Im Reich der Sinne

Ai no korîda

Japan/Frankreich 1976 · 105 min. · FSK: ab 18
Regie: Nagisa Oshima
Drehbuch:
Kamera: Hideo Itoh
Darsteller: Tatsuya Fuji, Eiko Matsuda, Aoi Nakajima, Yasuko Matsui u.a.
Im Reich der Sinne
Ein Bekenntnis an das Kino als eine Kraft, die dem Unaussprechlichem, dem Unzumutbaren eine Stimme gibt...
(Foto: Rapid Eye Movies)

Hypnotisierend, betörend und vollkommen entwaffnend

Warum Im Reich der Sinne der ehrlichste Liebesfilm ist – zur Wiederaufführung eines Meisterwerks

»Wahre Liebe heißt Nahrung zu verspeisen, die in den Säften der Liebe getränkt ist.« – Sada Abe an Kichizô

»A Kiss is the beginning of canni­ba­lism« – George Battaille

Im Reich der Sinne von Nagisa Oshima ist einer der ganz seltenen Filme, die beim Sehen zu einer körper­li­chen und psychi­schen ERFAHRUNG für mich wurden.
Ein Film, der auch ein Ritual ist, der sich im »Tabu« abspielt, im gesell­schaft­li­chen Unter­be­wusst­sein der Menschen und der Zeit, auch unserer Zeit heute, denn jetzt wird er restau­riert wieder in unseren Kinos gezeigt. Er scheint mir alterlos zu sein und ich muss staunen wie kulturell engstirnig, prüde und vulgär wir noch heute sind, 50 Jahre später.

Nachdem ich ihn neulich wiedersah, und zu Gast war bei Oshimas Liebes­paar Sada und Kichizô, und intime Zeugin ihrer körper­li­chen und seeli­schen Verschmel­zungen, ihrer eroti­schen Eskapaden, ihrem Versuch, dem Leben so nah wie möglich zu sein, wurde – ja seither kommen mir alle anderen Liebes­szenen der Film­ge­schichte völlig verlogen vor! Oshima traut seiner Leinwand alles zu. Er traut seinen Lieb­ha­bern alles zu. Dieser Film ist ein Bekenntnis an das Kino als eine Kraft, die dem Unaus­sprech­li­chem, dem Unzu­mut­baren eine Stimme gibt. Er ist auf seltsame Weise kulti­viert und ursprüng­lich zugleich, Er filmt einen Zustand, wo das Anima­li­sche, das Verschlos­sene im Menschen, das Tier die Regen­ten­schaft übernimmt. Doch Seine Liebhaber sind dabei so zärtlich und kühn, so fein­gliedrig (Mantis Religiosa!) dass sie mir trotz ihren Grau­sam­keiten ganz nahe ans Herz rücken; nichts in mir will sie bremsen oder belehren, ihrer Gesetz­lo­sig­keit den Hahn abdrehen, man will sie nur vor sich selbst beschützen, sodass ihr Spiel ewig weiter­ginge.

Warum will ich diesem Unge­heu­er­li­chen folgen? Wie kommt es, dass keine Entnervt­heit oder Über­rei­zung von zuviel Flüs­sig­keiten und Sinn­lich­keit eintritt? Wieso bete ich diese Sada auch nach dem Liebes­mord wie etwas Gött­li­ches an? Dem Film gelingt etwas irre Wage­mu­tiges: Und zwar vermählen sich hier das Unver­schämte, das empörend Gren­zü­ber­schrei­tende, und die rührende filmische Erzählung, mit der man mitfie­bert, die Magie des Kino mitein­ander.
Oshima traut der Liebe alles zu. Und UNS auch!

Im Reich der Sinne ist der ehrlichste Liebes­film, den ich je gesehen habe: hypno­ti­sie­rend, betörend und voll­kommen entwaff­nend.

+ + +

Zum 50. Jubiläum des Kinostarts von Im Reich der Sinne von Regisseur Nagisa Oshima bringt »Rapid Eye Movies« die neu restau­rierte 4K Version dieses Film­klas­si­kers noch einmal ab 11. Juni 2026 bundes­weit in die Kinos.

Lilith Stan­gen­berg ist Film- und Thea­ter­schau­spie­lerin. Zuletzt im Kino zu sehen war Sterben von Matthias Glasner.