Starke Frauen vor und hinter der Kamera |
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| Der Eröffnungsfilm ist der Klassiker Uçurtmayi Vurmasinlar – Lasst Den Drachen Fliegen aus dem Jahr 1989 | ||
| (Foto: 37. Türkische Filmtage) | ||
Von Ingrid Weidner
Nachrichten, die uns aus der Türkei erreichen, drehen sich oft um Kriege in den Nachbarländern, Krisen und Geflüchtete. Wie sich die türkische Gesellschaft entwickelt, was die rund 85 Millionen Menschen in dem Land zwischen Europa und Asien beschäftigt, welche Sorgen sie plagen und was sie bewegt, kommt dabei oft zu kurz. Mit Filmen, Diskussionen und Begegnungen lässt sich diese Lücke zumindest teilweise schließen. Die 37. Türkischen Filmtage München bieten eine gute Gelegenheit dafür. Bereits seit 1989 findet das Festival regelmäßig statt. In diesem Jahr erwarten die interessierten Kinofans elf Spielfilme, neun Dokumentarfilme, acht Kurzfilme sowie eine Podiumsdiskussion. Außerdem gibt es für Kinder zwischen 6 und 12 Jahren am 19. April einen Kinoworkshop in türkischer Sprache im Gasteig (Fat Cat). Die Teilnahme ist kostenlos, eine Anmeldung aber erforderlich.
Eröffnet werden die Türkischen Filmtage München 2026 am 17. April im Schauspielhaus der Münchner Kammerspiele mit dem Filmklassiker Uçurtmayi Vurmasinlar – Lasst Den Drachen Fliegen aus dem Jahr 1989. Erzählt wird die Geschichte von inhaftierten Frauen in einem türkischen Gefängnis nach dem Militärputsch von 1980. Die von Nur Sürer verkörperte politische Gefangene freundet sich mit einem fünfjährigen Jungen an, dessen Mutter ebenfalls dort inhaftiert ist. Der Film schildert die Enge des Gefängnisses, Streitigkeiten unter den Frauen, erzählt aber auch von der Solidarität untereinander. Gezeigt wird der Film in einer 4K-Restaurierung. Hauptdarstellerin Nur Sürer, geboren 1954, zählt seit über 40 Jahren zu den großen Stars des türkischen Kinos. Sie ist Ehrengast des Festivals und wird mit einem Preis für ihr Lebenswerk geehrt. Anschließend ab 22 Uhr steigt die Eröffnungsparty des Festivals unter dem Motto „One Night in Istanbul“ mit DJ Funshine im Conviva im Blauen Haus der Münchner Kammerspiele.
Frauen, ihre Lebenswelt, ungleiche Chancen und ihre Rolle in der Gesellschaft thematisieren einige der ausgewählten Filme des Festivals. Regisseurin Emine Emel Balcı rückt in ihrem neuen Film Buradayim İyİyİm – I’m Here, I’m Fine (18.4. im Royal Filmpalast) eine berufstätige Mutter in den Mittelpunkt. Sie schildert die Situation der jungen Frau, die mit einer postnatalen Depression kämpft und sich von ihrer Doppelrolle als berufstätige Mutter überfordert fühlt. Emine Emel Balcı stellt ihren neuen Film in München vor und nimmt auch an der Podiumsdiskussion „Frauen im Film“ am gleichen Abend um 20 Uhr im Gasteig HP8 teil. Mitdiskutieren werden neben Ehrengast Nur Sürer auch die Schauspielerin Hayal Kaya. Die drei Frauen aus unterschiedlichen Generationen sprechen über ihre Erfahrungen in der Welt des Films. Die Diskussion findet in türkischer Sprache statt. Um Mutterschaft geht es auch im neuen Film von Özcan Alper, Erken Kiş – Early Winter, der am 23.04. zu sehen sein wird. Die junge Ukrainerin Lia kommt nach Istanbul, um dort als Leihmutter das Kind eines wohlhabenden Istanbuler Paares zur Welt zu bringen. Nach einem halben Jahr soll sie wieder zurück in ihre Heimat reisen. Doch eine Leihmutterschaft ist keine einfache Geschäftsbeziehung, wie auf der mehrtägigen Fahrt entlang der Schwarzmeerküste zur georgischen Grenze klar wird.
Die neun Dokumentarfilme des Festivals setzen sich mit Geschichte und Gegenwart der Türkei auseinander. Bölük Pörçük – All Over the Place, zu sehen am 23. April, widmet sich dem vielfältigen künstlerischen Schaffen des 2013 verstorbenen Schauspielers Tuncel Kurtiz vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Entwicklungen in der Türkei seit den 1960er Jahren. Die Dokumentation Gönüllü – The Volunteer, zu sehen am 25. April, rückt die ehrenamtlichen Aktivistinnen der Plattform „We Will Stop Femicide“ (KCDP) in den Mittelpunkt, die sich für die Opfer von Femiziden einsetzen und selbst mit einem Verbotsverfahren bedroht wurden. Eine der Regisseurinnen, Münire Armstrong, wird den Film vorstellen und über die Arbeit der Organisation berichten.
Das Festival greift auch politische Themen auf, etwa wie sich Repression auf den kreativen Schaffensprozess auswirkt. In Görünür Görünmez – Seen Unseen (26.04.) formen sechs Arbeiten von acht Regisseur:innen eine kollektive Erzählung über Zensur und Selbstzensur. Die Freiheit der Rede stand bereits in den Anfangsjahren der türkischen Republik unter Druck. Die Dokumentation Roman Gİbİ – Like a Novel (26.04.) erzählt anhand des Lebens der Journalistin und Publizistin Sabiha Sertel, wie sich Repressionen auf politisch Verfolgte auswirkten. Sabiha Sertel starb 1968 im Exil. Doch die Türkei war auch schon im 20. Jahrhundert Zufluchtsort für Verfolgte, etwa aus dem nationalsozialistischen Deutschland. 1934 floh der deutsche Wissenschaftler Traugott Fuchs in die Türkei. Der Dokumentarfilm von Dirk Schäfer erzählt in Traugott (25.04.) die Geschichte dieses Exilanten.
Zum Abschluss des Festivals wird es wie im vergangenen Jahr wieder ein Kurzfilmprogramm (26.04.) geben. Aus den mehr als 100 Einreichungen wurden acht Beiträge ausgewählt. Spannend wird, welcher dieser Kurzfilme den Publikumspreis erhält.
Alle Dokumentarfilme und die Kurzfilmreihe sind im Gasteig HP8 zu sehen, die Spielfilme im Royal Filmpalast. Nur der bereits ausverkaufte Eröffnungsfilm wird in den Münchner Kammerspielen gezeigt.