07.05.2026

DOK.fest Kurzkritiken-Daily

Dok.fest München

Täglich neue Kurzkritiken vom 41. DOK.fest München

Von artechock-Redaktion

Die artechock-Redaktion berichtet täglich, unter­s­tützt von den Young Film Critics der LMU München.

Eine Koope­ra­tion von artechock mit dem DOK.fest München und der LMU München.

Eröff­nungs­film: Ingeborg Bachmann – Jemand, der ich einmal war · DE 2026 · R: Regina Schilling · HerStory

Ingeborg Bachmann - Jemand, der einmal ich war
(Foto: Weltkino)

Als Eröff­nungs­film: perfekt. 1500 Menschen erfahren im Deutschen Theater von der Schrift­stel­lerin Ingeborg Bachmann. Viele sagen hinterher, dass sie von ihr nichts wussten, ihre Texte nicht kannten, und jetzt Lust haben, sie zu lesen. Mission: accom­plished! Da kann man der neuen DOK.fest-Leitung zum guten Händchen gratu­lieren. Als Film: mindes­tens verlegen. Regis­seurin Regina Schilling weiß mit dem Zugpferd des Films, Sandra Hüller, nicht recht was anzu­fangen. Wie sie insze­nieren? Sie entscheidet sich für eine Bebil­de­rung der Texte und Seelen­zu­stände, bei der Hüller Blumen gießt, Zähne putzt und im Lookalike an der Schreib­ma­schine sitzt. Das bleibt weit hinter den Fähig­keiten der Schau­spie­lerin zurück. Ihr beim Lesen der Bachmann-Texte zuzusehen hätte indes schon gereicht, hätte den Wortraum aufge­macht und die Imagi­na­tion frei­ge­setzt. – Dunja Bialas
»Lang­kritik von Amelie Hoch­häusler«

Barbara Forever (USA · 2026 · R: Brydie O’Conner · HerStory)

Die Intimität des Werks der queeren Expe­ri­men­tal­fil­merin Barbara Hammer lebt in Brydie O’Connors erstem Doku­men­tar­lang­film erneut auf. In den 1970er Jahren begann Hammer mit ihrem filmi­schen Schaffen, in dem sich die radikale Offenheit ihrer queeren Lebens­weise entfal­tete. O’Connor model­liert aus der Fülle von Hammers selbst­re­fle­xiven Arbeiten ein filmi­sches Porträt, das sich expe­ri­men­teller Elemente bedient, um den inno­va­tiven Geist der Filme­ma­cherin zu über­tragen – und dabei unmit­telbar in ihr Filme­ma­chen hinein­reißt. Tonauf­nahmen von Hammers Stimme geben neben der Montage der Archiv­auf­nahmen einen reflek­tierten Einblick in das Schaffen der Pionierin. Die Einbin­dung ihrer Lebens­part­nerin, die nach Hammers Tod erinnernd über sie spricht, lässt den Film zeitweise senti­mental werden. – Amelie Hoch­häusler, LMU München

Between Brothers · NL 2026 ·R: Tom Fassaert · Bezie­hungs­weise

Fami­li­en­the­rapie auf Film. Zwei Brüder, eine Kamera, mehrere Gene­ra­tionen. Der 75-jährige René Fassaert lässt kaum jemanden in seine von Einsam­keit und Unordnung geprägte Wohnung außer seinen fast gleich­alt­rigen Bruder Rob und dessen Sohn Tom. Sie teilen eine von Traumata und Verlust geprägte Kindheit. Im Versuch, diese gemeinsam aufzu­ar­beiten, begeben sich die Brüder auf die Suche nach ihren Wurzeln und handeln dabei ihre Einstel­lungen gegenüber dem Leben aus. Die Kamera begleitet sie mit viel Zuneigung und der stets offenen Frage, wie viel sich vom Schmerz wirklich teilen lässt und was davon bleibt, wenn er an die nächste Gene­ra­tion weiter­ge­geben wird. Mit Humor und Selbst­ironie erschafft die Familie Fassaert hier ein Fami­li­en­por­trät, das zeigt: Man ist seinem Schicksal nicht ausge­lie­fert – und kann sich seine Leben­dig­keit auch im hohen Alter bewahren. – Stella Kluge

Change My Mind · Tsche­chien 2025 · R: Robin Kvapil · Politics. In Zeiten wie diesen

Petra, Nikola und Ivo glauben, die Meldungen in west­li­chen Medien über den Krieg in der Ukraine wären Lügen – oder zumindest sei der Westen schuld daran. Sie fahren für den Film also dorthin, um sich selbst ein Bild von der Lage machen zu können, jeweils mit einer Kamera ausge­stattet, um ihre eigene Perspek­tive möglichst unver­fälscht zeigen zu können; trotzdem sind die meisten Einstel­lungen die einer weiteren Kamera.Auf ihrer Reise durch das Land sprechen sie mit den Leuten, die geblieben sind, besuchen Grund­schulen in Metro­sta­tionen, sehen zerbombte Häuser, zerstörte, leere Dörfer. Es ist klar, welche Sicht der Regisseur und sein Film auf die Kriegs­hand­lungen haben, doch das steht den Posi­tionen der Prot­ago­nist/innen nicht im Wege, die ehrliche Konver­sa­tionen mit der lokalen Bevöl­ke­rung nicht scheuen und die gleich­zeitig nie verteu­felt werden. Der Film wird wohl etwas länger im Kopf bleiben. – Paula Ruppert

Chosen Family (Belgien 2025 · R: Elisa Vdk · Empowered)

