79. Filmfestspiele Cannes 2026
Die Stunde der Komödianten |
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| Herausragend: Zischlers Auftritt als Thomas Mann in Fatherland | ||
| (Foto: Festival de Cannes 2026) | ||
Sandra Hüller auf dem Roten Teppich, daneben Hanns Zischler und dann auch August Diehl. Einige Stunden später ist es dann Saskia Rosendahl, die auf der Leinwand bei den Filmfestspielen von Cannes strahlt. Bis zum deutschen Wettbewerbs-Film ist es zwar noch lange hin, aber deutsch gesprochen wurde in den Filmen schon mehrfach. Nur sind es keine Filme aus Deutschland, sondern aus Polen (Fatherland) und Chile (Meltdown). Überhaupt war es
die Stunde der Darsteller an den ersten Tagen in Cannes. Auch Isabelle Huppert und Catherine Deneuve gehörten zu den ersten Premierengästen, an diesem Wochenende werden noch viele mehr erwartet.
Und auch künstlerisch waren es Schauspielleistungen, die aus den Filmen der ersten Tage in Erinnerung bleiben.
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Nein, den richtigen deutschen Film gibt’s ja erst am Freitagabend, aber es gibt hier alle möglichen Überraschungen, von denen vorher bei uns nie geredet wurde – z.B. spielt in einem chilenischen Film die ganz großartige Saskia Rosendahl eine von zwei Hauptrollen.
Es ist ein Thema für sich, warum deutsche Schauspieler, die bei uns in Deutschland gar nicht auf der absoluten A-Liste stehen, oder wie Zischler auch viele leicht trashige TV-Nebenrollen angeboten bekommen, plötzlich in ausländischen Filmen Hauptrollen spielen. Gerade Hanns Zischler, der für Liliana Cavani und Steven Spielberg gut genug ist, müsste auch im deutschen Kino zu den gefragtesten Leuten gehören.
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Herausragend ist Zischlers Auftritt als Thomas Mann in Fatherland vom Polen Pawel Pawlikowski, einer der größten in der großen Karriere dieses einmaligen Darstellers. 50 Jahre, nachdem der jetzt 78-jährige Zischler als junger Mann mit der Hauptrolle in Wim Wenders' Im Lauf der Zeit erstmals an die Coisette gekommen war, ist er wieder hier. Phänomenal hat er sich die Haltung und den Gestus des Schriftstellers und Emigranten angeeignet, sodass daneben auch Sandra Hüller verblasst. Wenn sie die Mann-Tochter Erika spielt, tut sie, was sie immer tut, spielt also herausragend und mit viel Humor, ist aber keine Erika Mann, außer dass sie viel raucht, während Zischler mit Thomas Mann verschmilzt.
Pawlikowski erzählt eine wichtige Episode aus dem Leben des Nobelpreisträgers: Seine erste Deutschlandreise nach dem Exil. In Frankfurt wie in Weimar erhält er jeweils den Goethe-Preis eines der beiden Deutschlands, wird von manchen angefeindet und entzieht sich allen Vereinnahmungsversuchen. Pawlikowskis Film ist da am besten, wo er in die Gegenwart weist: Sein Porträt westdeutscher Verdrängung und Doppelmoral wirkt ungemein aktuell, während es der Darstellung Ostdeutschlands an Differenzierung (und Interesse an dieser) fehlt, und der Antikommunismus und die Russenfeindschaft den Sinn für feine Unterschiede töten.
Unverständlich bleibt, warum der Regisseur und sein Co-Autor Hendrik Handloegten nicht nur den Selbstmord des Mann-Sohnes Klaus auf die Zeit der Reise verlegen, sondern Mann auch faktenwidrig unterstellen, er habe trotz des Ereignisses seine öffentlichen Auftritte fortgesetzt. Tatsächlich sagte er sie alle ab. Das ist mit einer Verdichtung der Geschehnisse allein nicht zu erklären, sondern eher mit Klischees über den angeblich »kalten« Thomas Mann. Und auch mit Gustav
Gründgens machen es sich die Autoren auch ein bisschen zu einfach.
