Die Croisette leuchtet, Gong Li strahlt |
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| Vorfreude auf Andrej Zviagintsevs Minotaur | ||
| (Foto: Cannes · Anna Matveeva) | ||
»Was geht hier, was geht da? Comme ci, comme ça.«
Blumentopf»So überflüssig und ermüdend die Geselligkeit.«
Thomas Mann, Tagebuch 1949
Mein 23. Cannes-Jahr geht los, voller Vorfreude. Kaum ist man hier, fällt der deutsche Muff von einem ab, auch von den eigenen Gedanken. Ob es an den 23 Grad heute liegt, immerhin satte 18 Grad über den fünf in Berlin?
Es liegt auch an den Franzosen, ihrer nerdigen Pingeligkeit und Liebe fürs Detail, die von großer Gelassenheit ausbalanciert wird.
Wie schön, dass mein Cannes-Tagebuch, das ich bereits im ersten Jahr 2003 begonnen habe, in den letzten Jahren zunehmend nachgeahmt
wird. Eine Form, die sich durchgesetzt hat, und zeigt, wie man über Festivals auch schreiben kann: Subjektiv, lustvoll, flanierend, persönlich, ohne Angst vor der Ich-Form und vor vermeintlichen Banalitäten. Wir sind alle eine große Familie, auch die Kinogänger und -beobachter.
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Gong Li ist zurück in Cannes. Die Salle Buñuel im Festivalpalais ist mehr als voll, und ein Viertel der Zuschauer hier sind offenbar Chinesen, jedenfalls verstehen sie die Schauspielerin, bevor die Übersetzerin die anderen an ihren Artigkeiten teilhaben lässt.
Das Charisma des Menschen Gong Li ist blass, erst recht mit nun über 60 Jahren, aber auf der Leinwand wird ihre Wirkung ewig andauern. Sie ist und bleibt der strahlende Stern der einmaligen Aufbruchsphase des
(rot-)chinesischen Kinos, die vor mittlerweile über 35 Jahren, 1988, bei der Berlinale mit Rotes Kornfeld einsetzte, auch durch das Blut am Tiananmen-Platz, eineinhalb Jahre später, nicht gestört wurde, und ein gutes Jahrzehnt, bis in die frühen 2000er, bis Hero vielleicht,
andauerte.
Nach Rotes Kornfeld und Rote Laterne (1991), beide von Zhang Yimou, der Zentralfigur des chinesischen Neorealismus der »Fünften Generation«, war Farewell My Concubine (1993) der dritte Zentralfilm dieses Aufbruchs. Und er verewigte einen zweiten Filmemacher auf der Landkarte des Weltkinos: Chen Kaige. Es gab die Goldene Palme, zwar ex aequo geteilt mit Jane Champions The Piano, aber wen interessiert das schon nach über 30 Jahren. Jetzt wird er in Cannes in der Classics-Reihe gezeigt und Gong Li zierte diese
Wiederaufführung mit professionellem Strahlen.
Und auch Cannes-Direktor Thierry Frémaux strahlte und machte aus der Präsentation vor etwa 200 chinesischen Handy-Kameras eine große Show: Die Fünfte Generation, das sei für das Weltkino gewesen wie die Nouvelle Vague in den Sechzigern und New Hollywood in den Siebzigern. Zu recht konstatierte er: »Gong Li ist das Gesicht dieser Welle, so wie Jean-Pierre Léaud und Robert de Niro für die beiden anderen.«
Ein erster ewiger Augenblick dieser gerade erst begonnenen Cannes-Ausgabe am Mittwochabend.
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Cannes schreibt seine Geschichte wie eine Familienchronik: Ein paar junge Wilde stören den Trott, in 20, 30 Jahren wird man sie in einer Classics-Feier ehren wie jetzt die chinesische Konkubine, egal, ob sie dann vergessen sind oder an der Croisette ihr Weltruhm seinen Anfang nahm. Man beginnt als Neuling, schüchtern, stolpernd, und irgendwann gehört man dazu. Es gibt die Troublemaker, die verschrobenen Onkel, die komisch riechen und immer noch vom Krieg erzählen, die ehrgeizigen Klassenbesten, die Tante, die immer die anderen kritisiert, die Älteren, die ruhiger geworden sind und bei denen man sich fragt, ob das nun weltkluge Gelassenheit ist oder Saturiertheit, und die Alten, bei denen man sich fragt, ob die nächstes Jahr noch da sind, ob das wohl ihr letzter Film sein wird... Hoffentlich (nicht), comme ci, comme ça.
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So ähnlich ist es übrigens auch bei den Filmkritikern. Ich freue mich, hier viele zu sehen, die nicht aus Deutschland kommen, und mit denen ich mich oft besser verstehe als mit den Deutschen. Wahlverwandtschaften.
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Ein paar Dinge gibt es natürlich, auf die ich mich ganz besonders freue, und wieder andere, auf die ich zumindest gespannt bin.
