07.05.2026

106 Türen in der Stadt

Watching People Watching Birds
Von Tieren und Menschen: Die Filme des 41. DOK.fests (hier: Watching People Watching Birds)
(Foto: DOK.fest · Real Fiction)

Das DOK.fest München 2026 zeigt das große Spektrum des Dokumentarfilms und macht mit 106 Filmen Parallelräume auf

Von Nora Moschuering

Ein Festival ist eine ganz eigene Sache. Es schafft mehr Raum in einer Stadt, füllt alte Orte neu, trägt Geschichten von überall in sie hinein. In diesen Raum kann man kurz eintau­chen, für einen Film, dann bewegt man sich wieder parallel dazu, viel­leicht streift man den Raum dann wieder, ab und an. Oder aber man taucht ganz hinein, so dass mit einem Mal die Stadt zu einem Paral­lel­raum wird. Das DOK.fest schafft solche Räume. Es findet vom 06.-18.05. in den Kinos und vom 11.-25.05. online statt (der Webspace ist noch mal ein anderer Raum).

Aber wie findet man seine Filme im Angebot von 106 Filmen? Wo taucht man ein? Wie orien­tiert man sich und wie findet man einen Überblick? Seit zwei Jahren ordnet das DOK.fest nicht mehr nach Wett­be­werben, wie es seit Jahr­zehnten und bei den meisten Festivals üblich ist, sondern nach Themen, soge­nannten Reihen. Der Testlauf war im letzten Jahr und die Rück­mel­dungen dazu durchweg positiv. Die Wett­be­werbe bleiben darunter bestehen, für die Filme­ma­cher*innen, die hier Preise gewinnen können. Für das Publikum aber, also dieje­nigen, die durch das Programm­heft blättern und etwas entdecken wollen – oder gezielt nach bestimmten Themen suchen – ist die themen­ori­en­tierte Suche eine große Hilfe. Zusätz­lich diffe­ren­zieren Hashtags noch mal die Reihen und Wett­be­werbe.

Also hinein ins Programm! Hinein ins DOK.fest!

Was ist dieses Jahr neu? Neben den 15 Reihen, die jedes Jahr etwas ange­passte Titel bekommen, gibt es zu jeder Reihe einen soge­nannten »Fokus-Talk«. Dabei wird zu einem Film, der stell­ver­tre­tend für die Reihe steht, ein inhalt­li­ches Gespräch mit Fach­per­sonen geführt, in dem auf das jeweilige Thema vertie­fend einge­gangen wird. In der Reihe »Visions of the Future« z. B. findet das Gespräch zu Florian Karners Finding Connec­tion statt. Nach der Vorstel­lung am 13.05. gibt es den Fokus-Talk zu KI-Chatbots. Dmytro Klochko, CEO von Replika, einer der führenden KI-Companion-Apps, Prot­ago­nist Joe, Regisseur Florian Karner, Produzent Martin Schwimmer und der Psycho­loge Matthias Alexander Reinhard (LMU) sprechen über Nähe und Distanz. Die Fokus-Talks ersetzen aber nicht die film­spe­zi­fi­scheren Q&As.

Mit Kopf­hö­rern alleine durch die Welt. Alleine? So sicher ist man sich da nicht und so sicher sind sich da die Prot­ago­nist*innen im Film Finding Connec­tion schon gleich gar nicht. Natürlich haben sie Beglei­tung, sie haben eine Stimme im Ohr, die sie hören und mit der sie sprechen, die antwortet und auf sie eingeht. Wenn das eigene Gefühl sagt: man hat einen Partner, hat man ihn dann auch? Sind Gefühle real, bzw. schaffen sie Realität? Liebevoll und fürsorg­lich ist diese KI. Selbst­zweifel und Unsi­cher­heit trifft auf Vers­tändnis. Eine Art Safe Space für einen selbst. Ideen, Vorstel­lungen, Illu­sionen werden zur Realität. »Aber man darf noch nicht die Hoffnung an die Menschen verlieren«, das sagt zumindest die KI. Finding Connec­tion ist kein tech­ni­scher Film. Er beschreibt nicht, wie die KI funk­tio­niert oder woher sie ihre Daten bekommt, er ist ein Film über Einsam­keit, also ein Film über Menschen, wie meistens Science-Fiction.

