Ingeborg Bachmann – Jemand, der einmal ich war

Deutschland 2026 · 95 min.
Regie: Regina Schilling
Drehbuch:
Kamera: Johann Feindt
Schnitt: Carina Mergens
Darsteller: Sandra Hüller u.a.
Ingeborg Bachmann - Jemand, der einmal ich war
Sandra Hüller verkörpert Ingeborg Bachmann
(Foto: Weltkino)

Nur schreibend existieren

Regine Schilling nähert sich der Schriftstellerin Ingeborg Bachmann. Räume, die sich durch die Worte ihres Schreibens öffnen, schließen sich wieder – durch die bebildernde Inszenierung von Sandra Hüller

Seltene Archiv­auf­nahmen zeigen die Schrift­stel­lerin Ingeborg Bachmann durch die Straßen Roms spazieren. Sie lächelt, hält Zeitungen in der Hand, grüßt Passanten. Die Bilder berühren durch ihre leichte Einfach­heit, die im Kontrast zur lite­ra­ri­schen Schwere und Komple­xität ihrer Texte steht. Die Sonne fällt auf Bachmanns Gesicht, ihr Lächeln trifft auf uns – moment­haft stellt sich eine wahr­haf­tige Nähe ein.

Die Doku­men­tar­fil­me­ma­cherin Regina Schilling entwirft in ihrem neuen Film Ingeborg Bachmann – Jemand, der einmal ich war ein biogra­phi­sches Porträt der öster­rei­chi­schen Schrift­stel­lerin der Nach­kriegs­zeit. In ihren Texten thema­ti­siert Bachmann die Konti­nui­täten vor und nach der NS-Herr­schaft. Schil­lings Doku­men­tar­film Kulen­kampffs Schuhe (2018) steht dieser Ausein­an­der­set­zung nahe. Dort behan­delte sie ausgehend von ihrer eigenen Fami­li­en­ge­schichte die Konti­nui­täten natio­nal­so­zia­lis­ti­scher Prägungen innerhalb der west­deut­schen Fern­seh­kultur.

In einer Konstel­la­tion aus Archiv­mon­tage und rekon­stru­ierten Szenen, die Bachmanns letzten Romauf­ent­halt imagi­nieren, nähert sie sich der Autorin an. Auf der Tonspur werden Tage­buch­ein­träge und Passagen aus den Prosa­texten – teils von Bachmann selbst – vorge­lesen. Daneben werden die bekannten Stationen ihres Lebens chro­no­lo­gisch nach­er­zählt: die Klagen­furter Kindheit, die Zugehö­rig­keit zur Gruppe 47 sowie die Bezie­hungen zu Paul Celan, Hans Werner Henze und Max Frisch.

Bachmann galt in der Lite­ra­tur­kritik sowohl zu Lebzeiten als auch darüber hinaus als schwer zugäng­lich. Aus ihrer Diskre­tion entwi­ckelte sich eine Faszi­na­tion für ihre rätsel­hafte Person. Schil­lings Film greift diese Rezep­ti­ons­ge­schichte auf, indem histo­ri­sche Fern­seh­aus­strah­lungen inte­griert werden. Hervor­ge­hoben wird dabei stets Bachmanns Rolle als eine der wenigen Frauen innerhalb der Gruppe 47. In histo­ri­schen Inter­view­aus­schnitten mit Wegbe­glei­tern von Bachmann wird wieder­holt von ihrer Unzu­gäng­lich­keit gespro­chen – zugleich äußert sich die anhal­tende Bewun­de­rung für ihr Werk.

Um sich der stillen Präsenz von Bachmann nun erneut anzu­n­ähern, führt Schilling neben dem Archiv­ma­te­rial eine Ebene des Reenact­ments ein. Sie folgt Bachmanns Spuren nach Rom und besetzt Schau­spie­lerin Sandra Hüller als gegen­wär­tigen Körper der Autorin: Hüller gießt unbe­holfen Blumen, liegt auf dem Boden herum, fährt E-Scooter. Was diese Szenen eröffnen sollen, bleibt unklar. Tief­sinnig wirken jene stillen Momente, die die Leer­stelle der Autorin insze­nieren und den auf der Tonspur gelesenen Text­pas­sagen Raum geben. In diesen Einstel­lungen findet die Kamera von Johann Feindt Bilder für Bachmanns Worte, ohne sie auf ein Gesicht fest­zu­legen.

Das erneute Interesse an Bachmann äußerte sich in den vergan­genen Jahren wieder­holt. In Die Geträumten (2016) insze­nierte Ruth Becker­mann eine poetische Ausein­an­der­set­zung mit dem Brief­wechsel zwischen Bachmann und Paul Celan. 2023 setzt Marga­rethe von Trotta die Beziehung zu Max Frisch in den Mittel­punkt ihres Films Ingeborg Bachmann – Reise in die Wüste.

Bachmann wäre in diesem Jahr hundert Jahre alt geworden. Das Lite­ra­tur­haus München widmete ihr bereits im vergan­genen Jahr eine Ausstel­lung mit bislang Unver­öf­fent­lichtem aus dem Nachlass. Ein Interview von Elfriede Jelinek bildete den Abschluss der Ausstel­lung. Jelineks tiefer Scharf­sinn für Bachmanns Literatur wird in diesem Interview deutlich und hätte Schil­lings Film sicher­lich einen wichtigen Beitrag hinzu­fügen können, insbe­son­dere was die exis­ten­zi­elle Zerris­sen­heit weib­li­chen Schrei­bens angeht.

Der Roman »Malina« (1971), der in Schil­lings Film wieder­holt zitiert wird, wurde 1991 von Werner Schroeter verfilmt. Isabelle Huppert spielte die Haupt­rolle, Elfriede Jelinek schrieb das Drehbuch. Tatsäch­lich erinnern manche der insze­nierten Bilder – das hastige Tippen auf der Schreib­ma­schine, das Umher­irren durch die Wohnung, die ausbren­nende Zigarette – an Schroeter, doch entfalten sie hier keine eigene Wirkung.

Einmal sitzt Hüller vor der Schreib­ma­schine. Das Schwarz­weiß markiert den Moment der Rekon­struk­tion. Hüller spricht die Worte: »Ich existiere nur, wenn ich schreibe.« Sie wieder­holt den Satz, muss lachen, Regina Schilling ist mit Regie­an­wei­sungen aus dem Off zu hören. Das Scheitern wird hier zwar durch den Bruch mit dem Schau­spiel einge­standen, jedoch geschieht dies auf Kosten der Kraft der Worte von Bachmann, die nicht zu uns vordringen, sondern sich regel­recht im Bild verlieren.

Im Versuch, der Autorin Ingeborg Bachmann durch Sandra Hüller einen Körper zu verleihen, findet der Film nicht zu jener imagi­nierten Begegnung. Nur im Raum der Stimme findet die lite­ra­ri­sche Begegnung mit Bachmann statt. Sandra Hüller spricht sanft und zugleich selbst­be­wusst die Texte im Voice-Over ein – es entsteht ein Widerhall von Bachmanns Stimme. In Verbin­dung mit den doku­men­ta­ri­schen Archiv­auf­nahmen ergibt sich moment­haft eine konge­niale Bewegung, in der die Autorin nicht verein­nahmt wird, sondern ihren Rückzug bewahrt.