Wie in jedem Jahr in Cannes gibt es ein paar Filme – manchen ist das schon viel zu viel – von den Veteranen des Festivals, also von Regisseuren, die entweder einfach schon oft hier waren, oder die sogar schon eine Goldene Palme gewonnen haben. So etwa ist im Wettbewerb der neue Film des Japaners Hirokatsu Kore-eda zu sehen, der zu den besten Regisseuren mindestens einmal aus Asien gehört. Dann wäre da natürlich Steven Soderbergh, dessen Filmdebut Sex, Lies, and Videotape 1989 völlig überraschend die Goldene Palme gewann. In jedem Fall war Wim Wenders damals in der Jury und in gewissem Sinn passt Soderberghs Film mit seiner Mischung aus Romantizismus und Technikverliebtheit extrem gut zu Wenders’ Werk.
Keine Goldene Palme, aber viele Preise gewonnen hat Cristian Mungiu ebenso wie Andrej Zviagintsev. Der Russe (Leviathan) hat zuletzt vor neun Jahren mit Loveless einen Spielfilm gemacht. Zviagintsev ist gegenüber Putins Regierung ein Oppositioneller und Dissident, aber keiner, der laut auf der Straße demonstriert oder sein Leben zum politischen Statement macht, kein eitler Oppositioneller wie andere, die wie mir scheint, mitunter sogar aus Eitelkeit ihr Leben opfern. Aber er ist »outspoken« und macht keine Kompromisse. Auch nicht gegenüber dem Westen – Zviagintsev ist nicht jemand, der westeuropäischen Medien nach dem Beginn des »Ukraine-Krieg« gleich ein Interview mit geschmeidigen Zitaten gab. Wie überhaupt wenige Russen das tun.
Neben diesen, die hier schon triumphiert haben, gibt es natürlich sogenannte Regulars, die einfach immer dabei sind. Allen voran zu nennen James Gray, der einzige US-Regisseur im Wettbewerb.
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Wenn filmfremden Menschen überhaupt nichts mehr einfällt, dann lamentieren sie über Männerdominanz. Zum Beispiel beim Filmfestival von Cannes.
Zum Beispiel der Online-Dienst web.de. Der meldet jetzt, Thierry Frémaux habe die Kritik an der geringen Zahl weiblicher Regisseurinnen – gibt es auch männliche Regisseurinnen? – zurückgewiesen.
Frauen führen immerhin bei fünf der 22 Filme im Wettbewerb Regie. Die Frauen, die Drehbücher geschrieben haben, die produzentisch tätig sind und die als Schauspielerin Hauptrollen spielen, werden dabei noch nicht mal berücksichtigt. 5 von 22, das sind immerhin fast 25
Prozent und das ist eine ganz gute Quote, berücksichtigt man mal die Zahl der – weltweit!, nicht etwa nur in Europa oder in Deutschland – als Regisseurinnen tätigen Frauen. Wie viel Regisseurinnen gibt es denn in den USA oder in China oder in Russland oder in Indien, die auf dem künstlerischen Niveau Filme machen, das bei einem Festival wie in Cannes glücklicherweise immer noch gefragt ist. Und überhaupt ist die Frage nach diesen Quotierungen eine Unverschämtheit:
Schließlich würde Claire Denis es ablehnen, »als Frau« erfolgreich zu sein. Sie ist einfach als Regisseurin erfolgreich.
Es dürfe auf keinen Fall eine Auswahl nach Quote geben, sagte Frémaux und verwies auf die paritätisch besetzte Auswahlkommission.
Filme sind nur der Spiegel der Welt. Warum sollte ausgerechnet das Kino aktivistisch kontern, was in der Welt der Fall ist? Es sollte das abbilden und die Folgen des Bestehenden, damit verändert sich mehr als durch Künstler-Aktivismus.
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Alte Männer, junge Frauen – so könnte man das diesjährige Programm zusammenfassen. Ja und? Es sind gute »alte Männer« und gute »junge Frauen«.
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Auf was freue ich mich am meisten? Wenn ich nur einen Film nennen dürfte: Auf Andrej Zviagintsev mit Minotaur.
Dann auf James Gray. Auf Kore-eda. Auf Rodrigo Sorogoyen im Wettbewerb.
Dann auf Katarina Rivilis’ Langfilmdebüt in Un Certain Regard. Diese Regisseurin kenne ich seit 12 Jahren aus den Zeiten der dffb-Proteste und des dortigen Direktorenchaos – die Generation der damaligen Aktivisten gegen die dauerhaften Willküraktionen des
Berliner Senats ist politisch verlässlich und künstlerisch überdurchschnittlich – auch Susanne Heinrich, die vor ein paar Jahren den Ophüls-Preis gewann, gehört dazu.
Auf Sandra Wollners neuen Film, auch in Un Certain Regard, freue ich mich ebenfalls besonders. Auf den neuen Film von Agnès Jaoui. Auf asiatisches Ballerkino in den Midnightscreenings. Auf ein paar filmhistorische Werke.
Und ganz besonders auf die Überraschungen, denen man in Cannes verlässlich
begegnet.
Auf was am wenigsten? Auf Ira Sachs. Dessen Filme scheinen mir immer Jahrzehnte zurückzuliegen.