»Der Hype gilt den Filmen, die etwas bewegen können« |
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| Die neue Leitung stellt sich vor: Adele Kohout und Maya Reichert, ihre Stellvertreterin | ||
| (Foto: DOK.fest München · Anna Hofer) | ||
Ein sonniger Tag im April, noch sind zwei Wochen Zeit, bis das 41. DOK.fest München eröffnet. Bevor ich die neue Leiterin Adele Kohout und ihre Stellvertreterin Maya Reichert treffe, werde ich durch die Architektur des Büros im Kreativquartier geführt. In zwei Trakten liegen die vollbesetzten Großraumbüros, auf der einen Seite »Education« und »Forum«, der Branchenzweig des Festivals, auf der anderen Seite das Großraumbüro mit den Schreibtischen für die Vorbereitung des Publikumsfestivals. Allein von den Quadratmetern der Räumlichkeiten ist zu ermessen, wie groß das DOK.fest geworden ist. Zwischen beiden Sphären liegt eine Oase des Innehaltens, ein kleiner Raum mit Sichtungsmöglichkeit, wo wir uns zum Interview treffen.
Das Gespräch führte Dunja Bialas
artechock: Auf euch kommt eure erste gemeinsame Ausgabe des DOK.fests zu. Ihr seid langjährige Mitarbeiterinnen des Festivals. Adele, du trittst als ehemals stellvertretende Leiterin nun in die offizielle Leitungsposition, Maya, du hast aus einem anderen Sachbereich in die allgemeine Leitung gewechselt. Welche Impulse habt ihr euch vorgenommen? In der Programmstruktur sieht man: Das alte DOK.fest ist nach wie vor da, und ein bisschen Lila auf dem gewohnt orangefarbenen Plakat könnte erst einmal nur ein neuer Anstrich sein, aber noch kein neuer Impuls.
Adele Kohout: Ich bin seit 18 Jahren beim Festival, davon die letzten in der stellvertretenden Leitung. Das heißt: Viele der Neuerungen und Entwicklungen habe ich maßgeblich mitbegleitet. Jetzt zu sagen: »Wir machen einen Cut und alles anders« würde letztlich meine eigene Arbeit revidieren.
Es ging darum, festzustellen, wo wir logische, nachvollziehbare und inhaltlich sinnvolle Weiterentwicklungen anstrengen können. Die Farbe
im Plakat ist eine weitere Nuance, die sich durch das gesamte Programm zieht. Aber auch nach innen haben wir eine Neustrukturierung vorgenommen.
Wir veröffentlichen das Programm früher – dafür wurden Prozesse angeschaut, evaluiert und verschlankt. Inhaltlich haben wir die Präsentation des Programms nach Themenreihen weiterentwickelt – zusätzlich zu den weiter bestehenden Wettbewerben. Mit den Signaturefilmen bekommt jede Reihe eine Art
Stellvertreterfilm, der eine Zugkraft für das Thema setzen soll. Das wird um die sogenannten Fokus-Talks ergänzt, ein neues Gesprächsformat neben den klassischen Q&As. Wir holen Expert*innen dazu, um tiefer in das Thema einzusteigen. Wir wissen: die Leute kommen über das Thema zu uns. Wir können das Filmerlebnis so noch einmal anreichern, öffnen und auch breiter ansetzen. Es geht uns generell um den Austausch und die Interaktion. Das findet sich an vielen Stellen im
Programm.
Im Rahmenprogramm gibt es wichtige und tolle Add-ons. Da ist zum Beispiel der Film Watching People Watching Birds, zu dem einer der Protagonisten eine Birding-Tour durch den Englischen Garten anbietet. Was man später im Film sieht, kann man vorher unmittelbar selbst erleben. Bei Wacken wird eine Heavy-Metal-Band im Deutschen Theater spielen.
Und wir haben »Personal Memoriams« etabliert. Jeder Abend ist einer verstorbenen Persönlichkeit des Dokumentarfilms gewidmet, kuratiert und moderiert von einer Person, die ihr fachlich oder persönlich sehr eng verbunden ist. Das ist nochmal ein Mehrwert.
