17.05.2026

Filme mit Flair, mit Katalysator-Effekt...

Cantona
Eine atemberaubende Kinoerfahrung: Cantona von Ben Nicholas und David Tryhorn
(Foto: Festival de Cannes 2026)

Stellan Skarsgård im Supermarkt, Kunst als Kraftwerk der Gefühle: »Cantona«, »Meltdown« und nochmal zu »Fatherland« – Cannes-Tagebuch, 04. Folge

Von Rüdiger Suchsland

»Wieviel Blut wohl an all den Händen klebt, die ich heute habe drücken müssen, wieviel?«
– Thomas Mann am 25. Juli 1949 in Frankfurt zu seinem Chauffeur Georges Motschan

»Je suis pas le Beau­jo­lais.«
– Eric Cantona

Warum fährt man eigent­lich wirklich nach Cannes? Ich fahre nicht nach Cannes wegen des Wett­be­werbs. Natürlich sehe ich auch in diesem einige der besten Filme des Jahres, Filme, die am Ende zu den fünf bis zehn gehören, die irgendwie von diesem Jahr bleiben, die idea­ler­weise sogar das Kino weiter­bringen, es neu defi­nieren, die neu erzählen.

Aber selbst diese Filme könnte ich auch woanders sehen. Schon bald einige von ihnen beim Münchner Filmfest und dann über das Jahr weg bei fünf, sechs, sieben Gele­gen­heiten, lange bevor sie dann irgend­wann ganz sicher auch ins deutsche Kino kommen.

Die übrigen Filme im Wett­be­werb sind fast immer irgendwie gut, mindes­tens in einem akade­mi­schen Sinn; sie sind irgendwie wichtig, aber sind auch oft staats­tra­gend, und brav, reprä­sen­ta­tive Konsens­filme. Ansonsten sehe ich im Wett­be­werb Quali­täts­kino im guten wie im schlechten Sinn.
Deswegen an die Croisette? Nein, ich fahre nach Cannes wegen der Filme, die ich später nirgendwo anders mehr sehen kann, der Filme, die oft in der Reihe »Un Certain Regard« gezeigt werden, in den »Cannes Premieres«; Filme, die außer Konkur­renz laufen in den Midnight-Scree­nings.
Wegen der neuen jungen Autoren, die man kaum im Wett­be­werb sieht.
Wegen der schmut­zigen sperrigen Filme, denen, die etwas wirklich Junges, Anderes ausdrü­cken, die nur sich selbst reprä­sen­tieren, die nicht ganz so staats­tra­gend sind, die sich eben nicht dem Wett­be­werb und seinen unge­schrie­benen Regeln fügen.
Wegen der Filme, die so sind wie der Kick­box­sprung von Eric Cantona im Januar 1995 im Stadion von Crystal Palace.

+ + +

Der fran­zö­si­sche Fußball­spieler Eric Cantona (geb. 1966) war einer der aller­besten Spieler seiner Gene­ra­tion; wahr­schein­lich sogar der beste in dem Jahrzehnt zwischen Maradona und Messi, Ronaldo, Beckham. Er spielte in acht Clubs und mit fast jedem von ihnen wurde er Meister oder gewann andere Titel. Dass die außer­ge­wöhn­liche Gabe dieses Menschen auch eine künst­le­ri­sche, ästhe­ti­sche Gabe ist, zeigt sich daran, dass er nach seiner Fußball-Karriere auch eine anstän­dige Kino-Karriere erlebte: Seine Filmo­grafie umfasst bis heute 25 Filme und reicht von Elizabeth von Sheika Kapor über Alain Courneaus La deuxieme souffle und Looking for Eric von Ken Loach, mit dem Cantona im Jahr 2009 sogar bei den Film­fest­spielen von Cannes zu Gast war, bis zu The Killer von John Woo, dem US-Remake seines gleich­na­migen Hongkong-Kult-Films im vergan­genen Jahr.

Höchste Zeit, dass die Briten Ben Nicholas und David Tryhorn jetzt einen Doku­men­tar­film über den Fußballer und den Menschen gemacht haben, der in Cannes am Samstag in der offi­zi­ellen Selection »Out of Compe­ti­tion« gezeigt wurde.

