28.11.2019

Jeder sucht sein Kätzchen

Einsam zweisam
Sich selbst umarmen: Der neue Film von Cédric Klapisch

Die französische Filmwoche verlässt zum ersten Mal Berlin und kommt endlich nach München, in die Wiege der deutsch-französischen Filmbeziehungen

Von Dunja Bialas

Erinnert sich noch jemand an die Zeiten von »Cicim«? Unter dieser Formel fand ein Gemein­schafts­pro­jekt des Institut français de Munich mit dem Goethe-Institut in Paris statt, um die »deutsch-fran­zö­si­schen Film­be­zie­hungen«, wie es im Jubiläums­band der beglei­tenden Zeit­schrift 1991 im Vorwort heißt, zu stärken. Abge­halten wurden in der Glanzzeit eigene Film­reihen, die teilweise in berückend rotsti­chigen Kopien die fran­zö­si­sche Film­ge­schichte im Original zeigten. Die frühen Filme von André Téchiné konnte man da sehen, zum Beispiel Pauline s'en va, der sich als besonders großartig und rotsti­chig erwies und nach­hal­tigen Eindruck hinter­ließ.

München war nicht nur wegen »Cicim« eine besondere Anlauf­stelle für den fran­zö­si­schen Film. Walter Kirchner hatte ab den 1950er Jahren mit seinem Verleih »Neue Filmkunst« die fran­zö­si­schen Filme der Nouvelle Vague in Deutsch­land bekannt gemacht, das von ihm gegrün­dete Kino Theatiner Filmkunst in München, seit 1975 von Marlies Kirchner geführt, macht möglich, dass fran­zö­si­sches Kino im Original in Deutsch­land beste Einspiel­ergeb­nisse hatte.

Seit 19 Jahren gibt es in Berlin die fran­zö­si­sche Filmwoche. Erstmals findet sie nun auch in München statt. Es wurde, vor dem Hinter­grund der Bedeutung Münchens für die »deutsch-fran­zö­si­schen Film­be­zie­hungen«, auch höchste Zeit. Allein mit dem Haupt­stadt­status von Paris und Berlin kann entschul­digt werden, dass die Filmreihe mit aktuellen fran­zö­si­schen Produk­tionen, die viel­leicht nie in Deutsch­land ins Kino kommen, bislang nicht in München zu sehen war.

Die erste Münchner Ausgabe startet mit einem verklei­nerten Programm, das diesen Mittwoch stan­des­gemäß im Theatiner mit dem Film Hors normes (Alles außer gewöhn­lich) feierlich eröffnet wurde. Weiter geht es am heutigen Donnerstag mit L’incroyable histoire du facteur Cheval (Ideal Palace) von Nils Tavernier, Sohn von Bertrand Tavernier, der seit den späten 1990er haupt­säch­lich Doku­men­tar­filme macht und jetzt seinen dritten Spielfilm vorlegt. In dem Film geht es, wie der fran­zö­si­sche Titel verrät, um einen ritter­lich veran­lagten Postboten namens Cheval (fran­zö­sisch für »Pferd«), der für seine geliebte Philomena und die gemein­same Tochter einen Palast errichtet. Die Handlung ist ange­sie­delt Ende des 19. Jahr­hun­derts und geht zurück auf den echten Ferdinand Cheval, seines Zeichens Brief­träger und Luft­schloss­bauer. Den idealen, surreal anmu­tenden Palast hat er tatsäch­lich gebaut. So ist in Frank­reich selbst die Realität träu­me­risch-märchen­haft, zugleich fährt der Film mit kleinen Remi­nis­zenzen an den berühm­testen Brief­träger der fran­zö­si­schen Film­ge­schichte auf, den Jacques Tati in Jour de fête erfunden hat. (Donnerstag, 18:15)

In Vorpre­miere ist am Freitag der neue Film von Cédric Klapisch (Der Wein und der Wind) zu sehen. Deux moi (Einsam Zweisam) ist eine Fort­schrei­bung seines Nach­bar­schafts­films ...und jeder sucht sein Kätzchen (1996). Zwei Singles leben unbemerkt vonein­ander in einem Haus in Paris. Wo früher ein entlau­fenes Kätzchen dafür sorgte, dass man aufein­ander aufmerksam wurde, blickt jetzt jeder für sich isoliert in die virtuelle Welt. (Freitag, 18:15)

Einen Ausflug nach Frank­reich hat sich der japa­ni­sche Regisseur Hirokazu Koreeda (Shoplif­ters) erstmals in La vérité gegönnt. Anders als sein südko­rea­ni­scher Regie­kol­lege Hong Sang-soo, der für Isabelle Huppert einen Urlaub in Asien erfand, um sie in einem seiner Filme (In einem fremden Land) mitspielen zu lassen, schrieb Hirokazu ein Pariser Drehbuch für Catherine Deneuve, in der er sie – charmant-unchar­mant – eine ältere Leinwand-Ikone spielen lässt, deren Tochter (Juliette Binoche) zur Memoi­ren­ver­öf­fent­li­chung aus New York nach Paris zurück­kehrt. La vérité ist der erste gemein­same Auftritt dieser beiden großen fran­zö­si­schen Actricen in einem Film. (Sonntag 18:15)

Hier­zu­lande wenig bekannt ist die Regis­seurin Catherine Corsini, deren neuer Film Un amour impos­sible am Montag gezeigt wird. Er erzählt die Lebens­ge­schichte von Rachel, einer Büro­an­ge­stellten, die sich in den späten Fünf­zi­ger­jahren in Philippe verliebt und das gemein­same Kind wegen unüber­brück­barer Stan­des­dif­fe­renzen alleine aufzieht. Eine Geschichte, wie sie viele Frauen, nicht nur in Frank­reich, erlebt haben. (Montag, 18:15)

Film­ge­schichte gibt es außerdem. Ganz aktuell mit dem persön­li­chen Doku­men­tar­film Varda by Agnès wird der letzte Film der dieses Jahr verstor­benen Doku­men­tar­fil­me­ma­cherin Agnès Varda gezeigt. Die Projekte, Einflüsse und Wegge­fährten der großen Regis­seurin ziehen während des Films in einer Zeitreise vorüber. (Sonntag 18:15)

Louis Malles Film­klas­siker Zazie dans le métro hat den gleich­na­migen Roman von Oulipo-Autor Raymond Queneau welt­berühmt gemacht. Philippe Noiret lässt sich hier als mürri­scher Onkel von der frechen Göre Zazie narren, die Paris und die Film­spra­chen auf den Kopf stellt. (Samstag, 14:00)

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1. Fran­zö­si­sche Filmwoche München
27.11.-4.12.2019

Theatiner Filmkunst
Weitere Filme:
100 kilos d’étoiles (100 Kilo Sterne) von Marie-Sophie Cambon (Dienstag, 18:15)
Vif-argent (Der flüssige Spiegel) von Stéphane Batut (Mittwoch, 18:15)