04.06.2026
Cinema Moralia – Folge 390

Die Stunde der Selbstgerechten

Wim Wenders 2024
Wim Wenders auf der 74. Berlinale, 2024
(Foto: Elena Ternovaja, CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons)

Film hat ganz unmittelbar mit Verführung zu tun: Die Filmkunst und die Debatte um Wim Wenders' Film – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kinogehers, 390. Folge

Von Rüdiger Suchsland

»Who am I to judge?«
– Papst Fran­ziskus; unfehlbar

Marilyn Monroe wäre 100 Jahre geworden. Dazu werden wir aber wegen der neuen artechock-Regularien erst nächste Woche etwas schreiben können.
Ebenso zu David Lean und dem britischen Kino der Nachkriegszeit. Dazu gibt es eine wunder­bare Retro­spek­tive im Berliner Arsenal-Kino und einen neuen Dokumentarfilm, der in Cannes seine Premiere feierte. Auch dazu leider erst nächste Woche.

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Wichtiger und »im Fluss« ist die »Wim Wenders-Debatte« zu der wir im heutigen Podcast ein sehr aufschluss­rei­ches, freund­schaft­li­ches Streit­ge­spräch zwischen der Filme­ma­cherin Saralisa Volm und mir präsen­tieren.

Es ist schon schwer genug, hier überhaupt die Themen­felder zu struk­tu­rieren und ausein­an­der­zu­halten. Denn natürlich geht es um Wim Wenders, es geht aber auch darum, unter welchen Bedin­gungen Filme überhaupt neu editiert und umge­schnitten werden sollen; es geht um die Wünsche und Betrof­fen­heiten einzelner, die bei einem Film mitge­macht haben – und um die Frage, ob diese 50 Jahre später überhaupt noch in irgend­einer Form relevant sind. Schließ­lich geht es um die Rolle der Medien.

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Gratu­liere allen, die immer genau wissen, was okay ist. Die genau wissen, was sich gehört, und was nicht und zwar für alle Zeiten, auch in Zukunft, wie schon immer in der Vergan­gen­heit.
Weil ich mir da in vielen etwas weniger sicher bin, als die eifrigen Sitten­wächter und Selbst­ge­rechten, die sich jetzt überall äußern – und nur von einem überzeugt bin: davon, dass die Sitten und sozialen Maßstäbe von heute nicht die von morgen sind, gratu­liere ich Wenders sehr herzlich zu dem verdienten Ehren­preis beim Deutschen Filmpreis!

Sitten­leuchter und Puritaner waren schon immer nicht nur unsym­pa­thisch, sondern moralisch suspekt

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Es ist nur eine 30-Sekunden-Szene. Kann man raus­schneiden, klar. Es merkt ja bestimmt keiner. Aber das Argument gilt natürlich in die andere Richtung auch: Wenn es eh nur 30 Sekunden sind, warum muss man sie raus­schneiden?

Falsche Bewegung ist ein Film von Wim Wenders aus dem Jahr 1975. Aus heutiger Sicht würde man sagen: Es ist der Film zwischen Alice in den Städten und Im Lauf der Zeit. Kein geglückter Film, kein, wie mir scheint sehr guter Film, ein Film nach der Vorlage von Peter Handke mit seinen sperrigen, fürs Kino kaum taug­li­chen Texten, nach Goethe, der trotzdem seiner­zeit gleich in sieben Kate­go­rien den Deutschen Filmpreis gewann: Robbie Müller, Peter Handke, beste Filmmusik, Schnitt, und der beste Regisseur und die gesamte männliche und weibliche Besetzung.

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Heiligt die Kunst­frei­heit alle Mittel? Frag die FAZ. Ja, selbst­ver­s­tänd­lich heiligt die Kunst­frei­heit alle Mittel außer der Gewalt.

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Wenn man Wim Wenders schon unbedingt einen öffent­li­chen Schau­pro­zess machen, ihn zur Befrie­di­gung des Publikums symbo­lisch enthaupten und vier­teilen und entmannen will, dann sollte man ihm einen solchen Prozess in ästhe­ti­schen Fragen machen.
Denn manche Filme von Wim Wenders kann man heute überhaupt nicht mehr angucken. Sie sind künst­le­risch uner­träg­lich, und vor allem deswegen spannend, weil man sich dann wundert, dass man so etwas jemals für Kunst halten konnte. Und es kann ja keine Frage sein, dass man im Ausland Wenders für einen der wich­tigsten deutschen Filme­ma­cher hält. Offen gesagt verstehe ich nicht, warum das so ist.

