106 Türen in der Stadt |
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| Von Tieren und Menschen: Die Filme des 41. DOK.fests (hier: Watching People Watching Birds) | ||
| (Foto: DOK.fest · Real Fiction) | ||
Von Nora Moschuering
Ein Festival ist eine ganz eigene Sache. Es schafft mehr Raum in einer Stadt, füllt alte Orte neu, trägt Geschichten von überall in sie hinein. In diesen Raum kann man kurz eintauchen, für einen Film, dann bewegt man sich wieder parallel dazu, vielleicht streift man den Raum dann wieder, ab und an. Oder aber man taucht ganz hinein, so dass mit einem Mal die Stadt zu einem Parallelraum wird. Das DOK.fest schafft solche Räume. Es findet vom 06.-18.05. in den Kinos und vom 11.-25.05. online statt (der Webspace ist noch mal ein anderer Raum).
Aber wie findet man seine Filme im Angebot von 106 Filmen? Wo taucht man ein? Wie orientiert man sich und wie findet man einen Überblick? Seit zwei Jahren ordnet das DOK.fest nicht mehr nach Wettbewerben, wie es seit Jahrzehnten und bei den meisten Festivals üblich ist, sondern nach Themen, sogenannten Reihen. Der Testlauf war im letzten Jahr und die Rückmeldungen dazu durchweg positiv. Die Wettbewerbe bleiben darunter bestehen, für die Filmemacher*innen, die hier Preise gewinnen können. Für das Publikum aber, also diejenigen, die durch das Programmheft blättern und etwas entdecken wollen – oder gezielt nach bestimmten Themen suchen – ist die themenorientierte Suche eine große Hilfe. Zusätzlich differenzieren Hashtags noch mal die Reihen und Wettbewerbe.
Also hinein ins Programm! Hinein ins DOK.fest!
Was ist dieses Jahr neu? Neben den 15 Reihen, die jedes Jahr etwas angepasste Titel bekommen, gibt es zu jeder Reihe einen sogenannten »Fokus-Talk«. Dabei wird zu einem Film, der stellvertretend für die Reihe steht, ein inhaltliches Gespräch mit Fachpersonen geführt, in dem auf das jeweilige Thema vertiefend eingegangen wird. In der Reihe »Visions of the Future« z. B. findet das Gespräch zu Florian Karners Finding Connection statt. Nach der Vorstellung am 13.05. gibt es den Fokus-Talk zu KI-Chatbots. Dmytro Klochko, CEO von Replika, einer der führenden KI-Companion-Apps, Protagonist Joe, Regisseur Florian Karner, Produzent Martin Schwimmer und der Psychologe Matthias Alexander Reinhard (LMU) sprechen über Nähe und Distanz. Die Fokus-Talks ersetzen aber nicht die filmspezifischeren Q&As.
Mit Kopfhörern alleine durch die Welt. Alleine? So sicher ist man sich da nicht und so sicher sind sich da die Protagonist*innen im Film Finding Connection schon gleich gar nicht. Natürlich haben sie Begleitung, sie haben eine Stimme im Ohr, die sie hören und mit der sie sprechen, die antwortet und auf sie eingeht. Wenn das eigene Gefühl sagt: man hat einen Partner, hat man ihn dann auch? Sind Gefühle real, bzw. schaffen sie Realität? Liebevoll und fürsorglich ist diese KI. Selbstzweifel und Unsicherheit trifft auf Verständnis. Eine Art Safe Space für einen selbst. Ideen, Vorstellungen, Illusionen werden zur Realität. »Aber man darf noch nicht die Hoffnung an die Menschen verlieren«, das sagt zumindest die KI. Finding Connection ist kein technischer Film. Er beschreibt nicht, wie die KI funktioniert oder woher sie ihre Daten bekommt, er ist ein Film über Einsamkeit, also ein Film über Menschen, wie meistens Science-Fiction.
