07.05.2026

»Der Hype gilt den Filmen, die etwas bewegen können«

DOK.fest München / Anna Hofer
Die neue Leitung stellt sich vor: Adele Kohout und Maya Reichert, ihre Stellvertreterin
(Foto: DOK.fest München · Anna Hofer)

Was ist neu beim DOK.fest unter neuer Leitung? Welche Visionen gibt es fürs Festival? Eine Bestandsaufnahme, bevor die hektische Festivalzeit beginnt

Ein sonniger Tag im April, noch sind zwei Wochen Zeit, bis das 41. DOK.fest München eröffnet. Bevor ich die neue Leiterin Adele Kohout und ihre Stell­ver­tre­terin Maya Reichert treffe, werde ich durch die Archi­tektur des Büros im Krea­tiv­quar­tier geführt. In zwei Trakten liegen die voll­be­setzten Großraum­büros, auf der einen Seite »Education« und »Forum«, der Bran­chen­zweig des Festivals, auf der anderen Seite das Großraum­büro mit den Schreib­ti­schen für die Vorbe­rei­tung des Publi­kums­fes­ti­vals. Allein von den Quadrat­me­tern der Räum­lich­keiten ist zu ermessen, wie groß das DOK.fest geworden ist. Zwischen beiden Sphären liegt eine Oase des Inne­hal­tens, ein kleiner Raum mit Sich­tungs­mög­lich­keit, wo wir uns zum Interview treffen.

Das Gespräch führte Dunja Bialas

artechock: Auf euch kommt eure erste gemein­same Ausgabe des DOK.fests zu. Ihr seid lang­jäh­rige Mitar­bei­te­rinnen des Festivals. Adele, du trittst als ehemals stell­ver­tre­tende Leiterin nun in die offi­zi­elle Leitungs­po­si­tion, Maya, du hast aus einem anderen Sach­be­reich in die allge­meine Leitung gewech­selt. Welche Impulse habt ihr euch vorge­nommen? In der Programm­struktur sieht man: Das alte DOK.fest ist nach wie vor da, und ein bisschen Lila auf dem gewohnt oran­ge­far­benen Plakat könnte erst einmal nur ein neuer Anstrich sein, aber noch kein neuer Impuls.

Adele Kohout: Ich bin seit 18 Jahren beim Festival, davon die letzten in der stell­ver­tre­tenden Leitung. Das heißt: Viele der Neue­rungen und Entwick­lungen habe ich maßgeb­lich mitbe­gleitet. Jetzt zu sagen: »Wir machen einen Cut und alles anders« würde letztlich meine eigene Arbeit revi­dieren.
Es ging darum, fest­zu­stellen, wo wir logische, nach­voll­zieh­bare und inhalt­lich sinnvolle Weiter­ent­wick­lungen anstrengen können. Die Farbe im Plakat ist eine weitere Nuance, die sich durch das gesamte Programm zieht. Aber auch nach innen haben wir eine Neustruk­tu­rie­rung vorge­nommen.
Wir veröf­fent­li­chen das Programm früher – dafür wurden Prozesse ange­schaut, evaluiert und verschlankt. Inhalt­lich haben wir die Präsen­ta­tion des Programms nach Themen­reihen weiter­ent­wi­ckelt – zusätz­lich zu den weiter bestehenden Wett­be­werben. Mit den Signa­tu­re­filmen bekommt jede Reihe eine Art Stell­ver­tre­ter­film, der eine Zugkraft für das Thema setzen soll. Das wird um die soge­nannten Fokus-Talks ergänzt, ein neues Gesprächs­format neben den klas­si­schen Q&As. Wir holen Expert*innen dazu, um tiefer in das Thema einzu­steigen. Wir wissen: die Leute kommen über das Thema zu uns. Wir können das Film­erlebnis so noch einmal anrei­chern, öffnen und auch breiter ansetzen. Es geht uns generell um den Austausch und die Inter­ak­tion. Das findet sich an vielen Stellen im Programm.
Im Rahmen­pro­gramm gibt es wichtige und tolle Add-ons. Da ist zum Beispiel der Film Watching People Watching Birds, zu dem einer der Prot­ago­nisten eine Birding-Tour durch den Engli­schen Garten anbietet. Was man später im Film sieht, kann man vorher unmit­telbar selbst erleben. Bei Wacken wird eine Heavy-Metal-Band im Deutschen Theater spielen. Und wir haben »Personal Memoriams« etabliert. Jeder Abend ist einer verstor­benen Persön­lich­keit des Doku­men­tar­films gewidmet, kuratiert und moderiert von einer Person, die ihr fachlich oder persön­lich sehr eng verbunden ist. Das ist nochmal ein Mehrwert.
Insofern ist das Lila nicht ein neuer Anstrich. Sondern: das bewährte Orange bleibt und es kommt eine neue Farbe hinzu. Symbo­lisch.

artechock: artechock: artechock: Ihr seid ja Leiterin und stell­ver­tre­tende Leitung, was relativ unge­wöhn­lich ist für ein Festival, wo es norma­ler­weise Co-Leitungen gibt. Wie seid ihr auf diese Eintei­lung gekommen und wie teilt ihr euch die Arbeit auf?