Neu ist auch: Das DOK.fest findet dieses Jahr unter neuer Leitung statt, Adele Kohout, seit 2016 stell­ver­tre­tende Geschäfts­füh­rerin und seit 2008 beim DOK.fest, übernimmt die Leitung und Maya Reichert, die seit 2013 DOK.education geleitet hat, übernimmt als stell­ver­tre­tende Festi­val­lei­tung. Sichtbar ist das auch an der neuen Farbe, zum altbe­kannten Orange kommt Lila. Eine Farbe, die laut Kohout für Dialog, Offenheit, Vielfalt und Diver­sität steht. Im Trailer stellen Linien in beiden Farben Verbin­dungen her, tanzen, bilden Knoten­punkte, verwirren und entwirren sich, stellen heraus und machen sichtbar. Leicht, aber auch bewegend.

Eröff­nungs­film dieses Jahr ist Ingeborg Bachmann – Jemand, der einmal ich war (06.05.). Die Regis­seurin Regina Schilling, deren Kulen­kampffs Schuhe (2018) und Diese Sendung ist kein Spiel – Die unheim­liche Welt des Eduard Zimmer­mann (2023) groß­ar­tige Filme sind, zeigt viel­schichtig, wie viel Einfluss die Medien auf uns haben, besonders das Fernsehen, wie z. B. »Akten­zei­chen XY«, das jahrelang ein Narrativ von Frauen und der Gefahr, der sie im öffent­li­chen Raum ausge­setzt sind, gesponnen hat (ähnlich dem Tatort und sämt­li­cher True-Crime-Formate). Man darf gespannt sein auf den Eröff­nungs­film, einem Hybrid, der Briefe, Tage­bücher, Bücher und Origi­nalszenen mit Verkör­pe­rungen von Bachmann durch Sandra Hüller mischt, die einen letzten Tag in Rom »imagi­nieren«.

Auch DOK.education, das Bildungs­pro­gramm des DOK.fests, hat eine neue Leitung: Kathi Seemann und Mona Klöckner, die beide auch schon davor im Bereich tätig gewesen sind, haben über­nommen. Dieses Jahr gibt es neben der »Schule des Sehens« auch die »Schule des Hörens« und damit einen Fokus auf den Ton im Film. Außerdem bietet Ciné Vélo Cité wieder Workshops für junge Leute an, Stop-Motion-Filme zum Thema »Meine Rechte« und Kurzfilme, die mit KI erstellt werden. Im Pixel/Fat Cat ist eine inter­ak­tive Ausstel­lung zu sehen. Gezeigt werden vier Arbeiten von Kindern und Jugend­li­chen, die Kultur­orte gefilmt haben.

Das DOK.fest ist immer auch ein Seis­mo­graf der aktuellen Welt (oder zumindest der nahen Vergan­gen­heit), von deren Themen und Konflikten.

In A fox under a pink moon trifft man die 16-jährige afgha­ni­sche Geflüch­tete Soraya: Sie lebt im Iran, in Teheran, und möchte weiter nach Europa. Sie nimmt einen mit, in ihren Alltag, ihre Arbeit, in die häusliche Gewalt, der sie ausge­setzt ist, taucht aber auch ein, in ihre Phantasie, ihre Bilder, Lieder und Skulp­turen und Alter Egos die sie sich kreiert und die ihr Halt geben. Insgesamt ist man fünf Jahre dabei und schließ­lich auch bei ihrer Flucht nach Europa. Regisseur Mehrdad Oskouei hat aus Sorayas »Material« einen poeti­schen Film über Flucht, aber auch über das Erwach­sen­werden gemacht.

Mariinka von Pieter-Jan De Pue, der über zehn Jahre hinweg auf 16mm gedreht wurde, erzählt von zwei ehema­ligen Schul­freun­dinnen. Die eine ist Sani­tä­terin an der Front, die andere Schmugg­lerin. Und von drei Brüdern, von denen zwei auf unter­schied­li­chen Seiten stehen, auf der Seite der Ukraine und auf der Seite Russlands.