Neu ist auch: Das DOK.fest findet dieses Jahr unter neuer Leitung statt, Adele Kohout, seit 2016 stellvertretende Geschäftsführerin und seit 2008 beim DOK.fest, übernimmt die Leitung und Maya Reichert, die seit 2013 DOK.education geleitet hat, übernimmt als stellvertretende Festivalleitung. Sichtbar ist das auch an der neuen Farbe, zum altbekannten Orange kommt Lila. Eine Farbe, die laut Kohout für Dialog, Offenheit, Vielfalt und Diversität steht. Im Trailer stellen Linien in beiden Farben Verbindungen her, tanzen, bilden Knotenpunkte, verwirren und entwirren sich, stellen heraus und machen sichtbar. Leicht, aber auch bewegend.
Eröffnungsfilm dieses Jahr ist Ingeborg Bachmann – Jemand, der einmal ich war (06.05.). Die Regisseurin Regina Schilling, deren Kulenkampffs Schuhe (2018) und Diese Sendung ist kein Spiel – Die unheimliche Welt des Eduard Zimmermann (2023) großartige Filme sind, zeigt vielschichtig, wie viel Einfluss die Medien auf uns haben, besonders das Fernsehen, wie z. B. »Aktenzeichen XY«, das jahrelang ein Narrativ von Frauen und der Gefahr, der sie im öffentlichen Raum ausgesetzt sind, gesponnen hat (ähnlich dem Tatort und sämtlicher True-Crime-Formate). Man darf gespannt sein auf den Eröffnungsfilm, einem Hybrid, der Briefe, Tagebücher, Bücher und Originalszenen mit Verkörperungen von Bachmann durch Sandra Hüller mischt, die einen letzten Tag in Rom »imaginieren«.
Auch DOK.education, das Bildungsprogramm des DOK.fests, hat eine neue Leitung: Kathi Seemann und Mona Klöckner, die beide auch schon davor im Bereich tätig gewesen sind, haben übernommen. Dieses Jahr gibt es neben der »Schule des Sehens« auch die »Schule des Hörens« und damit einen Fokus auf den Ton im Film. Außerdem bietet Ciné Vélo Cité wieder Workshops für junge Leute an, Stop-Motion-Filme zum Thema »Meine Rechte« und Kurzfilme, die mit KI erstellt werden. Im Pixel/Fat Cat ist eine interaktive Ausstellung zu sehen. Gezeigt werden vier Arbeiten von Kindern und Jugendlichen, die Kulturorte gefilmt haben.
Das DOK.fest ist immer auch ein Seismograf der aktuellen Welt (oder zumindest der nahen Vergangenheit), von deren Themen und Konflikten.
In A fox under a pink moon trifft man die 16-jährige afghanische Geflüchtete Soraya: Sie lebt im Iran, in Teheran, und möchte weiter nach Europa. Sie nimmt einen mit, in ihren Alltag, ihre Arbeit, in die häusliche Gewalt, der sie ausgesetzt ist, taucht aber auch ein, in ihre Phantasie, ihre Bilder, Lieder und Skulpturen und Alter Egos die sie sich kreiert und die ihr Halt geben. Insgesamt ist man fünf Jahre dabei und schließlich auch bei ihrer Flucht nach Europa. Regisseur Mehrdad Oskouei hat aus Sorayas »Material« einen poetischen Film über Flucht, aber auch über das Erwachsenwerden gemacht.
Mariinka von Pieter-Jan De Pue, der über zehn Jahre hinweg auf 16mm gedreht wurde, erzählt von zwei ehemaligen Schulfreundinnen. Die eine ist Sanitäterin an der Front, die andere Schmugglerin. Und von drei Brüdern, von denen zwei auf unterschiedlichen Seiten stehen, auf der Seite der Ukraine und auf der Seite Russlands.
