02.09.2021

»Corriger la Fortune!«

Madres paralelas
Pedro Almodóvar eröffnet mit Madres paralelas
(Foto: BIENNALE CINEMA 2021 Press Service)

Auf dem lässigsten Festival der Welt: Am Mittwochabend eröffneten die Filmfestspiele von Venedig – der Festivalbetrieb kehrt zur Normalität zurück – Notizen aus Venedig, Folge 1

Von Rüdiger Suchsland

»Alles, was geschieht, geschieht jetzt, plötzlich, in diesem Augen­blick.« – Karl Heinz Bohrer

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Das geht ja gut los: Parallele Mütter heißt übersetzt der neue Film von Pedro Almodóvar, den man am Lido von Venedig heute Abend zur Eröffnung zeigt. Einmal mehr erzählt das spanische Regie-Enfant-Terrible offenbar alles über Mütter. Die Haupt­rolle spielt jeden­falls seine Lieb­lings­schau­spie­lerin und Muse Penélope Cruz.

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Muse – darf man das noch sagen? Hoffent­lich... Aber auch egal. Schon mit diesem Auftakt bietet sich dann jeden­falls gleich die Gele­gen­heit, über ein weiteres Lieb­lings­thema der inter­na­tio­nalen Film­ge­meinde zu debat­tieren: »Netflix«, genauer gesagt ganz allgemein die Macht der inter­na­tio­nalen Streaming-Dienste, der neuen Player im lange gemüt­li­chen Karp­fen­teich der Branche. Und über die Rolle, die diese neuen Akteure, die noch irgendwo im Brachland zwischen Produ­zenten, Verlei­hern und Kino­be­trei­bern ihre Rolle suchen, in Zukunft spielen werden – erst recht, nachdem die Lein­wand­welt während der Corona-Pandemie durch das höchst einsei­tige Regie­rungs­han­deln zu Lasten der nicht staatlich alimen­tierten Kultur gehörig durch­ein­an­der­ge­wir­belt und getroffen wurde.

Die Mostra von Venedig ist schon seit Jahren offen für diese neuen Player, und macht damit genau das Gegenteil von dem, was der große Konkur­rent in Cannes in den letzten Jahren tat: Man zeigt Toleranz und Offenheit und macht damit zunächst einmal an der Ober­fläche ganz klar Terrain gegenüber dem großen Konkur­renten gut. Zugleich öffnet man aber auch eine Flanke – denn noch ist nicht klar, ob man die Geister, die man rief, auch wieder loswird, wenn das irgend­wann nötig werden sollte. Und erst recht nicht klar ist, wie sich das Kino eigent­lich durch den Einfluss der Streamer verändert hat.

Ande­rer­seits geht es eben auch in Venedig um das Kino, nicht um kleinere Bild­schirme und Displays. Es geht um Filme, die Menschen mit verschie­densten Geschmä­ckern und Inter­essen verbinden, die auf der großen Leinwand ihre wirkliche Wirkung zeigen, und die ein welt­weites Publikum zu fesseln verstehen.

Der Mostra von Venedig ist es in den letzten Jahren insbe­son­dere gelungen, die wich­tigsten Filme aus Hollywood an den Lido zu holen.

Der am heißesten erwartete vermut­liche Welthit dieses Jahres ist Dune vom kana­di­schen Regisseur Denis Ville­neuve.
Diese Verfil­mung eines kultigen Science-Fiction-Fantasy-Romans aus den 70er Jahren läuft außer Konkur­renz, hofft aber durch die Premiere auf Anschub­hilfe für das kommende Oscar­rennen, auf das sich der US-Betrieb jedes Jahr mehr zu fixieren scheint.

An den kommenden 12 Tagen geht es dann im Wett­be­werb von 21 Filmen um Goldene und Silberne Löwen, und in den Neben­reihen um die Aufmerk­sam­keit des inter­na­tio­nalen Publikums.
Insgesamt laufen über 120 Filme in vier Sektionen.

Da kann man sich auf vieles freuen: Die Film­fest­spiele von Venedig, 1932 gegründet, sind nicht nur das älteste, sondern auch das lässigste Film­fes­tival der Welt.

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Die »Mostra de Cinema«, wie die Kino-Biennale offiziell heißt, hat seit jeher einen ganz eigenen Charakter: Wo Cannes unan­ge­fochten für die feine Haute Cuisine des Autoren­kinos steht und die Berlinale ein lautes, oft vulgäres Volksfest ist, da reprä­sen­tiert Venedig einen gelas­senen, entspannten, heiteren Umgang mit der Kunst des Kinos, einen Umgang, der lebens­froh ist, und es nicht nötig hat, verkrampft auf Locker­heit zu machen, und wo man sich selbst­ver­ständ­lich für den roten Teppich gut anzieht, aber ande­rer­seits nie wie in Cannes auf den Gedanken käme, einen Gast, der seine Indi­vi­dua­lität ausge­rechnet mit zerris­senen Turn­schuhen belegen muss, vor dem Kino abzu­weisen.

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Entspre­chend leichtes, aber gleich­wohl hoch­an­spruchs­volles Kino verspricht der Italiener Paolo Sorren­tino, der Chilene Pablo Larraín, die Austra­lierin Jane Campion, der US-Ameri­kaner Paul Schrader – um nur einige der Filme­ma­cher im Wett­be­werb zu nennen. Ich selbst freue mich besonders auf den neuen Film der Iranerin Ana Lily Amirpour.

Das alles sind große Namen, und viele von ihnen hätte man sich ebenso in Cannes vorstellen können. Manche hat man dort erwartet. Aber unter ihrem Direktor Alberto Barbera, der 2021 bereits im zwölften Jahr amtiert – so lange wie noch keiner seiner Vorgänger! –, hat es Venedig geschafft, mit Cannes auf Augenhöhe zu konkur­rieren.

Eine Fest­stel­lung, die schon zum Auftakt opti­mis­tisch stimmt für die kommenden knapp zwei Wochen. Denn die tröst­liche, in der scheinbar fest­ge­fügten Filmwelt fast revo­lu­ti­onäre Botschaft dieser Entwick­lung lautet: Die Festi­val­land­schaft ist verän­derbar; Festivals wie Filme können sich frei machen von allen Zuschrei­bungen.

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Auch die Gesell­schaft ist verän­derbar; jeder einzelne kann sich jederzeit, jetzt, hier, frei machen von allen Zuschrei­bungen. »Corriger la fortune« nennt das Thomas Mann, der zu Venedig bekann­ter­maßen seine ganz eigene Beziehung hatte, in seinem Roman über die Bekennt­nisse des Hoch­stap­lers Felix Krull, also »das Schicksal korri­gieren«.
Auf Deutsch: Die Welt will betrogen sein.
Andere Film­fes­ti­vals könnten sich daran ein Beispiel nehmen.