Insofern ist das Lila nicht ein neuer Anstrich. Sondern: das bewährte Orange bleibt und es kommt eine neue Farbe hinzu. Symbolisch.
artechock: artechock: artechock: Ihr seid ja Leiterin und stellvertretende Leitung, was relativ ungewöhnlich ist für ein Festival, wo es normalerweise Co-Leitungen gibt. Wie seid ihr auf diese Einteilung gekommen und wie teilt ihr euch die Arbeit auf?
Adele Kohout: Adele Kohout: Die Einteilung hatte ich mit Daniel [Sponsel] auch so. Er war der Leiter und ich war die stellvertretende Leitung. Es hat sich recht organisch gefügt, dass Maya sich mit ihrer Expertise, der Vermittlungsarbeit, nun stärker in die Leitung mit einbringt.
Maya Reichert: Ich bin vor 13 Jahren als Filmemacherin angetreten, um das Kinder- und Jugendprogramm beim DOK.fest München aufzubauen und zu einem ganzjährigen Bildungs- und Filmvermittlungsprogramm auszuweiten. Das hat dem Dokumentarfilm im Bildungsbereich einen neuen Stellenwert gegeben. Vorher wurde an Schulen der Dokumentarfilm als Kunstform – und überhaupt als Filmform – nicht wahrgenommen. Aus dieser
Position heraus habe ich unglaublich viel gelernt über Filmvermittlung. Wer zeigt wem was? Und auf welchen Wegen erreichst du wen? Und mit »erreichen« meine ich nicht, das Publikum zu vergrößern, sondern einen Film zu verstehen, einen Film lesen zu können, Inhalte wirklich wahrzunehmen.
Wo mein persönlicher Schwerpunkt bei der diesjährigen Festivalausgabe bereits sichtbar wird, ist die große zweitägige Konferenz zum Thema Filmvermittlung. Und in den Fokus-Talks, die wir
als neues zusätzliches Gesprächsformat gemeinsam entwickelt haben: Auch das ist Filmvermittlung.
artechock: artechock: artechock: Wagen wir einen Deep Dive ins Programm. Die Wettbewerbe gibt es ja nach wie vor: den internationalen und den deutschen Wettbewerb, »Horizonte« und den Student Award. Den letzteren nicht mitgerechnet, laufen 33 Filme im Wettbewerb, von insgesamt 106 Filmen. Das macht einen »Überschuss« an 73 Filmen, die im Programm erst einmal nicht verankert sind. Allein deshalb erscheint die Perspektivierung in thematische Reihen notwendig, um den Rest nicht in einem diffusen »Panorama«-Programm zu versenken. Wie entscheidet ihr, welcher Film in welche Reihe kommt?
Adele Kohout: De facto wirst du die komplette Trennschärfe in thematischen Reihen nie herstellen können. Wir entscheiden für jeden Film: Was ist das Thema, das wir darin am stärksten sehen oder am meisten hervorheben wollen, und ordnen es dann der Reihe zu. Nur bei African Encounters ist es anders. Die Kuratorin Barbara Off kuratiert drei Filme pro Jahrgang zu einem Thema, das sie vorher festgelegt hat. Alle anderen Reihen funktionieren
genau andersherum. Wir gehen nicht mit einem Thema voran, sondern schauen, was sich aus den Einreichungen ergibt, welche Reihen und welche Reihenthemen da überhaupt passen.
Welches Thema wir dann hervorheben und als den großen Mehrwert in den Vordergrund stellen, darüber lässt sich auch streiten. Es gibt viele Filme, die auch woanders unterzubringen wären. Die Reihen sind aber nicht gleich lang. Es gibt welche mit fünf Filmen und welche mit zehn.
Online bieten wir zusätzlich noch
eine Verschlagwortung der Filme, nach der sich auch noch suchen lässt. Man kann nach bestimmten Formen suchen, nach Essay oder Porträt.
artechock: artechock: Wenn man sich den Timetable näher betrachtet, findet man in den ersten Tagen 17 reguläre Spielorte, davon 13 Kinosäle, was sehr schön ist, und weitere Sonderspielorte. Am Abend gibt es um die 18 Parallelveranstaltungen. Überfordert ihr damit nicht die Zuschauer*innen?
Adele Kohout: Adele Kohout: Adele Kohout: Alle Spielorte sind sehr gut in der Stadt verteilt. Wir haben das Theatiner als neuen Spielort hinzugenommen, im Herzen der Stadt. Damit haben wir auch eine Lücke geschlossen und jetzt haben wir eine große Bandbreite über viele Stadtteile hinweg.
