09.09.2021

Spring Breakers in Venedig

Atlandide
Das unendliche Glück eines endlosen Sommernachmittags der Jugend
(Foto: BIENNALE CINEMA 2021 Press Service)

Das echte Leben der Menschen der Lagune: Der großartige Film »Atlantide« – Notizen aus Venedig, Folge 3

Von Rüdiger Suchsland

»I did what I could. And I think I did not do it so badly.« – Diego Maradona

»Was ist modern? Die Antwort ›Thomas Mann‹ war 1973 keine Antwort mehr. Nabokov hat über Mann mit bösar­tigem Sarkasmus von ›Ideen­li­te­ratur‹ gespro­chen. Und was er damit meinte, war nicht nur das dauernde Déjà-vu bei Mann, dass ständig mit Gelesenem koket­tiert wird, sondern dass überhaupt eine Literatur betrieben wird, die nicht von Einfällen, von vorher nicht bekannten Bildern lebt, ... Wieder­erken­nung von geis­tes­ge­schicht­li­chen Motiven als oberstes Ziel. Es ging also nicht um das diver­gie­rende und disku­tier­bare Geschmacks­ur­teil hier und da, sondern es ging um eine erkenn­bare tiefe Zurück­ge­blie­ben­heit der intel­lek­tu­ellen Menta­lität.« – Karl Heinz Bohrer

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Blau-Weiß leuchtet der Himmel über der Lagune, die Boote fahren schnell hinüber zum Lido, die Gischt, wo sie einen trifft, stört nicht, sondern erfrischt.

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Ein Sommer­nach­mittag. Die Musik ist von Sick Luke, bei dessen Namen die Saal­diener applau­dieren, und fortan den Maskenzwang Maskenzwang sein lassen, und lieber die Leinwand kontrol­lieren, als die Zuschauer.

Ein cooler Anfang; Bilder von ca. 12-14-jährigen in der Sonne, beim Baden, irgendwo am Lido in einer Boots­hal­te­stelle der Peri­pherie. Minu­ten­lang nur Bilder und Musik. Sommer, Jugend, Sex, Spaß, Wonne, Glück, das unend­liche Glück eines endlosen Sommer­nach­mit­tags der Jugend. Schöne Bilder, Herum­hängen.

Primär­farben domi­nieren: Blau, rot, gelb. Dazu gute Musik. Der italie­ni­sche Regisseur Yuri Ancarani entdeckt in seinem wunder­baren Orrizonti-Film »Atlantide« die Schönheit im Unvoll­kom­menen. Oder im Beiläu­figen: Der Ölfleck auf dem Wasser. Die Schatten der Bäume im Sonnen­un­ter­gang.

Theo­re­tisch ist das ein Doku­men­tar­film. Sehr nahe an den Prot­ago­nisten. Wir begleiten eine Handvoll Jugend­liche. Die Jungs fahren Speedboot. Gangster werden vorge­stellt, werden freund­lich betrachtet. Drogen werden stolz präsen­tiert, dann knattert man bei der Verfol­gungs­jagd mit der Guardia di Finanza den Poli­zei­booten davon. Die Freundin der Haupt­figur Daniele steht erst um 2 Uhr auf, hängt rum, kaut ihre Fingernägel, lässt sich dann künst­liche aus Plastik machen. Sie weiß nicht, was sie will.
Irgend­wann hat Daniele eine neue Freundin. Jetzt sehen wir Sex, die Kamera blickt auf ihr Gesicht. Alles erinnert an Larry Clark, Harmony Korine. Knutschen und Speedboot fahren. Spring Breakers in Venedig.

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Der Film zeigt in all seiner paradox mit Natu­ra­lismus kombi­nierten Künst­lich­keit das echte Leben der Menschen der Lagune. Todes­ah­nung und Morbi­dität wieder mal in Venedig. Der Alte am Anfang spricht es wie ein Omen aus: »Ihr werdet euch noch umbringen mit diesem Speedboot-fahren«.
Am Schluss läuft »Vivere« von Flavio de Luca.
Erst die Pres­se­kon­fe­renz schafft am Tag darauf Sicher­heit. Da steht Daniele quick­le­bendig auf der Bühne.

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Praktisch ist dies also ein Spielfilm, der aus doku­men­ta­ri­schen Elementen zusam­men­ge­setzt ist. Schil­lernde Unsi­cher­heit, aufre­gendes Kino.