So bleibt der Eindruck eines guten, aber nicht großen Films, und eines abstrakten, selbst kühlen und sehr konservativen Blicks auf die Nachkriegsverhältnisse.
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Ein zweiter toller Auftritt war der von Saskia Rosendahl, die in Meltdown, dem zweiten Spielfilm der Regisseurin Manuela Martelli, eine junge Mutter spielt, die zunehmend verzweifelt nach ihrer verschwundenen Tochter sucht.
Dazu in der nächsten Folge mehr.
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Denn da ist auch noch Isabelle Huppert: In Histoires Parallèles, dem in Paris angesiedelten neuen Film des Iraners Asghar Farhadi, spielt sie eine kauzige Schriftstellerin, die in einer überladenen, zum Teil vermüllten Wohnung ihre Romane schreibt, und um auf neue Ideen zu kommen, ihre Nachbarn und Anwohner bespitzelt und ausbeutet. Wie einst James Stewart in Hitchcocks Das Fenster zum Hof blickt sie mit einem Teleskop in die Leben der Anderen: eine junge Toningenieurin (Virginie Efira) und ihre beiden Geschäftspartner (Vincent Cassel und Pierre Niney), deren Studio sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite befindet.
Aber kann sie dem trauen, was sie da sieht? Farhadi plädiert für die Kraft der Phantasie in Literatur und Kino. In einem Film, der auch von Paranoia, Überwachungswahn und
allgegenwärtigem Misstrauen erzählt, ist dies ein ganz wunderbarer Auftritt!
Farhadis Film ist ansonsten sehr konstruiert. Es gibt ganz viele Filme, auf die angespielt wird, sowohl Hitchcock als auch Peeping Tom und natürlich auch Monsieur Hire, die Simenon-Verfilmung, und vor allem Kieslowski: Aber mit diesem Namen – und erst recht seinem Kino – darf man nicht leichtfertig umgehen. Genau das aber tut der iranische Regisseur, indem er Ein kurzer Film über die Liebe (1988) als Ausgangspunkt nimmt und sogar dessen Komponisten anheuert – Zbigniew Preisner.
Jenen unvergesslichen Film des polnischen Meisters verwandelt Farhadi jedoch in ein Geflecht nicht mehr paralleler, sondern ineinander verschlungener Geschichten, das nur wenig Ertrag und dafür umso mehr Willkür besitzt – ein wirrer Cocktail aus den Beziehungen zwischen Fiktion und Realität, zwischen Vorstellungskraft und Leben, verborgenem Begehren und emotionalem Chaos.
Selten wurde auf der Leinwand so deutlich sichtbar, wie ein Filmemacher sich in seinem eigenen
Labyrinth verliert – und das über 140 endlos wirkende Minuten hinweg – , ohne das je zu bemerken. Alle seine Wege führen in sterile Sackgassen.
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Noch eine persönliche Notiz zur wichtigsten Nebensache in Cannes: Das einzig Gute am letzten Spieltag der Fußball-Bundesliga ist, dass entweder Heidenheim oder Wolfsburg in jedem Fall absteigen werden. Ich hoffe, dass diese zwei unsympathischsten und doofsten Clubs der Liga beide absteigen, und dass vor allem diese Legende des kleinen schwäbischen Hobbitdorfs an diesem Samstag ein Ende findet.
Aber es ist eher wahrscheinlich, dass die Heidenheimer ihr Spiel gegen Mainz gewinnen und dass Wolfsburg und St. Pauli unentschieden spielen, was dann genau den tollen Effekt hätte, dass beide absteigen.
Wer in jedem Fall wohl absteigen wird, das ist leider leider St. Pauli.
Naja und bei der Champions League-Qualifikation, da würde man natürlich dem VfB Stuttgart in jedem Fall wünschen, den vierten Platz zu erreichen. Produzent Jochen Laube (wenn er dies liest) sei gegrüßt – er wird sicher im Stadion sein in Frankfurt, wo er gerade den Tatort dreht. Oder doch in Cannes? Absteigen kann der VfB ja diesmal nicht.