14.05.2026

Die Croisette leuchtet, Gong Li strahlt

Minotaur d'Andrei Zviaguintsev
Vorfreude auf Andrej Zviagintsevs Minotaur
(Foto: Cannes · Anna Matveeva)

Wahlverwandtschaften: Von Adoption bis Zwangsheirat, das Familientreffen des Weltkinos hat begonnen – Cannes-Tagebuch, 01. Folge

Von Rüdiger Suchsland

»Was geht hier, was geht da? Comme ci, comme ça.«
Blumen­topf

»So über­flüssig und ermüdend die Gesel­lig­keit.«
Thomas Mann, Tagebuch 1949

Mein 23. Cannes-Jahr geht los, voller Vorfreude. Kaum ist man hier, fällt der deutsche Muff von einem ab, auch von den eigenen Gedanken. Ob es an den 23 Grad heute liegt, immerhin satte 18 Grad über den fünf in Berlin?
Es liegt auch an den Franzosen, ihrer nerdigen Pinge­lig­keit und Liebe fürs Detail, die von großer Gelas­sen­heit ausba­lan­ciert wird.
Wie schön, dass mein Cannes-Tagebuch, das ich bereits im ersten Jahr 2003 begonnen habe, in den letzten Jahren zunehmend nach­ge­ahmt wird. Eine Form, die sich durch­ge­setzt hat, und zeigt, wie man über Festivals auch schreiben kann: Subjektiv, lustvoll, flanie­rend, persön­lich, ohne Angst vor der Ich-Form und vor vermeint­li­chen Bana­li­täten. Wir sind alle eine große Familie, auch die Kino­gänger und -beob­achter.

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Gong Li ist zurück in Cannes. Die Salle Buñuel im Festi­val­pa­lais ist mehr als voll, und ein Viertel der Zuschauer hier sind offenbar Chinesen, jeden­falls verstehen sie die Schau­spie­lerin, bevor die Über­set­zerin die anderen an ihren Artig­keiten teilhaben lässt.
Das Charisma des Menschen Gong Li ist blass, erst recht mit nun über 60 Jahren, aber auf der Leinwand wird ihre Wirkung ewig andauern. Sie ist und bleibt der strah­lende Stern der einma­ligen Aufbruchs­phase des (rot-)chine­si­schen Kinos, die vor mitt­ler­weile über 35 Jahren, 1988, bei der Berlinale mit Rotes Kornfeld einsetzte, auch durch das Blut am Tiananmen-Platz, einein­halb Jahre später, nicht gestört wurde, und ein gutes Jahrzehnt, bis in die frühen 2000er, bis Hero viel­leicht, andauerte.
Nach Rotes Kornfeld und Rote Laterne (1991), beide von Zhang Yimou, der Zentral­figur des chine­si­schen Neorea­lismus der »Fünften Gene­ra­tion«, war Farewell My Concubine (1993) der dritte Zentral­film dieses Aufbruchs. Und er verewigte einen zweiten Filme­ma­cher auf der Landkarte des Weltkinos: Chen Kaige. Es gab die Goldene Palme, zwar ex aequo geteilt mit Jane Champions The Piano, aber wen inter­es­siert das schon nach über 30 Jahren. Jetzt wird er in Cannes in der Classics-Reihe gezeigt und Gong Li zierte diese Wieder­auf­füh­rung mit profes­sio­nellem Strahlen.
Und auch Cannes-Direktor Thierry Frémaux strahlte und machte aus der Präsen­ta­tion vor etwa 200 chine­si­schen Handy-Kameras eine große Show: Die Fünfte Gene­ra­tion, das sei für das Weltkino gewesen wie die Nouvelle Vague in den Sech­zi­gern und New Hollywood in den Sieb­zi­gern. Zu recht konsta­tierte er: »Gong Li ist das Gesicht dieser Welle, so wie Jean-Pierre Léaud und Robert de Niro für die beiden anderen.«

Ein erster ewiger Augen­blick dieser gerade erst begon­nenen Cannes-Ausgabe am Mitt­woch­abend.

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Cannes schreibt seine Geschichte wie eine Fami­li­en­chronik: Ein paar junge Wilde stören den Trott, in 20, 30 Jahren wird man sie in einer Classics-Feier ehren wie jetzt die chine­si­sche Konkubine, egal, ob sie dann vergessen sind oder an der Croisette ihr Weltruhm seinen Anfang nahm. Man beginnt als Neuling, schüch­tern, stolpernd, und irgend­wann gehört man dazu. Es gibt die Trou­ble­maker, die verschro­benen Onkel, die komisch riechen und immer noch vom Krieg erzählen, die ehrgei­zigen Klas­sen­besten, die Tante, die immer die anderen kriti­siert, die Älteren, die ruhiger geworden sind und bei denen man sich fragt, ob das nun weltkluge Gelas­sen­heit ist oder Satu­riert­heit, und die Alten, bei denen man sich fragt, ob die nächstes Jahr noch da sind, ob das wohl ihr letzter Film sein wird... Hoffent­lich (nicht), comme ci, comme ça.

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So ähnlich ist es übrigens auch bei den Film­kri­ti­kern. Ich freue mich, hier viele zu sehen, die nicht aus Deutsch­land kommen, und mit denen ich mich oft besser verstehe als mit den Deutschen. Wahl­ver­wandt­schaften.

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Ein paar Dinge gibt es natürlich, auf die ich mich ganz besonders freue, und wieder andere, auf die ich zumindest gespannt bin.

