05.09.2021

In Geisterhäusern

Spencer
Why should we care? – Pablo Larrains »Spencer«
(Foto: BIENNALE CINEMA 2021 Press Service)

Kristen Stewart als Lady Di, spanische Eröffnung und Nachtreisen ins amerikanische Unbewusste – Notizen aus Venedig, Folge 2

Von Rüdiger Suchsland

»And he saw the vaporetto with Laura and the two sisters steaming down the Grand Canal, not today, not tomorrow, but the day after that, and he knew why they were together and for what sad purpose they had come. The creature was gibbering in its corner. The hammering and the voices and the barking dog grew fainter, and, 'Oh God,'he thought, 'what a bloody silly way to die...'«
- Daphne du Maurier, »Don’t look now«

»Weil hier das Reale nur um Weniges zugedeckt bleibt, oder verändert scheint, wird der Betrachter immer zum Voyeur, der ein Rätsel lösen will.«
- Karl Heinz Bohrer (1932-2021)

»I have abso­lutely no idea, where I am.« – als sich die Princess of Wales mit ihrem grün­me­tallic Porsche 911 auf einer engli­schen Land­straße verirrt, ist dies der erste Satz des Films. So kann es in diesem Film auch den Zuschauern gehen.
Sind wir in einer Puppen­stube? In einem Geis­ter­haus? In einer Netflix-Serie? Indizien gibt es für alle drei Varianten. Man wird das Gefühl nicht los, Pablo Larrain hätte wohl sehr gerne The Crown insze­niert. Weil man ihn nicht ließ, gibt es diesen Film. Genauso sehr hat Larrain wohl früher gern mit Barbie-Puppen gespielt: Andauernd neue Kostüme. Gelb von Chanel, Rot von Dior, minzgrün von einem namen­losen Londoner Designer, der seit 1783 das Königs­haus beliefert. Im Gegensatz zu Barbie hat Diana Anklei­de­damen, die nebenbei dafür sorgen, dass die Vorhänge zugezogen bleiben und den täglichen Seelen­zu­stand von Her Royal Highness dem Siche­heits­chef melden.

Der Darsteller des Sicher­heits­chefs ist Timothy Spall, den man aus so ziemlich jedem Mike-Leigh-Film kennt, und den ich nicht nur über­schätzt finde, sondern einfach nicht mehr sehen kann. Der taucht im Film immer dann auf, wenn Diana mal einen kurzen ruhigen oder entspannten Moment hat, und redet ihr recht unsanft ins Gewissen:
Und dann fallen noch so bescheu­erte Sätze wie sie sich auch schon in den 50er Jahren in den »Sissi«-Filmen finden: »No one is above the tradition.«

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Die ersten 30 Minuten in diesem Film sieht man nur sie, Diana, und das Personal, und ihre Kinder. Die Royal Family sieht man nicht und nach diesen 30 Minuten – ich habe auf die Uhr geschaut – sieht man sie dann erstmal nur verschwommen aus dem Hinter­grund.

Sandringham, drei Tage an Weih­nachten 1990/91. Fünf Hunde kommen im Rolls-Royce mit einem HGM Nummern­schild und die Queen selbst fährt im Taxi voraus. Fami­li­en­terror, Spieß­ru­ten­lauf, Tortur.

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Ansonsten? Ein rotes Barbour-Jacket. Und Kristen Stewart. Nichts anderes. Aber Kristen Stewart lohnt sich immer. Stewart spielt die Rolle der Diana Spencer als Karikatur: Ob das Augen­klim­pern, der leicht schief geneigte Kopf, die hoch­ge­zo­genen Schultern. Alles Manie­rismen, Äußer­lich­keit. Das funk­tio­niert zwar spontan, verstärkt aber den Eindruck des Über-Künst­li­chen, den der Film sowieso erzeugt.

Man sieht dann irgend­wann, wie sie in Kostüm und Stöckel­schuhen über einen Acker geht, ein verzo­genes Kind, das sich nicht anpassen will; das keines­wegs sie selbst ist, denn sie weiß gar nicht, was sie ist. Dazu Katzen­musik mit bedroh­li­chem Unterton.

Lange Gänge, lange Wege, vermut­lich soll Mitleid mit ihr haben, es kurios finden, oder schlimm – keine Ahnung. Der Film macht viel zu viele Mätzchen. Das kann doch nicht der Regisseur von Ema sein! Erst das und jetzt so ein gedie­gener Quatsch.

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In den Vorder­grund drängt sich schon während des Films immer wieder die Frage, die sich auch schon im August 1997 gestellt hat: Why should we care?
Viel­leicht müssen uns diese Royals nicht wirklich bekümmern. Viel­leicht ist das übergroße Interesse für sie nur ein Indiz für eine sozio­kul­tu­relle oder sozi­al­psy­cho­lo­gi­sche Störung.

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»Parallele Mütter« heißt übersetzt der neue Film von Pedro Almodóvar. Doch die Story, die sich um zwei Frauen dreht, die irgend­wann entdecken, dass ihre Kinder bei der Geburt vertauscht wurden, und über dieses Schicksal sogar zum Liebes­paar werden, ist nur das melo­dra­ma­ti­sche Zentrum eines Films, der einer­seits »typisch Almodovar« ist – mit schrillen Typen, hölzernen Dialogen, kunter­bunten Kulissen und bewusster Künst­lich­keit »over the top« – aber eben doch einen anderen Ton anschlägt. Hinter­grund und emotio­nales Herz des Films ist nämlich die Rahmen­hand­lung, die sich um den Spani­schen Bürger­krieg 1936-39 dreht, eine Vergan­gen­heit, die in Spanien nicht vergehen will. Denn das Land streitet gerade darum, ob man dem Schicksal der über 100.000 nach­for­schen soll, die seiner­zeit von Francos Faschisten verschleppt, ermordet und oft genug in Massen­grä­bern unter irgend­wel­chen Wiesen und Äckern namenlos verscharrt wurden. Bis heute kennt man viele dieser Massa­ker­orte und Grab­stätten nicht – Penelope Cruz spielt nun die Enkel­tochter eines solchen Verschwun­denen, die Aufklä­rung will.

