15.05.2026
79. Filmfestspiele Cannes 2026

Die Stunde der Komödianten

Fatherland
Herausragend: Zischlers Auftritt als Thomas Mann in Fatherland
(Foto: Festival de Cannes 2026)

Thomas Manns und andere Reisen in die Vergangenheit; aber Schauspieler dominieren den Auftakt der Filmfestspiele – Cannes-Tagebuch, 03. Folge

Von Rüdiger Suchsland

Sandra Hüller auf dem Roten Teppich, daneben Hanns Zischler und dann auch August Diehl. Einige Stunden später ist es dann Saskia Rosendahl, die auf der Leinwand bei den Film­fest­spielen von Cannes strahlt. Bis zum deutschen Wett­be­werbs-Film ist es zwar noch lange hin, aber deutsch gespro­chen wurde in den Filmen schon mehrfach. Nur sind es keine Filme aus Deutsch­land, sondern aus Polen (Father­land) und Chile (Meltdown). Überhaupt war es die Stunde der Darsteller an den ersten Tagen in Cannes. Auch Isabelle Huppert und Catherine Deneuve gehörten zu den ersten Premie­ren­gästen, an diesem Wochen­ende werden noch viele mehr erwartet.
Und auch künst­le­risch waren es Schau­spiel­leis­tungen, die aus den Filmen der ersten Tage in Erin­ne­rung bleiben.

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Nein, den richtigen deutschen Film gibt’s ja erst am Frei­tag­abend, aber es gibt hier alle möglichen Über­ra­schungen, von denen vorher bei uns nie geredet wurde – z.B. spielt in einem chile­ni­schen Film die ganz groß­ar­tige Saskia Rosendahl eine von zwei Haupt­rollen.

Es ist ein Thema für sich, warum deutsche Schau­spieler, die bei uns in Deutsch­land gar nicht auf der absoluten A-Liste stehen, oder wie Zischler auch viele leicht trashige TV-Neben­rollen angeboten bekommen, plötzlich in auslän­di­schen Filmen Haupt­rollen spielen. Gerade Hanns Zischler, der für Liliana Cavani und Steven Spielberg gut genug ist, müsste auch im deutschen Kino zu den gefrag­testen Leuten gehören.

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Heraus­ra­gend ist Zischlers Auftritt als Thomas Mann in Father­land vom Polen Pawel Pawli­kowski, einer der größten in der großen Karriere dieses einma­ligen Darstel­lers. 50 Jahre, nachdem der jetzt 78-jährige Zischler als junger Mann mit der Haupt­rolle in Wim Wenders' Im Lauf der Zeit erstmals an die Coisette gekommen war, ist er wieder hier. Phäno­menal hat er sich die Haltung und den Gestus des Schrift­stel­lers und Emigranten ange­eignet, sodass daneben auch Sandra Hüller verblasst. Wenn sie die Mann-Tochter Erika spielt, tut sie, was sie immer tut, spielt also heraus­ra­gend und mit viel Humor, ist aber keine Erika Mann, außer dass sie viel raucht, während Zischler mit Thomas Mann verschmilzt.

Pawli­kowski erzählt eine wichtige Episode aus dem Leben des Nobel­preis­trä­gers: Seine erste Deutsch­land­reise nach dem Exil. In Frankfurt wie in Weimar erhält er jeweils den Goethe-Preis eines der beiden Deutsch­lands, wird von manchen ange­feindet und entzieht sich allen Verein­nah­mungs­ver­su­chen. Pawli­kow­skis Film ist da am besten, wo er in die Gegenwart weist: Sein Porträt west­deut­scher Verdrän­gung und Doppel­moral wirkt ungemein aktuell, während es der Darstel­lung Ostdeutsch­lands an Diffe­ren­zie­rung (und Interesse an dieser) fehlt, und der Anti­kom­mu­nismus und die Russen­feind­schaft den Sinn für feine Unter­schiede töten.

Unver­s­tänd­lich bleibt, warum der Regisseur und sein Co-Autor Hendrik Hand­loegten nicht nur den Selbst­mord des Mann-Sohnes Klaus auf die Zeit der Reise verlegen, sondern Mann auch fakten­widrig unter­stellen, er habe trotz des Ereig­nisses seine öffent­li­chen Auftritte fort­ge­setzt. Tatsäch­lich sagte er sie alle ab. Das ist mit einer Verdich­tung der Gescheh­nisse allein nicht zu erklären, sondern eher mit Klischees über den angeblich »kalten« Thomas Mann. Und auch mit Gustav Gründgens machen es sich die Autoren auch ein bisschen zu einfach.
So bleibt der Eindruck eines guten, aber nicht großen Films, und eines abstrakten, selbst kühlen und sehr konser­va­tiven Blicks auf die Nach­kriegs­ver­hält­nisse.

