16.04.2026

Starke Frauen vor und hinter der Kamera

UÇURTMAYI VURMASINLAR - LASST DEN DRACHEN FLIEGEN
Der Eröffnungsfilm ist der Klassiker Uçurtmayi Vurmasinlar – Lasst Den Drachen Fliegen aus dem Jahr 1989
(Foto: 37. Türkische Filmtage)

Die 37. Türkischen Filmtage München feiern vom 17. bis zum 26. April 2026 das türkische Kino und eröffnen dem interessierten Publikum neue Perspektiven auf das Land und seine Gesellschaft

Von Ingrid Weidner

Nach­richten, die uns aus der Türkei erreichen, drehen sich oft um Kriege in den Nach­bar­län­dern, Krisen und Geflüch­tete. Wie sich die türkische Gesell­schaft entwi­ckelt, was die rund 85 Millionen Menschen in dem Land zwischen Europa und Asien beschäf­tigt, welche Sorgen sie plagen und was sie bewegt, kommt dabei oft zu kurz. Mit Filmen, Diskus­sionen und Begeg­nungen lässt sich diese Lücke zumindest teilweise schließen. Die 37. Türki­schen Filmtage München bieten eine gute Gele­gen­heit dafür. Bereits seit 1989 findet das Festival regel­mäßig statt. In diesem Jahr erwarten die inter­es­sierten Kinofans elf Spiel­filme, neun Doku­men­tar­filme, acht Kurzfilme sowie eine Podi­ums­dis­kus­sion. Außerdem gibt es für Kinder zwischen 6 und 12 Jahren am 19. April einen Kino­work­shop in türki­scher Sprache im Gasteig (Fat Cat). Die Teilnahme ist kostenlos, eine Anmeldung aber erfor­der­lich.

Eröffnet werden die Türki­schen Filmtage München 2026 am 17. April im Schau­spiel­haus der Münchner Kammer­spiele mit dem Film­klas­siker Uçurtmayi Vurma­sinlar – Lasst Den Drachen Fliegen aus dem Jahr 1989. Erzählt wird die Geschichte von inhaf­tierten Frauen in einem türki­schen Gefängnis nach dem Mili­tär­putsch von 1980. Die von Nur Sürer verkör­perte poli­ti­sche Gefangene freundet sich mit einem fünf­jäh­rigen Jungen an, dessen Mutter ebenfalls dort inhaf­tiert ist. Der Film schildert die Enge des Gefäng­nisses, Strei­tig­keiten unter den Frauen, erzählt aber auch von der Soli­da­rität unter­ein­ander. Gezeigt wird der Film in einer 4K-Restau­rie­rung. Haupt­dar­stel­lerin Nur Sürer, geboren 1954, zählt seit über 40 Jahren zu den großen Stars des türki­schen Kinos. Sie ist Ehrengast des Festivals und wird mit einem Preis für ihr Lebens­werk geehrt. Anschließend ab 22 Uhr steigt die Eröff­nungs­party des Festivals unter dem Motto „One Night in Istanbul“ mit DJ Funshine im Conviva im Blauen Haus der Münchner Kammer­spiele.

Frauen, ihre Lebens­welt, ungleiche Chancen und ihre Rolle in der Gesell­schaft thema­ti­sieren einige der ausge­wählten Filme des Festivals. Regis­seurin Emine Emel Balcı rückt in ihrem neuen Film Buradayim İyİyİm – I’m Here, I’m Fine (18.4. im Royal Film­pa­last) eine berufs­tä­tige Mutter in den Mittel­punkt. Sie schildert die Situation der jungen Frau, die mit einer post­na­talen Depres­sion kämpft und sich von ihrer Doppel­rolle als berufs­tä­tige Mutter über­for­dert fühlt. Emine Emel Balcı stellt ihren neuen Film in München vor und nimmt auch an der Podi­ums­dis­kus­sion „Frauen im Film“ am gleichen Abend um 20 Uhr im Gasteig HP8 teil. Mitdis­ku­tieren werden neben Ehrengast Nur Sürer auch die Schau­spie­lerin Hayal Kaya. Die drei Frauen aus unter­schied­li­chen Gene­ra­tionen sprechen über ihre Erfah­rungen in der Welt des Films. Die Diskus­sion findet in türki­scher Sprache statt. Um Mutter­schaft geht es auch im neuen Film von Özcan Alper, Erken Kiş – Early Winter, der am 23.04. zu sehen sein wird. Die junge Ukrai­nerin Lia kommt nach Istanbul, um dort als Leih­mutter das Kind eines wohl­ha­benden Istan­buler Paares zur Welt zu bringen. Nach einem halben Jahr soll sie wieder zurück in ihre Heimat reisen. Doch eine Leih­mut­ter­schaft ist keine einfache Geschäfts­be­zie­hung, wie auf der mehr­tä­gigen Fahrt entlang der Schwarz­meer­küste zur geor­gi­schen Grenze klar wird.

Die neun Doku­men­tar­filme des Festivals setzen sich mit Geschichte und Gegenwart der Türkei ausein­ander. Bölük Pörçük – All Over the Place, zu sehen am 23. April, widmet sich dem viel­fäl­tigen künst­le­ri­schen Schaffen des 2013 verstor­benen Schau­spie­lers Tuncel Kurtiz vor dem Hinter­grund der gesell­schaft­li­chen Entwick­lungen in der Türkei seit den 1960er Jahren. Die Doku­men­ta­tion Gönüllü – The Volunteer, zu sehen am 25. April, rückt die ehren­amt­li­chen Akti­vis­tinnen der Plattform „We Will Stop Femicide“ (KCDP) in den Mittel­punkt, die sich für die Opfer von Femiziden einsetzen und selbst mit einem Verbots­ver­fahren bedroht wurden. Eine der Regis­seu­rinnen, Münire Armstrong, wird den Film vorstellen und über die Arbeit der Orga­ni­sa­tion berichten.

Das Festival greift auch poli­ti­sche Themen auf, etwa wie sich Repres­sion auf den kreativen Schaf­fens­pro­zess auswirkt. In Görünür Görünmez – Seen Unseen (26.04.) formen sechs Arbeiten von acht Regisseur:innen eine kollek­tive Erzählung über Zensur und Selbst­zensur. Die Freiheit der Rede stand bereits in den Anfangs­jahren der türki­schen Republik unter Druck. Die Doku­men­ta­tion Roman Gİbİ – Like a Novel (26.04.) erzählt anhand des Lebens der Jour­na­listin und Publi­zistin Sabiha Sertel, wie sich Repres­sionen auf politisch Verfolgte auswirkten. Sabiha Sertel starb 1968 im Exil. Doch die Türkei war auch schon im 20. Jahr­hun­dert Zufluchtsort für Verfolgte, etwa aus dem natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Deutsch­land. 1934 floh der deutsche Wissen­schaftler Traugott Fuchs in die Türkei. Der Doku­men­tar­film von Dirk Schäfer erzählt in Traugott (25.04.) die Geschichte dieses Exilanten.

Zum Abschluss des Festivals wird es wie im vergan­genen Jahr wieder ein Kurz­film­pro­gramm (26.04.) geben. Aus den mehr als 100 Einrei­chungen wurden acht Beiträge ausge­wählt. Spannend wird, welcher dieser Kurzfilme den Publi­kums­preis erhält.

Alle Doku­men­tar­filme und die Kurz­film­reihe sind im Gasteig HP8 zu sehen, die Spiel­filme im Royal Film­pa­last. Nur der bereits ausver­kaufte Eröff­nungs­film wird in den Münchner Kammer­spielen gezeigt.