DOK.fest Kurzkritiken-Daily |
![]() |
|
Die artechock-Redaktion berichtet täglich, unterstützt von den Young Film Critics der LMU München.
Eine Kooperation von artechock mit dem DOK.fest München und der LMU München.
Als Eröffnungsfilm: perfekt. 1500 Menschen erfahren im Deutschen Theater von der Schriftstellerin Ingeborg Bachmann. Viele sagen hinterher, dass sie von ihr nichts wussten, ihre Texte nicht kannten, und jetzt Lust haben, sie zu lesen. Mission: accomplished! Da kann man der neuen DOK.fest-Leitung zum guten Händchen gratulieren. Als Film: mindestens verlegen. Regisseurin Regina Schilling weiß mit dem Zugpferd des Films, Sandra Hüller, nicht recht was anzufangen. Wie sie
inszenieren? Sie entscheidet sich für eine Bebilderung der Texte und Seelenzustände, bei der Hüller Blumen gießt, Zähne putzt und im Lookalike an der Schreibmaschine sitzt. Das bleibt weit hinter den Fähigkeiten der Schauspielerin zurück. Ihr beim Lesen der Bachmann-Texte zuzusehen hätte indes schon gereicht, hätte den Wortraum aufgemacht und die Imagination freigesetzt. – Dunja Bialas
»Langkritik von Amelie
Hochhäusler«
Die Intimität des Werks der queeren Experimentalfilmerin Barbara Hammer lebt in Brydie O’Connors erstem Dokumentarlangfilm erneut auf. In den 1970er Jahren begann Hammer mit ihrem filmischen Schaffen, in dem sich die radikale Offenheit ihrer queeren Lebensweise entfaltete. O’Connor modelliert aus der Fülle von Hammers selbstreflexiven Arbeiten ein filmisches Porträt, das sich experimenteller Elemente bedient, um den innovativen Geist der Filmemacherin zu übertragen – und dabei unmittelbar in ihr Filmemachen hineinreißt. Tonaufnahmen von Hammers Stimme geben neben der Montage der Archivaufnahmen einen reflektierten Einblick in das Schaffen der Pionierin. Die Einbindung ihrer Lebenspartnerin, die nach Hammers Tod erinnernd über sie spricht, lässt den Film zeitweise sentimental werden. – Amelie Hochhäusler, LMU München
Familientherapie auf Film. Zwei Brüder, eine Kamera, mehrere Generationen. Der 75-jährige René Fassaert lässt kaum jemanden in seine von Einsamkeit und Unordnung geprägte Wohnung außer seinen fast gleichaltrigen Bruder Rob und dessen Sohn Tom. Sie teilen eine von Traumata und Verlust geprägte Kindheit. Im Versuch, diese gemeinsam aufzuarbeiten, begeben sich die Brüder auf die Suche nach ihren Wurzeln und handeln dabei ihre Einstellungen gegenüber dem Leben aus. Die Kamera begleitet sie mit viel Zuneigung und der stets offenen Frage, wie viel sich vom Schmerz wirklich teilen lässt und was davon bleibt, wenn er an die nächste Generation weitergegeben wird. Mit Humor und Selbstironie erschafft die Familie Fassaert hier ein Familienporträt, das zeigt: Man ist seinem Schicksal nicht ausgeliefert – und kann sich seine Lebendigkeit auch im hohen Alter bewahren. – Stella Kluge
Petra, Nikola und Ivo glauben, die Meldungen in westlichen Medien über den Krieg in der Ukraine wären Lügen – oder zumindest sei der Westen schuld daran. Sie fahren für den Film also dorthin, um sich selbst ein Bild von der Lage machen zu können, jeweils mit einer Kamera ausgestattet, um ihre eigene Perspektive möglichst unverfälscht zeigen zu können; trotzdem sind die meisten Einstellungen die einer weiteren Kamera.Auf ihrer Reise durch das Land sprechen sie mit den Leuten, die geblieben sind, besuchen Grundschulen in Metrostationen, sehen zerbombte Häuser, zerstörte, leere Dörfer. Es ist klar, welche Sicht der Regisseur und sein Film auf die Kriegshandlungen haben, doch das steht den Positionen der Protagonist/innen nicht im Wege, die ehrliche Konversationen mit der lokalen Bevölkerung nicht scheuen und die gleichzeitig nie verteufelt werden. Der Film wird wohl etwas länger im Kopf bleiben. – Paula Ruppert