Das Leben hinter Glitter und Glam. Chosen Family zeigt vier Drag­queens zwischen political drag, Iden­ti­täts­suche und ganz privaten, fami­liären Einbli­cken. Der Film richtet den Blick primär auf das Leben hinter der Maske. Auch die Schat­ten­seiten werden beleuchtet: Rassismus und Homo­phobie im Alltag, Attacken, Burnout, Suizid­ge­danken, Exis­tenz­krisen und die Suche nach dem eigenen Ich. Besonders rührend sind die privaten Momente mit älteren Fami­li­en­mit­glie­dern, die voll und ganz hinter ihren Liebsten stehen und diese unter­s­tützen. Gleich­zeitig bleibt der Schmerz spürbar: die immer noch fort­wir­kenden Gene­ra­tio­nen­kon­flikte und der uner­müd­liche Kampf um Sicht­bar­keit und Aner­ken­nung. Am Ende zeigt Chosen Family, wie viel Stärke in einer Gemein­schaft liegt, die sich gegen­seitig trägt und den Raum schafft, den die Welt ihnen oft verwei­gert. – Pia Kottbusch, LMU München

Driving Europe (DE 2025 · R: · Felix Länge · Brave New Work?)

Die großen traurigen Augen des geor­gi­schen Lkw-Fahrers Aleko bleiben in Erin­ne­rung. Dunkel­braun, fast schwarz, fragen sie: Warum? Aleko fährt Güter von Lidl, Ikea, Bosch oder Porsche quer durch Europa, ohne seinen Lohn zu erhalten. Damit ist er nicht allein. Felix Länge leuchtet in seinem Abschluss­film an der HFF München die dunklen Ecken unserer Konsum­welt aus, in der immer alle Güter jederzeit verfügbar sind. Welchen Preis zahlen aber dieje­nigen, die mit ihren Trucks die Waren trans­por­tieren? Anlass für den Film war 2023 ein Streik von 120 Lkw-Fahrern in der Nähe von Frankfurt. Europäi­sche Gesetze wie das „Liefer­ket­ten­sorg­falts­pflich­ten­ge­setz“ scheinen für die Fahrer nicht zu gelten. Felix Länge schaffte es, das Vertrauen der Fahrer zu gewinnen. »We are slaves, we are treated like dogs, nobody respects us«, ist das Fazit der Fahrer. Spannend wie ein Thriller mit Einbli­cken in eine fremde Arbeits­welt. – Ingrid Weidner

Edge of the Night (EE · 2025 · R: Vladimir Loginov · Zusam­menLeben)

Nacht­schwärmer. 90 Minuten lang zeigt uns Vladimir Loginov Nacht­auf­nahmen seiner Heimat­stadt Tallinn. Busse werden gereinigt, Jugend­liche betrinken sich vor der Tank­stelle, von einer patrio­ti­schen Rede geht es nahtlos über in einen Sexclub. Begleitet werden die dunklen, tristen Digi­tal­bilder von drei Text­blö­cken, geraunt vom estni­schen Rapper Reket. Eine klarere Struktur und ein konse­quen­teres ästhe­ti­sches Konzept hätten dem Film gutgetan, so verläuft sich die nächt­liche Asso­zia­ti­ons­kette zu freimütig, verpasst den immer wieder anklin­genden somnam­bulen Effekt, der sich zumindest in den Club­szenen einstellt. Hier kann die matte Digi­tal­optik über­zeugen, die Kamera scheitert furios an den schnell blickenden, bunten Lichtern. Eine schöne Mate­ria­lität entsteht, das Verspre­chen eines verspulten Rausches. – Benedikt Gunten­taler

Nachts auf dem Spiel­platz eines Plat­ten­bau­vier­tels der estni­schen Haupt­stadt Tallinn schaukelt jemand im Dunkeln. Andere arbeiten, wieder andere gehen feiern. Mit beob­ach­tender Kamera zeigt Regisseur Vladimir Loginov die Menschen der Stadt bei Nacht, doch mehr als diese Klammer hält die Szenen nicht zusammen. Einzelne Orte und Personen kehren wieder, ohne dass sich daraus eine kohärente Perspek­tive ergibt. Fast vers­tö­rend wirkt der Übergang von den Schreien einer gebä­renden Frau im Kran­ken­haus zum Stöhnen einer Frau im Sexclub. Im Off erinnert sich eine nicht verort­bare, flüs­ternde Stimme an schlaf­lose Nächte in der Kindheit. Die Worte scheinen die nächt­li­chen Aufnahmen abstra­hieren zu wollen, schließen die betrach­teten Menschen jedoch nur noch mehr aus. – Amelie Hoch­häusler, LMU München

Enough is Enough · Demo­kra­ti­sche Republik Kongo, Frank­reich 2026 · R: Elisé Sawasawa · African Encoun­ters

»In Goma, peace does not exist.« 30 Jahre Krieg, 7 Millionen Vertrie­bene und 10 Millionen Tote. In den endlosen Weiten der Flücht­lings­lager, zwischen den weißen Zelten, leben Menschen, die ein Leben ohne Krieg nicht kennen. Kongoles*innen, die ihr Zuhause, ihre Familie, ihr Leben verloren haben; die von Wut und Verzweif­lung geprägt sind. Ein wenig Frieden bringt aber das gemein­same Singen und Tanzen. Vergessen ist der Krieg jedoch nie. Starre Augen­kon­takte zwingen uns hinzu­schauen: rege Szenen der Selbst­auf­rüs­tung, des Zusam­men­halts und der Konfron­tie­rung, die von einfachen, aber unheim­li­chen Fotos des Grauens durch­bro­chen werden. Auf Demons­tra­tionen und direkt in die Kamera rufen Menschen: »Enough is enough!« Es reicht! Ein erschre­ckender Film, der dennoch einen Hoff­nungs­schrei durch die Stille hallen lässt. – Karolina Brell, LMU München

