Cinema Moralia – Folge 390
Die Stunde der Selbstgerechten |
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| Wim Wenders auf der 74. Berlinale, 2024 | ||
| (Foto: Elena Ternovaja, CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons) | ||
»Who am I to judge?«
– Papst Franziskus; unfehlbar
Marilyn Monroe wäre 100 Jahre geworden. Dazu werden wir aber wegen der neuen artechock-Regularien erst nächste Woche etwas schreiben können.
Ebenso zu David Lean und dem britischen Kino der Nachkriegszeit. Dazu gibt es eine wunderbare Retrospektive im Berliner Arsenal-Kino und einen neuen Dokumentarfilm, der in Cannes seine
Premiere feierte. Auch dazu leider erst nächste Woche.
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Wichtiger und »im Fluss« ist die »Wim Wenders-Debatte« zu der wir im heutigen Podcast ein sehr aufschlussreiches, freundschaftliches Streitgespräch zwischen der Filmemacherin Saralisa Volm und mir präsentieren.
Es ist schon schwer genug, hier überhaupt die Themenfelder zu strukturieren und auseinanderzuhalten. Denn natürlich geht es um Wim Wenders, es geht aber auch darum, unter welchen Bedingungen Filme überhaupt neu editiert und umgeschnitten werden sollen; es geht um die Wünsche und Betroffenheiten einzelner, die bei einem Film mitgemacht haben – und um die Frage, ob diese 50 Jahre später überhaupt noch in irgendeiner Form relevant sind. Schließlich geht es um die Rolle der Medien.
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Gratuliere allen, die immer genau wissen, was okay ist. Die genau wissen, was sich gehört, und was nicht und zwar für alle Zeiten, auch in Zukunft, wie schon immer in der Vergangenheit.
Weil ich mir da in vielen etwas weniger sicher bin, als die eifrigen Sittenwächter und Selbstgerechten, die sich jetzt überall äußern – und nur von einem überzeugt bin: davon, dass die Sitten und sozialen Maßstäbe von heute nicht die von morgen sind, gratuliere ich Wenders sehr herzlich zu dem
verdienten Ehrenpreis beim Deutschen Filmpreis!
Sittenleuchter und Puritaner waren schon immer nicht nur unsympathisch, sondern moralisch suspekt
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Es ist nur eine 30-Sekunden-Szene. Kann man rausschneiden, klar. Es merkt ja bestimmt keiner. Aber das Argument gilt natürlich in die andere Richtung auch: Wenn es eh nur 30 Sekunden sind, warum muss man sie rausschneiden?
Falsche Bewegung ist ein Film von Wim Wenders aus dem Jahr 1975. Aus heutiger Sicht würde man sagen: Es ist der Film zwischen Alice in den Städten und Im Lauf der Zeit. Kein geglückter Film, kein, wie mir scheint sehr guter Film, ein Film nach der Vorlage von Peter Handke mit seinen sperrigen, fürs Kino kaum tauglichen Texten, nach Goethe, der trotzdem seinerzeit gleich in sieben Kategorien den Deutschen Filmpreis gewann: Robbie Müller, Peter Handke, beste Filmmusik, Schnitt, und der beste Regisseur und die gesamte männliche und weibliche Besetzung.
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Heiligt die Kunstfreiheit alle Mittel? Frag die FAZ. Ja, selbstverständlich heiligt die Kunstfreiheit alle Mittel außer der Gewalt.
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Wenn man Wim Wenders schon unbedingt einen öffentlichen Schauprozess machen, ihn zur Befriedigung des Publikums symbolisch enthaupten und vierteilen und entmannen will, dann sollte man ihm einen solchen Prozess in ästhetischen Fragen machen.
Denn manche Filme von Wim Wenders kann man heute überhaupt nicht mehr angucken. Sie sind künstlerisch unerträglich, und vor allem deswegen spannend, weil man sich dann wundert, dass man so etwas jemals für Kunst halten konnte. Und es
kann ja keine Frage sein, dass man im Ausland Wenders für einen der wichtigsten deutschen Filmemacher hält. Offen gesagt verstehe ich nicht, warum das so ist.
