16.09.2021

Menschen, die auf Plastik starren

Plastic Semiotic
Szene aus Radu Judes »Plastic Semiotic«
(Foto: BIENNALE CINEMA 2021 Press Service)

Zustände in Standbildern: Bei den Filmfestspielen von Venedig liefen mit »The Night« und »Plastic Semiotic« zwei meisterhafte neue Kurzfilme von Tsai Ming-liang und Radu Jude

Von Janick Nolting

Nein, es ist kein Erdbeben, das da plötzlich die Sitz­reihen im Kino wackeln lässt. In Wahrheit sind es die Beine zahl­rei­cher Gäste im Saal, die anfangen, nervös und unge­duldig auf und ab zu zappeln. Mehrere Leute verlassen die Vorfüh­rung, Smart­phones werden gezückt. Ausnahms­weise greift kein Personal im Saal ein, von dem man mitunter selbst bei einem Blick auf die Uhrzeit warnend mit Laser­pointer ange­leuchtet wird, als würde gleich scharf geschossen werden. Viel­leicht hat man Mitgefühl walten lassen. Der Grund für die plötz­liche Unruhe ist der neue Kurzfilm von Tsai Ming-liang, dem taiwa­ne­si­schen Slow-Cinema-Filme­ma­cher, der erst 2020 mit Days nicht nur den besten Film der Berlinale, sondern auch einen der Glanz­punkte des gesamten Jahres hingelegt hat. »The Night« (Liang ye bu neng liu) heißt sein neues Werk, leider nur 19 Minuten lang. Die Biennale hat es in einem Kompi­la­ti­ons­pro­gramm gezeigt.

Na klar, das Kino dieses Regis­seurs verlangt vollste Auslie­fe­rung unter seine Form­strenge und mitunter quälende Lang­sam­keit. In den 19 Minuten macht er nichts anderes, als Eindrücke aus dem nächt­li­chen Hong Kong zu zeigen. Mit insgesamt 13 Einstel­lungen ist das für Tsai-Verhält­nisse sogar noch rasant geschnitten. Dass ausge­rechnet dieser Film für eine solche Unruhe sorgt, erstaunt aber ein wenig. Bei einem Großteil der anderen Kurzfilme, die mit ihm gemeinsam liefen, die Handlung und Dialog besaßen, wurde man nämlich mitunter deutlich mehr gequält. Allen voran mit dem furchtbar lach­haften Corona-Film »Diario Di Una Passeg­giata«, in dem eine Thea­ter­gruppe post­pan­de­mi­sche Euphorie über das zurück­ge­won­nene Leben entfachen will.

Zurück zu Tsai Ming-liang: »The Night« ist, wie immer bei dem Regisseur, ein virtuoses Spiel mit Bewegung und Still­stand. Der Kurzfilm zeigt Tran­siträume. Halte­stellen erscheinen besonders prominent im Zwielicht der feucht schim­mernden Großstadt, die von sanft flackernden Neon­lich­tern erhellt wird. Menschen warten an einer Bushal­te­stelle oder an einer Ampel­kreu­zung. Irgend­wann sind die Orte menschen­leerer, es ist tiefste Nacht. Müll liegt auf dem Fußweg, wie ein dysto­pi­scher, trauriger Schau­platz in der Gegenwart sieht das mitunter aus. Zugleich sind das umwerfend schöne, viel­deu­tige Aufnahmen; die Kame­ra­ar­beit hat der Regisseur persön­lich über­nommen.

Warten auf das Morgen­grauen

Tsai Ming-liangs letzter Film Days endete ebenfalls bei Nacht. An einer Halte­stelle saß da ein junger Mann, der nach einer Prosti­tu­tion kurz­zeitig so etwas wie Hoffnung mit sich trägt. Auf einer Bank wartet er, Erin­ne­rungen ziehen vorbei, kurz scheint alles möglich, bis doch das alte Spiel weiter­geht. »The Night« setzt das Stim­mungs­bild fort. Wieder sucht der Regisseur nach Wartenden, die weder hier noch dort sind. In der Nacht, wenn die Sinne schon trüb werden, die Zeit langsamer zu vergehen scheint, stehen sie da ganz bei sich. Warten auf Verkehrs­mittel oder worauf auch immer. Ruhepole im Groß­stadt­dschungel, der sich in lautem Straßen­lärm in den Kinosaal ergießt. Ab und zu geht hinten jemand durch das Bild, hat es jemand eilig. Eine Frau geht mit einem Koffer vorbei. Eigent­lich ist »The Night« ein Action­film, trotz seiner gedehnten Einstel­lungen. Immer passiert etwas in seinen Bildern, selten gerät die Welt in Still­stand, nur einzelne Pole und Details sind da auszu­ma­chen, an denen die Kamera aus der Ferne hängen­bleibt. Lediglich unsere Blick und unsere Wahr­neh­mung sind es, die hier entschleu­nigt und damit geschärft werden. Tsai Ming-liangs Kurzfilm sucht in den kleinen Fein­heiten die Unter­bre­chung des urbanen Alltags. Eine ungeheure Melan­cholie spricht wieder aus diesem vermeint­lich unschein­baren, kleinen Werk. Fast immer handeln Tsais Filme von welchen, die in der Stadt zu Grunde gehen, an ihrem Allein­sein zerbre­chen. »The Night« zieht das als großar­tige Orts­er­kun­dung auf.