2020 kündigen »80 angry journalists« aus Protest wegen Einflussnahme durch die Politik ihre Jobs. Sie haben bei index.hu gearbeitet, auch der Filmemacher selbst, der Kriegsreporter András Földes (der den Film zusammen mit Anna Kis gemacht hat). index.hu war damals das größte, unabhängige Nachrichtenportal in Ungarn. Über mehrere Jahre hinweg hält Földes in seinem nach den Journalisten benannten Film fest, wie die Redaktion erst auseinanderbricht, um dann einen Neuanfang zu starten. Aber in Orbáns Ungarn bleibt es schwierig. Földes filmt mit den Mitteln, die er hat, er will den Widerstand festhalten, und so wackelt es manchmal sehr: Aber so ist es nun mal, wenn man im Moment ist.
Trotz seismografischer Fähigkeiten fehlt im Programm aber leider der Israel-Palästina-Krieg fast gänzlich.
In der Reihe »Personal Memoriams – Blicke auf große Filmemacher« kuratieren Wegbereiter*innen verstorbener Filmemacher ein Filmprogramm und sprechen über ihre Arbeit, aber auch über die Begegnung mit der Person. Julia von Heinz erinnert an Rosa von Praunheim (1942-2025), Moritz Holfelder und der ehemalige DOK.fest-Leiter Daniel Sponsel an Georg Stefan Troller (1921-2025) sowie Hannes Brühwiler an Frederick Wiseman (1930-2026).
Am 10.05. treffen Wim Wenders und King Ampaw, beides ehemalige Studierende der Hochschule für Fernsehen und Film München (HFF) im gleichen und ersten Jahrgang von 1967, dem A-Kurs, im »African Encounters Special« zum 60-jährigen Jubiläum der HFF München zusammen. Sie zeigen eigene, studentische Filme und treten in generationsübergreifenden Dialog mit aktuellen Studierenden der HFF über Film und Filmausbildung.
Noch mal zu den Wettbewerben und Preisen, ein paar von ihnen wurden von den Jurys bereits vor Beginn des DOK.fests verliehen, so z. B. der »All inclusive award«, der an Hello new body, how are you today ging. Der Film ist von Laura Kansy, sie erzählt in ihm über ihren Alltag mit ME/CFS. Auch First Lap Crash von Liam Erlach dreht sich darum. Wie kann man das, was man da erlebt, was da mit dem eigenen Körper passiert, für andere verständlich machen? Wie Partner*innen, Freund*innen, Familie, ja der ganzen Gesellschaft und auch daran appellieren, dass endlich Geld in die Forschung fließt? Wie erzählt man, wie anstrengend essen, lesen, gehen ist und: Filmemachen? Was heißt es, aus dem Fenster zu sehen oder sich seinen eigenen Sehnsuchtsort zu bauen, zu dem man sich sehnt, weil der eigene Ort plötzlich so begrenzt ist? Den beiden Filmen gelingt das. Es sind zwei sehr sensible Filme entstanden, mit einer jeweils ganz individuellen eigenen Filmsprache, die sich mit Krankheit, dem Körper und der Wahrnehmung beschäftigen.
Ähnlich wie Finding Connection liegt bei Watching people watching birds der Fokus auch auf den Menschen. Man sieht Menschen, u. a. den Autor Jonathan Franzen, beim Vogel-Beobachten. Sie erzählen von ihrer Faszination, eine ganz neue Welt zu entdecken. Da ist das Pärchen, der Lkw-Fahrer und die Bäckereiverkäuferin, die davon erzählen, wen und was sie in der Früh hören, wenn sie zur Arbeit gehen, die Tür aufsperren oder den Motor starten. Und natürlich geht es auch um die Verluste, um all die verlorenen Arten, die Vielfalt, die peu à peu aus der Welt verschwindet. Vor der Vorstellung am 10.05. gibt es eine Vogelbeobachtung im Englischen Garten und am 14.05. nach der Vorführung eine Vogelwanderung.