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Vom Ende eines Sommers, also vom Zustand, den wir hier alle erleben, und vom Speed­boot­fahren, diesmal im Golf von Neapel, erzählt auch Paolo Sorren­tino. Aber wie anders!

Sorren­tino erzählt anek­do­ten­haft von einem jungen Mann der 1986, in dem Jahr, in dem Diego Armando Maradona die Hand Gottes war und für den SSC Neapel spielte, 16 Jahre alt war, also genauso alt wie Sorren­tino selbst, der auch aus Neapel stammt und wie Sorren­tino will der junge Mann, der Flavio heißt, Film­re­gis­seur werden. Viel­leicht müssen wir ihn uns also als Alter Ego des Regis­seurs vorstellen.
Das wäre immerhin inter­es­sant. In diesem Sommer sterben die Eltern von Flavio an einem Auto­un­fall. Besonders schwer­wie­gende Folgen hat es aber nicht, der Sommer wäre sowieso zu Ende gegangen, und Flavio macht noch ein paar neue Gele­gen­heits­freund­schaften unter denen Drogen­schmugg­lern am Hafen.
Aber sonst? Was will uns der Regisseur erzählen?

Der Film ist wenigs­tens etwas leiser als andere von Sorren­tino. Aber wieder dieses Bündeln von Ekel­bil­dern, fette Menschen, Männer mit schlechten Händen und schmie­rigen Haaren, ein Mann, der nicht sprechen kann, der dafür eine Maschine benutzt und dessen Stimme wie die von einem verros­teten C3PO klingt.
Dazu groteske, vulgäre Dialoge, auffal­lend schlecht geschnitten und lang­weilig,

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Immerhin ein kluger Kommentar über Maradona: »Perse­ver­ance« sei seine Stärke gewesen. Immerhin sagt ein Regisseur: »Imagi­na­tion ist ein Mythos. You wanna have fun – that’s how you make Films.«
Und immerhin die Schau­plätze sind zum Teil erstaun­lich und oft schön.

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Man fährt hier, wenn es morgens zum Festival geht, eine lange pinien-gesäumte Straße am Strand entlang, zwischen den letzten Bade­gästen des Sommers, dem leer­ste­henden Hotel des Bais, in dem einst vor über 100 Jahren Thomas Mann zu seinem »Tod in Venedig« inspi­riert wurde, und wo Visconti dann ein halbes Jahr­hun­dert später dessen Verfil­mung drehte. Wieder ein halbes Jahr­hun­dert später erinnere ich mich noch an meine ersten Jahre am Lido, als im Hotel noch Festi­val­be­su­cher wohnten, und man Inter­views führte – zum Beispiel mit Ken Loach, dessen Trotz­kismus ihn nicht hinderte im 5-Sterne-Hotel zu wohnen.

Viele Festi­val­be­su­cher haben Fahrräder gemietet. Mit denen legt man am Tag mehrere Kilometer zurück auf dem sehr lang­ge­zo­genen Lido. Je nachdem zwischen 5 und 20 Minuten bis zu dem einem ehema­ligen Spiel­ca­sino, das noch so heißt, und wo die Vorführ­räume liegen und auch die Räume für die Pres­se­kon­fe­renzen. Auch für diese Pres­se­kon­fe­renzen muss man aber Karten buchen, weswegen ich zum Beispiel in diesem und dem letzten Jahr nicht eine einzige Pres­se­kon­fe­renz besucht habe. Sonst habe ich das immer gemacht, aber eben immer spontan, wenn gerade Zeit war oder wenn ich gerade Lust hatte nach dem Film noch etwas mehr über diesen zu erfahren. Mich aber fest darauf zu verpflichten, ist zu anstren­gend. Zumal man bei drei verpassten Terminen angeblich durch geringere Akkre­di­tie­rungs­chancen bestraft wird – was immer das heißt. Im Zwei­fels­fall kann man in Italien auch die Frage stellen, wie genau es mit dieser Strafe dann wirklich genommen wird.

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Um das Casino herum läuft eine pene­trante Bunga-Bunga-Musik, die je nach augen­blick­li­cher Geis­tes­ver­fas­sung schwer bis überhaupt nicht erträ­g­lich ist. Jeden­falls richtig schreiben kann ich dort nicht.

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Ein früher Vorläufer von »Atlantide« ist übrigens Agostino von 1962 nach einer Moravia-Vorlage. Er stammt von Mauro Bolognini, auch so einem verges­senen italie­ni­schen Kino-Meister.