16.01.2020

Mehr als Meer: Mittelmeer

La Mer du Milieu
La mer du milieu von Jean-Marc Chapoulie (Foto: FID Marseille, Chapoulie)

Die 12. Mittelmeerfilmtage München umkreisen den mediterranen Raum in 24 Filmen

Von Wolfgang Lasinger

Mit 24 Filmen und einem gehalt­vollen Begleit­pro­gramm mit Vorträgen, Ausstel­lung und Kunst­in­stal­la­tion nimmt es sich die 12. Ausgabe der Mittel­meer­film­tage ein weiteres Mal vor, diesen für Europa, Asien und Afrika so geschicht­sträch­tigen Kultur­raum durch Doku­mentar- und Spiel­filme aus den umge­benden Ländern im Kino lebendig werden zu lassen.

Die enorme Bedeutung des Mittel­meers als Begeg­nungs- und Erfah­rungs­raum, als Wirt­schafts-, Handels- und Konflikt­zone ist erstmals in der epochalen drei­bän­digen Studie »Das Mittel­meer und die medi­ter­rane Welt in der Epoche Philipps II.« von Fernand Braudel aus dem Jahr 1949 in ihrer ganzen Tragweite und Tiefe erfasst worden. Braudel begrün­dete eine Geschichts­schrei­bung der langen Dauer, der es weniger um die ereig­nis­be­tonte Historie der Haupt- und Staats­ak­tionen geht, sondern um die Menta­li­täten und Lebens­weisen der Menschen. In einem nicht so sehr natio­nal­po­li­tisch als geogra­phisch defi­nierten Kultur­raum.

Lebens­welten und Austausch

Und genau in dieser Weise kann man nun bei den Mittel­meer­film­tagen eintau­chen in Lebens­welten, in denen die Staats­grenzen als künst­liche Barrieren dem Bedürfnis der Menschen nach Kommu­ni­ka­tion, Austausch und Über­brü­ckung im Weg stehen. Begegnung der Indi­vi­duen und freie Entfal­tung der Einzelnen versucht sich gegen einschrän­kende Systeme von Ideo­lo­gien und Staats­dok­trinen zu arti­ku­lieren.

Entschei­dende Impulse für sein kultur­his­to­ri­sches Mittel­meer­in­ter­esse erhielt der aus Loth­ringen stammende Braudel in seinen Jahren als Lehrer in den alge­ri­schen Küsten­s­tädten Constan­tine und Algier.
Und genau dorthin, nach Algier, geht es mit dem Eröff­nungs­film Papicha (Do, 16.01., 19:00, Carl-Orff-Saal, Wieder­ho­lung Sa, 18.01., 18:30, Carl-Amery-Saal). Im Algerien des soge­nannten »schwarzen Jahr­zehnts«, den 1990er Jahren, erstickten isla­mis­ti­sche Grup­pie­rungen das gesell­schaft­liche Klima zunehmend, der Staat reagierte seiner­seits mit Einschrän­kugen der Frei­heiten.
Der erste Spielfilm der bislang mit doku­men­ta­ri­schen Repor­tagen hervor­ge­tre­tenen Mounia Meddour erzählt von den Bemühungen der Heran­wach­senden Nedjma, sich zwischen den Fronten der Repres­sion mit ihren Selbst­ver­wirk­li­chungs­wün­schen als Frau zu behaupten. Mit einer Moden­schau an ihrer Univer­sität trotzt sie den Wider­ständen, und mit der Inten­sität einer dicht an den Figuren filmenden, sehr beweg­li­chen Kamera vermag die Regis­seurin ihrem Spielfilm doku­men­ta­ri­sche Leben­dig­keit einzu­hau­chen. Die Brisanz dieses neuen Films mit einem Thema aus den 90er Jahren zeigte sich daran, dass die geplante Premiere in Algerien von den offi­zi­ellen Stellen nicht genehmigt wurde.

Ein weiterer Film aus Algerien, Jusqu'à la fin des temps (Until the End of Time) (So, 26.01., 20:30, Carl-Amery-Saal), ebenfalls von einer Regis­seurin, von Yasmine Chouikh, führt dann ins Landes­in­nere, in eine dörfliche Umgebung, wo es um einschrän­kende Tradi­tionen geht, gegen die die 60-jährige Johar aufbe­gehrt, wenn sie eine Zuneigung zu dem älteren Toten­gräber Ali fasst. Unter­schied­liche Milieus im gleichen Land, beides Mal der Kampf des Indi­vi­duums gegen Konven­tionen.