Auch das DOK.forum (07.-11.05), die Branchenplattform, hat mit Julia Zantl eine neue Leitung. Motto ist »Trust, Truth and Change«, es gibt u.a. eine zweitägige Konferenz zum Thema Filmvermittlung, Dcampus Exchange Munich: ein Symposium über digitale Transformation und dokumentarisches Erzählen und den 2. Münchner Filmgipfel.
Freuen kann man sich auch auf die DOK.fest Finissage, sie findet am 18.05. mit dem Film Sportfreunde Stiller – mit dem Herz in der Hand von Thorsten Berrars statt, auch die Band wird erwartet, denn was für ein Jubiläumsjahr für die Sportfreunde: 30 Jahre! Mit Film, einer Tour und der Aufnahme eines neuen Albums.
Der von Rüdiger Linhof (Bassist der Sportfreunde Stiller) initiierte Kultur.Konvoi schaltet sich nach der Vorführung von Change my mind (14.05.) live in ein Tonstudio in die Ukraine. Der Kultur.Konvoi verbindet Kulturschaffende in Europa mit Stimmen aus der ukrainischen Kulturszene. Change my mind geht am Beispiel des Ukraine-Kriegs der Frage nach, wie viele Beweise manche Leute für Tatsachen brauchen, und wie schwer es ist, eine einmal internalisierte Propaganda wieder aus Köpfen zu bekommen.
In Was an Empfindsamkeit bleibt erzählt Daniela Magnani Hüller von einer Gewalttat, einem Mordversuch, den sie mit 16 überlebt hat. Sie trifft Menschen von damals: eine Kommissarin, ihre Lehrerin, eine Mitschülerin, den Arzt, der sie operiert hat, einen Lehrer, der sie vor Gericht begleitet hat. Daneben reist man mit ihr zu ihrer Schwester nach Brasilien. Es stehen sachliche, nüchterne Bilder, die ihr Leben damals beschreiben, in institutionellen Räumen, mit unbewegter Kamera, neben den warmen, bewegten, farbigen Bildern von Orten, an denen sie sich wohlfühlt. Die Bilder, die der Film findet, verbinden die Geschichten mit unterschiedlichen Gefühlen. Sie klagt nicht, sondern sie stellt fest und öffnet neben ihrer persönlichen Geschichte auch das Bild auf eine Gesellschaft und ein Justizsystem, in dem so etwas möglich ist.
Auch La Pietà findet eine kluge filmische Form. Er hüllt uns ein, in einen Schneesturm, führt uns in Gletscherhöhlen. Wir sind in Island, es tönt. Eis und Schnee knacken und bewegen sich. Daneben arbeitet sich ein Fotograf durch die Hinterlassenschaften der sieben Björn-Geschwister aus den Jahren 1906-1927, die ihrerseits Fotos des Gletschers gemacht haben. Der Fotograf möchte den Wandel dokumentieren. Die Fotografie hat von jeher das einmal Dagewesene bezeugt. Für Roland Barthes hängt sie unumgänglich mit dem Tod zusammen, sie bezeugt, dass etwas so gewesen ist und jetzt nicht mehr ist. Auch Gletscher sterben und auch hier nehmen die Fotos, aber auch der Film, die Rolle von Zeugen ein und werden gleichzeitig zu einem Archiv, das traurig ergänzt wird.
Neben dem Inhalt ist die Form zwar wohl das, was schwerer zu beschreiben ist, aber auch das, was unmittelbarer wirkt. Die Form ist das »Künstlerische« im »künstlerischen Dokumentarfilm«, sie ist es, die das Thema stützt oder es absichtlich untergräbt. Manchmal ist sie das Thema selbst. Z. B. 16mm oder eine weiße Leinwand, die dröhnt, die uns unter dem Schnee eingräbt oder das Knacken des hellblauen Eises hören lässt. So etwas ist schwer zu verschlagworten. Aber dafür gibt es ja Trailer und wenn nicht und überhaupt: Überraschen lassen, auch mal ausprobieren! Es lohnt immer, sich in den Parallelraum DOK.fest ziehen zu lassen.