2020 kündigen »80 angry jour­na­lists« aus Protest wegen Einfluss­nahme durch die Politik ihre Jobs. Sie haben bei index.hu gear­beitet, auch der Filme­ma­cher selbst, der Kriegs­re­porter András Földes (der den Film zusammen mit Anna Kis gemacht hat). index.hu war damals das größte, unab­hän­gige Nach­rich­ten­portal in Ungarn. Über mehrere Jahre hinweg hält Földes in seinem nach den Jour­na­listen benannten Film fest, wie die Redaktion erst ausein­an­der­bricht, um dann einen Neuanfang zu starten. Aber in Orbáns Ungarn bleibt es schwierig. Földes filmt mit den Mitteln, die er hat, er will den Wider­stand fest­halten, und so wackelt es manchmal sehr: Aber so ist es nun mal, wenn man im Moment ist.

Trotz seis­mo­gra­fi­scher Fähig­keiten fehlt im Programm aber leider der Israel-Palästina-Krieg fast gänzlich.

In der Reihe »Personal Memoriams – Blicke auf große Filme­ma­cher« kura­tieren Wegbe­reiter*innen verstor­bener Filme­ma­cher ein Film­pro­gramm und sprechen über ihre Arbeit, aber auch über die Begegnung mit der Person. Julia von Heinz erinnert an Rosa von Praunheim (1942-2025), Moritz Holfelder und der ehemalige DOK.fest-Leiter Daniel Sponsel an Georg Stefan Troller (1921-2025) sowie Hannes Brühwiler an Frederick Wiseman (1930-2026).

Am 10.05. treffen Wim Wenders und King Ampaw, beides ehemalige Studie­rende der Hoch­schule für Fernsehen und Film München (HFF) im gleichen und ersten Jahrgang von 1967, dem A-Kurs, im »African Encoun­ters Special« zum 60-jährigen Jubiläum der HFF München zusammen. Sie zeigen eigene, studen­ti­sche Filme und treten in gene­ra­ti­ons­ü­ber­grei­fenden Dialog mit aktuellen Studie­renden der HFF über Film und Filmaus­bil­dung.

Noch mal zu den Wett­be­werben und Preisen, ein paar von ihnen wurden von den Jurys bereits vor Beginn des DOK.fests verliehen, so z. B. der »All inclusive award«, der an Hello new body, how are you today ging. Der Film ist von Laura Kansy, sie erzählt in ihm über ihren Alltag mit ME/CFS. Auch First Lap Crash von Liam Erlach dreht sich darum. Wie kann man das, was man da erlebt, was da mit dem eigenen Körper passiert, für andere vers­tänd­lich machen? Wie Partner*innen, Freund*innen, Familie, ja der ganzen Gesell­schaft und auch daran appel­lieren, dass endlich Geld in die Forschung fließt? Wie erzählt man, wie anstren­gend essen, lesen, gehen ist und: Filme­ma­chen? Was heißt es, aus dem Fenster zu sehen oder sich seinen eigenen Sehn­suchtsort zu bauen, zu dem man sich sehnt, weil der eigene Ort plötzlich so begrenzt ist? Den beiden Filmen gelingt das. Es sind zwei sehr sensible Filme entstanden, mit einer jeweils ganz indi­vi­du­ellen eigenen Film­sprache, die sich mit Krankheit, dem Körper und der Wahr­neh­mung beschäf­tigen.

Ähnlich wie Finding Connec­tion liegt bei Watching people watching birds der Fokus auch auf den Menschen. Man sieht Menschen, u. a. den Autor Jonathan Franzen, beim Vogel-Beob­achten. Sie erzählen von ihrer Faszi­na­tion, eine ganz neue Welt zu entdecken. Da ist das Pärchen, der Lkw-Fahrer und die Bäcke­rei­ver­käu­ferin, die davon erzählen, wen und was sie in der Früh hören, wenn sie zur Arbeit gehen, die Tür aufsperren oder den Motor starten. Und natürlich geht es auch um die Verluste, um all die verlo­renen Arten, die Vielfalt, die peu à peu aus der Welt verschwindet. Vor der Vorstel­lung am 10.05. gibt es eine Vogel­be­ob­ach­tung im Engli­schen Garten und am 14.05. nach der Vorfüh­rung eine Vogel­wan­de­rung.