Das Leben hinter Glitter und Glam. Chosen Family zeigt vier Dragqueens zwischen political drag, Identitätssuche und ganz privaten, familiären Einblicken. Der Film richtet den Blick primär auf das Leben hinter der Maske. Auch die Schattenseiten werden beleuchtet: Rassismus und Homophobie im Alltag, Attacken, Burnout, Suizidgedanken, Existenzkrisen und die Suche nach dem eigenen Ich. Besonders rührend sind die privaten Momente mit älteren Familienmitgliedern, die voll und ganz hinter ihren Liebsten stehen und diese unterstützen. Gleichzeitig bleibt der Schmerz spürbar: die immer noch fortwirkenden Generationenkonflikte und der unermüdliche Kampf um Sichtbarkeit und Anerkennung. Am Ende zeigt Chosen Family, wie viel Stärke in einer Gemeinschaft liegt, die sich gegenseitig trägt und den Raum schafft, den die Welt ihnen oft verweigert. – Pia Kottbusch, LMU München
Die großen traurigen Augen des georgischen Lkw-Fahrers Aleko bleiben in Erinnerung. Dunkelbraun, fast schwarz, fragen sie: Warum? Aleko fährt Güter von Lidl, Ikea, Bosch oder Porsche quer durch Europa, ohne seinen Lohn zu erhalten. Damit ist er nicht allein. Felix Länge leuchtet in seinem Abschlussfilm an der HFF München die dunklen Ecken unserer Konsumwelt aus, in der immer alle Güter jederzeit verfügbar sind. Welchen Preis zahlen aber diejenigen, die mit ihren Trucks die Waren transportieren? Anlass für den Film war 2023 ein Streik von 120 Lkw-Fahrern in der Nähe von Frankfurt. Europäische Gesetze wie das „Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz“ scheinen für die Fahrer nicht zu gelten. Felix Länge schaffte es, das Vertrauen der Fahrer zu gewinnen. »We are slaves, we are treated like dogs, nobody respects us«, ist das Fazit der Fahrer. Spannend wie ein Thriller mit Einblicken in eine fremde Arbeitswelt. – Ingrid Weidner
Nachtschwärmer. 90 Minuten lang zeigt uns Vladimir Loginov Nachtaufnahmen seiner Heimatstadt Tallinn. Busse werden gereinigt, Jugendliche betrinken sich vor der Tankstelle, von einer patriotischen Rede geht es nahtlos über in einen Sexclub. Begleitet werden die dunklen, tristen Digitalbilder von drei Textblöcken, geraunt vom estnischen Rapper Reket. Eine klarere Struktur und ein konsequenteres ästhetisches Konzept hätten dem Film gutgetan, so verläuft sich die nächtliche Assoziationskette zu freimütig, verpasst den immer wieder anklingenden somnambulen Effekt, der sich zumindest in den Clubszenen einstellt. Hier kann die matte Digitaloptik überzeugen, die Kamera scheitert furios an den schnell blickenden, bunten Lichtern. Eine schöne Materialität entsteht, das Versprechen eines verspulten Rausches. – Benedikt Guntentaler
