16.04.2026

Ein Meer, viele Geschichten

Un Altro Ferragosto
Szene aus: Un altro Ferragosto (2024)
(Foto: Circolo Cento Fiori)

Der Circolo Cento Fiori zeigt an fünf Sonntagen vom 19. April bis 17. Mai 2026 die Filmreihe Mediterraneo: un mare di storie. Das Mittelmeer verbindet Europa, Afrika und Asien – als Raum von Begegnung, Urlaub und Herkunft, aber auch als Fluchtweg zwischen Hoffnung und Tod

Von Elke Eckert

Gleich im ersten Film der Reihe begegnen sich zwei Familien, die nicht viel gemein zu haben scheinen. Die eine, die des alten Ernesto, lebt seit Gene­ra­tionen vom Fischfang und auf der Vulkan­insel Linosa. Die andere besteht lediglich aus der jungen hoch­schwan­geren Afri­ka­nerin Sara und ihrem kleinen Sohn. Als Ernesto und sein Enkel Filippo die beiden von einem Flücht­lings­boot retten und mit zu sich nach Hause nehmen, wo Sara ihr Kind bekommen kann, wird aus völlig Fremden eine kleine Schick­sals­ge­mein­schaft... Emanuele Crialeses Drama Fein­des­land (Terraf­erma) wurde vor 15 Jahren gedreht, ist heute aber nicht weniger aktuell als damals. Linosa liegt neben Lampedusa, einer Insel, die die meisten vor allem aus den Nach­richten kennen. Als Ankunftsort vieler Migranten, die über das Mittel­meer nach Europa fliehen. Auch die Darstel­lerin der Sara kam nur zwei Jahre vor Dreh­be­ginn als Boots­flücht­ling nach Italien. (Sonntag, 19. April, 18 Uhr)

Wie eng Realität und Fiktion oft mitein­ander verwoben sind, zeigt auch Gian­franco Cabiddus Der Stoff der Träume (La stoffa dei sogni). Als kurz nach dem Zweiten Weltkrieg vor Sardinien eine Fähre auf rauer See kentert, können sich die Schiffs­brüchigen auf die Insel Asinara retten. Unter ihnen sind Schau­spieler einer Thea­ter­gruppe, aber auch Camorra-Mitglieder, die in dem auf dem Eiland befind­li­chen Hoch­si­cher­heits­ge­fängnis unter­ge­bracht werden sollen. Doch wer ist wer? Um das heraus­zu­finden, lässt der Gefäng­nis­di­rektor kurzer­hand die ganze Truppe gemeinsam Shake­speares „Der Sturm“ proben – was sehr bald zu Über­ra­schungen führt. – Regisseur Cabiddu, der auch am Drehbuch mitge­schrieben hat, ließ sich für seine mehrfach ausge­zeich­nete Tragi­komödie vom Thea­ter­s­tück „Die Kunst der Komödie“ von Eduardo de Filippo inspi­rieren, mit dem er als junger Tontech­niker zusam­men­ge­ar­beitet hatte. (Sonntag, 26. April, 18 Uhr)

Die male­ri­sche Mittel­meer­insel Levanzo ist der Schau­platz einer Liebe, die von Beginn an das Ende im Blick hat. Ivan und Chiara wollten eigent­lich nur die Hoch­zeits­fei­er­lich­keiten seines Bruders und ihrer besten Freundin vorbe­reiten. Dass sie sich dabei inein­ander verlieben, passt ihnen nicht ins Konzept. Schon weil Chiara verhei­ratet ist und Ivan sich nicht mehr binden möchte. Also einigen sich die beiden auf einen Deal: Sieben Tage voller Leiden­schaft (Sette Giorni) und nach der Hochzeit einfach wieder so weiter­ma­chen wie vorher. Klingt doch nach einem guten Plan… Rolando Colla, Schweizer Filme­ma­cher mit italie­ni­schen Wurzeln, erzählt mit seiner Romanze von dem Dilemma, Zuneigung und Begehren kontrol­lieren zu wollen, und kann sich dabei auf seine beiden Haupt­dar­steller verlassen. Allesia Barela und Bruno Tode­schini gelingt es mit ihrem Spiel, der Amour fou Ernst­haf­tig­keit und Tiefe zu verleihen. (Sonntag, 3. Mai, 18 Uhr)

Weil sich ihre Eltern im Ausland ein neues Leben aufbauen wollen, bleibt ihre elfjäh­rige Tochter Lucia erstmal bei der Groß­mutter auf Sizilien. Die strenge Nonna macht es der Kleinen nicht leicht, sich an die verän­derte Situation zu gewöhnen. Als Lucia auch noch einem Fami­li­en­ge­heimnis auf die Spur kommt, spitzt sich die Lage zu… Die berüh­rende Coming-of-Age-Geschichte Picci­ridda – Mit den Füßen im Sand (Picci­ridda – Con i piedi nella sabbia) basiert auf dem gleich­na­migen, auto­bio­gra­fi­schen Roman der Sizi­lia­nerin Catena Fiorello. Regisseur Paolo Licata insze­nierte den Plot als Hommage an alle Mädchen und Frauen, die ihren eigenen Weg finden mussten, um in der patri­ar­chal geprägten Gesell­schaft der 1960er Jahre zurecht­zu­kommen. Das Drama von 2019 wurde vor allem wegen der schau­spie­le­ri­schen Leis­tungen der Haupt­dar­stel­le­rinnen gelobt und unter anderem als bester Debütfilm bei den italie­ni­schen Golden Globes ausge­zeichnet. (Sonntag, 10. Mai, 18 Uhr)

Der letzte Film ist gleich­zeitig der aktu­ellste der Reihe und eine Fort­set­zung von Paolo Virzis 1996 erschie­nenem Frühwerk Ferie d’agosto. Knapp 30 Jahre später klinkt sich der Filme­ma­cher mit Un altro Ferra­gosto wieder in das Leben des Intel­lek­tu­ellen Sandro Molino ein. Dessen Sohn Altiero kommt anläss­lich des italie­ni­schen Feiertags zurück auf die Insel Ventotene, um den Sommer mit seinem kranken Vater im Familien- und Freun­des­kreis zu verbringen. Dumm nur, dass sich die Insel gerade im Ausnah­me­zu­stand befindet, weil auch Sabry Mazzalupi, angesagte Influen­cerin und Tochter von Sandros ehema­ligen Intim­feinden, mit ihrer Sippe anreist, um ihre Hochzeit zu zele­brieren… Die gesell­schafts­kri­ti­sche Tragi­komödie ist vor allem wegen der unwi­der­steh­li­chen Perfor­mance von Sandro-Darsteller Silvio Orlando sehens­wert. Der Neapo­li­taner gehört spätes­tens seit seiner Haupt­rolle in der Polit­sa­tire „Il caimano“ zu den Großen des italie­ni­schen Kinos. (Sonntag, 17. Mai, 18 Uhr)