Ein Meer, viele Geschichten |
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| Szene aus: Un altro Ferragosto (2024) | ||
| (Foto: Circolo Cento Fiori) | ||
Von Elke Eckert
Gleich im ersten Film der Reihe begegnen sich zwei Familien, die nicht viel gemein zu haben scheinen. Die eine, die des alten Ernesto, lebt seit Generationen vom Fischfang und auf der Vulkaninsel Linosa. Die andere besteht lediglich aus der jungen hochschwangeren Afrikanerin Sara und ihrem kleinen Sohn. Als Ernesto und sein Enkel Filippo die beiden von einem Flüchtlingsboot retten und mit zu sich nach Hause nehmen, wo Sara ihr Kind bekommen kann, wird aus völlig Fremden eine kleine Schicksalsgemeinschaft... Emanuele Crialeses Drama Feindesland (Terraferma) wurde vor 15 Jahren gedreht, ist heute aber nicht weniger aktuell als damals. Linosa liegt neben Lampedusa, einer Insel, die die meisten vor allem aus den Nachrichten kennen. Als Ankunftsort vieler Migranten, die über das Mittelmeer nach Europa fliehen. Auch die Darstellerin der Sara kam nur zwei Jahre vor Drehbeginn als Bootsflüchtling nach Italien. (Sonntag, 19. April, 18 Uhr)
Wie eng Realität und Fiktion oft miteinander verwoben sind, zeigt auch Gianfranco Cabiddus Der Stoff der Träume (La stoffa dei sogni). Als kurz nach dem Zweiten Weltkrieg vor Sardinien eine Fähre auf rauer See kentert, können sich die Schiffsbrüchigen auf die Insel Asinara retten. Unter ihnen sind Schauspieler einer Theatergruppe, aber auch Camorra-Mitglieder, die in dem auf dem Eiland befindlichen Hochsicherheitsgefängnis untergebracht werden sollen. Doch wer ist wer? Um das herauszufinden, lässt der Gefängnisdirektor kurzerhand die ganze Truppe gemeinsam Shakespeares „Der Sturm“ proben – was sehr bald zu Überraschungen führt. – Regisseur Cabiddu, der auch am Drehbuch mitgeschrieben hat, ließ sich für seine mehrfach ausgezeichnete Tragikomödie vom Theaterstück „Die Kunst der Komödie“ von Eduardo de Filippo inspirieren, mit dem er als junger Tontechniker zusammengearbeitet hatte. (Sonntag, 26. April, 18 Uhr)
Die malerische Mittelmeerinsel Levanzo ist der Schauplatz einer Liebe, die von Beginn an das Ende im Blick hat. Ivan und Chiara wollten eigentlich nur die Hochzeitsfeierlichkeiten seines Bruders und ihrer besten Freundin vorbereiten. Dass sie sich dabei ineinander verlieben, passt ihnen nicht ins Konzept. Schon weil Chiara verheiratet ist und Ivan sich nicht mehr binden möchte. Also einigen sich die beiden auf einen Deal: Sieben Tage voller Leidenschaft (Sette Giorni) und nach der Hochzeit einfach wieder so weitermachen wie vorher. Klingt doch nach einem guten Plan… Rolando Colla, Schweizer Filmemacher mit italienischen Wurzeln, erzählt mit seiner Romanze von dem Dilemma, Zuneigung und Begehren kontrollieren zu wollen, und kann sich dabei auf seine beiden Hauptdarsteller verlassen. Allesia Barela und Bruno Todeschini gelingt es mit ihrem Spiel, der Amour fou Ernsthaftigkeit und Tiefe zu verleihen. (Sonntag, 3. Mai, 18 Uhr)
Weil sich ihre Eltern im Ausland ein neues Leben aufbauen wollen, bleibt ihre elfjährige Tochter Lucia erstmal bei der Großmutter auf Sizilien. Die strenge Nonna macht es der Kleinen nicht leicht, sich an die veränderte Situation zu gewöhnen. Als Lucia auch noch einem Familiengeheimnis auf die Spur kommt, spitzt sich die Lage zu… Die berührende Coming-of-Age-Geschichte Picciridda – Mit den Füßen im Sand (Picciridda – Con i piedi nella sabbia) basiert auf dem gleichnamigen, autobiografischen Roman der Sizilianerin Catena Fiorello. Regisseur Paolo Licata inszenierte den Plot als Hommage an alle Mädchen und Frauen, die ihren eigenen Weg finden mussten, um in der patriarchal geprägten Gesellschaft der 1960er Jahre zurechtzukommen. Das Drama von 2019 wurde vor allem wegen der schauspielerischen Leistungen der Hauptdarstellerinnen gelobt und unter anderem als bester Debütfilm bei den italienischen Golden Globes ausgezeichnet. (Sonntag, 10. Mai, 18 Uhr)
Der letzte Film ist gleichzeitig der aktuellste der Reihe und eine Fortsetzung von Paolo Virzis 1996 erschienenem Frühwerk Ferie d’agosto. Knapp 30 Jahre später klinkt sich der Filmemacher mit Un altro Ferragosto wieder in das Leben des Intellektuellen Sandro Molino ein. Dessen Sohn Altiero kommt anlässlich des italienischen Feiertags zurück auf die Insel Ventotene, um den Sommer mit seinem kranken Vater im Familien- und Freundeskreis zu verbringen. Dumm nur, dass sich die Insel gerade im Ausnahmezustand befindet, weil auch Sabry Mazzalupi, angesagte Influencerin und Tochter von Sandros ehemaligen Intimfeinden, mit ihrer Sippe anreist, um ihre Hochzeit zu zelebrieren… Die gesellschaftskritische Tragikomödie ist vor allem wegen der unwiderstehlichen Performance von Sandro-Darsteller Silvio Orlando sehenswert. Der Neapolitaner gehört spätestens seit seiner Hauptrolle in der Politsatire „Il caimano“ zu den Großen des italienischen Kinos. (Sonntag, 17. Mai, 18 Uhr)