Wie in jedem Jahr in Cannes gibt es ein paar Filme – manchen ist das schon viel zu viel – von den Veteranen des Festivals, also von Regis­seuren, die entweder einfach schon oft hier waren, oder die sogar schon eine Goldene Palme gewonnen haben. So etwa ist im Wett­be­werb der neue Film des Japaners Hirokatsu Kore-eda zu sehen, der zu den besten Regis­seuren mindes­tens einmal aus Asien gehört. Dann wäre da natürlich Steven Soder­bergh, dessen Filmdebut Sex, Lies, and Videotape 1989 völlig über­ra­schend die Goldene Palme gewann. In jedem Fall war Wim Wenders damals in der Jury und in gewissem Sinn passt Soder­berghs Film mit seiner Mischung aus Roman­ti­zismus und Tech­nik­ver­liebt­heit extrem gut zu Wenders’ Werk.

Keine Goldene Palme, aber viele Preise gewonnen hat Cristian Mungiu ebenso wie Andrej Zviag­intsev. Der Russe (Leviathan) hat zuletzt vor neun Jahren mit Loveless einen Spielfilm gemacht. Zviag­intsev ist gegenüber Putins Regierung ein Oppo­si­tio­neller und Dissident, aber keiner, der laut auf der Straße demons­triert oder sein Leben zum poli­ti­schen Statement macht, kein eitler Oppo­si­tio­neller wie andere, die wie mir scheint, mitunter sogar aus Eitelkeit ihr Leben opfern. Aber er ist »outspoken« und macht keine Kompro­misse. Auch nicht gegenüber dem Westen – Zviag­intsev ist nicht jemand, der west­eu­ropäi­schen Medien nach dem Beginn des »Ukraine-Krieg« gleich ein Interview mit geschmei­digen Zitaten gab. Wie überhaupt wenige Russen das tun.

Neben diesen, die hier schon trium­phiert haben, gibt es natürlich soge­nannte Regulars, die einfach immer dabei sind. Allen voran zu nennen James Gray, der einzige US-Regisseur im Wett­be­werb.

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Wenn film­fremden Menschen überhaupt nichts mehr einfällt, dann lamen­tieren sie über Männer­do­mi­nanz. Zum Beispiel beim Film­fes­tival von Cannes.

Zum Beispiel der Online-Dienst web.de. Der meldet jetzt, Thierry Frémaux habe die Kritik an der geringen Zahl weib­li­cher Regis­seu­rinnen – gibt es auch männliche Regis­seu­rinnen? – zurück­ge­wiesen.
Frauen führen immerhin bei fünf der 22 Filme im Wett­be­werb Regie. Die Frauen, die Dreh­bücher geschrieben haben, die produ­zen­tisch tätig sind und die als Schau­spie­lerin Haupt­rollen spielen, werden dabei noch nicht mal berück­sich­tigt. 5 von 22, das sind immerhin fast 25 Prozent und das ist eine ganz gute Quote, berück­sich­tigt man mal die Zahl der – weltweit!, nicht etwa nur in Europa oder in Deutsch­land – als Regis­seu­rinnen tätigen Frauen. Wie viel Regis­seu­rinnen gibt es denn in den USA oder in China oder in Russland oder in Indien, die auf dem künst­le­ri­schen Niveau Filme machen, das bei einem Festival wie in Cannes glück­li­cher­weise immer noch gefragt ist. Und überhaupt ist die Frage nach diesen Quotie­rungen eine Unver­schämt­heit: Schließ­lich würde Claire Denis es ablehnen, »als Frau« erfolg­reich zu sein. Sie ist einfach als Regis­seurin erfolg­reich.

Es dürfe auf keinen Fall eine Auswahl nach Quote geben, sagte Frémaux und verwies auf die pari­tä­tisch besetzte Auswahl­kom­mis­sion.

Filme sind nur der Spiegel der Welt. Warum sollte ausge­rechnet das Kino akti­vis­tisch kontern, was in der Welt der Fall ist? Es sollte das abbilden und die Folgen des Beste­henden, damit verändert sich mehr als durch Künstler-Akti­vismus.

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Alte Männer, junge Frauen – so könnte man das dies­jäh­rige Programm zusam­men­fassen. Ja und? Es sind gute »alte Männer« und gute »junge Frauen«.

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Auf was freue ich mich am meisten? Wenn ich nur einen Film nennen dürfte: Auf Andrej Zviag­intsev mit Minotaur.
Dann auf James Gray. Auf Kore-eda. Auf Rodrigo Sorogoyen im Wett­be­werb.
Dann auf Katarina Rivilis’ Lang­film­debüt in Un Certain Regard. Diese Regis­seurin kenne ich seit 12 Jahren aus den Zeiten der dffb-Proteste und des dortigen Direk­to­ren­chaos – die Gene­ra­tion der damaligen Akti­visten gegen die dauer­haften Will­kürak­tionen des Berliner Senats ist politisch verläss­lich und künst­le­risch über­durch­schnitt­lich – auch Susanne Heinrich, die vor ein paar Jahren den Ophüls-Preis gewann, gehört dazu.
Auf Sandra Wollners neuen Film, auch in Un Certain Regard, freue ich mich ebenfalls besonders. Auf den neuen Film von Agnès Jaoui. Auf asia­ti­sches Baller­kino in den Midnightscree­nings. Auf ein paar film­his­to­ri­sche Werke.
Und ganz besonders auf die Über­ra­schungen, denen man in Cannes verläss­lich begegnet.
Auf was am wenigsten? Auf Ira Sachs. Dessen Filme scheinen mir immer Jahr­zehnte zurück­zu­liegen.