Teenager, Sex, Tod und Camp-Ästhetik |
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| Jane Schoenbruns Teenage Sex and Death At Camp Miasma | ||
| (Foto: MUBI) | ||
»You and I already know/ We all got shit stains in our souls/«
Only the good die young/ And, damn, we're too far gone/
So, we're gon' keep on keepin' on/ Just lay back and have some fun.
– Kesha, Satan is Waiting (Abspannsong von »Teenage Sex...«)»Im Camp löst sich die Moral auf. Es neutralisiert moralische Entrüstung, fördert das Spielerische.«
– Susan Sontag, Notes on Camp
Diesmal kam ich etwas später als sonst in Cannes an, darum ausnahmsweise kein Eröffnungsfilm für mich. Bislang, denn den werde ich noch nachholen, genauso wie die Aufzeichnung der Eröffnungsveranstaltung – nach allem, was ich gehört habe, haben ich und damit ihr Leser nichts versäumt. Weder der Film noch die Veranstaltung seien, so berichten verlässliche Kollegen, besonders bemerkenswert gewesen. Den einen ging besonders Peter Jackson auf die Nerven – wobei ich dann
eher die Frage habe, ob der jemals eine interessante Person (und ein interessanter Regisseur) gewesen ist? In den letzten 15 Jahren jedenfalls verwaltet er nur noch den eigenen Fame. Und den französischen Eröffnungsfilm La Venus Electrique von Pierre Salvadori fanden viele fernsehhaft.
Egal!
Den wahren Eröffnungsfilm habe ich sowieso gesehen. Es war der Eröffnungsfilm der wichtigsten Nebenreihe der offiziellen Selection, »Un Certain
Regard«. Die Witze sind alt, daraus den »Uncertain Regard« zu machen, den unsicheren Blick. Dagegen ist auch nichts zu sagen. Denn tatsächlich ist dies ein Film voller Liebe für Kino und vor allem eine Hommage an das Medium.
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Die diesjährigen Farben Apricot und Pastellgelb, die das Corporate Design von Cannes dominieren, sind sehr geschmackvoll und getragen, bürgerlich und ein bisschen frech. Sie passen zu Cannes und zum Frühling an der Côte d’Azur. Aber sie sind das Gegenteil dieses Films; zumindest müssten ein paar unordentliche blutrote Spritzer auf ihnen liegen – dann wär’s wieder was. Aber soviel Mut hat noch nicht mal Cannes.
Teenage Sex and Death at Camp Miasma von Jane Schoenbrun ist ein Film, der schon im Titel genau das verspricht, weswegen die Leute letztlich ins Kino gehen, allen Achtsamkeits- und Neo-Puritanismusgeboten zum Trotz. »Flesh and Liquids«, darum gehe es im Kino, »nicht um das ganze akademische Zeugs«, erklärt eine Hauptfigur an zentraler Stelle und skizziert damit auch das Programm dieses Films. Sowieso ist dies ein Film, der die Grenzen auflöst zwischen seiner Rezeption und sich selbst und wiederum zu seiner Machart, der das alles in fließenden Übergängen bis zur Ununterscheidbarkeit miteinander vermischt. Seit David Lynchs Mulholland Drive im Jahr 2000 hat in Cannes kein Film mehr so wie ein Möbiusband funktioniert wie dieser.
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Im Kontext der Schlacht zwischen großen Studios und dem unabhängigen Autorenfilm und der zunehmenden Normierung der Formen und Inhalte der Kinowerke ist dieser Film ein offensives Statement, ein filmischer Paukenschlag.
Bereits in den Tagen vor der Weltpremiere bei der Eröffnungszeremonie zog der Film die volle Aufmerksamkeit von Kritik und Fachbesuchern auf sich. Die Vorstellungen im Debussy-Saal waren seit Tagen ausverkauft und zeigten, dass Hollywood Kino jenseits großer Budgets und Streamingplattformen durchaus weiterhin im Mekka des Kinos Schlagzeilen machen kann.
Nur mit sehr viel Glück konnte ich noch eine Karte ergattern. Es hat sich voll gelohnt!