Herkunft und Begegnung

Ein zentraler Aspekt in mehreren Filmen ist die Begegnung der Kulturen verschie­dener Herkünfte: The Return (Fr., 17.01., 20:00, Carl-Amery-Saal) von Kastriot Abdyli lässt den jungen Albaner Iliri aus Maze­do­nien nach Frank­reich gehen und dort die Französin Sabine kennen­lernen: Er nimmt sie zu einem Besuch in sein Heimat­dorf mit, um dort die Hochzeit mit ihr zu feiern. Die ihm fremd gewor­denen archai­schen Fami­li­en­tra­di­tionen und die Lieb­schaft von früher machen die Rückkehr zum Aufein­an­der­prall zweier Welten.

Ein fremdes Land als zufäl­liger Ort der Begegnung zweier Frauen aus verschie­denen Ländern – das macht den beson­deren Reiz des Films Il se passe quelque chose (Something Is Happening) von Anne Alix aus (Di, 21.01., 20:30, Carl-Amery-Saal; Do, 23.01., 18:00, Carl-Amery-Saal). Die Bulgarin Irma und die Spanierin Dolores lernen sich in Südfrank­reich kennen und reisen gemeinsam durch die Provence, es ergibt sich ein sensibles Road-Movie, das Perspek­tiven und Lebens­ent­würfe verschiebt und neu justiert.

Flucht und Über­wa­chung

Ein Syrer auf der Flucht bleibt an der türkisch-grie­chi­schen Grenze stecken und sucht Unter­schlupf in einem einsamen Gehöft, wo ihn eine allein lebende Bäuerin aufnimmt: Die Rätsel um ihren verschwun­denen Mann lassen in dem türki­schen Film Kaçis (Die Flucht) von Kenan Kavut (Mo, 20.01., 20:30, Carl-Amery-Saal) eine geheim­nis­volle Atmo­s­phäre entstehen, die von unter­schwel­ligen Span­nungen und Sehn­süchten zehrt.

Während man in solchen narra­tiven Filmen mit den Figuren und ihren Lebens­ge­schichten konkrete Räume und Milieus erkundet, versucht Jean-Marc Chapoulie in La mer du milieu (Mittel­meer) (So, 19.01., 18:30, Carl-Amery-Saal) das Mittel­meer gewis­ser­maßen selbst zum Prot­ago­nisten zu erheben: als Ansprech­partner, dem von einem Kind scheinbar naive Fragen gestellt werden. Im Internet aufge­fun­denes Bild­ma­te­rial von Webcams und Über­wa­chungs­ka­meras zeigt dazu die austauschbar wirkenden Nicht-Orte der Häfen, Küsten, Strände, die das Mittel­meer als Rand umgeben. In dieser quasi-doku­men­ta­ri­schen Einkrei­sung eines nicht fassbaren Phänomens in der Mitte entsteht ein unbe­kanntes Objekt, das jeweils neu zu defi­nieren ist.

Jeder der Filme der Mittel­meer­film­tage leistet dazu seinen Beitrag, geogra­phisch, politisch, histo­risch, doku­men­ta­risch, erzäh­le­risch, poetisch oder auch komö­di­an­tisch und musi­ka­lisch.

top

12. Mittel­meer­film­tage
16.-26. Januar 2020

Ort: Gasteig, Carl-Amery-Saal und Carl-Orff-Saal (Eröffnung)
Eintritt: 7€ (ermäßigt 5€); Kinder­film 3€ (Erwach­sene: 4€)
Vortrags­reihe Eintritt frei, Anmeldung per E-Mail
Pixel (Vortrags­reihe, Party, Foto­aus­stel­lung, Kunst­in­stal­la­tion)

Rahmen­pro­gramm:
So 19.01. 16:00 Uhr Lesung »Unser Meer der Sehnsucht«
Do 23.01. 18:00-22:00 Uhr Vortrags­reihe »Ein flüssiger Kontinent« – Panel 1
Sa 25.01. 18:00-22:00 Uhr Vortrags­reihe »Ein flüssiger Kontinent« – Panel 2
Sa 25.02. 22:00 Uhr Party

Eine Veran­stal­tung der Filmstadt München e.V. in Koope­ra­tion mit der Münchner Stadt­bi­blio­thek, LMU München, Centro Catala de Munic, Instituto Cervantes, Institut Français München, Istituto Italiano de Cultura, Besa Foun­da­tion, Pixel, Landes­haupt­stadt München Kultur­re­ferat