Die Tatsache, dass jetzt plötzlich alle sich für Falsche Bewegung (1975) inter­es­sieren, könnte dazu führen, dass man sich diesen Film einmal wirklich anguckt und sich fragt, was sie eigent­lich gemacht haben und gedacht haben, damals in den 1970ern. Aber nicht in der Weise, dass man die Sekunden zählt, in dem der nackte Busen von Nastassja Kinski zu sehen ist, sondern dass man die über Dialoge über Männer- und Frau­en­bilder, über die Vorstel­lung von Sehnsucht, über die Idee was Deutsch­land ist, wundert und nachdenkt.

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Die Süddeut­sche Zeitung und der Kampa­gnen­jour­na­lismus der in letzter Zeit um sich greift:
Claudia Tieschky schreibt in der SZ drei Berichte in drei Tagen, jeweils riesen­groß, jeweils mit der gleichen Tendenz und den zu großen Worten: Wenders infam! Man fasst es nicht! Der Verfol­gungs­wahn, mit dem in vier Text­spalten auf Wim Wenders einge­dro­schen wird.

Es werden auch im Feuil­leton mora­li­sche Kampagnen geführt. Die klarer­weise nichts mit Kultur zu tun haben.

Die Medien sind neuer­dings nicht mehr Bericht­erstatter sondern Akteure der öffent­li­chen Schau­pro­zesse. Sie bewerten, sie fordern, sie verlangen, sie handeln, sie gehen selber vorwärts. Wer von den Leuten, die sich hier sehr meinungs­stark äußern, hat wenigs­tens Film­wis­sen­schaft studiert? Wer von ihnen hat irgend­eine Expertise in der Frage des Umgangs mit Bildern? Wer von den selbst­ge­rechten Moral­apos­teln hat moral­phi­lo­so­phi­sche Erfahrung außer Stamm­tisch­wissen?

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Auch die FAZ spreizt sich als Moral­wäch­terin: Michael Hahnfeld auf der Medi­en­seite weiß vieles, er weiß unter anderem auch, dass Nastassja Kinski bereits als Kind »wusste, dass es falsch war, wie man mit dir umging.« Doch sie konnte sich nicht wehren. Er weiß auch, dass das Schweigen auf das Kinski angeblich stößt – mit vier Artikeln in der Süddeut­schen, einem Artikel in der FAZ, Artikeln im Spiegel, taz, Welt, Radio im brwdrrbb ein sehr sehr lautes Schweigen – dass dieses Schweigen »befremd­lich« ist. Die FAZ weiß auch, dass sie die Instanz ist, die darüber entscheiden kann, was künst­le­risch zwingend ist, nicht etwa der Regisseur, wie kommt er denn darauf?

Vor allem aber sind die Sender böse. So benutzt die FAZ den Fall für ihre Gebüh­ren­debatte.

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Film hat übrigens ganz unmit­telbar etwas mit Verfüh­rung und ja Sexua­li­sie­rung zu tun. Auch der von Kindern. Das muss berück­sich­tigt werden, es zu leugnen oder zu verbieten wäre nur naiv. Man muss aller­dings zwischen dem unter­scheiden können, was auf der Leinwand passiert und was im richtigen Leben passiert.
Man muss Kunst verstehen.

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Welche Frage ist wichtig genug? Mögli­cher­weise möchte eine Schau­spie­lerin irgend­wann im Nach­hinein einen bestimmten Text nicht gesagt haben, weil er ihren Wert­vor­stel­lungen voll­kommen wider­spricht, ihrer poli­ti­schen Auffas­sung; weil sie ihn für menschen­feind­lich oder sogar menschen­ver­ach­tend hält.
Was ist, wenn Künstler Mörder spielen oder Menschen­hasser oder Neonazis? Dürfen sie dann im Nach­hinein sagen: so möchten sie nicht darge­stellt werden, so möchten sie nicht in Erin­ne­rung sein? Und aus welchem Grund glauben wir, dass Nacktheit wichtiger ist als irgend­etwas anderes? Aus welchem Grund glauben wir, das Haut wichtiger ist als Gesichter und Worte, das Nacktheit wichtiger ist als Gewalt?

Mein Stand­punkt ist ganz einfach: Der Kunst ist fast alles erlaubt. Der Künstler entscheidet. Sonst niemand. Er entscheidet allein nach seinen persön­li­chen Maßstäben. Und es ist schlimm genug, wenn Künstler selbst ihr Werk nach­träg­lich verändern oder negieren.

Aber: Who am I to judge?