Cantona ist eine atem­be­rau­bende Kino­er­fah­rung, ein Feuerwerk an Eindrü­cken: Schnell geschnitten, clipartig, aber nicht fern­seh­re­por­tage-mäßig. Das, worum es hier vor allem geht, das ist die Defi­ni­tion von Freiheit. Und um persön­liche Inte­grität. »Je suis pas le Beau­jo­lais« antwor­tete Cantona einmal in der Fern­seh­talk­show auf die Frage, ob man nun einen neuen Cantona sehen werde...

Es gibt alte und neue Archiv­auf­nahmen und wenige, aber gute und auf kurze wesent­liche Aussagen beschränkte Inter­views: Mit seinen Eltern, David Beckham, den Trainern Guy Roux und – vor allem – Alex Ferguson und mit Cantona selbst.
Das Interview mit Cantona wird in einer Kathe­drale aufge­nommen – bzw. wird die Innen-Ansicht einer Kathe­drale in den Hinter­grund proji­ziert – dies ist ein Film über Kunst als Kraftwerk der Gefühle.

Alex Ferguson – und dies ist mindes­tens genauso ein Film über diesen groß­ar­tigen Trainer, der für den scheinbar unbän­digen »bad guy« Cantona ein zweiter Vater, ein Vater­er­satz wird – beschreibt Cantona: »It’s like cinema... he was like Lawrence Olivier... he was a catalyst«

Eigent­lich geht es in diesem Film um genau das: den kata­ly­sa­to­ri­schen Effekt der Kunst, ja um das, was überhaupt Kunst ausmacht: Ferguson hat immer neue Ausdrücke dafür, er spricht vom »Flair«, vom »Sparkle«, von »Mission«, von »Charisma«. Hier wird verstanden, dass Fußball nicht irgendein normaler blöder Sport ist, sondern idea­ler­weise die Kunst und das Leben.

Zugleich ist das auch eine Kultur­ge­schichte der späten 80er, frühen 90er Jahre, die nicht nur von der Canto­mania erzählt, sondern von Bernard Tapie, und der Mafia in Marseille – eine wunder­bare Erfahrung!

+ + +

Ein zweites Highlight der ersten Tage ist Meltdown, der im letzten Text schon erwähnte Spielfilm aus Chile in der Reihe »Un Certain Regard« (Regie: Manuela Martelli).

Ange­sie­delt in einer wunder­baren chile­ni­schen Winter­land­schaft mit andau­erndem dicken Schnee­fall und meter­hohem Schnee ist dies ein Film, der aus der Sicht eines etwa zehn­jäh­rigen Mädchens erzählt wird, die vor 34 Jahren im Jahr 1992 die Erwach­se­nen­welt als eine Horror­welt entdeckt. Es ist die Welt ihrer eigenen Familie, ihrer Cousins und vor allem ihrer Großel­tern, die geprägt und unrettbar infiziert sind von der Ära der faschis­ti­schen Pinochet-Diktatur, die gerade erst zu Ende gegangen ist.

Am Rande wird auch – schon mit den ersten Bildern – eine der absur­desten Episoden in der Geschichte Chiles erzählt, die Geschichte jenes viele Tonnen schweren riesigen »Eisbergs« (besser Eisblocks), der mit Motor­sägen aus der Antarktis heraus­ge­trennt im Frühjahr 1992 mit einem Schiff quer über den Atlantik nach Sevilla gezogen wurde, um dort bei der Expo, der Welt­aus­stel­lung 1992, die thema­tisch verbunden war mit der 500-Jahr-Feier der Entde­ckung Amerikas – Christoph Columbus brach seiner­zeit von Sevilla auf – im chile­ni­schen Pavillon der symbo­li­sche Beitrag des Landes am Rande der Welt zu sein. Ich kannte diese Geschichte bereits durch eine chile­ni­schen Freund, Tomás Leighton, der Sohn des chile­ni­schen Filme­ma­chers Cristian Leighton, der sie vor vier Jahren zur 30-Jahr-Feier der Expo tatsäch­lich vor Ort re-enacted hat. Ich weiß nicht, ob ich das alles und seine symbo­li­schen Bezüge ansonsten verstanden hätte: Das langsame Schmelzen des Blocks in Sevilla, das in den Fern­seh­nach­richten präsent ist, das Schmelzen des Schnees, als es in den Anden im Verlauf des Films langsam wärmer wird und der chile­ni­sche Sommer beginnt, das Schmelzen der Vereisung zwischen Latein­ame­rika und der ehema­ligen Kolo­ni­al­macht Spanien, und das Aufschmelzen der dikta­to­risch vereisten Gesell­schaft Chiles. Der Titel »Meltdown« (i.O.: »El Deshielo«) könnte sich auch auf der Auftauen der Wahr­neh­mung des Kindes beziehen. Nur mit dem Klima­wandel hat alles diesmal nichts zu tun.

