21.11.2019

Folge der Eidechse

MONOS
Alejandro Landes' Monos eröffnet »Lafita«

Die »Lateinamerikanischen Filmtage« (Lafita 2019) in München zeigen brachiales Erzählkino, das sich sein eigenes Blockbuster-Format definiert, und Autorenkino, das sich auf Arthouse seinen ganz eigenen Reim macht

Von Wolfgang Lasinger

Sie steckt nun im Logo der »Latein­ame­ri­ka­ni­schen Filmtage«, die Eidechse, das »i« in »Lafita«, das ist sie, und sie scheint sehr beweglich und quick­le­bendig.

Eröffnet wird mit Monos von Alejandro Landes, in Brasilien geboren, in Ecuador und Kolumbien aufge­wachsen. Der Film will sein Publikum umhauen, in die Knie zwingen, will es aufsaugen und wegblasen: Er erzählt von einer Gruppe von jugend­li­chen Rebellen, den „Monos“, die etwas von einer mili­tanten und terro­ris­ti­schen Sekte haben. Der Rückzug ins unzu­gäng­liche schroffe Hochland, die ameri­ka­ni­sche Ärztin, die sie als Geisel gefangen halten, die Armee, die ihnen auf den Fersen ist, die Flucht in den Regenwald, das alles ist in groben Zügen an der Geschichte der kolum­bia­ni­schen Unter­grund­or­ga­ni­sa­tion der FARC ausge­richtet.

Landes verleiht dem Stoff eine mythisch-archai­sche Grun­die­rung und lässt die voran­pre­schende Handlung als visuellen und narra­tiven Trip in eine Art Aben­teu­er­film übergehen. Reiße­ri­sche Effekte, wie man sie aus Action-Filmen kennt, bekommen hier plötzlich wieder eine ursprüng­liche Kraft. (26.11., 19:00, Instituto Cervantes).

Nuestro tiempo des Mexi­ka­ners Carlos Reygadas dagegen steht für avan­ciertes Autoren­kino, wie es in den frühen 2000er Jahren das latein­ame­ri­ka­ni­sche Kino insgesamt neu definiert hat. Mit Japón (2002) war Reygadas einer derje­nigen, der diese Renais­sance mit einlei­tete. Sein jüngster Film, den »Lafita« dieses Jahr in Wieder­auf­füh­rung zeigt, beweist, dass der Mexikaner längst auf Pfaden unterwegs ist, auf denen ihm niemand so schnell folgen kann. Der Meis­ter­re­gis­seur spielt mit seiner Eitelkeit, indem er sich selbst als Haupt­dar­steller in der Rolle des Vieh­züch­ters und Poeten Juan präsen­tiert. Der Groß­grund­be­sitzer und Groß­dichter steht dabei im Mittel­punkt eines Ehe- und Eifer­suchts­dramas mit Cowboys, in dem die weibliche Rolle auch noch von Reygadas' Ehefrau gespielt wird.

Männer, Pferde, Stiere und Autos: ein tiefer Einblick in den Motor­block eines durch die Land­schaft brau­senden SUV stellt dabei einen der wohl wahn­sin­nigsten Momente der jüngeren Film­ge­schichte dar. Pfer­de­stärken als Inten­si­täts­ge­ne­rator für eine Erzähl­ma­schi­nerie, in der Natur und Technik, Affekte und Triebe, Kino und Poesie neu zusam­men­mon­tiert werden. (So 01.12., 20:00, Werk­statt­kino)

Einfach Kino, Kino aus Latein­ame­rika: die Eidechse Lafita legt sich auf keinen Themen­schwer­punkt und auch auf keinen klaren Länder­fokus fest. Argen­ti­nien, eine der größten Film­na­tionen des Konti­nents, kann viel­leicht einen Punktsieg für sich bean­spru­chen: der Kurz­film­block »Narr­ar­gen­tina« etwa versam­melt fünf Kurzfilme aus diesem Land, darunter Shakti von Martín Rejtman, ein Regisseur, der für seine melan­cho­lisch-komischen Auslo­tungen der Groß­stadt­neu­ro­tiker von Buenos Aires bekannt ist. Der Regisseur Nicolás Suárez wird seinen Film Centauro aus der Pampa persön­lich vorstellen. (Fr 29.11., 18:00, Gasteig, Carl-Amery-Saal)

