14.05.2026

Teenager, Sex, Tod und Camp-Ästhetik

Teenage Sex and Death At Camp Miasma
Jane Schoenbruns Teenage Sex and Death At Camp Miasma
(Foto: MUBI)

Es geht um Begehren, Verunsicherung, Besudelung: Der wahre Eröffnungsfilm hielt alles, was das Kino verspricht. Und verspricht alles, was das Kino halten muss – Cannes-Tagebuch, 02.Folge

Von Rüdiger Suchsland

»You and I already know/ We all got shit stains in our souls/«
Only the good die young/ And, damn, we're too far gone/
So, we're gon' keep on keepin' on/ Just lay back and have some fun.
– Kesha, Satan is Waiting (Abspann­song von »Teenage Sex...«)

»Im Camp löst sich die Moral auf. Es neutra­li­siert mora­li­sche Entrüs­tung, fördert das Spie­le­ri­sche.«
– Susan Sontag, Notes on Camp

Diesmal kam ich etwas später als sonst in Cannes an, darum ausnahms­weise kein Eröff­nungs­film für mich. Bislang, denn den werde ich noch nachholen, genauso wie die Aufzeich­nung der Eröff­nungs­ver­an­stal­tung – nach allem, was ich gehört habe, haben ich und damit ihr Leser nichts versäumt. Weder der Film noch die Veran­stal­tung seien, so berichten verläss­liche Kollegen, besonders bemer­kens­wert gewesen. Den einen ging besonders Peter Jackson auf die Nerven – wobei ich dann eher die Frage habe, ob der jemals eine inter­es­sante Person (und ein inter­es­santer Regisseur) gewesen ist? In den letzten 15 Jahren jeden­falls verwaltet er nur noch den eigenen Fame. Und den fran­zö­si­schen Eröff­nungs­film La Venus Elec­trique von Pierre Salvadori fanden viele fern­seh­haft.
Egal!
Den wahren Eröff­nungs­film habe ich sowieso gesehen. Es war der Eröff­nungs­film der wich­tigsten Neben­reihe der offi­zi­ellen Selection, »Un Certain Regard«. Die Witze sind alt, daraus den »Uncertain Regard« zu machen, den unsi­cheren Blick. Dagegen ist auch nichts zu sagen. Denn tatsäch­lich ist dies ein Film voller Liebe für Kino und vor allem eine Hommage an das Medium.

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Die dies­jäh­rigen Farben Apricot und Pastell­gelb, die das Corporate Design von Cannes domi­nieren, sind sehr geschmack­voll und getragen, bürger­lich und ein bisschen frech. Sie passen zu Cannes und zum Frühling an der Côte d’Azur. Aber sie sind das Gegenteil dieses Films; zumindest müssten ein paar unor­dent­liche blutrote Spritzer auf ihnen liegen – dann wär’s wieder was. Aber soviel Mut hat noch nicht mal Cannes.

Teenage Sex and Death at Camp Miasma von Jane Schoen­brun ist ein Film, der schon im Titel genau das verspricht, weswegen die Leute letztlich ins Kino gehen, allen Acht­sam­keits- und Neo-Puri­ta­nis­mus­ge­boten zum Trotz. »Flesh and Liquids«, darum gehe es im Kino, »nicht um das ganze akade­mi­sche Zeugs«, erklärt eine Haupt­figur an zentraler Stelle und skizziert damit auch das Programm dieses Films. Sowieso ist dies ein Film, der die Grenzen auflöst zwischen seiner Rezeption und sich selbst und wiederum zu seiner Machart, der das alles in fließenden Über­gängen bis zur Unun­ter­scheid­bar­keit mitein­ander vermischt. Seit David Lynchs Mulhol­land Drive im Jahr 2000 hat in Cannes kein Film mehr so wie ein Möbi­us­band funk­tio­niert wie dieser.

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Im Kontext der Schlacht zwischen großen Studios und dem unab­hän­gigen Autoren­film und der zuneh­menden Normie­rung der Formen und Inhalte der Kinowerke ist dieser Film ein offen­sives Statement, ein filmi­scher Pauken­schlag.

Bereits in den Tagen vor der Welt­pre­miere bei der Eröff­nungs­ze­re­monie zog der Film die volle Aufmerk­sam­keit von Kritik und Fach­be­su­chern auf sich. Die Vorstel­lungen im Debussy-Saal waren seit Tagen ausver­kauft und zeigten, dass Hollywood Kino jenseits großer Budgets und Strea­ming­platt­formen durchaus weiterhin im Mekka des Kinos Schlag­zeilen machen kann.