Finding Connec­tion · DE 2026 · R: Florian Karner · Visions of the Future

Eine emotio­nale Verbin­dung, geknüpft mit einem Algo­rithmus. Florian Karners Abschluss­film an der Film­aka­demie Baden-Würt­tem­berg porträ­tiert vier Menschen, die Bezie­hungen zu KI-Partnern aufbauen. Sie verbindet nicht die Tech­no­logie, sondern ihre Verletz­lich­keit: eine Frau, die in der Vergan­gen­heit Gewalt erlebt hat, eine junge Frau, die sich in mensch­li­chen Bezie­hungen hilflos fühlt, und ein Mann, der Mobbing­opfer ist. Der Film verknüpft diese Bezie­hungen nicht mit der üblichen Angst vor Tech­no­logie. Karner konzen­triert sich darauf, warum sich Menschen mit einem Algo­rithmus sicherer fühlen als mit anderen Menschen. Durch die direkte Kommu­ni­ka­tion entwi­ckelt sich die Bindung zur KI allmäh­lich zu einer alltäg­li­chen Intimität. Genau deshalb rufen Verän­de­rungen der Avatare durch System­up­dates und Abwei­chungen im Gesprächs­ver­lauf ein uner­war­tetes und beun­ru­hi­gendes Gefühl hervor. – Duru Alkoç, LMU München

A Fox Under A Pink Moon · FR, GB, IR, US 2025 · R: Mehrdad Oskouei, Soraya Akhalaghi · Beyond Borders

Ein Fuchs, ein Clown, ein pinker Mond. Soraya ist gerade mal 16 Jahre alt, als die eindrucks­vollen Aufnahmen beginnen, mit denen sie ihr Leben in Teheran filmt. Dort putzt sie und lebt mit ihrem gewalt­be­reiten Ehemann Ali zusammen. Mehrmals versucht sie ihrer Mutter zu folgen, die bereits vor Jahren nach Europa geflohen ist – fest­ge­halten auf ihrer Handy­ka­mera. Das Scheitern kann sie nur mithilfe von Kunst verar­beiten. Sie baut Skulp­turen, malt und zeichnet, schafft Figuren, die ihr in der Einsam­keit Gesell­schaft leisten. Und dennoch reicht es nicht, um sie von den Schrecken der Gewalt um sie herum zu befreien. In teils schweig­samen, teils frag­ment­haften Darstel­lungen ihres Lebens reichen sich Dunkel­heit und Schönheit die Hand und schaffen eine Nähe zu Sorayas Traumwelt, die bis zum Schluss die Hoffnung nicht sterben lässt, dass Fuchs, Clown und Mond ihr doch noch zur Rettung verhelfen. – Stella Kluge

Jardin d’enfants · CA 2025 · R: Jean-François Caissy · Junge Perspek­tiven

Die Welt der Kleinsten. Jean-François Caissy vervollständigt seine vierteilige Reihe über den Menschen, indem er sich auf das Wesentliche besinnt. Nachdem er zuvor ältere Menschen, Jugendliche und junge Erwachsene gefilmt hat, widmet er sich diesmal der frühen Kindheit. Ein Jahr lang begleitet seine Kamera Kleinkinder in einem Kindergarten. Der Dokumentarfilm, in dem zu Beginn kaum Sprache zu hören ist, entwickelt sich mit den Kindern weiter, die im Laufe der Zeit ihre Sprachfähigkeiten ausbauen. Doch auch ohne diese Sprache lässt sich anhand ihrer Gesichter und Gesten eine breite Palette an Emotionen ablesen. Die Aufnahmen ermöglichen den Zuschauern, einem Alltag beizuwohnen, zu dem wir sonst keinen Zugang haben, und Beobachter dieser Intimität zu sein. Man kann sich nur fragen, auf welche Aspekte des Lebens Caissy seinen Blick als Nächstes richten wird. – Aymeric Dupuis, LMU München

Das Gewicht der Welt (DE 2026 · R: Florian Heinzen-Ziob · EcoCinema)

Die Fakten zum Klima­wandel liegen auf dem Tisch, doch so sehr Wissen­schaftler:innen auch warnen, Gesell­schaft und Politik igno­rieren die Erkennt­nisse und weigern sich, ihr Verhalten zu ändern. Regisseur Florian Heinzen-Ziob begleitet einen Univer­si­täts­pro­fessor und zwei Wissen­schaft­le­rinnen, die sich enga­gieren und den neutralen Boden der Wissen­schaft verlassen haben. Im Hörsaal, auf einer Wanderung durch den Harz, in Vorträgen und bei den Demos der Scientist Rebellion erfährt das Publikum, wie schwierig der Spagat zwischen Wissen­schaft und Enga­ge­ment für die drei Prot­ago­nist:innen ist. Heinzen-Ziob hat nur in Deutsch­land gedreht. Auch er findet starke Bilder, kommt den Porträ­tierten nah und schafft Raum für leise Töne. – Ingrid Weidner

Helene Weigel – Revo­lu­ti­onärin im Rampen­licht · AT/DE · 2026 · R: Maria Wisch­newski · HerStory

Kein Trau­er­spiel. Die Berliner Regis­seurin Maria Wisch­newski schenkt uns einen Blick auf die Thea­ter­schau­spie­lerin Helene Weigel. Der Film erzählt von ihrem prägenden Enga­ge­ment am poli­ti­schen Theater der 1920er Jahre, der Part­ner­schaft mit Bertolt Brecht, den Jahren im Exil und ihrem Wirken als Inten­dantin des Berliner Ensembles der DDR. In einem verdun­kelten Raum liest Birgit Minich­mayr Briefe Weigels – August Diehl tritt ihr als Brechts Stimme gegenüber. Die Brief­wechsel mit Brecht, Walter Benjamin und Therese Giehse lassen den eigen­s­tän­digen Charakter der Künst­lerin hervor­treten. Parallel geben private Archiv­auf­nahmen einen Einblick in Weigels Leben. Insgesamt zu kurz kamen die Ausschnitte ihrer Bühnen­auf­tritte, die der Aufs­tän­dig­keit ihres Schaffens wohl am ausdrucks­vollsten begegnen. – Amelie Hoch­häusler, LMU München