Ich sehe das als Möglichkeit, dem Publikum ein Angebot zu machen, einfach nur vor die Tür gehen zu können, um einen Film von uns zu sehen. Nicht
jeder hat die Kapazität oder die Möglichkeit, aus Pasing in die Innenstadt zu fahren. Ich sehe es als Möglichkeit, Teilhabe noch mehr zu gewährleisten. Deswegen gibt es auch @Home, das uns natürlich auch ganz wichtig ist. Wir sehen an den Zahlen, dass dies nach wie vor sehr gefragt ist.
Jeder der Orte hat auch ein eigenes Gesicht, eine eigene Zielgruppe und Schwerpunkte, die wir im Programm natürlich kuratorisch berücksichtigen können.
Maya Reichert: Das angesagte Kopenhagener Dokumentarfilmfestival CPH:DOX hat beispielsweise über 200 Filme. Bei vielen Festivals gibt es ein breites Angebot und die Zuschauer*innen können nicht alle Filme sehen. Sehr viele unserer Filme haben aber bis zu vier Spieltermine. Filme, die dir wichtig sind, kannst du entsprechend einplanen. Und das ist immer sehr schön, wenn man Programmhefte sieht, die mit Post-its markiert wurden von
Besucher*innen, die versuchen, möglichst viele Filme zu sehen. Wir haben ja auch Gäste, die sich in der Zeit freinehmen. Das finde ich unheimlich toll! Die kommen dann wirklich Film für Film und Tag für Tag.
Und das zeigt zugleich das große Spektrum an Filmen, die wir haben. Nicht nur an Themen, sondern auch an Macharten. Der Wunsch war, dass sich das im Programm widerspiegelt, dass wir zeigen: Was kann Dokumentarfilm alles? Was kann er erzählen? In welche Richtung geht er?
artechock: artechock: Gibt es für euch so etwas wie »Grenzen des Wachstums«? Die Jahre unter Daniel Sponsel waren geprägt von immer neuen Besucherrekorden und deren Ankündigung, womit man sich selbst die Latte immer noch höher und noch höher legt und also auch immer noch höher springen muss. Verliert man so vielleicht den Kern des Festivals auch ein wenig aus den Augen? Gibt es für euch in diesem Sinne Grenzen, etwa, dass diese Anzahl der Spielstätten das ist, was man mit der heutigen Finanzierung gerade noch so verantworten kann, auch mit der Men & Women Power, die man leisten kann? Und auch das Publikum wird wahrscheinlich bis zu einem gewissen Grad begrenzt sein. Das ist ja nicht in die Unendlichkeit auszudehnen.
Adele Kohout: Das Publikum ist ein Stück weit endlich – klar, die Stadt und das Umland haben eine Limitierung –, aber der Wunsch ist da nach einer Vergrößerung. Ich werde aber keine Zahlen nennen.
Wir sind natürlich froh, wenn wir die Zuschauer*innen, die wir haben, halten und darüber hinaus vielleicht noch weitere erreichen. Die Themen, die die Dokumentarfilme verhandeln, sind enorm wichtig und relevant; dass sie eine
Reichweite bekommen und vielleicht sogar nicht nur durch das Schauen Denkprozesse anstoßen, sondern vielleicht sogar eine Aktion auslösen, das ist, glaube ich, unser aller Wunsch. Wenn uns das gelingt und wir damit noch mehr Publikum erreichen, bin ich tatsächlich glücklich. Das muss ich jetzt nicht mit einer Zahl festmachen, aber der Wunsch ist da, viele zu erreichen, um das zu vermitteln.
Maya Reichert: Wichtig ist, keine Angst vor Zahlen zu haben. Jede Zahl steht für einen Menschen, der einen Dokumentarfilm gesehen hat. Das Limit ergibt sich ganz von selbst. Wie viel Budget hat man? Welche Filme werden überhaupt eingereicht? Ich glaube, so muss ein Festival auch funktionieren. Wir sind Teil eines größeren Ganzen, eines Ökosystems der Filmbranche.
artechock: artechock: Jetzt noch eine Frage zum Editorial.
Adele Kohout: Ich sehe schon, du hast es gelesen.
artechock: artechock: Und mir ist etwas aufgefallen. Du sprichst hier von »unzähligen konkurrierenden Wahrheiten, die wir zweifellos haben«. Worauf beziehst du dich?