Nachts auf dem Spielplatz eines Plattenbauviertels der estnischen Hauptstadt Tallinn schaukelt jemand im Dunkeln. Andere arbeiten, wieder andere gehen feiern. Mit beobachtender Kamera zeigt Regisseur Vladimir Loginov die Menschen der Stadt bei Nacht, doch mehr als diese Klammer hält die Szenen nicht zusammen. Einzelne Orte und Personen kehren wieder, ohne dass sich daraus eine kohärente Perspektive ergibt. Fast verstörend wirkt der Übergang von den Schreien einer gebärenden Frau im Krankenhaus zum Stöhnen einer Frau im Sexclub. Im Off erinnert sich eine nicht verortbare, flüsternde Stimme an schlaflose Nächte in der Kindheit. Die Worte scheinen die nächtlichen Aufnahmen abstrahieren zu wollen, schließen die betrachteten Menschen jedoch nur noch mehr aus. – Amelie Hochhäusler, LMU München
»In Goma, peace does not exist.« 30 Jahre Krieg, 7 Millionen Vertriebene und 10 Millionen Tote. In den endlosen Weiten der Flüchtlingslager, zwischen den weißen Zelten, leben Menschen, die ein Leben ohne Krieg nicht kennen. Kongoles*innen, die ihr Zuhause, ihre Familie, ihr Leben verloren haben; die von Wut und Verzweiflung geprägt sind. Ein wenig Frieden bringt aber das gemeinsame Singen und Tanzen. Vergessen ist der Krieg jedoch nie. Starre Augenkontakte zwingen uns hinzuschauen: rege Szenen der Selbstaufrüstung, des Zusammenhalts und der Konfrontierung, die von einfachen, aber unheimlichen Fotos des Grauens durchbrochen werden. Auf Demonstrationen und direkt in die Kamera rufen Menschen: »Enough is enough!« Es reicht! Ein erschreckender Film, der dennoch einen Hoffnungsschrei durch die Stille hallen lässt. – Karolina Brell, LMU München
Eine emotionale Verbindung, geknüpft mit einem Algorithmus. Florian Karners Abschlussfilm an der Filmakademie Baden-Württemberg porträtiert vier Menschen, die Beziehungen zu KI-Partnern aufbauen. Sie verbindet nicht die Technologie, sondern ihre Verletzlichkeit: eine Frau, die in der Vergangenheit Gewalt erlebt hat, eine junge Frau, die sich in menschlichen Beziehungen hilflos fühlt, und ein Mann, der Mobbingopfer ist. Der Film verknüpft diese Beziehungen nicht mit der üblichen Angst vor Technologie. Karner konzentriert sich darauf, warum sich Menschen mit einem Algorithmus sicherer fühlen als mit anderen Menschen. Durch die direkte Kommunikation entwickelt sich die Bindung zur KI allmählich zu einer alltäglichen Intimität. Genau deshalb rufen Veränderungen der Avatare durch Systemupdates und Abweichungen im Gesprächsverlauf ein unerwartetes und beunruhigendes Gefühl hervor. – Duru Alkoç, LMU München
Ein Fuchs, ein Clown, ein pinker Mond. Soraya ist gerade mal 16 Jahre alt, als die eindrucksvollen Aufnahmen beginnen, mit denen sie ihr Leben in Teheran filmt. Dort putzt sie und lebt mit ihrem gewaltbereiten Ehemann Ali zusammen. Mehrmals versucht sie ihrer Mutter zu folgen, die bereits vor Jahren nach Europa geflohen ist – festgehalten auf ihrer Handykamera. Das Scheitern kann sie nur mithilfe von Kunst verarbeiten. Sie baut Skulpturen, malt und zeichnet, schafft Figuren, die ihr in der Einsamkeit Gesellschaft leisten. Und dennoch reicht es nicht, um sie von den Schrecken der Gewalt um sie herum zu befreien. In teils schweigsamen, teils fragmenthaften Darstellungen ihres Lebens reichen sich Dunkelheit und Schönheit die Hand und schaffen eine Nähe zu Sorayas Traumwelt, die bis zum Schluss die Hoffnung nicht sterben lässt, dass Fuchs, Clown und Mond ihr doch noch zur Rettung verhelfen. – Stella Kluge