+ + +

Regis­seurin Manuela Martelli inter­es­sierte sich schon in ihrem Debüt 1976 (2022) für eine Betrach­tungs­weise, die das Vergessen der Geschichte ins Zentrum stellt, und Politik als persön­liche Erfahrung erzählt.
Der zweite Spielfilm von Martelli erzählt von Ines (wunderbar gespielt von Maya O’Rourke), die bei ihren Großel­tern, den Besitzern eines Hotels, wohnt, in dem die Handlung statt­findet, während ihre Eltern sich wegen der Expo 92 in Spanien aufhalten.

Von Anfang an fühlt sich Ines zu Hannah (Maia Rae Domagala) hinge­zogen, dem ein paar Jahre älteren einzigen Mädchen in einer deutschen Jugend-Skimann­schaft, die in den Anden während des deutschen Sommers trainiert. Zwischen den beiden entwi­ckelt sich eine uner­war­tete Freund­schaft.

Früh nimmt der Film ganz beiläufig und bewusst etwas trüge­risch das Drama vorweg, das sich nach knapp der Hälfte ereignen wird: Als die beiden bei einem Spazier­gang durch den Wald an einem zuge­fro­renen See Stei­ne­werfen spielen, ist nichts dem Zufall über­lassen: Die Kamera bleibt bei Ines und beginnt sich dann plötzlich mit ihrem Blick auf der Suche nach Hannah um 360 Grad zu drehen – Ines kann Hannah nicht mehr entdecken! Das erinnert an einen der berühm­testen Filme des modernen Kinos, an Michel­an­gelo Anto­nionis L’Avventura von 1960, aber auch an Peter Weirs Picnic at Hanging Rock. Doch dann taucht Hanna wieder auf.

Zunächst glaubt man sich darum eine ganze Weile in einem typischen Coming-of-Age-Film zu befinden, bevor Hannah eines Abends dann wirklich verschwindet. Spurlos. Und früh ahnen wir, dass sie nie wieder auftau­chen wird.
Nur wir Zuschauer wissen, wie Ines, zugleich etwas mehr, aber auch das trägt nicht wirklich zu einer Lösung bei, aber es genügt, dass Ines von ihren Großel­tern ein bleiernes Schwei­ge­gebot auferlegt wird.
Ines Blick macht die Reak­tionen der Erwach­senen deutlich: Das Desin­ter­esse der Konser­va­tiven, der Geschäfts­welt, die nur den schönen Schein für die spani­schen Inves­toren erhalten will.

El deshielo verlegt die Erfahrung des Verschwin­dens von Menschen, die unter der Diktatur alltäg­lich war, in einen anderen Kontext: Wir befinden uns nicht im demo­kra­ti­schen Chile, auch nicht in einem urbanen, poli­ti­schen Zentrum.

Und dann kommt der sagen­hafte Auftritt von Saskia Rosendahl: Etwa in der Mitte des Films taucht die deutsche Schau­spie­lerin als Hannahs Mutter vor Ort auf: zunehmend verzwei­felt, aber um Fassung ringend. Im Hinter­grund schimmern durch ihre Persön­lich­keit auch die Erfah­rungen der Diktatur und der Kontext des Kalten Krieges in Europa – mit seinen offenen Wunden.
Die größte Stärke des Films ist aber die kleine Ines und ihr kind­li­cher Blick auf den abge­schlos­senen Ort, eher die Atmo­sphäre und das Setting des Films, als seine Erzählung.