Die Struk­turen der Stadt

Da stehen sie, die Einsamen und Anonymen. Im Hinter­grund hängen Rekla­me­schilder, ausgehöhlte Konstrukte aus Plastik. In grellem Neon wollen sie Menschen zu sich locken. Mitt­ler­weile sind sie aller­dings nur noch leere Kulissen, die mensch­li­chen Geschichten im Vorder­grund blicken flüch­tigen Bewe­gungen entgegen. Viel­leicht einem Ausbruch oder schlicht einem Heim­kehren, bevor man sich wieder in das tägliche Hams­terrad begibt. Eine Ampel springt auf Grün, doch keiner kommt.
Das ist auch ein Film, der die städ­ti­sche Ordnung an sich erforscht. In all den Schildern, Zeichen, Lichtern und Bewe­gungs­mit­teln, in der Geometrie. Personen werden in ihren Propor­tionen von totem, riesigem Material über­schattet. Man denkt an Walter Benjamins Einbahn­straße, wenn man in Tsai Ming-liangs stati­schen Totalen immer wieder an kleinen Ausschnitten verharrt, die wieder neue Asso­zia­tionen in Gang setzen. Der nächt­liche Zeitpunkt erlaubt dieses schwel­ge­ri­sche Sehen als Zäsur im Gewohnten. Im Aufsuchen ruhigerer Orte sinniert man über die Räume und Struk­turen, die der Mensch da geschaffen hat. Wie chaotisch sich manches in dieser Ordnung über­la­gert!

Ein melan­cho­li­sches Liebes­lied läutet das Ende der Nacht ein, ähnlich wie in Tsai Ming-liangs Kinohymne Goodbye, Dragon Inn. Zum Schluss verharrt »The Night« auf der Scheibe eines Bahn­hofs­tun­nels. Offenbar alte Plakat­reste kleben dort wüst über­ein­ander. Abge­rissen; nur noch Spuren, die unbe­kannte Geschichten aus der Vergan­gen­heit erzählen und bald von neuen überklebt werden. Dahinter fließt der Verkehr, die Zeit verrinnt unauf­haltsam weiter.

Spielzeug für Erwach­sene: Radu Judes Plastic Semiotic

Das Montieren von stati­schen Tableaus und Zustands­er­kun­dungen findet man auch im neuen Kurzfilm des frisch­ge­ba­ckenen Berlinale-Gewinners Radu Jude (Bad Luck Banging or Loony Porn), der in Venedig (wie »The Night«) außer Konkur­renz lief. »Plastic Semiotic« ist ebenfalls ein Werk, das sich in Momente des Still­stands begibt. Im Vergleich zu dem melan­cho­lisch-schwel­ge­ri­schen Doku­men­tar­film »The Night« ist »Plastic Semiotic« aller­dings eher eine irrwit­zige Polemik – darin ist Radu Jude sowieso ein Meister. Der lebendige Mensch inmitten von totem Material ist hier als solcher gar nicht mehr zu finden. »Plastic Semiotic« erforscht die Welt des Spiel­zeugs. Unzählige Spiel­fi­guren, Puppen­stuben und Minia­turen hat Radu Jude in seinem Film zusam­men­ge­tragen, die er nun mit kind­li­cher Freude vor der Kamera aufstellt.