Ich atme die ganze Zeit · R: Rosa Gocht · DE 2025 · Bezie­hungs­weise

Der Film findet sofort seinen Rhythmus. Kein langes Anlaufen, kein Herum­tasten, die Thematik sitzt von der ersten Szene an. Und trotzdem: Die Bilder sind ruhig, fast meditativ. Weite Meeres­ku­lissen, stille Land­schaften. Doch genau diese Ruhe macht einen nervös. Man wartet die ganze Zeit darauf, dass etwas passiert, und viel­leicht ist das genau das Gefühl, das die Regis­seurin im Film selbst kennt. Angst als Dauer­zu­stand, der sich nicht in Laut­stärke ausdrückt, sondern in einer Stille, die sich anfühlt wie Anspan­nung. Kurz vor Schluss fällt der Satz, der dem Film seinen Namen gab. Und er trifft. Nicht alle werden sich mit dieser Art von Angst iden­ti­fi­zieren können, aber wenn die Prot­ago­nistin am Ende von der Angst spricht, einen geliebten Menschen zu verlieren, ist man näher dran, als man erwartet hätte. – Ndombasi Babi Junior Mobi, LMU München

Innere Emigranten · DE, FR 2026 · R: Lena Karbe · Politics

Seit dem Angriffs­krieg auf die Ukraine sind die Menschen in Russland aus unserem Fokus gerückt, selbst von Exilanten wird kaum berichtet. Die junge Doku­men­tar­fil­merin Lena Karbe schließt nun diese Lücke. In Innere Emigranten blickt sie auf die Seele all jener, die sich im gelebten Wider­spruch zu dem Land wieder­finden, in dem sie leben. Drei Psycholog*innen einer Moskauer Krisen­hot­line sind das Herzstück ihres Films. Sie helfen Menschen, die in Russland aufgrund der poli­ti­schen Umstände tief in eine persön­liche Krise geraten sind und sich selbst im Zustand des Rückzugs befinden. »Ich empfinde Abneigung und Wut«, erzählt einer der Tele­fon­seel­sorger. Behutsam und vorsichtig filmt Karbe vor der Kulisse von Moskau die Menschen, die wie in einem dies­sei­tigen Limbus ohne Ausweg fest­ste­cken. – Dunja Bialas

The Kartli Kingdom · Frank­reich, Georgien, Qatar 2025 · R: Tamar Kaland­adze, Julien Pebrel · Empowered

Angst, Hoffnung, Wut: Sie treibt die Bewohner des ehema­ligen Sana­to­riums Kartli in der geor­gi­schen Haupt­stadt Tiflis auf die Barri­kaden, ausgelöst durch den im Protest verübten Selbst­mord eines Bewohners. In dem riesigen, herun­ter­ge­kom­menen Gebäude haben 200 Familien aus Abchasien ein Zuhause gefunden, das eigent­lich nur temporär hätte sein sollen – sie wollen endlich in neue Wohnungen ziehen. Denn nach drei Jahr­zehnten ist das Haus baufällig, ein riesiger Riss breitet sich über mehrere Stock­werke aus, Feuch­tig­keit und bröckelnder Putz sind Norma­lität. The Kartli Kingdom verwendet Archiv­ma­te­rial, um den geschicht­li­chen Hinter­grund zu beleuchten und ist gleich­zeitig nah an den einzelnen Menschen der Gegenwart; er zeigt, wie das zerfal­lende Gebäude trotz allem das Zuhause ist und wie nicht alle bereit sind, es zu verlassen – denn mit dem Verlassen zerbricht eine Gemein­schaft, die ein gemein­sames Trauma und ein Neuanfang verbindet. – Paula Ruppert

The Magic City – Birmingham Selon Sun Ra
R: Guillaume Maupin, Pablo Guarise · BE 2025 · The Artist is Present

Sun Ra sagte, seine Geschichte sei keine Geschichte. Sie wieder­hole sich nicht, sie ende nicht. Dieser Film fühlt sich genau so an. Ein Musik­por­trät, eine Biografie, ein Stadt­ge­dicht, etwas das sich selbst so anfühlt wie eine Sun-Ra-Kompo­si­tion. Hypno­tisch, viel­schichtig, nie ganz greifbar. Archiv­ma­te­rial, Anima­tionen, B-Roll, Musik und das lebendige Birmingham ergänzen sich perfekt und erzählen eine Geschichte, die nie aufhört. Die Stadt spricht, ihre Bewohner sprechen und langsam wird klar, welche Spuren Sun Ra in der schwarzen Kultur Amerikas und vor allem in Birmingham hinter­lassen hat. Wer den Film im Ameri­ka­haus sah, wo nebenan Jeff Dunas’ Fotoserie »State of the Blues« hing, bekam noch eine Ebene dazu: Der Blues als Ausdruck afro­ame­ri­ka­ni­scher Geschichte und Sun Ra als jemand, der genau diese Geschichte weiter­ge­schrieben hat, auf seine eigene, endlose Art. – Ndombasi Babi Junior Mobi, LMU München