In der letzten Szene des Films kommt immerhin Ines dem Geheimnis näher.

+ + +

Wie in jedem Jahr gibt es wieder einen Kriti­ker­spiegel von Critic.de Manche können da sogar in die Zukunft sehen und bewerten Filme, die noch nicht einmal ihre Welt­pre­miere hatten. Eine sonder­bare Geste, auf die ich seit Donnerstag schon zweimal irritiert ange­spro­chen wurde.
Oder sollten sie zu jenen gehören, die selbst Cannes-Filme gar nicht im Kino sehen, sondern nur in Streaming-Links im Pantof­fel­kino, zuhause auf dem Sofa?

+ + +

Nochmal zu Father­land. Es ist dem polni­schen Regisseur Pavel Pavli­kowski hoch anzu­rechnen, dass er bei der Pres­se­kon­fe­renz sofort von selbst auf den Elefant im Saal zu sprechen kommt: Die gravie­renden Ände­rungen an den histo­ri­schen Wahr­heiten in seinem Film Father­land über »Thomas Mann«, den wir hier besser in Anfüh­rungs­stri­chen schreiben. Natürlich wusste der Pole auch, dass er so oder so darauf ange­spro­chen werden würde.

Es ging ihm um Reduktion, sagt Pavli­kowski, um die »Simpli­city of a road movie«, nicht um ein »retelling«.
Alle Ände­rungen erklärt das zwar nicht, aber immerhin ein paar. Die Grund­frage aller­dings bleibt. Die Grund­frage ist die des Umgangs mit histo­ri­schen Figuren. Was ist erlaubt? Darf man Fakten verändern, die nur wenigen Kennern bekannt sind, und so Geschichte umschreiben?

Ich glaube nicht. Ich glaube auch nicht, dass die Aussage, man wolle keine Imitation für alles eine gute Ausrede ist.

+ + +

Der Grieche Annis stellt bei der Pres­se­kon­fe­renz eine sehr gute Frage nach dem »Todeskult in der deutschen Kultur.« Ich kannte ihn bis dahin nur vom Sehen. Einen Tag später habe ich ihn dann beim Kaffee­trinken ange­spro­chen und es war lustig: Es dauerte keine fünf Minuten, dann war ich mit Annis in einem tiefen philo­so­phi­schen Gespräch – ein Grieche und ein Deutscher, wie bei »Monty Python« – über Heidegger und Adorno, über Nazis und Juden und eben über jenen Todeskult.

Eine tolle Bemerkung von Hanns Zischler noch bei der Pres­se­kon­fe­renz: Worte seien im NS-Staat entwertet worden. »Thomas Mann wollte sagen, dass die Worte ihren Wert noch haben.«

+ + +

Gespräch mit einer Berliner Produ­zentin, die auch schon lange herkommt. Wir stellen fest, und das ist keine groß­ar­tige Erkenntnis, dass wir alle älter werden, dass wir jetzt wirklich nicht mehr von uns sagen können, dass wir hier die jungen Rebellen, die »promising people« seien, wir stellen auch fest, dass für ihre Kinder die Zukunft weniger gut aussieht, als sie für uns noch vor zehn und zwanzig Jahren aussah: Es gibt keine Jobs mehr, die öffent­lich-recht­li­chen Rundfunk- und Fern­seh­an­stalten zerfallen, und das, was von Ihnen noch übrig ist, ist nur ein Wurm­fort­satz des einstigen, eine Behaup­tung. Es gibt einfach nur noch punktuell aber nicht mehr syste­ma­tisch gute Kultur­be­richt­erstat­tung und in allen möglichen Bereichen erkennt man Haltungs­jour­na­lismus und Ober­fläche statt Neugier und Tiefen­boh­rung und Inves­ti­ga­tion und Fakten­in­ter­esse.

+ + +

Im Super­markt stehe ich dann plötzlich neben Stellan Skarsgård. Der schwe­di­sche Schau­spieler ist hier in der Jury. Offenbar sind Frau und Kinder dabei, und er kauft den Söhnen Soft­drinks. Mehrere erkennen ihn. Nur ein aufdring­li­cher Ameri­kaner spricht ihn an.