Adele Kohout: Naja, jeder bildet sich seine persönliche Wahrheit. Je nachdem, was die Quelle ist. Über Fake News ist in diesem Kontext auch zu sprechen. Das ist letztlich die Realität, mit der wir konfrontiert sind. Jeder hat eine andere Wahrnehmung. Andere Möglichkeiten auch. Bubbles, in denen er sich bewegt. Zu sagen: »Wir sind alle auf dem gleichen Stand« – das gibt es heute nicht mehr. Mit den Filmen wollen wir über Dialog und Austausch wieder dahin kommen, dass man sich wieder annähert. Und es dann doch vielleicht eine gemeinsame, überprüfbare Wirklichkeit gibt.
artechock: artechock: Während wir den Dokumentarfilm doch eigentlich einerseits mit dem Faktischen verbinden, ist der Dokumentarfilm auch die einzige Filmsparte, die lügen kann, weil Fiktion an sich nicht lügt, die Kategorie macht dort keinen Sinn. Im Dokumentarischen aber gibt es den Fake und die Propaganda und die Interpretation von Wirklichkeit. James Benning hat einmal gesagt: All documentaries are lies.
Adele Kohout: Dokumentarfilm kann sehr wohl lügen, wie du gerade sagst. Und in Zeiten von KI kann er das noch viel mehr. Und wo setzt du da genau an? Was der Dokumentarfilm vermitteln kann, ist eine Haltung, eine menschliche Perspektive auf Wirklichkeit.
artechock: artechock: Habt ihr eine Vision, wohin das DOK.fest gehen soll? Ihr habt für die aktuelle Ausgabe die Filmvermittlung hervorgehoben. Habt ihr schon jetzt Horizonte, in deren Richtung ihr segeln möchtet, wenn ihr diese erste Ausgabe bewältigt habt? Was wären eure Wünsche?
Adele Kohout: Adele Kohout: Adele Kohout: Adele Kohout: Ein Wunsch wäre natürlich, dass die Finanzierung weiterhin so bleibt oder sogar steigt. Wie will man das Niveau halten und zugleich neue Impulse setzen, wenn einem überall Teuerungskosten begegnen? Das wird die große Herausforderung sein.
De facto geht es in die Richtung weiter, die wir jetzt schon angefangen haben: die Filme stärker zu platzieren mit noch mehr Gesprächen oder
Events. Das ist, was funktioniert. Es läuft immer gut, wenn noch ein Add-on dabei ist. Und um das zu schaffen, brauchen wir eigentlich auch entsprechende Mittel. Die Ideen sind da, man hätte bei so vielen Filmen noch so viele andere Dinge machen können, nur ist es jetzt nicht stemmbar. Und dass wir im Forum verstärkt die Vernetzung mit der Branche schaffen. Damit die Leute, die jetzt auf den Markt kommen, einen guten Nährboden finden. Der bricht ja auch zunehmend weg. In »Education« gibt
es ja auch Möglichkeiten, die noch nicht ausgeschöpft sind. Neu ist neben der »Schule des Sehens« jetzt auch die »Schule des Hörens« …
Maya Reichert: … das ist eine Weiterentwicklung. Die Lehrkräfte und Schüler*innen gehen allgemein erst einmal davon aus, dass das, was sie sehen, die Wahrheit ist und nicht etwa, dass eine Erzählung vorliegt. Das zu erkennen – inwieweit stehen Regieentscheidungen hinter einem Schnitt, der Auswahl der Musik, den Interviews und der Frage, wer überhaupt im Film vorkommt – ist Teil unserer »Schule des Sehens«, die ein
90-minütiges Konzept für Schulklassen ist.
Das hat einen unglaublichen Effekt, wenn Schüler*innen bemerken, was der Dokumentarfilm kann. Dieses Konzept in die Erwachsenenbildung zu übertragen: Da ist noch ganz viel Luft nach oben. Und ganz viel Interesse schlägt uns da entgegen. Allen, die den Dokumentarfilm für sich entdecken, geht etwas auf. Daher kommt auch die große Leidenschaft innerhalb unseres Teams, und das ist der Grund, weshalb sie sich so mit dem Festival
identifizieren. Der Hype gilt den Filmen, die etwas bewegen können: Das ist eine wichtige und schöne Aufgabe.