79. Filmfestspiele Cannes 2026
Die Springenden |
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| Géo und Eva | ||
| (Foto: Cannes · Rosa Filmes · Bruno Dumont) | ||
Von Dunja Bialas
»Tout est faux.« Alles in seinem Film sei falsch, sagt Bruno Dumont, und meint damit: alles ist ein Trugschluss, eine Fälschung, eine Illusion. Gerade hat er seinen neuesten Streich Les roches rouges in der Quinzaine des Cinéastes gezeigt. Deren Leiter Julien Rejl erinnert daran, dass Dumont 1997 zum ersten Mal mit La vie de Jésus in die Quinzaine eingeladen war, den er im äußersten Norden Frankreichs, in Bailleul gedreht hat – der Geburtsstadt von Dumont. Dem französischen Flandern ist er in den meisten seiner Filme treu geblieben, oder wenigstens dem Norden Frankreichs. Umso überraschender, dass er diesmal dorthin gegangen ist, wo das Licht der Sonne am stärksten ist: an die Côte d’Azur.
Die roten Felsen, die Roches rouges, sind unweit von Cannes zu finden, verrät Dumont in der Master Class im Théâtre Croisette. Zwei Kinderbanden springen von den Felsen ins tiefe Mittelmeer. Es sind Jungen und Mädchen, zwischen vier und fünf Jahre alt, der kleinste von ihnen hat weißblondes Haar und ist der Anführer der einen Bande. Géo wird von Kaylon Lancel verkörpert, auf der Bühne erscheint er winzig, im Film ist man mit ihm auf Augenhöhe. Er hat sich in Eve (Kelsie Verdeilles) verguckt, die im gelben Badeanzug reflexartig an Élodie Bouchez’ unvergessenen Auftritt in Téchinés Les Roseaux sauvages (1994) denken lässt.
Sein Gegenspieler, größer und stärker als er, tritt auf den Plan, Géo muss ihn übertrumpfen. Die beiden Banden liefern sich nun Überbietungskämpfe darin, wer vom höchsten Felsen ins Mittelmeer springt, cruisen mit ihren Quads in lärmtötender Geschwindigkeit über die Straßen, rauben die Autos der Touristen aus, am Parkplatz, wo auch die gefährlichen Wildschweine nach Trüffeln suchen, und freuen sich über ihre Beute: Süßigkeiten und eine Schwimmbrille. Einmal bekommen sie auch Ärger mit der Gendarmerie, als sie wieder von einem Felsen ins Wasser springen wollen. »Springen ist verboten!«
Die Kinder sind permanent in Bewegung, besonders Géo ist agil und nimmt es nicht so genau mit den Objekten, fällt vom Quad oder einer Bank, weil sein Körper zu leicht und zu gelenkig ist. Die Kinderliebe zwischen Géo und Eve ist zärtlich und unschuldig, innig umarmen sie sich einmal, wachsen zu einem Körper mit zwei Köpfen zusammen.
Wir sind Géo immer ganz nah. Sein Kopf scheint größer zu werden, während sich die Kamera ihm nähert. »Wir haben ein 20mm-Objektiv mit mehr Tiefe benutzt«, verrät Dumont auf der Bühne. Es holt, je näher man der Linse kommt, das Gefilmte zusätzlich heran, fast hat man den Eindruck von einer Fisheye-Linse, aber ohne hässliche Verzerrungseffekte. Kaylon Lancel hat unter dem Objektiv riesige Augen.
Kinder muss man anders filmen, sagt Dumont, anders als er es in L’Humanité (1999) zum ersten Mal getan hatte. Dort hat er ganze Szenen abgedreht, die Kinder in den Kontext der Geschichte eingebettet. In Les roches rouges hat er sie nun isoliert gefilmt, in fragmentarischen Szenen, sagt er, ohne dass sie wussten, was davor oder danach kommt. Wenn er eine bestimmte Regung in ihrem Gesicht wollte, hat er etwas vorgeschlagen, woran sie denken sollten, ihnen aber nicht die Handlung oder die Emotion der Figur erklärt. Wie immer hat er dabei seine Methode des »Knopfs im Ohr« benutzt, den Kindern unmittelbar ins Ohr geflüstert, woran sie denken oder wohin sie schauen sollen. Direkt neben der Kamera war eine Farbpappe angebracht, die bestimmte Stimmungen transportierte. »Orange war Eva.« Dumont brauchte aber nicht die exakte Emotion. »In der Äquivalenz ergibt sich alles, das hier ist kein Method Acting.« Der gleichermaßen »zerlegte Géo« wurde von ihm erst in der Montage zusammengesetzt – sie ist der Moment, wo die Filmerzählung erst entstanden ist. Dumont nennt die Montage orchestration der Bilder.
Der Film wurde von Rosa Filmes in Portugal produziert, die auch Lisandro Alonso, Lav Diaz oder Albert Serra im Portfolio haben. Mit einer französischen Produktion sei es nicht möglich gewesen, Kinder in Badebekleidung dabei zu filmen, wie sie von gefährlichen Felsen springen, noch dazu um eine Liebesgeschichte und Gewalterzählung herum, sagt Dumont; die »hyper-protection« sei zu groß. Er will seinen Film aber generell ganz anders verstanden wissen. Dumont filmt nicht Kinder, er filmt die Kindheit, und die Unschuld. Als Kino-Philosoph will er mit seinen Filmen immer auch auf das Abstrakte hinaus.
Kinder seien unmittelbar in die Landschaft gebettet, ohne ein Bewusstsein darüber zu haben, wo sie sich befinden. Und niemals betrachteten sie die Natur im Akt der Kontemplation. Die Erzählung sei dadurch »naturalistisch und einfach« gehalten. Und zugleich ist das Trio der Gewalt da, das zeigt, wie aus dem Sozialen die Liebe und das Besitzergreifende entstehen, und daraus Gewalt. »Sobald man zu zweit etwas begehrt, ist die Gewalt schon da.«
Bruno Dumont zeigt, ohne zu belehren und ohne zwischen dem moralisch Guten und Bösen zu unterscheiden. Er will seine Filme emanzipiert wissen von der Vereinnahmung durch die Moral, aber auch durch die Politik. Ihm gehe es um das, was davor liegt, um die Grundpfeiler der condition humaine, der menschlichen Natur.
Am Schluss des Films springt Géo dann doch noch von einem gigantischen Felsen, den die Kinder zuvor als zu hoch klassifiziert hatten. Sie nennen ihn »Kathedrale«. Wie sonst auch bei Dumont. Und: Wie hat er das gemacht?