Auch das DOK.forum (07.-11.05), die Bran­chen­platt­form, hat mit Julia Zantl eine neue Leitung. Motto ist »Trust, Truth and Change«, es gibt u.a. eine zwei­tä­gige Konferenz zum Thema Film­ver­mitt­lung, Dcampus Exchange Munich: ein Symposium über digitale Trans­for­ma­tion und doku­men­ta­ri­sches Erzählen und den 2. Münchner Film­gipfel.

Freuen kann man sich auch auf die DOK.fest Finissage, sie findet am 18.05. mit dem Film Sport­freunde Stiller – mit dem Herz in der Hand von Thorsten Berrars statt, auch die Band wird erwartet, denn was für ein Jubiläums­jahr für die Sport­freunde: 30 Jahre! Mit Film, einer Tour und der Aufnahme eines neuen Albums.

Der von Rüdiger Linhof (Bassist der Sport­freunde Stiller) initi­ierte Kultur.Konvoi schaltet sich nach der Vorfüh­rung von Change my mind (14.05.) live in ein Tonstudio in die Ukraine. Der Kultur.Konvoi verbindet Kultur­schaf­fende in Europa mit Stimmen aus der ukrai­ni­schen Kultur­szene. Change my mind geht am Beispiel des Ukraine-Kriegs der Frage nach, wie viele Beweise manche Leute für Tatsachen brauchen, und wie schwer es ist, eine einmal inter­na­li­sierte Propa­ganda wieder aus Köpfen zu bekommen.

In Was an Empfind­sam­keit bleibt erzählt Daniela Magnani Hüller von einer Gewalttat, einem Mord­ver­such, den sie mit 16 überlebt hat. Sie trifft Menschen von damals: eine Kommis­sarin, ihre Lehrerin, eine Mitschü­lerin, den Arzt, der sie operiert hat, einen Lehrer, der sie vor Gericht begleitet hat. Daneben reist man mit ihr zu ihrer Schwester nach Brasilien. Es stehen sachliche, nüchterne Bilder, die ihr Leben damals beschreiben, in insti­tu­tio­nellen Räumen, mit unbe­wegter Kamera, neben den warmen, bewegten, farbigen Bildern von Orten, an denen sie sich wohlfühlt. Die Bilder, die der Film findet, verbinden die Geschichten mit unter­schied­li­chen Gefühlen. Sie klagt nicht, sondern sie stellt fest und öffnet neben ihrer persön­li­chen Geschichte auch das Bild auf eine Gesell­schaft und ein Justiz­system, in dem so etwas möglich ist.

Auch La Pietà findet eine kluge filmische Form. Er hüllt uns ein, in einen Schnee­sturm, führt uns in Glet­scher­höhlen. Wir sind in Island, es tönt. Eis und Schnee knacken und bewegen sich. Daneben arbeitet sich ein Fotograf durch die Hinter­las­sen­schaften der sieben Björn-Geschwister aus den Jahren 1906-1927, die ihrer­seits Fotos des Glet­schers gemacht haben. Der Fotograf möchte den Wandel doku­men­tieren. Die Foto­grafie hat von jeher das einmal Dage­we­sene bezeugt. Für Roland Barthes hängt sie unum­gäng­lich mit dem Tod zusammen, sie bezeugt, dass etwas so gewesen ist und jetzt nicht mehr ist. Auch Gletscher sterben und auch hier nehmen die Fotos, aber auch der Film, die Rolle von Zeugen ein und werden gleich­zeitig zu einem Archiv, das traurig ergänzt wird.

Neben dem Inhalt ist die Form zwar wohl das, was schwerer zu beschreiben ist, aber auch das, was unmit­tel­barer wirkt. Die Form ist das »Künst­le­ri­sche« im »künst­le­ri­schen Doku­men­tar­film«, sie ist es, die das Thema stützt oder es absicht­lich unter­gräbt. Manchmal ist sie das Thema selbst. Z. B. 16mm oder eine weiße Leinwand, die dröhnt, die uns unter dem Schnee eingräbt oder das Knacken des hell­blauen Eises hören lässt. So etwas ist schwer zu verschlag­worten. Aber dafür gibt es ja Trailer und wenn nicht und überhaupt: Über­ra­schen lassen, auch mal auspro­bieren! Es lohnt immer, sich in den Paral­lel­raum DOK.fest ziehen zu lassen.