Filme mit Flair, mit Katalysator-Effekt... |
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| Eine atemberaubende Kinoerfahrung: Cantona von Ben Nicholas und David Tryhorn | ||
| (Foto: Festival de Cannes 2026) | ||
»Wieviel Blut wohl an all den Händen klebt, die ich heute habe drücken müssen, wieviel?«
– Thomas Mann am 25. Juli 1949 in Frankfurt zu seinem Chauffeur Georges Motschan»Je suis pas le Beaujolais.«
– Eric Cantona
Warum fährt man eigentlich wirklich nach Cannes? Ich fahre nicht nach Cannes wegen des Wettbewerbs. Natürlich sehe ich auch in diesem einige der besten Filme des Jahres, Filme, die am Ende zu den fünf bis zehn gehören, die irgendwie von diesem Jahr bleiben, die idealerweise sogar das Kino weiterbringen, es neu definieren, die neu erzählen.
Aber selbst diese Filme könnte ich auch woanders sehen. Schon bald einige von ihnen beim Münchner Filmfest und dann über das Jahr weg bei fünf, sechs, sieben Gelegenheiten, lange bevor sie dann irgendwann ganz sicher auch ins deutsche Kino kommen.
Die übrigen Filme im Wettbewerb sind fast immer irgendwie gut, mindestens in einem akademischen Sinn; sie sind irgendwie wichtig, aber sind auch oft staatstragend, und brav, repräsentative Konsensfilme. Ansonsten sehe ich im Wettbewerb Qualitätskino im guten wie im schlechten Sinn.
Deswegen an die Croisette? Nein, ich fahre nach Cannes wegen der Filme, die ich später nirgendwo anders mehr sehen kann, der Filme, die oft in der Reihe »Un Certain Regard« gezeigt werden, in den
»Cannes Premieres«; Filme, die außer Konkurrenz laufen in den Midnight-Screenings.
Wegen der neuen jungen Autoren, die man kaum im Wettbewerb sieht.
Wegen der schmutzigen sperrigen Filme, denen, die etwas wirklich Junges, Anderes ausdrücken, die nur sich selbst repräsentieren, die nicht ganz so staatstragend sind, die sich eben nicht dem Wettbewerb und seinen ungeschriebenen Regeln fügen.
Wegen der Filme, die so sind wie der Kickboxsprung von Eric Cantona im Januar 1995
im Stadion von Crystal Palace.
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Der französische Fußballspieler Eric Cantona (geb. 1966) war einer der allerbesten Spieler seiner Generation; wahrscheinlich sogar der beste in dem Jahrzehnt zwischen Maradona und Messi, Ronaldo, Beckham. Er spielte in acht Clubs und mit fast jedem von ihnen wurde er Meister oder gewann andere Titel. Dass die außergewöhnliche Gabe dieses Menschen auch eine künstlerische, ästhetische Gabe ist, zeigt sich daran, dass er nach seiner Fußball-Karriere auch eine anständige Kino-Karriere erlebte: Seine Filmografie umfasst bis heute 25 Filme und reicht von Elizabeth von Sheika Kapor über Alain Courneaus La deuxieme souffle und Looking for Eric von Ken Loach, mit dem Cantona im Jahr 2009 sogar bei den Filmfestspielen von Cannes zu Gast war, bis zu The Killer von John Woo, dem US-Remake seines gleichnamigen Hongkong-Kult-Films im vergangenen Jahr.
Höchste Zeit, dass die Briten Ben Nicholas und David Tryhorn jetzt einen Dokumentarfilm über den Fußballer und den Menschen gemacht haben, der in Cannes am Samstag in der offiziellen Selection »Out of Competition« gezeigt wurde.
Cantona ist eine atemberaubende Kinoerfahrung, ein Feuerwerk an Eindrücken: Schnell geschnitten, clipartig, aber nicht fernsehreportage-mäßig. Das, worum es hier vor allem geht, das ist die Definition von Freiheit. Und um persönliche Integrität. »Je suis pas le Beaujolais« antwortete Cantona einmal in der Fernsehtalkshow auf die Frage, ob man nun einen neuen Cantona sehen werde...
Es gibt alte und neue Archivaufnahmen und wenige, aber gute und auf kurze wesentliche Aussagen beschränkte Interviews: Mit seinen Eltern, David Beckham, den Trainern Guy Roux und – vor allem – Alex Ferguson und mit Cantona selbst.
Das Interview mit Cantona wird in einer Kathedrale aufgenommen – bzw. wird die Innen-Ansicht einer Kathedrale in den Hintergrund projiziert – dies ist ein Film über Kunst als Kraftwerk der Gefühle.
Alex Ferguson – und dies ist mindestens genauso ein Film über diesen großartigen Trainer, der für den scheinbar unbändigen »bad guy« Cantona ein zweiter Vater, ein Vaterersatz wird – beschreibt Cantona: »It’s like cinema... he was like Lawrence Olivier... he was a catalyst«
Eigentlich geht es in diesem Film um genau das: den katalysatorischen Effekt der Kunst, ja um das, was überhaupt Kunst ausmacht: Ferguson hat immer neue Ausdrücke dafür, er spricht vom »Flair«, vom »Sparkle«, von »Mission«, von »Charisma«. Hier wird verstanden, dass Fußball nicht irgendein normaler blöder Sport ist, sondern idealerweise die Kunst und das Leben.