Materia prima · DE 2026 · R: Jens Schanze · Reframing History

Das Bild öffnet sich: Wolken spiegeln sich in einer milchig-silbernen Fläche, die sich am Horizont in einem Flimmern auflöst. Der Salar de Uyumi, die größte Salzwüste Boliviens, weckt weltweit die Begehr­lich­keiten nach neuen Boden­schätzen. Hier zeigt sich die Konti­nuität des Extrak­ti­vismus; eine Linie von der rück­sichts­losen Ausbeu­tung des Silbers in den Minen von Potosí bis zum Hunger des globalen Nordens nach den neuen Mate­ria­lien einer elek­tri­fi­zierten Zukunft. Während sich die Abraum­halden die oran­ge­roten Berg­flanken des Cerro Rico hinab­wälzen, versuchen sich Inves­toren aus der EU den Zugang zu den Schätzen von Uyumi zu sichern. Jens Schanze gelingt es, ein viel­schich­tiges Bild zu schaffen, fernab einer Ästhe­ti­sie­rung von Elend und kolo­nialer Vergan­gen­heit. Er zeichnet ein multi­per­spek­ti­vi­sches Bild fragiler Schichten und Inter­essen, starker indigener Frauen und Aktivist*innen. – Philipp Thurmaier

Meanwhile in Namibia · DE, Namibia 2026 · R: Jonas Spries­ters­bach · Reframing History

Das Touris­ten­schiff »Europa« legt im Hafen von Lüderitz in Namibia an. Hier kam 1883 der Bremer Tabak­händler Adolf Lüderitz an und eignete sich betrü­ge­risch das Land an. In den nami­bi­schen Hügeln findet man bis heute die Überreste des Genozids an den Herero und Nama. Hier campen auch Urlauber:innen in ihren luxu­riösen Wohnwagen. In den wohl­kom­po­nierten Bildern von Spries­ters­bach fächern sich Vergan­gen­heit und Gegenwart auf. Bis heute weigert sich Deutsch­land, Repa­ra­ti­ons­zah­lungen zu leisten. Statt­dessen finan­ziert es Entwick­lungs­hilfe, unter anderem in das deutsche Projekt »Living Museums«. Volks­gruppen reenacten dort für europäi­sche Tourist:innen die Zeit vor der Kolo­nia­li­sie­rung. Das ist so absurd wie schreck­lich, es bleibt einem die Luft weg. Zwischen diesen Bildern setzen sich die klugen Kommen­tare der Namibier, über den Geldfluss, diskri­mi­nie­rendes Verhalten, sexuelle Blicke, Macht­un­gleich­heiten. – Nora Moschüring

The Narrative · Die Schweiz 2026 · R: Bernard Weber, Martin Schilt · Politics

Aus dem System verstoßen. Der Film rekon­stru­iert den Prozess gegen den UBS-Händler Kweku Adoboli nach dem Verlust von 2,3 Milli­arden US-Dollar im Jahr 2011. Während Adoboli seine Geschichte erzählt, verweben sich Original-Gerichts­auf­nahmen, Archiv­ma­te­rial und in Ghana nach­ge­stellte Gerichts­szenen mitein­ander. Der einstige Aufsteiger wird nach der Krise von der Finanz­welt schnell ausge­schlossen – eine Entwick­lung, die sich zunehmend zu einer persön­li­chen Tragödie verdichtet. Besonders seine Abschie­bung nach Ghana, obwohl er seit seiner Kindheit in England lebte, lenkt den Film über eine reine Kapi­ta­lis­mus­kritik hinaus und erzeugt über Themen wie Entfrem­dung und Heimat­lo­sig­keit starke Empathie. The Narrative stellt letztlich die Frage, wie ein System, das Erfolg belohnt, im Moment des Zusam­men­bruchs die gesamte Schuld auf ein einziges Indi­vi­duum abwälzen kann. – Duru Alkoç, LMU München

Nichts bleibt und nichts verschwindet (DE · 2026 · R: Paul Sonntag · Brave New Work?)

Poli­ti­scher Archi­tek­tur­film. Über fünf Jahre hinweg hat Paul Sonntag eine Straßenecke im Berliner Stadtteil Moabit mit der Kamera begleitet. Die dort ansässige Edeka-Filiale wird abge­rissen, ersetzt durch einen aufwen­digen Neubau: Wohnungen und Gewer­be­flächen erneuern das Stadtbild, ein Hipster-Coffeshop ersetzt den altge­dienten Super­markt. Der in stati­schen Aufnahmen erzählte Film begleitet diese Gentri­fi­zie­rung durch eine nicht­li­neare Montage, lässt die Zeiten parallel laufen, macht es erfahrbar, wie ein Ort verschwindet, und quasi umgehend ersetzt wird. Der Titel ist Walter Benjamin entliehen, und zeigt: Eine wirkliche, funda­men­tale Änderung bleibt aus, ein Konsumort weicht dem nächsten, die Gegenwart moder­ni­siert sich selbst, passt sich an sich selbst an, bleibt in ihren Struk­turen und Grund­lagen aber unver­än­dert. – Benedikt Gunten­taler

Nova ’78 (GB/PT · 2025 · R: Aaron Brookner, Rodrigo Areias · The Artist is Present)

Nova ‘78
(Foto: DOK.fest · Aaron Brookner, Rodrigo Areias)

Archi­vierte Avant­garde. 1978 vereint die »Nova Conven­tion« zu Ehren des Schrift­stel­lers William S. Burroughs die Under­ground-Avant­garde New Yorks. Die von Howard Brookner auf 16mm gedrehten Film­auf­nahmen der Musik­per­for­mances, Lesungen und Diskus­sionen galten lange als verloren, bevor sie nun von den Regis­seuren Aaron Brookner und Rodrigo Areias konstel­liert wurden. Im Sinne einer Erschließung von Raum und Zeit durch Perfor­mance erhebt sich der Film selbst zu einer expe­ri­men­tellen Reflexion: Disso­zi­ie­rende Klänge dringen in die Bilder ein, die Kamera folgt den Körper­be­we­gungen, als wäre sie selbst Teil von ihnen. Die Viel­stim­mig­keit der auf der Bühne perfor­mierten Künste arran­giert sich um Burroughs und trans­po­niert dessen Denken in eine film­phi­lo­so­phi­sche Form. – Amelie Hoch­häusler, LMU München