Adele Kohout: Adele Kohout: Die Eintei­lung hatte ich mit Daniel [Sponsel] auch so. Er war der Leiter und ich war die stell­ver­tre­tende Leitung. Es hat sich recht organisch gefügt, dass Maya sich mit ihrer Expertise, der Vermitt­lungs­ar­beit, nun stärker in die Leitung mit einbringt.

Maya Reichert: Ich bin vor 13 Jahren als Filme­ma­cherin ange­treten, um das Kinder- und Jugend­pro­gramm beim DOK.fest München aufzu­bauen und zu einem ganz­jäh­rigen Bildungs- und Film­ver­mitt­lungs­pro­gramm auszu­weiten. Das hat dem Doku­men­tar­film im Bildungs­be­reich einen neuen Stel­len­wert gegeben. Vorher wurde an Schulen der Doku­men­tar­film als Kunstform – und überhaupt als Filmform – nicht wahr­ge­nommen. Aus dieser Position heraus habe ich unglaub­lich viel gelernt über Film­ver­mitt­lung. Wer zeigt wem was? Und auf welchen Wegen erreichst du wen? Und mit »erreichen« meine ich nicht, das Publikum zu vergrößern, sondern einen Film zu verstehen, einen Film lesen zu können, Inhalte wirklich wahr­zu­nehmen.
Wo mein persön­li­cher Schwer­punkt bei der dies­jäh­rigen Festi­val­aus­gabe bereits sichtbar wird, ist die große zwei­tä­gige Konferenz zum Thema Film­ver­mitt­lung. Und in den Fokus-Talks, die wir als neues zusätz­li­ches Gesprächs­format gemeinsam entwi­ckelt haben: Auch das ist Film­ver­mitt­lung.

artechock: artechock: artechock: Wagen wir einen Deep Dive ins Programm. Die Wett­be­werbe gibt es ja nach wie vor: den inter­na­tio­nalen und den deutschen Wett­be­werb, »Horizonte« und den Student Award. Den letzteren nicht mitge­rechnet, laufen 33 Filme im Wett­be­werb, von insgesamt 106 Filmen. Das macht einen »Über­schuss« an 73 Filmen, die im Programm erst einmal nicht verankert sind. Allein deshalb erscheint die Perspek­ti­vie­rung in thema­ti­sche Reihen notwendig, um den Rest nicht in einem diffusen »Panorama«-Programm zu versenken. Wie entscheidet ihr, welcher Film in welche Reihe kommt?

Adele Kohout: De facto wirst du die komplette Trenn­schärfe in thema­ti­schen Reihen nie herstellen können. Wir entscheiden für jeden Film: Was ist das Thema, das wir darin am stärksten sehen oder am meisten hervor­heben wollen, und ordnen es dann der Reihe zu. Nur bei African Encoun­ters ist es anders. Die Kuratorin Barbara Off kuratiert drei Filme pro Jahrgang zu einem Thema, das sie vorher fest­ge­legt hat. Alle anderen Reihen funk­tio­nieren genau anders­herum. Wir gehen nicht mit einem Thema voran, sondern schauen, was sich aus den Einrei­chungen ergibt, welche Reihen und welche Reihen­themen da überhaupt passen.
Welches Thema wir dann hervor­heben und als den großen Mehrwert in den Vorder­grund stellen, darüber lässt sich auch streiten. Es gibt viele Filme, die auch woanders unter­zu­bringen wären. Die Reihen sind aber nicht gleich lang. Es gibt welche mit fünf Filmen und welche mit zehn.
Online bieten wir zusätz­lich noch eine Verschlag­wor­tung der Filme, nach der sich auch noch suchen lässt. Man kann nach bestimmten Formen suchen, nach Essay oder Porträt.

artechock: artechock: Wenn man sich den Timetable näher betrachtet, findet man in den ersten Tagen 17 reguläre Spielorte, davon 13 Kinosäle, was sehr schön ist, und weitere Sonder­spiel­orte. Am Abend gibt es um die 18 Paral­lel­ver­an­stal­tungen. Über­for­dert ihr damit nicht die Zuschauer*innen?