Zugleich ist das auch eine Kulturgeschichte der späten 80er, frühen 90er Jahre, die nicht nur von der Cantomania erzählt, sondern von Bernard Tapie, und der Mafia in Marseille – eine wunderbare Erfahrung!
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Ein zweites Highlight der ersten Tage ist Meltdown, der im letzten Text schon erwähnte Spielfilm aus Chile in der Reihe »Un Certain Regard« (Regie: Manuela Martelli).
Angesiedelt in einer wunderbaren chilenischen Winterlandschaft mit andauerndem dicken Schneefall und meterhohem Schnee ist dies ein Film, der aus der Sicht eines etwa zehnjährigen Mädchens erzählt wird, die vor 34 Jahren im Jahr 1992 die Erwachsenenwelt als eine Horrorwelt entdeckt. Es ist die Welt ihrer eigenen Familie, ihrer Cousins und vor allem ihrer Großeltern, die geprägt und unrettbar infiziert sind von der Ära der faschistischen Pinochet-Diktatur, die gerade erst zu Ende gegangen ist.
Am Rande wird auch – schon mit den ersten Bildern – eine der absurdesten Episoden in der Geschichte Chiles erzählt, die Geschichte jenes viele Tonnen schweren riesigen »Eisbergs« (besser Eisblocks), der mit Motorsägen aus der Antarktis herausgetrennt im Frühjahr 1992 mit einem Schiff quer über den Atlantik nach Sevilla gezogen wurde, um dort bei der Expo, der Weltausstellung 1992, die thematisch verbunden war mit der 500-Jahr-Feier der Entdeckung Amerikas – Christoph Columbus brach seinerzeit von Sevilla auf – im chilenischen Pavillon der symbolische Beitrag des Landes am Rande der Welt zu sein. Ich kannte diese Geschichte bereits durch eine chilenischen Freund, Tomás Leighton, der Sohn des chilenischen Filmemachers Cristian Leighton, der sie vor vier Jahren zur 30-Jahr-Feier der Expo tatsächlich vor Ort re-enacted hat. Ich weiß nicht, ob ich das alles und seine symbolischen Bezüge ansonsten verstanden hätte: Das langsame Schmelzen des Blocks in Sevilla, das in den Fernsehnachrichten präsent ist, das Schmelzen des Schnees, als es in den Anden im Verlauf des Films langsam wärmer wird und der chilenische Sommer beginnt, das Schmelzen der Vereisung zwischen Lateinamerika und der ehemaligen Kolonialmacht Spanien, und das Aufschmelzen der diktatorisch vereisten Gesellschaft Chiles. Der Titel »Meltdown« (i.O.: »El Deshielo«) könnte sich auch auf der Auftauen der Wahrnehmung des Kindes beziehen. Nur mit dem Klimawandel hat alles diesmal nichts zu tun.
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Regisseurin Manuela Martelli interessierte sich schon in ihrem Debüt 1976 (2022) für eine Betrachtungsweise, die das Vergessen der Geschichte ins Zentrum stellt, und Politik als persönliche Erfahrung erzählt.
Der zweite Spielfilm von Martelli erzählt von Ines (wunderbar gespielt von Maya O’Rourke), die bei ihren Großeltern, den Besitzern eines Hotels,
wohnt, in dem die Handlung stattfindet, während ihre Eltern sich wegen der Expo 92 in Spanien aufhalten.
Von Anfang an fühlt sich Ines zu Hannah (Maia Rae Domagala) hingezogen, dem ein paar Jahre älteren einzigen Mädchen in einer deutschen Jugend-Skimannschaft, die in den Anden während des deutschen Sommers trainiert. Zwischen den beiden entwickelt sich eine unerwartete Freundschaft.
Früh nimmt der Film ganz beiläufig und bewusst etwas trügerisch das Drama vorweg, das sich nach knapp der Hälfte ereignen wird: Als die beiden bei einem Spaziergang durch den Wald an einem zugefrorenen See Steinewerfen spielen, ist nichts dem Zufall überlassen: Die Kamera bleibt bei Ines und beginnt sich dann plötzlich mit ihrem Blick auf der Suche nach Hannah um 360 Grad zu drehen – Ines kann Hannah nicht mehr entdecken! Das erinnert an einen der berühmtesten Filme des modernen Kinos, an Michelangelo Antonionis L’Avventura von 1960, aber auch an Peter Weirs Picnic at Hanging Rock. Doch dann taucht Hanna wieder auf.
Zunächst glaubt man sich darum eine ganze Weile in einem typischen Coming-of-Age-Film zu befinden, bevor Hannah eines Abends dann wirklich verschwindet. Spurlos. Und früh ahnen wir, dass sie nie wieder auftauchen wird.