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Ein zweiter toller Auftritt war der von Saskia Rosendahl, die in Meltdown, dem zweiten Spielfilm der Regis­seurin Manuela Martelli, eine junge Mutter spielt, die zunehmend verzwei­felt nach ihrer verschwun­denen Tochter sucht.

Dazu in der nächsten Folge mehr.

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Denn da ist auch noch Isabelle Huppert: In Histoires Paral­lèles, dem in Paris ange­sie­delten neuen Film des Iraners Asghar Farhadi, spielt sie eine kauzige Schrift­stel­lerin, die in einer über­la­denen, zum Teil vermüllten Wohnung ihre Romane schreibt, und um auf neue Ideen zu kommen, ihre Nachbarn und Anwohner bespit­zelt und ausbeutet. Wie einst James Stewart in Hitch­cocks Das Fenster zum Hof blickt sie mit einem Teleskop in die Leben der Anderen: eine junge Tonin­ge­nieurin (Virginie Efira) und ihre beiden Geschäfts­partner (Vincent Cassel und Pierre Niney), deren Studio sich auf der gegen­ü­ber­lie­genden Straßen­seite befindet.
Aber kann sie dem trauen, was sie da sieht? Farhadi plädiert für die Kraft der Phantasie in Literatur und Kino. In einem Film, der auch von Paranoia, Über­wa­chungs­wahn und allge­gen­wär­tigem Miss­trauen erzählt, ist dies ein ganz wunder­barer Auftritt!

Farhadis Film ist ansonsten sehr konstru­iert. Es gibt ganz viele Filme, auf die ange­spielt wird, sowohl Hitchcock als auch Peeping Tom und natürlich auch Monsieur Hire, die Simenon-Verfil­mung, und vor allem Kies­lowski: Aber mit diesem Namen – und erst recht seinem Kino – darf man nicht leicht­fertig umgehen. Genau das aber tut der iranische Regisseur, indem er Ein kurzer Film über die Liebe (1988) als Ausgangs­punkt nimmt und sogar dessen Kompo­nisten anheuert – Zbigniew Preisner.

Jenen unver­gess­li­chen Film des polni­schen Meisters verwan­delt Farhadi jedoch in ein Geflecht nicht mehr paral­leler, sondern inein­ander verschlun­gener Geschichten, das nur wenig Ertrag und dafür umso mehr Willkür besitzt – ein wirrer Cocktail aus den Bezie­hungen zwischen Fiktion und Realität, zwischen Vorstel­lungs­kraft und Leben, verbor­genem Begehren und emotio­nalem Chaos.
Selten wurde auf der Leinwand so deutlich sichtbar, wie ein Filme­ma­cher sich in seinem eigenen Labyrinth verliert – und das über 140 endlos wirkende Minuten hinweg – , ohne das je zu bemerken. Alle seine Wege führen in sterile Sack­gassen.

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Noch eine persön­liche Notiz zur wich­tigsten Neben­sache in Cannes: Das einzig Gute am letzten Spieltag der Fußball-Bundes­liga ist, dass entweder Heiden­heim oder Wolfsburg in jedem Fall absteigen werden. Ich hoffe, dass diese zwei unsym­pa­thischsten und doofsten Clubs der Liga beide absteigen, und dass vor allem diese Legende des kleinen schwä­bi­schen Hobbit­dorfs an diesem Samstag ein Ende findet.

Aber es ist eher wahr­schein­lich, dass die Heiden­heimer ihr Spiel gegen Mainz gewinnen und dass Wolfsburg und St. Pauli unent­schieden spielen, was dann genau den tollen Effekt hätte, dass beide absteigen.
Wer in jedem Fall wohl absteigen wird, das ist leider leider St. Pauli.

Naja und bei der Champions League-Quali­fi­ka­tion, da würde man natürlich dem VfB Stuttgart in jedem Fall wünschen, den vierten Platz zu erreichen. Produzent Jochen Laube (wenn er dies liest) sei gegrüßt – er wird sicher im Stadion sein in Frankfurt, wo er gerade den Tatort dreht. Oder doch in Cannes? Absteigen kann der VfB ja diesmal nicht.