Die Fakten zum Klimawandel liegen auf dem Tisch, doch so sehr Wissenschaftler:innen auch warnen, Gesellschaft und Politik ignorieren die Erkenntnisse und weigern sich, ihr Verhalten zu ändern. Regisseur Florian Heinzen-Ziob begleitet einen Universitätsprofessor und zwei Wissenschaftlerinnen, die sich engagieren und den neutralen Boden der Wissenschaft verlassen haben. Im Hörsaal, auf einer Wanderung durch den Harz, in Vorträgen und bei den Demos der Scientist Rebellion erfährt das Publikum, wie schwierig der Spagat zwischen Wissenschaft und Engagement für die drei Protagonist:innen ist. Heinzen-Ziob hat nur in Deutschland gedreht. Auch er findet starke Bilder, kommt den Porträtierten nah und schafft Raum für leise Töne. – Ingrid Weidner
Kein Trauerspiel. Die Berliner Regisseurin Maria Wischnewski schenkt uns einen Blick auf die Theaterschauspielerin Helene Weigel. Der Film erzählt von ihrem prägenden Engagement am politischen Theater der 1920er Jahre, der Partnerschaft mit Bertolt Brecht, den Jahren im Exil und ihrem Wirken als Intendantin des Berliner Ensembles der DDR. In einem verdunkelten Raum liest Birgit Minichmayr Briefe Weigels – August Diehl tritt ihr als Brechts Stimme gegenüber. Die Briefwechsel mit Brecht, Walter Benjamin und Therese Giese lassen den eigenständigen Charakter der Künstlerin hervortreten. Parallel geben private Archivaufnahmen einen Einblick in Weigels Leben. Insgesamt zu kurz kamen die Ausschnitte ihrer Bühnenauftritte, die der Aufständigkeit ihres Schaffens wohl am ausdrucksvollsten begegnen. – Amelie Hochhäusler, LMU München
Seit dem Angriffskrieg auf die Ukraine sind die Menschen in Russland aus unserem Fokus gerückt, selbst von Exilanten wird kaum berichtet. Die junge Dokumentarfilmerin Lena Karbe schließt nun diese Lücke. In Innere Emigranten blickt sie auf die Seele all jener, die sich im gelebten Widerspruch zu dem Land wiederfinden, in dem sie leben. Drei Psycholog*innen einer Moskauer Krisenhotline sind das Herzstück ihres Films. Sie helfen Menschen, die in Russland aufgrund der politischen Umstände tief in eine persönliche Krise geraten sind und sich selbst im Zustand des Rückzugs befinden. »Ich empfinde Abneigung und Wut«, erzählt einer der Telefonseelsorger. Behutsam und vorsichtig filmt Karbe vor der Kulisse von Moskau die Menschen, die wie in einem diesseitigen Limbus ohne Ausweg feststecken. – Dunja Bialas
Angst, Hoffnung, Wut: Sie treibt die Bewohner des ehemaligen Sanatoriums Kartli in der georgischen Hauptstadt Tiflis auf die Barrikaden, ausgelöst durch den im Protest verübten Selbstmord eines Bewohners. In dem riesigen, heruntergekommenen Gebäude haben 200 Familien aus Abchasien ein Zuhause gefunden, das eigentlich nur temporär hätte sein sollen – sie wollen endlich in neue Wohnungen ziehen. Denn nach drei Jahrzehnten ist das Haus baufällig, ein riesiger Riss breitet sich über mehrere Stockwerke aus, Feuchtigkeit und bröckelnder Putz sind Normalität. The Kartli Kingdom verwendet Archivmaterial, um den geschichtlichen Hintergrund zu beleuchten und ist gleichzeitig nah an den einzelnen Menschen der Gegenwart; er zeigt, wie das zerfallende Gebäude trotz allem das Zuhause ist und wie nicht alle bereit sind, es zu verlassen – denn mit dem Verlassen zerbricht eine Gemeinschaft, die ein gemeinsames Trauma und ein Neuanfang verbindet. – Paula Ruppert