Aus Argen­ti­nien stammt der Doku­men­tar­film Konstruk­tion Argentina über die Spuren des Bauhaus­stils in Argen­ti­nien. (Fr 29.11., 20:30, Gasteig, Carl-Amery-Saal)
Auch einen Erzähl­film in Feature-Länge gibt es aus Argen­ti­nien: Brief Story from the Green Planet von Santiago Loza ist ein Roadmovie, das Science-Fiction und Realismus zusam­men­bringt. Ein außer­ir­di­sches Wesen wird von der Transfrau Tania durchs Land geleitet. Loza zeigte bereits mit Filmen wie Extraño (2003) oder Malambo, el hombre bueno (2018) einen am konkreten Wirk­li­chen orien­tierten Spürsinn, der Bezie­hungs­dramen in exis­ten­tiell-befremd­liche Dimen­sionen führt oder Natio­nal­my­then in fein­sin­nige Psycho­gramme übersetzt. Sich nun auf den Spuren eines Aliens durch die argen­ti­ni­sche Land­schaft zu begeben, eröffnet ihm weitere Facetten seines Landes. Loza ist hier wie einst Diego Lerman in Tan de repente (Aus heiterem Himmel, 2003) ein Meister der atmo­s­phä­risch-poeti­schen Balance, die unver­mutet ins Absurde zu kippen vermag. (Mi 27.11., 21:30 / Sa 30.11., 21:30, Werk­statt­kino)

Auf einen gemein­samen Nenner lässt sich Latein­ame­rika nicht ohne Weiteres bringen, die Mischung der Kulturen, die »culturas híbridas«, birgt auch dann Über­ra­schungen, wenn man vermeint­liche Ähnlich­keiten auszu­ma­chen meint. Zwei Filme bei »Lafita« bringen eine Culture-Clash zum Austrag. Migranten aus Haiti in Chile, das ist die doku­men­ta­ri­sche Grundlage für den fiktio­nalen Film Perro Bomba von Juan Cáceres. (Fr 29.11., 19:00, Werk­statt­kino)

Geradezu aber­witzig mutet die Geschichte in Luciér­nagas von Bani Khosh­noudi an: Ramin aus dem Iran hat es in die mexi­ka­ni­sche Hafen­stadt Veracruz verschlagen. Er ist schwul und vor Verfol­gung in seiner Heimat geflohen. Anschei­nend hat er sich bei der Wahl des Contai­ner­schiffes, auf dem er anheuerte, vertan. Warum er im Iran im Gefängnis war, will er erst mal nicht sagen, aus Angst vor der Schwu­len­feind­lich­keit der mexi­ka­ni­schen Macho-Kultur.

Ausge­rechnet in den Macho-Schwulen Guillermo mit den täto­wierten Mara-Tränen und der brutalen physi­schen Ausstrah­lung verliebt er sich dann. Das Driften zwischen den alltä­g­li­chen Nöten und den Sehn­süchten lässt ihn aber auch Soli­da­rität erleben. In der Tochter des Pensi­ons­be­trei­bers findet er eine Leidens­ge­nossin: sie hat genug von den Launen ihres Macho-Freundes, der für kurze Zeit aus den USA zurück­ge­kehrt ist.
Ein Film der Impres­sionen und der Verlo­ren­heit zwischen den Kulturen, von einem im Iran geborenen und in Texas aufge­wach­senen Regisseur, mitpro­du­ziert von der grie­chi­schen Attenberg-Regis­seurin Athina Rachel Tsangari. (Fr 29.11., 21:30 / Mo 02.12., 19:30, Werk­statt­kino)

Weitere ungeahnte Cross-over-Effekte kann man im zweiten Kurz­film­block »Altibajos« entdecken. Eduardo Williams entführt in Parsi anhand eines Gedichts von Mariano Blatt in die ehemalige portu­gie­si­sche Kolonie Guinea-Bissau in West­afrika. Dem Argen­ti­nier Williams war es schon mit El auge del humano (2016) gelungen, von seinem Heimat­land durch unter­ir­di­sche Kame­ra­tunnel und über Inter­net­kanäle nach Mosambik und auf die Phil­ip­pinen zu gelangen. Hier ist es der rhap­so­dische Text »No es« von Mariano Blatt, der Williams einen Bilder­wirbel entfachen lässt, der ins Kreol von Guinea-Bissau führt. Das Wort „parsi“ entspricht dort dem spani­schen „parece“ und bedeutet: es scheint. So entsteht ein Filmpoem, das in einem globalen optischen Schwin­del­ge­fühl die Grenzen des Sicht­baren auflöst. Aus demselben Kurz­film­block sei noch die hypno­ti­sche Land­schafts­studie Altiplano von Malena Szam hervor­ge­hoben. Auf 35mm gedreht, von unter­gründig knis­terndem Infra­sound vulka­ni­schen Ursprungs begleitet, führt diese expe­ri­men­telle Doku­men­ta­tion ins chile­ni­sche Hochland. Erdung und Verflüch­ti­gung werden hier auf film­ma­gi­sche Weise eins. (Mo 02.12., 19:00, Werk­statt­kino)

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Lafita 2019 – Latein­ame­ri­ka­ni­sche Filmtage
26.11.-02.12.2019

Instituto Cervantes (Eröffnung am 26.11., 19:00 Uhr)
Werk­statt­kino (Mi-Fr 19:00, 21:30 Uhr)
Gasteig, Carl-Amery-Saal (Fr 18:00, 20:30 Uhr)