Frank Zappa liest »Naked Lunch«. 1978 beglei­tete der ameri­ka­ni­sche Film­re­gis­seur Howard Brookner die Nova-Conven­tion in New York mit einer 16mm-Kamera. Die Veran­stal­tung zu Ehren und unter Teilnahme von William S. Burroughs versam­melte die ameri­ka­ni­sche Kunst-Avant­garde der 70er-Jahre: Patti Smith, Philipp Glass, Timothy Leary, John Cage oder Merce Cummingham. Das rund 40-stündige Film­ma­te­rial galt lange als verloren, wurde nun (im Archiv von John Giorno) wieder­ge­funden, und von Aaron Brookner und Rodrigo Areias restau­riert und zu atemlosen 78 Minuten zusam­men­ge­schnitten. Highlight-Montagen wechseln sich mit ruhigeren Szenen ab, die Bühne weicht regel­mäßig Alltags­stu­dien von Burroughs, der beinahe religiös über diesem Film schwebt. Eine Mysti­fi­zie­rung vergan­gener (intel­lek­tu­eller) Zeiten, eine einzige gedank­liche Wohltat. – Benedikt Gunten­taler

Herbst 1978, im New Yorker East Village findet die Nova Conven­tion statt: drei Tage lang Perfor­mances, Lesungen und Musik, um den Mittel­punkt der Beat-Gene­ra­tion zu ehren: William S. Burroughs. Die Regis­seure Aaron Brookner und Rodrigo Areias arran­gieren und montieren aus über 40 Stunden 16mm-Material, das Aarons Onkel Howard Brookner bei der Conven­tion filmte, ein Kalei­do­skop dieser denk­wür­digen Veran­stal­tung. Mitunter nimmt das jedoch fast groteske Züge an: abseits vom Who is Who dominiert vor allem einer das Bild – William S. Burroughs.
WSB blickt dräuend um sich, raucht, rezitiert. Immer verfolgt und insze­niert durch die bewun­dernde Linse von Brookner sen.. Und obwohl Burroughs zwischen­zeit­lich auf dem Podium mit Timothy Leary über das neue space age debat­tiert, bleibt der Film in der Montage leider nur bei der ober­fläch­li­chen Insze­nie­rung großer Namen. Das kann man als Hommage an WSBs eigenen Cutup-Stil lesen, oder auch nur als Über­for­de­rung vor Namen und Material. – Philipp Thurmaier

Nuisance Bear (Groß­bri­tan­nien, Kanada, USA 2025 · R: Jack Weisman, Gabriela Osio Vanden · EcoCinema)

Ein Bär zwischen zwei Welten. Nuisance Bear beob­achtet die jährliche Wanderung eines jungen Eisbären durch Churchill, wo sich mensch­liche und tierische Lebens­räume immer stärker über­la­gern. Fast wortlos folgt die Kamera dem Tier durch Straßen und verschwin­dende Eisland­schaften: ein Blick aus der Bären­per­spek­tive auf eine Welt, die ihm keinen Raum mehr lässt. Die Begeg­nungen mit Rangern, Touristen und Inuit‑Gemein­schaften zeigen die Span­nungen zwischen Schutz, Kontrolle und kolo­nialen Hinter­las­sen­schaften. Die Folgen des Klima­wan­dels, die das majes­tä­ti­sche Tier in seinem Lebens­raum immer näher zum Menschen drängen. Für die lokale Bevöl­ke­rung bedeutet dies ebenso eine Belastung – der Bär wird zum »Nuisance Bear«. Ein stiller, eindring­li­cher Film über Koexis­tenz, die längst aus dem Gleich­ge­wicht geraten ist. – Pia Kottbusch, LMU München

Outliving Shake­speare · Armenien, Nieder­lande 2025 · R: Inna Sahakyan, Ruben Ghazaryan · Zusam­menLeben

Billiard mit dem Gehstock, ein Pfle­ge­ro­boter sowie Drama in- und außerhalb des Thea­ter­saals – das und noch mehr findet in Outliving Shake­speare seinen Platz. Im Zentrum stehen die Bewoh­ne­rinnen und Bewohner eines arme­ni­schen Pfle­ge­heims, die in der heimin­ternen Thea­ter­gruppe das Stück »Shake­speares Sünden« proben und aufführen möchten. Dabei weiß man gar nicht, was drama­ti­scher ist – das Thea­ter­s­tück oder all die größeren und kleineren Liebes­ge­schichten, Strei­tig­keiten, Sehn­süchte, Kabbe­leien und Albern­heiten der Bewohner, die immer wieder von Nach­richten über die poli­ti­sche Lage in Berg­ka­ra­bach unter­bro­chen werden. Die einzelnen Persön­lich­keiten sind allesamt sehr herzlich und zärtlich gezeichnet, sodass jede Minute des Films Spaß macht – man weiß nie, was die nächste Szene bringt. – Paula Ruppert

Roberto Rossel­lini – Living Without a Script · R: Ilaria De Lauren­tiis, Raffaele Brunetti, Andrea Paolo Massara · Italien 2025 · The Artist is Present