Das Bild öffnet sich: Wolken spiegeln sich in einer milchig-silbernen Fläche, die sich am Horizont in einem Flimmern auflöst. Der Salar de Uyumi, die größte Salzwüste Boliviens, weckt weltweit die Begehrlichkeiten nach neuen Bodenschätzen. Hier zeigt sich die Kontinuität des Extraktivismus; eine Linie von der rücksichtslosen Ausbeutung des Silbers in den Minen von Potosí bis zum Hunger des globalen Nordens nach den neuen Materialien einer elektrifizierten Zukunft. Während sich die Abraumhalden die orangeroten Bergflanken des Cerro Rico hinabwälzen, versuchen sich Investoren aus der EU den Zugang zu den Schätzen von Uyumi zu sichern. Jens Schanze gelingt es, ein vielschichtiges Bild zu schaffen, fernab einer Ästhetisierung von Elend und kolonialer Vergangenheit. Er zeichnet ein multiperspektivisches Bild fragiler Schichten und Interessen, starker indigener Frauen und Aktivist*innen. – Philipp Thurmaier
Das Touristenschiff »Europa« legt im Hafen von Lüderitz in Namibia an. Hier kam 1883 der Bremer Tabakhändler Adolf Lüderitz an und eignete sich betrügerisch das Land an. In den namibischen Hügeln findet man bis heute die Überreste des Genozids an den Herero und Nama. Hier campen auch Urlauber:innen in ihren luxuriösen Wohnwagen. In den wohlkomponierten Bildern von Spriestersbach fächern sich Vergangenheit und Gegenwart auf. Bis heute weigert sich Deutschland, Reparationszahlungen zu leisten. Stattdessen finanziert es Entwicklungshilfe, unter anderem in das deutsche Projekt »Living Museums«. Volksgruppen reenacten dort für europäische Tourist:innen die Zeit vor der Kolonialisierung. Das ist so absurd wie schrecklich, es bleibt einem die Luft weg. Zwischen diesen Bildern setzen sich die klugen Kommentare der Namibier, über den Geldfluss, diskriminierendes Verhalten, sexuelle Blicke, Machtungleichheiten. – Nora Moschüring
Aus dem System verstoßen. Der Film rekonstruiert den Prozess gegen den UBS-Händler Kweku Adoboli nach dem Verlust von 2,3 Milliarden US-Dollar im Jahr 2011. Während Adoboli seine Geschichte erzählt, verweben sich Original-Gerichtsaufnahmen, Archivmaterial und in Ghana nachgestellte Gerichtsszenen miteinander. Der einstige Aufsteiger wird nach der Krise von der Finanzwelt schnell ausgeschlossen – eine Entwicklung, die sich zunehmend zu einer persönlichen Tragödie verdichtet. Besonders seine Abschiebung nach Ghana, obwohl er seit seiner Kindheit in England lebte, lenkt den Film über eine reine Kapitalismuskritik hinaus und erzeugt über Themen wie Entfremdung und Heimatlosigkeit starke Empathie. The Narrative stellt letztlich die Frage, wie ein System, das Erfolg belohnt, im Moment des Zusammenbruchs die gesamte Schuld auf ein einziges Individuum abwälzen kann. – Duru Alkoç, LMU München
Politischer Architekturfilm. Über fünf Jahre hinweg hat Paul Sonntag eine Straßenecke im Berliner Stadtteil Moabit mit der Kamera begleitet. Die dort ansässige Edeka-Filiale wird abgerissen, ersetzt durch einen aufwendigen Neubau: Wohnungen und Gewerbeflächen erneuern das Stadtbild, ein Hipster-Coffeshop ersetzt den altgedienten Supermarkt. Der in statischen Aufnahmen erzählte Film begleitet diese Gentrifizierung durch eine nichtlineare Montage, lässt die Zeiten parallel laufen, macht es erfahrbar, wie ein Ort verschwindet, und quasi umgehend ersetzt wird. Der Titel ist Walter Benjamin entliehen, und zeigt: Eine wirkliche, fundamentale Änderung bleibt aus, ein Konsumort weicht dem nächsten, die Gegenwart modernisiert sich selbst, passt sich an sich selbst an, bleibt in ihren Strukturen und Grundlagen aber unverändert. – Benedikt Guntentaler