Jude ist ein begna­deter Monteur. Wenn er in Uppercase Print etwa Propa­gan­da­fern­sehen zusam­men­schneidet oder in Bad Luck Banging or Loony Porn mit einem Alphabet die Gegenwart seziert, dann läuft er zu Höchst­form auf. Die Idee, die »Plastic Semiotic« nun zu Grunde liegt, ist ebenso simpel wie genial. Von Kind­heits­tagen bis zum hohen Alter ist dieser Film struk­tu­riert. In verschie­denen schlag­licht­ar­tigen Szenen baut Jude Szenen des Lebens mit Spielzeug nach. 22 Minuten geht das so. In manchen Momenten voller Wahnwitz, infantile Anarchie eben. Die Eiskö­nigin trällert ihren Disney-Ohrwurm Let It Go und umkreist im blin­kenden Kleid eine Hulk-Figur: Szenen aus dem Franchise-Wahnsinn. Barbie-Puppen stellen ihre grotesken Körper­bilder zur Schau. In anderen Momenten psycho­lo­gi­sche Abgründe: Leichen in einem dreckigen Bade­zimmer. Irgend­wann folgt eine Reihe an aufge­bauten Selbst­mord­sze­na­rien. Eine Fami­li­en­szene, bei der Eltern und Groß­el­tern als verstö­rende Horror­puppen aufge­stellt sind. Schwarze erscheinen als rassis­ti­sche Stereo­type.

Auf dem Trep­pen­auf­satz in einer Puppen­stube steht ein Kind neben einem Gorilla. Plötzlich erwacht das Bild zum Leben, die Tierfigur boxt das Kind die Treppe hinab. Da lauert ein über­ra­schender, pech­schwarzer Humor in Judes Kurzfilm. Das Spielzeug erhebt sich gegen den Menschen, offenbart sein destruk­tives und aufbre­chendes Potential. Zugleich ist es nur gesell­schaft­li­cher Fortsatz. Jude zeigt auf beein­dru­ckende Weise, wie sich Ideo­lo­gien in all diese Berge an Plastik, Gummi und Holz einschreiben. An die Kinder wird es weiter­ge­reicht, die mit diesen Welt­bil­dern unbewusst aufwachsen. In Venedig hat man den Film vor der Western-Doku Django & Django gezeigt. Eine etwas eigen­ar­tige Wahl, aber nun gut, auch dort ging es in gewisser Weise um ein ideo­lo­gie­kri­ti­sches Denken.

Eine verstö­rende Toy Story

Vom naiven Spaß mausert sich »Plastic Semiotic« zum Horror­film. Kriegs­spiel­zeug rückt in den Fokus. Das Feindbild des barba­ri­schen Indianers wird da gezeigt, dem sich noble Western­helden entge­gen­stellen. Ein Soldat schießt sich später selbst in den Schädel. Radu Jude gelingt mit der vergrößerten Darstel­lung ein beein­dru­ckender Kipp­ef­fekt. Minia­turen erscheinen plötzlich in Über­le­bens­größe, der Kame­ra­blick offenbart deren meist unbequeme Wahrheit. In seinen Mythen des Alltags hatte der Semio­tiker Roland Barthes Spiel­sa­chen lediglich als verklei­nerte Repro­duk­tion von Dingen und Phäno­menen aus der Welt der Erwach­senen beschrieben. Fantasie und Schöp­fertum weichen bloßer Benutzung und Nach­ah­mung, wie man aus Barthes‘ Text heraus­lesen kann. Radu Jude übersetzt solche Gedanken in eine clevere filmische Form, indem er uns Auge in Auge mit unseren künst­li­chen Eben­bil­dern und Kari­ka­turen konfron­tiert und sie in Alltä­g­lich­keiten in Szene setzt. Er reißt diese Momente aus der Realität, verfremdet sie zu Produkten und lässt sie wieder zum Leben erwachen. Es erlaubt uns, klar zu sehen.

Zugleich zeigt Jude, wie der Film dem etwas entge­gen­setzen kann. Figuren und Objekte werden zweck­ent­fremdet und neu zusam­men­ge­setzt. Puppen arran­giert der rumä­ni­sche Regisseur in sexuellen Orgien, Pinocchio pene­triert einen Mann mit seiner Nase. Wo altba­ckene Körper­bilder repro­du­ziert werden, sucht Judes Insze­nie­rung nach Befreiung und Ausschwei­fung, aber auch nach Schock. Der Regisseur raubt den Spiel­sa­chen eine Unschuld, die sie nie besaßen. Die Melan­cholie, die Tsai Ming-liangs Kurzfilm innewohnt, verwan­delt sich hier derweil in eine bitter­böse Abrech­nung. Das Spiel neigt zum Apoka­lyp­ti­schen. Der Blick auf den Zeit­ver­treib der Heran­wach­senden führt zum Versagen in der grausamen, rück­s­tän­digen Weltsicht ihrer Erzeuger. In einer Kahl­schlag-Geste werden immer mehr dieser frag­wür­digen Spiel­zeuge in den symbo­li­schen Selbst­mord getrieben. Schlichtes Entsorgen in der Mülltonne wäre auch nicht filmisch genug! Irgend­wann bevölkern nur noch Plas­tikro­boter die Szenerie. Zwischen­drin steht ein Dino. Man ist sich nicht sicher, ob es sich um eine Dystopie oder Utopie handelt.