Toten­gräber des Kinos. Roberto Rossel­lini hat sich in seiner zweiten Lebens­hälfte ganz dem Fernsehen zugewandt. Seine großen Erfolge – Roma, Città aperta, Germania anno zero, Stromboli oder Viaggio in Italia – lagen hinter ihm. Er wollte auch ein anderes Kino, ein offeneres, suchendes, auch den Doku­men­tar­film oder die Wissen­schafts­filme inter­es­sierten ihn. Es folgten History-Serien für den italie­ni­schen Sender Rai – und als Höhepunkt seiner dem Kino abdan­kenden Karriere wurde er 1977 Jury-Präsident in Cannes, wo er für einen großen Skandal sorgte. Die Regis­seure haben aus dem Stoff konse­quen­ter­weise selbst einen Fern­seh­film gemacht: Dauer­musik und Voice-Over legen sich ohne Pause über das tolle Archiv­ma­te­rial. Info­tain­ment trifft Enter­tain­ment – viel­leicht hätte man von der zweiten Lebens­hälfte Rossel­linis auch ganz anders erzählen können. – Dunja Bialas

Silent Flood · Deutsch­land, Ukraine 2025 · R: Dmytro Sukho­lytkyy-Sobchuk · Politics

Hier spielen die Kinder noch in der Natur. In der West­ukraine am Ufer der Dnjestr gibt es Verwandte der ameri­ka­ni­schen Amish-Gemeinde, die fern der modernen Zivi­li­sa­tion Seelen­frieden und überhaupt Frieden prak­ti­zieren. Ganz ohne Strom bewäl­tigen sie den Agrar­alltag, backen Brot im Holzofen, lassen Pferde im Göpel Kraft­werke antreiben. Die über­wäl­ti­gend foto­gra­fierte Natur (IDFA-Kame­ra­preis) erzählt von Idylle. Die aber trügt, wie im zweiten Teil des Films deutlich wird. Jetzt geht es zur Sache: Die Gemeinde sammelt Lebens­mittel für die Männer an der Front, die ihnen Putin aufok­troy­iert hat, Gespräche zwischen den Soldaten fern der Heimat machen die tiefe Sehnsucht und ein stark pazi­fis­ti­sches Bewusst­sein deutlich. Vorher waren die Bilder fast zu schön, jetzt ist der Film bei sich ange­kommen. – Dunja Bialas

They Live in Row Houses · R: Matteo Sanders, Julia Hauge­neder · AT 2025 · Zusam­menLeben

Wir leben, wie wir glauben, dass Leben auszu­sehen hat. Wir lieben, wie wir glauben, dass Liebe funk­tio­niert. Dieser Film stellt genau das in Frage, ohne erhobenen Zeige­finger, aber mit einer Konse­quenz, die sitzt. Er zeigt, woran wir uns als Gesell­schaft so sehr gewöhnt haben, dass wir aufgehört haben, es überhaupt noch zu sehen. Das Konzept der Klein­fa­milie, das Reihen­haus­mo­dell, beides steht hier stell­ver­tre­tend für eine viel größere Frage: Gibt es bessere Formen des Zusam­men­le­bens? Ja, sagt der Film. Und man muss das Rad dafür nicht neu erfinden. Geschichte und Gegenwart liefern genug Beispiele. Was bleibt, ist das Unbehagen, dass wir uns nicht nur beim Wohnen, sondern in fast allen Lebens­be­rei­chen fraglos in Struk­turen einge­richtet haben, die niemand wirklich gewählt hat. – Ndombasi Babi Junior Mobi, LMU München

Sport­freunde Stiller – Mit dem Herz in der Hand (R: Thorsten Berrar · DE 2026 · The Sound of Music)

Der Mut zum Neuanfang. Mit dem Herz in der Hand zeigt die Geschichte einer Band, die seit 30 Jahren konstant unter­schätzt wird und dennoch das Lebens­ge­fühl einer Gene­ra­tion geprägt hat. Der Film begleitet Peter, Flo und Rüde beim Proben, Aufnehmen und Zweifeln. Zwischen Archiv­ma­te­rial, Studio­ar­beit in Spanien und Momenten hinter der Bühne entsteht das Bild einer Band am Wende­punkt. Die Angst, zu enttäu­schen und zugleich der Mut, neu anzu­fangen. »Wir waren jetzt weg, aber jetzt sind wir richtig fett wieder da.« Und das Publikum hat sie tatsäch­lich nicht vergessen. Der Film macht spürbar, warum ihre Musik verbindet: weil hinter den Hits Verletz­lich­keit, Humor und Haltung stehen. Ein Film über Freund­schaft, Krea­ti­vität und das Weiter­gehen, selbst wenn es mal kracht. Ein krönender Abschluss des DOK.fests. – Pia Kottbusch, LMU München

Was an Empfind­sam­keit bleibt · DE 2026 · R: Daniela Magnani Hüller · HerStory

Was an Empfindsamkeit bleibt
(Foto: RealFic­tion)

True Crime in der Ich-Perspek­tive. Für ihren Abschluss­film an der HFF München hat sich Regis­seurin Daniela Magnani Hüller ein denkbar schweres Sujet gesucht: Sie war 16, als ihr ein Mitschüler mehrmals ein Messer in den Rücken gerammt hat. Die Aufar­bei­tung des Mord­ver­suchs vollzieht sie 14 Jahre später ganz so, als handelte es sich um ein neutrales, objek­ti­vier­bares Thema: mittels der Befragung von Zeit­zeugen und Wegbe­glei­tern. Da ist die Lehrerin, die unter besten Absichten zur Vertrau­ens­person für den späteren Täter wurde. Da ist der Arzt, der sie schwer­ver­letzt im Kran­ken­haus aufnahm und sie notope­rierte. Das ist aber auch eine andere, imaginäre, diffuse Ebene: Mit 16mm-Aufnahmen schafft sie eine subjek­tive Poesie, die in die Tiefen ihrer Emotionen abtaucht, ohne in Senti­men­ta­lität abzu­driften. Ein mutiger Film. – Dunja Bialas