Archivierte Avantgarde. 1978 vereint die »Nova Convention« zu Ehren des Schriftstellers William S. Burroughs die Underground-Avantgarde New Yorks. Die von Howard Brookner auf 16mm gedrehten Filmaufnahmen der Musikperformances, Lesungen und Diskussionen galten lange als verloren, bevor sie nun von den Regisseuren Aaron Brookner und Rodrigo Areias konstelliert wurden. Im Sinne einer Erschließung von Raum und Zeit durch Performance erhebt sich der Film selbst zu einer experimentellen Reflexion: Dissoziierende Klänge dringen in die Bilder ein, die Kamera folgt den Körperbewegungen, als wäre sie selbst Teil von ihnen. Die Vielstimmigkeit der auf der Bühne performierten Künste arrangiert sich um Burroughs und transponiert dessen Denken in eine filmphilosophische Form. – Amelie Hochhäusler, LMU München
Frank Zappa liest »Naked Lunch«. 1978 begleitete der amerikanische Filmregisseur Howard Brookner die Nova-Convention in New York mit einer 16mm-Kamera. Die Veranstaltung zu Ehren und unter Teilnahme von William S. Burroughs versammelte die amerikanische Kunst-Avantgarde der 70er-Jahre: Patti Smith, Philipp Glass, Timothy Leary, John Cage oder Merce Cummingham. Das rund 40-stündige Filmmaterial galt lange als verloren, wurde nun (im Archiv von John Giorno) wiedergefunden, und von Aaron Brookner und Rodrigo Areias restauriert und zu atemlosen 78 Minuten zusammengeschnitten. Highlight-Montagen wechseln sich mit ruhigeren Szenen ab, die Bühne weicht regelmäßig Alltagsstudien von Burroughs, der beinahe religiös über diesem Film schwebt. Eine Mystifizierung vergangener (intellektueller) Zeiten, eine einzige gedankliche Wohltat. – Benedikt Guntentaler
Herbst 1978, im New Yorker East Village findet die Nova Convention statt: drei Tage lang Performances, Lesungen und Musik, um den Mittelpunkt der Beat-Generation zu ehren: William S. Burroughs. Die Regisseure Aaron Brookner und Rodrigo Areias arrangieren und montieren aus über 40 Stunden 16mm-Material, das Aarons Onkel Howard Brookner bei der Convention filmte, ein Kaleidoskop dieser denkwürdigen Veranstaltung. Mitunter nimmt das jedoch fast groteske Züge an: abseits vom
Who is Who dominiert vor allem einer das Bild – William S. Burroughs.
WSB blickt dräuend um sich, raucht, rezitiert. Immer verfolgt und inszeniert durch die bewundernde Linse von Brookner sen.. Und obwohl Burroughs zwischenzeitlich auf dem Podium mit Timothy Leary über das neue space age debattiert, bleibt der Film in der Montage leider nur bei der oberflächlichen Inszenierung großer Namen. Das kann man als Hommage an WSBs eigenen Cutup-Stil lesen, oder auch nur als
Überforderung vor Namen und Material. – Philipp Thurmaier
Ein Bär zwischen zwei Welten. Nuisance Bear beobachtet die jährliche Wanderung eines jungen Eisbären durch Churchill, wo sich menschliche und tierische Lebensräume immer stärker überlagern. Fast wortlos folgt die Kamera dem Tier durch Straßen und verschwindende Eislandschaften: ein Blick aus der Bärenperspektive auf eine Welt, die ihm keinen Raum mehr lässt. Die Begegnungen mit Rangern, Touristen und Inuit‑Gemeinschaften zeigen die Spannungen zwischen Schutz, Kontrolle und kolonialen Hinterlassenschaften. Die Folgen des Klimawandels, die das majestätische Tier in seinem Lebensraum immer näher zum Menschen drängen. Für die lokale Bevölkerung bedeutet dies ebenso eine Belastung – der Bär wird zum »Nuisance Bear«. Ein stiller, eindringlicher Film über Koexistenz, die längst aus dem Gleichgewicht geraten ist. – Pia Kottbusch, LMU München
