass er unbedingt seinen Film »Falsche Bewegung« verändern muss, dass Nastassja Kinski unbedingt Recht hat mit ihrer Forderung die Bilder von sich als 13-Jähriger aus dem Film zu entfernen. Darum hier der ernstgemeinte Versuch, diese Position noch mal ein bisschen zu erklären.
»Gefühlte« Gefühle schieben sich vor die Realität – und verwandeln Geschichte in immerwährende Gegenwart, in rasenden Stillstand.
Wenn es zu einer »Nachbearbeitung« des Films durch den Regisseur kommt, wäre das tatsächlich der Präzedenzfall, von dem Wenders spricht: Ein Türöffner, der ganz anderem Raum gibt. Schon aus Gründen der Bewahrung von Filmgeschichte und Filmerbe müssen solche Maßnahmen jetzt und zukünftig definitiv ausgeschlossen bleiben. Einmal geschehen, werden auch Unbefugte und Menschen mit bösen Absichten (und AFD Parteibuch) kommen und »Nachbearbeitungen« zu allem Möglichen fordern, die die ursprüngliche künstlerische Intention zerstören werden.
In den USA gibt es seit 1988 den National Film Preservation Act, der lautet: »Directs the Librarian of Congress to establish a National Film Registry to register films that are culturally, historically, or aesthetically significant.
Prohibits any person from knowingly distributing or exhibiting to the public a film that has been materially altered, or a black and white film that has been colorized and is included in the Registry, unless such films are labeled
disclosing specified information.«
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Aber okay, man muss es auch nüchtern sagen: normale Menschen – es gibt sie tatsächlich! – normale Menschen können mit dieser ganzen Debatte glücklicherweise nichts anfangen.