Adele Kohout: Adele Kohout: Adele Kohout: Alle Spielorte sind sehr gut in der Stadt verteilt. Wir haben das Theatiner als neuen Spielort hinzu­ge­nommen, im Herzen der Stadt. Damit haben wir auch eine Lücke geschlossen und jetzt haben wir eine große Band­breite über viele Stadt­teile hinweg.
Ich sehe das als Möglich­keit, dem Publikum ein Angebot zu machen, einfach nur vor die Tür gehen zu können, um einen Film von uns zu sehen. Nicht jeder hat die Kapazität oder die Möglich­keit, aus Pasing in die Innen­stadt zu fahren. Ich sehe es als Möglich­keit, Teilhabe noch mehr zu gewähr­leisten. Deswegen gibt es auch @Home, das uns natürlich auch ganz wichtig ist. Wir sehen an den Zahlen, dass dies nach wie vor sehr gefragt ist.
Jeder der Orte hat auch ein eigenes Gesicht, eine eigene Ziel­gruppe und Schwer­punkte, die wir im Programm natürlich kura­to­risch berück­sich­tigen können.

Maya Reichert: Das angesagte Kopen­ha­gener Doku­men­tar­film­fes­tival CPH:DOX hat beispiels­weise über 200 Filme. Bei vielen Festivals gibt es ein breites Angebot und die Zuschauer*innen können nicht alle Filme sehen. Sehr viele unserer Filme haben aber bis zu vier Spiel­ter­mine. Filme, die dir wichtig sind, kannst du entspre­chend einplanen. Und das ist immer sehr schön, wenn man Programm­hefte sieht, die mit Post-its markiert wurden von Besucher*innen, die versuchen, möglichst viele Filme zu sehen. Wir haben ja auch Gäste, die sich in der Zeit frei­nehmen. Das finde ich unheim­lich toll! Die kommen dann wirklich Film für Film und Tag für Tag.
Und das zeigt zugleich das große Spektrum an Filmen, die wir haben. Nicht nur an Themen, sondern auch an Macharten. Der Wunsch war, dass sich das im Programm wider­spie­gelt, dass wir zeigen: Was kann Doku­men­tar­film alles? Was kann er erzählen? In welche Richtung geht er?

artechock: artechock: Gibt es für euch so etwas wie »Grenzen des Wachstums«? Die Jahre unter Daniel Sponsel waren geprägt von immer neuen Besu­cher­re­korden und deren Ankün­di­gung, womit man sich selbst die Latte immer noch höher und noch höher legt und also auch immer noch höher springen muss. Verliert man so viel­leicht den Kern des Festivals auch ein wenig aus den Augen? Gibt es für euch in diesem Sinne Grenzen, etwa, dass diese Anzahl der Spielstätten das ist, was man mit der heutigen Finan­zie­rung gerade noch so verant­worten kann, auch mit der Men & Women Power, die man leisten kann? Und auch das Publikum wird wahr­schein­lich bis zu einem gewissen Grad begrenzt sein. Das ist ja nicht in die Unend­lich­keit auszu­dehnen.

Adele Kohout: Das Publikum ist ein Stück weit endlich – klar, die Stadt und das Umland haben eine Limi­tie­rung –, aber der Wunsch ist da nach einer Vergröße­rung. Ich werde aber keine Zahlen nennen.
Wir sind natürlich froh, wenn wir die Zuschauer*innen, die wir haben, halten und darüber hinaus viel­leicht noch weitere erreichen. Die Themen, die die Doku­men­tar­filme verhan­deln, sind enorm wichtig und relevant; dass sie eine Reich­weite bekommen und viel­leicht sogar nicht nur durch das Schauen Denk­pro­zesse anstoßen, sondern viel­leicht sogar eine Aktion auslösen, das ist, glaube ich, unser aller Wunsch. Wenn uns das gelingt und wir damit noch mehr Publikum erreichen, bin ich tatsäch­lich glücklich. Das muss ich jetzt nicht mit einer Zahl fest­ma­chen, aber der Wunsch ist da, viele zu erreichen, um das zu vermit­teln.

Maya Reichert: Wichtig ist, keine Angst vor Zahlen zu haben. Jede Zahl steht für einen Menschen, der einen Doku­men­tar­film gesehen hat. Das Limit ergibt sich ganz von selbst. Wie viel Budget hat man? Welche Filme werden überhaupt einge­reicht? Ich glaube, so muss ein Festival auch funk­tio­nieren. Wir sind Teil eines größeren Ganzen, eines Ökosys­tems der Film­branche.

artechock: artechock: Jetzt noch eine Frage zum Editorial.