Billiard mit dem Gehstock, ein Pflegeroboter sowie Drama in- und außerhalb des Theatersaals – das und noch mehr findet in Outliving Shakespeare seinen Platz. Im Zentrum stehen die Bewohnerinnen und Bewohner eines armenischen Pflegeheims, die in der heiminternen Theatergruppe das Stück »Shakespeares Sünden« proben und aufführen möchten. Dabei weiß man gar nicht, was dramatischer ist – das Theaterstück oder all die größeren und kleineren Liebesgeschichten, Streitigkeiten, Sehnsüchte, Kabbeleien und Albernheiten der Bewohner, die immer wieder von Nachrichten über die politische Lage in Bergkarabach unterbrochen werden. Die einzelnen Persönlichkeiten sind allesamt sehr herzlich und zärtlich gezeichnet, sodass jede Minute des Films Spaß macht – man weiß nie, was die nächste Szene bringt. – Paula Ruppert
Totengräber des Kinos. Roberto Rossellini hat sich in seiner zweiten Lebenshälfte ganz dem Fernsehen zugewandt. Seine großen Erfolge – Roma, Città aperta, Germania anno zero, Stromboli oder Viaggio in Italia – lagen hinter ihm. Er wollte auch ein anderes Kino, ein offeneres, suchendes, auch den Dokumentarfilm oder die Wissenschaftsfilme interessierten ihn. Es folgten History-Serien für den italienischen Sender Rai – und als Höhepunkt seiner dem Kino abdankenden Karriere wurde er 1977 Jury-Präsident in Cannes, wo er für einen großen Skandal sorgte. Die Regisseure haben aus dem Stoff konsequenterweise selbst einen Fernsehfilm gemacht: Dauermusik und Voice-Over legen sich ohne Pause über das tolle Archivmaterial. Infotainment trifft Entertainment – vielleicht hätte man von der zweiten Lebenshälfte Rossellinis auch ganz anders erzählen können. – Dunja Bialas
Hier spielen die Kinder noch in der Natur. In der Westukraine am Ufer der Dnjestr gibt es Verwandte der amerikanischen Amish-Gemeinde, die fern der modernen Zivilisation Seelenfrieden und überhaupt Frieden praktizieren. Ganz ohne Strom bewältigen sie den Agraralltag, backen Brot im Holzofen, lassen Pferde im Göpel Kraftwerke antreiben. Die überwältigend fotografierte Natur (IDFA-Kamerapreis) erzählt von Idylle. Die aber trügt, wie im zweiten Teil des Films deutlich wird. Jetzt geht es zur Sache: Die Gemeinde sammelt Lebensmittel für die Männer an der Front, die ihnen Putin aufoktroyiert hat, Gespräche zwischen den Soldaten fern der Heimat machen die tiefe Sehnsucht und ein stark pazifistisches Bewusstsein deutlich. Vorher waren die Bilder fast zu schön, jetzt ist der Film bei sich angekommen. – Dunja Bialas
True Crime in der Ich-Perspektive. Für ihren Abschlussfilm an der HFF München hat sich Regisseurin Daniela Magnani Hüller ein denkbar schweres Sujet gesucht: Sie war 16, als ihr ein Mitschüler mehrmals ein Messer in den Rücken gerammt hat. Die Aufarbeitung des Mordversuchs vollzieht sie 14 Jahre später ganz so, als handelte es sich um ein neutrales, objektivierbares Thema: mittels der Befragung von Zeitzeugen und Wegbegleitern. Da ist die Lehrerin, die unter besten Absichten zur Vertrauensperson für den späteren Täter wurde. Da ist der Arzt, der sie schwerverletzt im Krankenhaus aufnahm und sie notoperierte. Das ist aber auch eine andere, imaginäre, diffuse Ebene: Mit 16mm-Aufnahmen schafft sie eine subjektive Poesie, die in die Tiefen ihrer Emotionen abtaucht, ohne in Sentimentalität abzudriften. Ein mutiger Film. – Dunja Bialas