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Allzu nüchtern beschrieben erzählt der Film von einer jungen, lesbischen, überakademisierten New Yorker Regisseurin, die eine erfolgreiche Slasher-Reihe der 1980er-Jahre namens »Camp Miasma« wiederbeleben will, ein Franchise, das über Jahre hinweg in 14 zunehmend schlechteren und exploitativeren Folgen eine Kult-Fangemeinde hervorgebracht hat. Selbst glühender Fan der Reihe ist sie sich bewusst, »dass sich das Studio eine queere Regisseurin gesucht hat, um allem etwas Tiefgang und Anerkennung bei der Gen Z zu geben.« Sie hat den Auftrag angenommen und beschließt, das ikonische Final Girl des ersten Teils zurückzubringen, eine Schauspielerin, die nach ihrem kurzen Ruhm in solchen Produktionen aus der Branche verschwand. Aus Sehnsucht und Begehren entsteht nicht nur ein Hauch von Stardust Memories, sondern eine Beziehung zwischen beiden Frauen, die unterschiedliche Generationen vermittelt und die harten Normen und Normierungen der Gegenwart infragestellt, während Realität und Fiktion zunehmend miteinander verschwimmen.
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Ästhetisch aber ist dies ein überschäumendes Spiel mit dem Slasher-Genre, voller Phantasie, Kreativität und Ironie.
In einer metafiktionalen Liebeserklärung an die Kinogeschichte und das Erzählen in Bildern positioniert sich Teenage Sex and Death at Camp Miasma gemeinsam mit dem Festival von Cannes gegen formelhaftes Kino, das von Produzenten und Marktanalysten gesteuert wird, für die eine gute Idee nur dann gut ist, wenn sie schon einmal
funktioniert hat. Mit Humor, Gore und moralisch-politisch-ästhetischer Freiheit übt Schoenbrun scharfe Kritik an diesen Strukturen. Ideen, Texte und Subtexte fließen bei ihr mit verblüffender Leichtigkeit zusammen, ergänzt durch ein starkes Gespür für Geschmack, auch den »guten schlechten« und für Inszenierung, was den Film auf ein Niveau hebt, dem man sich nur schwer entziehen kann.
Alles hat hier mindestens doppelte Bedeutung: »Camp« im Titel dürfte offen auf Susan Sontag anspielen; »Miasma« ist ein altgriechisches Wort für Krankheit, Seuche und Verunreinigung.
Die Leistung der Hauptdarstellerinnen Hannah Einbinder und Gillian Anderson ist allein schon den Besuch des Films wert.
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»Desire!« Das ist das entscheidende Wort für die Hauptfigur. Es geht um Begehren.
»Teenage Sex...« ist vor allem Kino der Verunsicherung, Kino der Unachtsamkeit. Denn Kino ist das Gegenteil von Achtsamkeit. Kino ist Unachtsamkeit und zeigt uns, dass die Dinge komplizierter sind, dass oft genug Genauigkeit, Neugier unfd Sensibilität einhergehen mit so verstandener bewusster Unachtsamkeit.
Dies Kino als Hommage an die Kinogeschichte; also gewissermaßen sekundäres Kino, Kino als Selbstreflexion des Kinos, aber zugleich ein direkter und –
wie man heute gern sagt – »immersiver« und lustvoller Film; ein Film, der als solcher Spaß macht, der aber bestimmt all denen noch viel viel mehr Spaß macht, die ein bisschen Ahnung von Filmgeschichte haben und ein bisschen Liebe zu Filmgenres und zur Vergangenheit des Kinos.
So hält dieser Film alles, was das Kino verspricht. Und verspricht alles, was das Kino halten muss.
Und ja: Dies alles ist bis zu einem bestimmten Grad auch intellektueller Antiintellektualismus – so be it!
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Ansonsten geht es auch los mit Presseessen und Empfängen, mit privaten Begegnungen und Verabredungen. Dazu bald mehr.
Beim schönen Wort »Presseessen« fragt man sich ja unwillkürlich, ob da jetzt die Presse isst oder gegessen wird. Ich könnte mir jedenfalls vorstellen, dass einige Kannibalen der Filmszene gewisse Filmkritiker total gerne verspeisen würden.