Adele Kohout: Ich sehe schon, du hast es gelesen.

artechock: artechock: Und mir ist etwas aufge­fallen. Du sprichst hier von »unzäh­ligen konkur­rie­renden Wahr­heiten, die wir zwei­fellos haben«. Worauf beziehst du dich?

Adele Kohout: Naja, jeder bildet sich seine persön­liche Wahrheit. Je nachdem, was die Quelle ist. Über Fake News ist in diesem Kontext auch zu sprechen. Das ist letztlich die Realität, mit der wir konfron­tiert sind. Jeder hat eine andere Wahr­neh­mung. Andere Möglich­keiten auch. Bubbles, in denen er sich bewegt. Zu sagen: »Wir sind alle auf dem gleichen Stand« – das gibt es heute nicht mehr. Mit den Filmen wollen wir über Dialog und Austausch wieder dahin kommen, dass man sich wieder annähert. Und es dann doch viel­leicht eine gemein­same, über­prüf­bare Wirk­lich­keit gibt.

artechock: artechock: Während wir den Doku­men­tar­film doch eigent­lich einer­seits mit dem Fakti­schen verbinden, ist der Doku­men­tar­film auch die einzige Film­sparte, die lügen kann, weil Fiktion an sich nicht lügt, die Kategorie macht dort keinen Sinn. Im Doku­men­ta­ri­schen aber gibt es den Fake und die Propa­ganda und die Inter­pre­ta­tion von Wirk­lich­keit. James Benning hat einmal gesagt: All docu­men­ta­ries are lies.

Adele Kohout: Doku­men­tar­film kann sehr wohl lügen, wie du gerade sagst. Und in Zeiten von KI kann er das noch viel mehr. Und wo setzt du da genau an? Was der Doku­men­tar­film vermit­teln kann, ist eine Haltung, eine mensch­liche Perspek­tive auf Wirk­lich­keit.

artechock: artechock: Habt ihr eine Vision, wohin das DOK.fest gehen soll? Ihr habt für die aktuelle Ausgabe die Film­ver­mitt­lung hervor­ge­hoben. Habt ihr schon jetzt Horizonte, in deren Richtung ihr segeln möchtet, wenn ihr diese erste Ausgabe bewältigt habt? Was wären eure Wünsche?

Adele Kohout: Adele Kohout: Adele Kohout: Adele Kohout: Ein Wunsch wäre natürlich, dass die Finan­zie­rung weiterhin so bleibt oder sogar steigt. Wie will man das Niveau halten und zugleich neue Impulse setzen, wenn einem überall Teue­rungs­kosten begegnen? Das wird die große Heraus­for­de­rung sein.
De facto geht es in die Richtung weiter, die wir jetzt schon ange­fangen haben: die Filme stärker zu plat­zieren mit noch mehr Gesprächen oder Events. Das ist, was funk­tio­niert. Es läuft immer gut, wenn noch ein Add-on dabei ist. Und um das zu schaffen, brauchen wir eigent­lich auch entspre­chende Mittel. Die Ideen sind da, man hätte bei so vielen Filmen noch so viele andere Dinge machen können, nur ist es jetzt nicht stemmbar. Und dass wir im Forum verstärkt die Vernet­zung mit der Branche schaffen. Damit die Leute, die jetzt auf den Markt kommen, einen guten Nährboden finden. Der bricht ja auch zunehmend weg. In »Education« gibt es ja auch Möglich­keiten, die noch nicht ausge­schöpft sind. Neu ist neben der »Schule des Sehens« jetzt auch die »Schule des Hörens« …

Maya Reichert: … das ist eine Weiter­ent­wick­lung. Die Lehr­kräfte und Schüler*innen gehen allgemein erst einmal davon aus, dass das, was sie sehen, die Wahrheit ist und nicht etwa, dass eine Erzählung vorliegt. Das zu erkennen – inwieweit stehen Regie­ent­schei­dungen hinter einem Schnitt, der Auswahl der Musik, den Inter­views und der Frage, wer überhaupt im Film vorkommt – ist Teil unserer »Schule des Sehens«, die ein 90-minütiges Konzept für Schul­klassen ist.
Das hat einen unglaub­li­chen Effekt, wenn Schüler*innen bemerken, was der Doku­men­tar­film kann. Dieses Konzept in die Erwach­se­nen­bil­dung zu über­tragen: Da ist noch ganz viel Luft nach oben. Und ganz viel Interesse schlägt uns da entgegen. Allen, die den Doku­men­tar­film für sich entdecken, geht etwas auf. Daher kommt auch die große Leiden­schaft innerhalb unseres Teams, und das ist der Grund, weshalb sie sich so mit dem Festival iden­ti­fi­zieren. Der Hype gilt den Filmen, die etwas bewegen können: Das ist eine wichtige und schöne Aufgabe.