Nur wir Zuschauer wissen, wie Ines, zugleich etwas mehr, aber auch das trägt nicht wirklich zu einer Lösung bei, aber es genügt, dass Ines von ihren Großeltern ein bleiernes Schweigegebot auferlegt wird.
Ines Blick macht die Reaktionen der Erwachsenen deutlich: Das
Desinteresse der Konservativen, der Geschäftswelt, die nur den schönen Schein für die spanischen Investoren erhalten will.
El deshielo verlegt die Erfahrung des Verschwindens von Menschen, die unter der Diktatur alltäglich war, in einen anderen Kontext: Wir befinden uns nicht im demokratischen Chile, auch nicht in einem urbanen, politischen Zentrum.
Und dann kommt der sagenhafte Auftritt von Saskia Rosendahl: Etwa in der Mitte des Films taucht die deutsche Schauspielerin als Hannahs Mutter vor Ort auf: zunehmend verzweifelt, aber um Fassung ringend. Im Hintergrund schimmern durch ihre Persönlichkeit auch die Erfahrungen der Diktatur und der Kontext des Kalten Krieges in Europa – mit seinen offenen Wunden.
Die größte Stärke des Films ist aber die kleine Ines und ihr kindlicher Blick auf den abgeschlossenen Ort, eher
die Atmosphäre und das Setting des Films, als seine Erzählung.
In der letzten Szene des Films kommt immerhin Ines dem Geheimnis näher.
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Wie in jedem Jahr gibt es wieder einen Kritikerspiegel von Critic.de Manche können da sogar in die Zukunft sehen und bewerten Filme, die noch nicht einmal ihre Weltpremiere hatten. Eine sonderbare Geste, auf die ich seit Donnerstag schon zweimal irritiert angesprochen wurde.
Oder sollten sie zu jenen gehören, die selbst Cannes-Filme gar nicht im Kino sehen, sondern nur in Streaming-Links im
Pantoffelkino, zuhause auf dem Sofa?
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Nochmal zu Fatherland. Es ist dem polnischen Regisseur Pavel Pavlikowski hoch anzurechnen, dass er bei der Pressekonferenz sofort von selbst auf den Elefant im Saal zu sprechen kommt: Die gravierenden Änderungen an den historischen Wahrheiten in seinem Film Fatherland über »Thomas Mann«, den wir hier besser in Anführungsstrichen schreiben. Natürlich wusste der Pole auch, dass er so oder so darauf angesprochen werden würde.
Es ging ihm um Reduktion, sagt Pavlikowski, um die »Simplicity of a road movie«, nicht um ein »retelling«.
Alle Änderungen erklärt das zwar nicht, aber immerhin ein paar. Die Grundfrage allerdings bleibt. Die Grundfrage ist die des Umgangs mit historischen Figuren. Was ist erlaubt? Darf man Fakten verändern, die nur wenigen Kennern bekannt sind, und so Geschichte umschreiben?
Ich glaube nicht. Ich glaube auch nicht, dass die Aussage, man wolle keine Imitation für alles eine gute Ausrede ist.
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Der Grieche Annis stellt bei der Pressekonferenz eine sehr gute Frage nach dem »Todeskult in der deutschen Kultur.« Ich kannte ihn bis dahin nur vom Sehen. Einen Tag später habe ich ihn dann beim Kaffeetrinken angesprochen und es war lustig: Es dauerte keine fünf Minuten, dann war ich mit Annis in einem tiefen philosophischen Gespräch – ein Grieche und ein Deutscher, wie bei »Monty Python« – über Heidegger und Adorno, über Nazis und Juden und eben über jenen Todeskult.
Eine tolle Bemerkung von Hanns Zischler noch bei der Pressekonferenz: Worte seien im NS-Staat entwertet worden. »Thomas Mann wollte sagen, dass die Worte ihren Wert noch haben.«
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Gespräch mit einer Berliner Produzentin, die auch schon lange herkommt. Wir stellen fest, und das ist keine großartige Erkenntnis, dass wir alle älter werden, dass wir jetzt wirklich nicht mehr von uns sagen können, dass wir hier die jungen Rebellen, die »promising people« seien, wir stellen auch fest, dass für ihre Kinder die Zukunft weniger gut aussieht, als sie für uns noch vor zehn und zwanzig Jahren aussah: Es gibt keine Jobs mehr, die öffentlich-rechtlichen Rundfunk- und Fernsehanstalten zerfallen, und das, was von Ihnen noch übrig ist, ist nur ein Wurmfortsatz des einstigen, eine Behauptung. Es gibt einfach nur noch punktuell aber nicht mehr systematisch gute Kulturberichterstattung und in allen möglichen Bereichen erkennt man Haltungsjournalismus und Oberfläche statt Neugier und Tiefenbohrung und Investigation und Fakteninteresse.
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Im Supermarkt stehe ich dann plötzlich neben Stellan Skarsgård. Der schwedische Schauspieler ist hier in der Jury. Offenbar sind Frau und Kinder dabei, und er kauft den Söhnen Softdrinks. Mehrere erkennen ihn. Nur ein aufdringlicher Amerikaner spricht ihn an.