Die Tatsache, dass jetzt plötzlich alle sich für Falsche Bewegung (1975) interessieren, könnte dazu führen, dass man sich diesen Film einmal wirklich anguckt und sich fragt, was sie eigentlich gemacht haben und gedacht haben, damals in den 1970ern. Aber nicht in der Weise, dass man die Sekunden zählt, in dem der nackte Busen von Nastassja Kinski zu sehen ist, sondern dass man die über Dialoge über Männer- und Frauenbilder, über die Vorstellung von Sehnsucht, über die Idee was Deutschland ist, wundert und nachdenkt.
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Die Süddeutsche Zeitung und der Kampagnenjournalismus der in letzter Zeit um sich greift:
Claudia Tieschky schreibt in der SZ drei Berichte in drei Tagen, jeweils riesengroß, jeweils mit der gleichen Tendenz und den zu großen Worten: Wenders infam! Man fasst es nicht! Der Verfolgungswahn, mit dem in vier Textspalten auf Wim Wenders eingedroschen wird.
Es werden auch im Feuilleton moralische Kampagnen geführt. Die klarerweise nichts mit Kultur zu tun haben.
Die Medien sind neuerdings nicht mehr Berichterstatter sondern Akteure der öffentlichen Schauprozesse. Sie bewerten, sie fordern, sie verlangen, sie handeln, sie gehen selber vorwärts. Wer von den Leuten, die sich hier sehr meinungsstark äußern, hat wenigstens Filmwissenschaft studiert? Wer von ihnen hat irgendeine Expertise in der Frage des Umgangs mit Bildern? Wer von den selbstgerechten Moralaposteln hat moralphilosophische Erfahrung außer Stammtischwissen?
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Auch die FAZ spreizt sich als Moralwächterin: Michael Hahnfeld auf der Medienseite weiß vieles, er weiß unter anderem auch, dass Nastassja Kinski bereits als Kind »wusste, dass es falsch war, wie man mit dir umging.« Doch sie konnte sich nicht wehren. Er weiß auch, dass das Schweigen auf das Kinski angeblich stößt – mit vier Artikeln in der Süddeutschen, einem Artikel in der FAZ, Artikeln im Spiegel, taz, Welt, Radio im brwdrrbb ein sehr sehr lautes Schweigen – dass dieses Schweigen »befremdlich« ist. Die FAZ weiß auch, dass sie die Instanz ist, die darüber entscheiden kann, was künstlerisch zwingend ist, nicht etwa der Regisseur, wie kommt er denn darauf?
Vor allem aber sind die Sender böse. So benutzt die FAZ den Fall für ihre Gebührendebatte.
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Film hat übrigens ganz unmittelbar etwas mit Verführung und ja Sexualisierung zu tun. Auch der von Kindern. Das muss berücksichtigt werden, es zu leugnen oder zu verbieten wäre nur naiv. Man muss allerdings zwischen dem unterscheiden können, was auf der Leinwand passiert und was im richtigen Leben passiert.
Man muss Kunst verstehen.
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Welche Frage ist wichtig genug? Möglicherweise möchte eine Schauspielerin irgendwann im Nachhinein einen bestimmten Text nicht gesagt haben, weil er ihren Wertvorstellungen vollkommen widerspricht, ihrer politischen Auffassung; weil sie ihn für menschenfeindlich oder sogar menschenverachtend hält.
Was ist, wenn Künstler Mörder spielen oder Menschenhasser oder Neonazis? Dürfen sie dann im Nachhinein sagen: so möchten sie nicht dargestellt werden, so möchten sie nicht
in Erinnerung sein? Und aus welchem Grund glauben wir, dass Nacktheit wichtiger ist als irgendetwas anderes? Aus welchem Grund glauben wir, das Haut wichtiger ist als Gesichter und Worte, das Nacktheit wichtiger ist als Gewalt?
Mein Standpunkt ist ganz einfach: Der Kunst ist fast alles erlaubt. Der Künstler entscheidet. Sonst niemand. Er entscheidet allein nach seinen persönlichen Maßstäben. Und es ist schlimm genug, wenn Künstler selbst ihr Werk nachträglich verändern oder negieren.
Aber: Who am I to judge?