Nur mit sehr viel Glück konnte ich noch eine Karte ergattern. Es hat sich voll gelohnt!
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Allzu nüchtern beschrieben erzählt der Film von einer jungen, lesbi­schen, über­aka­de­mi­sierten New Yorker Regis­seurin, die eine erfolg­reiche Slasher-Reihe der 1980er-Jahre namens »Camp Miasma« wieder­be­leben will, ein Franchise, das über Jahre hinweg in 14 zunehmend schlech­teren und exploita­ti­veren Folgen eine Kult-Fange­meinde hervor­ge­bracht hat. Selbst glühender Fan der Reihe ist sie sich bewusst, »dass sich das Studio eine queere Regis­seurin gesucht hat, um allem etwas Tiefgang und Aner­ken­nung bei der Gen Z zu geben.« Sie hat den Auftrag ange­nommen und beschließt, das ikonische Final Girl des ersten Teils zurück­zu­bringen, eine Schau­spie­lerin, die nach ihrem kurzen Ruhm in solchen Produk­tionen aus der Branche verschwand. Aus Sehnsucht und Begehren entsteht nicht nur ein Hauch von Stardust Memories, sondern eine Beziehung zwischen beiden Frauen, die unter­schied­liche Gene­ra­tionen vermit­telt und die harten Normen und Normie­rungen der Gegenwart infra­ge­stellt, während Realität und Fiktion zunehmend mitein­ander verschwimmen.

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Ästhe­tisch aber ist dies ein über­schäu­mendes Spiel mit dem Slasher-Genre, voller Phantasie, Krea­ti­vität und Ironie.
In einer meta­fik­tio­nalen Liebes­er­klärung an die Kino­ge­schichte und das Erzählen in Bildern posi­tio­niert sich Teenage Sex and Death at Camp Miasma gemeinsam mit dem Festival von Cannes gegen formel­haftes Kino, das von Produ­zenten und Markt­ana­lysten gesteuert wird, für die eine gute Idee nur dann gut ist, wenn sie schon einmal funk­tio­niert hat. Mit Humor, Gore und moralisch-politisch-ästhe­ti­scher Freiheit übt Schoen­brun scharfe Kritik an diesen Struk­turen. Ideen, Texte und Subtexte fließen bei ihr mit verblüf­fender Leich­tig­keit zusammen, ergänzt durch ein starkes Gespür für Geschmack, auch den »guten schlechten« und für Insze­nie­rung, was den Film auf ein Niveau hebt, dem man sich nur schwer entziehen kann.

Alles hat hier mindes­tens doppelte Bedeutung: »Camp« im Titel dürfte offen auf Susan Sontag anspielen; »Miasma« ist ein altgrie­chi­sches Wort für Krankheit, Seuche und Verun­rei­ni­gung.

Die Leistung der Haupt­dar­stel­le­rinnen Hannah Einbinder und Gillian Anderson ist allein schon den Besuch des Films wert.

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»Desire!« Das ist das entschei­dende Wort für die Haupt­figur. Es geht um Begehren.

»Teenage Sex...« ist vor allem Kino der Verun­si­che­rung, Kino der Unacht­sam­keit. Denn Kino ist das Gegenteil von Acht­sam­keit. Kino ist Unacht­sam­keit und zeigt uns, dass die Dinge kompli­zierter sind, dass oft genug Genau­ig­keit, Neugier unfd Sensi­bi­lität einher­gehen mit so verstan­dener bewusster Unacht­sam­keit.
Dies Kino als Hommage an die Kino­ge­schichte; also gewis­ser­maßen sekun­däres Kino, Kino als Selbst­re­fle­xion des Kinos, aber zugleich ein direkter und – wie man heute gern sagt – »immersiver« und lust­voller Film; ein Film, der als solcher Spaß macht, der aber bestimmt all denen noch viel viel mehr Spaß macht, die ein bisschen Ahnung von Film­ge­schichte haben und ein bisschen Liebe zu Film­genres und zur Vergan­gen­heit des Kinos.
So hält dieser Film alles, was das Kino verspricht. Und verspricht alles, was das Kino halten muss.

Und ja: Dies alles ist bis zu einem bestimmten Grad auch intel­lek­tu­eller Anti­in­tel­lek­tua­lismus – so be it!

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Ansonsten geht es auch los mit Pres­se­essen und Empfängen, mit privaten Begeg­nungen und Verab­re­dungen. Dazu bald mehr.

Beim schönen Wort »Pres­se­essen« fragt man sich ja unwill­kür­lich, ob da jetzt die Presse isst oder gegessen wird. Ich könnte mir jeden­falls vorstellen, dass einige Kanni­balen der Filmszene gewisse Film­kri­tiker total gerne verspeisen würden.