11.07.2019

Iran an der Isar

CHICHEKA LULLABY
Deutschlandpremiere: Chicheka Lullaby

Auf dem 6. Cinema Iran zeigt der Medienkünstler Amirali Ghasemi Schätze aus seinem Filmarchiv

Von Leo Mayer

Früher waren Filme aus Iran Geheim­tipps unter Cineasten. Seit ein paar Jahren räumen die Produk­tionen nicht nur auf Festivals Preise ab. Sie begeis­tern auch ein wach­sendes Publikum in ganz Europa. Kein Wunder, dass Jafar Panahi, Abbas Kiaro­stami, Mohsen Makhmalbāf und Majid Majidi zu den Prot­ago­nisten des zeit­genös­si­schen Kinos zählen. Wer neugierig ist, was der Iran außer diesen Groß­meis­tern filmisch zu bieten hat, der hat großes Glück.

Vom 12.-14. Juli 2019 lädt CINEMA IRAN zum 6. Mal ein, das Land aus einer Vielzahl cine­as­ti­scher Perspek­tiven kennen­zu­lernen. In diesem Jahr steht die Metropole Teheran im Mittel­punkt.
Doku­men­tar­filme stellen die Geschichte der Stadt vor und archi­tek­to­ni­sche Perlen. Kurz- und Expe­ri­men­tal­filme porträ­tieren die Stadt- und Jugend­kultur.
In Spiel­filmen wird die Großstadt mit ihren zahl­rei­chen, teilweise wider­sprüch­li­chen Facetten selbst zur Prot­ago­nistin.

Erstmalig koope­riert das Festival mit einem Partner aus Iran. Der unab­hän­gige Kurator, Medi­en­künstler und Grafik­de­si­gner Amirali Ghasemi hat für CINEMA IRAN das Programm zusam­men­ge­stellt und wird bei den Vorfüh­rungen anwesend sein.

Eröffnet wird das Festival mit Scenes from the life of a detective (Iran 2017-2019, 80 Min., Persisch mit engli­schen UT) von Alireza Rasou­li­nejad. In dem expe­ri­men­tellen Spielfilm streift ein Flaneur, Behrad, ziellos durch Teheran auf der Suche nach urbaner Schönheit. Als Film Noir Fan nimmt er den Auftrag, eine schöne, unbe­kannte Frau als Detektiv zu beschatten gerne an, zumal er sowieso gerade einen Job und Geld braucht. Seine Schwester Sara, sein Nachbar, ein Psycho­ana­ly­tiker, aber auch Hamid, der Film­kri­tiker, finden Behrads Verhalten rätsel­haft und heften sich an seine Fersen. Scenes from the life of a detective bietet ein viel­schich­tiges, ästhe­ti­sches, durch und durch reiz­volles Spiel über Städte und Cine­philie, über die Femme Fatale und die spröde Schöne Teheran. Der Regisseur wird zur Deutsch­land­pre­miere in München erwartet. Fr., 12.7., 20:30 Uhr, Carl-Amery-Saal, Gasteig.

In Alireza Rasou­li­ne­jads Exteriors (Iran 2004, 70 Min., Persisch mit engli­schen UT) lädt ein Mann zwei jüngere Neffen zu sich ein. In der Wohnung finden die jungen Männer diverse Notizen. Zu Woody Allen, zur zeit­genös­si­schen Archi­tektur, zur Film­in­dus­trie. Außerdem einen nicht fertig­ge­stellten Doku­men­tar­film. Ausgehend von ihren Entde­ckungen drehen die beiden Neffen einen Expe­ri­men­tal­film.
Die Video Diaries (Iran 2004, 6:22 Min., Persisch mit engli­schen UT) sind ein Lang­zeit­pro­jekt, das Amirali Ghasemi 2001 ange­fangen hat. Die Urfassung von 2002 war ein 17-minütiger Loop von 47 doku­men­ta­ri­schen Kurzclips. Gezeigt werden neben privaten Räumen auch Cafés, Galerien und Kuns­tate­liers. Die gezeigte Fassung ist eine Über­ar­bei­tung, die in vier Split-Screens Schnapp­schüsse aus dem Leben des Künstlers zeigt, der mit Anfang 20 am Beginn seiner Karriere steht. Der Sound­track stammt vom deutschen Dub-Techno-Musiker Stefan Betke alias Pole. Freitag, 12.07.,18 Uhr, Carl-Amery-Saal, Gasteig.

Residents of One-Way Street (Iran 2015, 72 Min., Persisch mit engli­schen UT) von Mehdi Bagheri porträ­tiert eine Straße und liefert faszi­nie­rende Einblicke in die Geschichte ihrer ehema­ligen Bewohner. Die Straße des 30. Tir – Tir ist der vierte Monat des irani­schen Kalenders – läuft in Nord-Süd-Richtung durch das Stadt­zen­trum Teherans und verbindet den Park-e Shahr im Süden mit der Jomhoori Avenue im Norden.
Vor der Revo­lu­tion trug die Straße den Namen des Poli­ti­kers Qavam Ol-Saltaneh. Nach der Revo­lu­tion erhielt sie ihren derzei­tigen Namen und erinnert an die Todes­opfer des 30. Tir 1331 (entspricht dem 21. Juli 1952). Dutzende Demons­tranten wurden getötet als sie gegen die Ernennung Qavam Ol-Saltanehs zum Premier­mi­nister protes­tierten und sich für den zurück­ge­tre­tenen Premier­mi­nister Mohammad Mossadegh einsetzten, der sich für die Verstaat­li­chung der Ölin­dus­trie einge­setzt hatte.
Die Straße des 30. Tir führt durch eines der ältesten Quartiere der Stadt. Hier lebten einst Armenier, Christen, Juden, Muslime und Zoro­as­trier Seite an Seite. Heute bleiben davon nur Erin­ne­rungen und Fotoalben.
Auch Pirouz Kalan­taris Reading Salinger In Park-E Shar (Iran 2011, 29 Min., Persisch mit engli­schen UT.) ist eine Zeitreise. Diesmal basiert sie auf persön­li­chen Erfah­rungen des Regis­seurs. Die Vergan­gen­heit verschmilzt poetisch mit Bildern aus der Gegenwart des Stadt­parks, der im alten Zentrum Teherans liegt.
Der Filme­ma­cher liest eine von Salingers Erzäh­lungen, während er auf einer Bank sitzt. Eine weibliche Hand legt ein Päckchen auf die offenen Seiten des Buchs. Die Hand eines Jungen nimmt es wenig später auf. Aufstei­gende Erin­ne­rungen dienen zum Anlass, sich durch Teheran treiben zu lassen. Samstag, 13.07., 18 Uhr, Carl-Amery-Saal, Gasteig.