Spuren der Verdunsteten. »Jōhatsu« bezeichnet im Japanischen jemanden, der aus eigenem Willen verschwindet und an einem anderen Ort ein neues Leben beginnt. Detektiv Goro begibt sich auf die Suche nach einem solchen »Vapeur«: Mr. Ito ist sein Name, er soll sich auf der japanischen Vulkaninsel Sakurajima befinden. Dort ist es möglich, ohne festen Beruf und Adresse zu leben. Die statische Kamera begleitet Goros Spurensuche, die in eine poetische Auseinandersetzung mit der eigenen gesellschaftlichen Verortung übergeht. Protagonist im Hintergrund ist der Vulkan, der jederzeit auszubrechen droht – und der die Kehrseite der Betrachtung bildet: Er bestimmt über das Schicksal der Inselbewohner. Ausgehend von der Figur des »Vapeurs« teilt der Film auf sanfte Weise die Sorge um die Unbeständigkeit des Lebens mit. – Amelie Hochhäusler, LMU München
Die Goldammer ist der Lieblingsvogel von Jonathan Franzen. Der unscheinbare Singvogel hat es dem Schriftsteller angetan. Aus vielen Gründen. Neben dem unscheinbaren Federkleid beeindruckt Franzen, dass die Vogelpaare ihr ganzes Leben gemeinsam verbringen. Welche Faszination die gefiederten Akrobaten der Lüfte auf Menschen ausüben, die durch Sümpfe stapfen, morgens in aller Frühe mit Fernglas und Kamera losziehen, porträtieren Ulrike Franke und Michael Loeken. Mit Respekt und viel Empathie beobachten sie die Vogelfans in ihrem natürlichen Habitat. Manchmal wirken die »Birder«, wie Vogelbeobachter genannt werden, zwar etwas schrullig, doch wenn sie von ihren kleinen Lieblingen schwärmen, klingt das wie eine Liebeserklärung an die Schöpfung. Für Laien, die gerade mal einen Spatz von einer Taube unterscheiden können, eröffnet der Film eine unbekannte Welt, die gleich von der eigenen Haustür beginnt. – Ingrid Weidner
Klimawandel als Spektakel ist die Strategie von Regisseur Tomáš Krupa: einstürzende Eisberge in Grönland, vom Meer weggespülte Holzhäuser an der Ostküste der USA und Klimaleugner in Australien, die ihre Wohnungen unter die Erde verlegen und dafür Höhlen in Felsen fräsen. Tolle Bilder, manchmal etwas absurde Dialoge und zu laute Musik. Doch ein alter Mann in der Mongolei und sein Traum, eine Million Bäume in der Wüste Gobi zu pflanzen, verändert die Tonlage des Films und schafft eine spirituelle Ebene. Sein Wissen und seine Vision, den Verwüstungen zumindest im eigenen Umfeld etwas entgegen zu setzen, berührt. – Ingrid Weidner
»If I go back, I will die.« Jedes Jahr sterben Tausende Geflüchtete bei der Überquerung des Mittelmeeres. Verhindern können dies Seenotrettungsschiffe, wie die Humanity 1 auf der wir die Hebamme Anne-Katrin begleiten. Zusammen mit der Crew bereitet sie sich auf die Rettung vor, welche wir schließlich in verwischten, chaotischen »Shutterbildern« zu sehen bekommen. Demgegenüber steht der geschützte Interviewraum fernab vom Mittelmeer: Dunkelheit, ein seichtes, ruhiges Becken, drei gerettete Frauen. Noch immer umgeben von Wasser, doch nun keine existenzielle Bedrohung mehr, berichten sie von ihren Erfahrungen. Szenen von Gemeinschaft, von fürsorglichen Begegnungen und von Ungewissheit begleiten ihre Worte. Mit großer Sensibilität fokussiert die herausragende Kameraarbeit auf gerettete Frauen, verleiht ihnen eine Stimme und hört ihnen zu. Ein Film, der bewegt. – Karolina Brell, LMU München