Im Dialog heißt es dann irgend­wann von der älteren zur jüngeren der zwei Frauen: »Jetzt weißt du mal, in was für einem Scheiß-Land du lebst, was für Geschichten da alle versteckt worden sind. Die Geschichte wird nie enden, wenn die Wahrheit nicht zutage kommt, wenn die Toten nicht anständig beerdigt werden, wenn die Verbre­chen nicht ausge­spro­chen werden.«

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Penelope Cruz spielt übrigens eine bekannte Foto­grafin, die sich in der Modewelt bewegt. In einem weiteren Film dieser Tage wird sie eine Film­re­gis­seurin spielen.
Nebenbei bemerkt, frage ich mich, warum sich dunkel­haa­rige Frauen im fort­ge­schrit­tenen Alter die Haare, wenn sie denn gefärbt werden müssen, nicht dunkel färben, sondern blond. So auch Cruz, im Film jeden­falls.
Da trägt sie auch T-Shirts mit Aufschriften wie »we should all be feminist«.

Alles ist ein bisschen zu löchrig erzählt, ein bisschen schlampig, als ob Almodovar die Geduld verliert, und es langsam nicht mehr nötig hat, sich Mühe zu geben. Aber gleich­zeitig schon gut.

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Auch 2021 fehlt es trotz spani­scher Eröffnung am Lido keines­wegs an Holly­wood­glanz und Americana-Stoffen.
Die Austra­lierin Jane Campion präsen­tierte »The Power of the Dog«, einen für diese bekannte Femi­nistin über­ra­schenden Film: Denn es handelt sich um einen Western, der in den frühen 20er Jahren ange­sie­delt ist, aller­dings weit weg von den Roaring Twenties und der Welt des Großen Gatsby.
Es gibt noch Cowboys und schon Autos – ein bisschen eine ähnliche Welt, wie in All the Pretty Horses.

Ich-Erzähler ist ein junger Mann, Peter, der Sohn der von Kirsten Dunst gespielten Frau in einer Männer­welt. Ihr Mann hat sich umge­bracht, der halb­wüch­sige Sohn ist in sich zurück­ge­zogen, ein Nerd, ein Schwäch­ling, einer der hier nicht reinpasst. Er ist der Ich-Erzähler dieser Geschichte. Und eigent­lich könnten schon die ersten Sätze verraten, was hier passieren wird, denn Peter sagt, dass er seine Mutter jetzt beschützen müsse.

Zunächst aber geht es um etwas ganz anderes: Zwei ungleiche Brüder – gespielt von Benedict Cumber­batch und Jesse Plemons – betreiben zusammen eine reiche Rinder­farm. Die Brüder Philip und George sprechen über sich selber halb im Scherz, halb im Suff als Romulus und Remus. Und reden von dem »Wolf, der uns erzog.«

Eine Vivi­sek­tion von Männ­lich­keit. Und eine Sozi­al­studie des Middle-West-Amerika, der reichen Farmer und ihrer armen Lakaien.
Familie ist auch hier wieder ein Terror­zu­sam­men­hang – so schön und großzügig und Bonanza-haft dieses riesige Holzhaus mit seinen lang­ge­zo­genen Treppen aussieht – jeder hier in diesem Geis­ter­haus trägt einen tiefen Schmerz im Herzen und jeder hat seine Geheim­kam­mern um überleben zu können.

Als der eine Bruder, George die einsame Witwe Rose (Kirsten Dunst) heiratet, kann der andere, Philip, Zorn, Neid und seine verkappte Homo­se­xua­lität immer weniger zügeln – so entspinnt sich ein episches Drama voller Destruk­ti­vität, bei dem allein die herr­li­chen Land­schafts­bilder Montanas für unge­bro­chene Schönheit sorgen.

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Nicht weniger destruktiv wird es beim alten New-Hollywood-Helden Paul Schrader. In seinem neuen Film »The Card Counter« hat er sich einen profes­sio­nellen Spieler vorge­nommen, der überaus diszi­pli­niert, wie eine Art Mönch des Gamblings, zu einem Star der »Poker«- und »Blackjack«-Welt aufsteigt. Bis zu dem Tag, an dem er von den Verbre­chen des US-Folter­camps Abu-Ghraib eingeholt wird, wo auch er sich einst zu schwersten Verbre­chen zwingen ließ... »The Card Counter« ist eine Nacht­reise ins Verdrängte des »American Dream«, in ein Land das als Ganzes ein Horror­ka­bi­nett geworden ist: »Nichts kann recht­fer­tigen, was wir getan haben« ist nur der deut­lichste vieler klarer Sätze der Haupt­figur in einem Film von großer poli­ti­scher Spreng­kraft.

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Das rote Babour-Jacket im »Spencer«-Film hat mich noch an etwas anderes erinnert, zunächst unbewusst, dann langsam dämmerte es mir: Der mörde­ri­sche Zwerg in Nicholas Roegs in Venedig spie­lendem Wenn die Gondeln Trauer tragen trägt eine Jacke im gleichen Rot.