In Statues of Tehran (Iran 2008, 60 Min., Persisch mit engl. UT) ergründet Bahman Kiaro­stami die Funktion der Statuen und Monumente, die auf Straßen und Plätzen Teherans zu finden sind. Eine post­mo­derne Mega­lo­polis, beherrscht von Ideo­lo­gien, heim­ge­sucht vom Vergessen.
Exem­pla­risch folgt der Doku­men­tar­film dem Schicksal zweier Skulp­turen: zum einen ein Werk des bedeu­tenden Bild­hauers Bahman Mohassess, das in den 1970er Jahren von der Familie des Schah in Auftrag gegeben worden war, zum anderen ein Tribut an die Isla­mi­sche Revo­lu­tion von Iraj Eskandari, das am Kreis­ver­kehr des Revo­lu­ti­ons­platzes errichtet wurde. Der Film zeichnet die wech­sel­hafte Geschichte und Rezeption der beiden Monumente nach.
Ebenfalls auf der Straße und doch doch ein anderes Thema hat der nächste Film. Street Sultans (Iran 2010, 39 Min., Persisch mit engl. UT) ist die erste Zusam­men­ar­beit der beiden Under­ground-Filme­ma­cher Paliz Khoshdel & Zeinab Tabrizi.
Ihre Doku stellt den Sport und die Subkultur der Parkour­läufer in Teherans Beton­ar­chi­tek­turen vor. Junge Frauen und junge Männer begeis­tern sich für die glei­cher­maßen spek­ta­ku­läre wie gefähr­liche urbane Fort­be­we­gung des Parkour. Gelingt es ihnen, in Teheran ein erstes Parkour-Festival auf die Beine zu stellen?
Samstag, den 13.07., 20:30 Uhr, Carl-Amery-Saal, Gasteig.

Wer noch mehr erfahren will, sollte sich das
Gespräch Mit Amirali Ghasemi nicht entgehen lassen. Der Gast­ku­rator zählt zu den profi­lier­testen Künstlern und Kuratoren der jungen, irani­schen Kunst­szene. Er studierte Grafik­de­sign an der Azad Univer­sität in Teheran und schloss später ein Aufbau­stu­dium an der Univer­sität der Künste in Berlin an. Er ist Gründer und Leiter der Parking Galerie sowie der New Media Society. Seine Arbeiten sind u.a. in der Sammlung des Victoria & Albert Museums in London vertreten und wurden in Belgien und den Nieder­landen gezeigt, sowie in Über­blicks­ka­ta­logen zur irani­schen Kunst von Rose Issa und Homi Bhabha vorge­stellt.
In diesem von Silvia Bauer mode­rierten Gespräch stellt er seine künst­le­ri­schen Posi­tionen vor und gibt einen Einblick in die aktuelle iranische Kunst­szene. Sonntag, 14. Juli, 17 Uhr

Als weitere Neuerung wird bei CINEMA IRAN ein Kurz­film­pro­gramm präsen­tiert. Es verspricht einen gemischten Strauß mit den Werken verschie­dener Regis­seure und stammt aus dem Archiv des Kurators. Sonntag, 14.07., 18 Uhr.

Krönender Abschluss­film ist eine Preview, die das Münchner Publikum noch vor der Deutsch­land­pre­miere zu sehen bekommt.
Chicheka Lullaby (Iran 2019, 97 Min., Persisch mit engli­schen UT) von Raha Faridi
ist ein Musik-Doku­men­tar­film aus dem Süden des Landes. Der legendäre Musiker Ebrahim Monsefi (1945-1997) stammt aus der Region am Persi­schen Golf. Vor gut zwanzig Jahren starb er verarmt und drogen­süchtig, aber sein musi­ka­li­sches Erbe beein­flusst bis heute viele iranische Künstler*innen. Dennoch ist seine Lebens­ge­schichte kaum bekannt. Der frei­heits­lie­bende Künstler taucht in den offi­zi­ellen Erzäh­lungen der irani­schen Kultur­ge­schichte nicht auf.
Die Filme­ma­cherin Raha Faridi kennt die Region am Persi­schen Golf gut. Ihre Groß­el­tern leben dort. Über viele Jahre hat sie die Biogra­phie Ebrahim Monsefis recher­chiert und sein musi­ka­li­sches Vermächtnis aufge­spürt. Seine Geschichte steht exem­pla­risch für viele iranische Künst­le­rinnen und Künstler. Sonntag, 14. Juli, 20 Uhr

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Das 6. Iranische Filmfest in München, CINEMA IRAN, findet vom 12. bis 14. Juli 2019 im Carl-Amery-Saal im Münchner Gasteig statt. Weitere Infor­ma­tion unter https://cinema-iran.de/.