Vapeur · FR · 2025 · R: Anush Hamzehian, Vittorio Mort­arotti · LifeTog­e­ther

Spuren der Verduns­teten. »Jōhatsu« bezeichnet im Japa­ni­schen jemanden, der aus eigenem Willen verschwindet und an einem anderen Ort ein neues Leben beginnt. Detektiv Goro begibt sich auf die Suche nach einem solchen »Vapeur«: Mr. Ito ist sein Name, er soll sich auf der japa­ni­schen Vulkan­insel Saku­ra­jima befinden. Dort ist es möglich, ohne festen Beruf und Adresse zu leben. Die statische Kamera begleitet Goros Spuren­suche, die in eine poetische Ausein­an­der­set­zung mit der eigenen gesell­schaft­li­chen Verortung übergeht. Prot­ago­nist im Hinter­grund ist der Vulkan, der jederzeit auszu­bre­chen droht – und der die Kehrseite der Betrach­tung bildet: Er bestimmt über das Schicksal der Insel­be­wohner. Ausgehend von der Figur des »Vapeurs« teilt der Film auf sanfte Weise die Sorge um die Unbe­stän­dig­keit des Lebens mit. – Amelie Hoch­häusler, LMU München

Watching People Watching Birds (DE 2026 · R: Ulrike Franke, Michael Loeken · Zusam­menLeben)

Die Goldammer ist der Lieb­lings­vogel von Jonathan Franzen. Der unschein­bare Singvogel hat es dem Schrift­steller angetan. Aus vielen Gründen. Neben dem unschein­baren Feder­kleid beein­druckt Franzen, dass die Vogel­paare ihr ganzes Leben gemeinsam verbringen. Welche Faszi­na­tion die gefie­derten Akrobaten der Lüfte auf Menschen ausüben, die durch Sümpfe stapfen, morgens in aller Frühe mit Fernglas und Kamera losziehen, porträ­tieren Ulrike Franke und Michael Loeken. Mit Respekt und viel Empathie beob­achten sie die Vogelfans in ihrem natür­li­chen Habitat. Manchmal wirken die »Birder«, wie Vogel­be­ob­achter genannt werden, zwar etwas schrullig, doch wenn sie von ihren kleinen Lieb­lingen schwärmen, klingt das wie eine Liebes­er­klärung an die Schöpfung. Für Laien, die gerade mal einen Spatz von einer Taube unter­scheiden können, eröffnet der Film eine unbe­kannte Welt, die gleich von der eigenen Haustür beginnt. – Ingrid Weidner

We Have to Survive (SLO/F/A 2026 · R: Tomáš Krupa · EcoCinema)

Klima­wandel als Spektakel ist die Strategie von Regisseur Tomáš Krupa: eins­tür­zende Eisberge in Grönland, vom Meer wegge­spülte Holz­häuser an der Ostküste der USA und Klima­leugner in Austra­lien, die ihre Wohnungen unter die Erde verlegen und dafür Höhlen in Felsen fräsen. Tolle Bilder, manchmal etwas absurde Dialoge und zu laute Musik. Doch ein alter Mann in der Mongolei und sein Traum, eine Million Bäume in der Wüste Gobi zu pflanzen, verändert die Tonlage des Films und schafft eine spiri­tu­elle Ebene. Sein Wissen und seine Vision, den Verwüs­tungen zumindest im eigenen Umfeld etwas entgegen zu setzen, berührt. – Ingrid Weidner

When Pigs Fly (R: Denise Riedmayr · DE 2026 · Visions of the Future)

Ein Herz für ein Herz. Ein Blick unter die Lupe zeigt uns den Herz­schlag und den Körperbau von Mensch und Schwein, aber vor allem ihre Ähnlich­keit. Die Xeno­trans­plan­ta­tion von Schwein zu Mensch ist die viel­ver­spre­chendste Lösung zum Problem des welt­weiten Mangels an Spen­der­or­ganen. Aber sind Schweine nicht mehr als nur Fleisch wert? Durch den cleveren Vergleich zweier brutal unter­schied­li­cher Schwei­ne­leben – die einen verbringen ihr Leben auf einer idyl­li­schen Wiese und die anderen in einem sterilen Labor – sind wir selbst hin- und herge­rissen. Intime Einblicke der Kamera in die medi­zi­ni­sche Forschung verdeut­li­chen die Notwen­dig­keit einer Lösung, lassen jedoch auch nicht die emotio­nale Intel­li­genz der Schweine außer Acht. Ein empa­thi­scher, geschich­teter Film, der zum Nach- und Umdenken der Mensch-Schwein-Beziehung anregt. – Karolina Brell, LMU München

Where The Waves Took Her (Deutsch­land, 2025 · R: Jana Stallein · Brave New Work?)

»If I go back, I will die.« Jedes Jahr sterben Tausende Geflüch­tete bei der Über­que­rung des Mittel­meeres. Verhin­dern können dies Seenot­ret­tungs­schiffe, wie die Humanity 1 auf der wir die Hebamme Anne-Katrin begleiten. Zusammen mit der Crew bereitet sie sich auf die Rettung vor, welche wir schließ­lich in verwischten, chao­ti­schen »Shut­ter­bil­dern« zu sehen bekommen. Demge­genüber steht der geschützte Inter­view­raum fernab vom Mittel­meer: Dunkel­heit, ein seichtes, ruhiges Becken, drei gerettete Frauen. Noch immer umgeben von Wasser, doch nun keine exis­ten­zi­elle Bedrohung mehr, berichten sie von ihren Erfah­rungen. Szenen von Gemein­schaft, von fürsorg­li­chen Begeg­nungen und von Unge­wiss­heit begleiten ihre Worte. Mit großer Sensi­bi­lität fokus­siert die heraus­ra­gende Kame­ra­ar­beit auf gerettete Frauen, verleiht ihnen eine Stimme und hört ihnen zu. Ein Film, der bewegt. – Karolina Brell, LMU München