25.02.2019

Die Münchner Freiheit nehm ich mir

München - Geheimnisse einer Stadt
München – Geheimnisse einer Stadt oder Stadt ohne Geheimnisse? Ganz rechts: artechock-Redakteur Rüdiger Suchsland. Jetzt sind alle drin!

Filme von Dominik Graf, Klaus Lemke, Ulrich Mannes, Martin Müller im Wiener Metro Kinokulturhaus und Margarethe von Trotta zu Gast bei den Frauenfilmtagen – ein Ausblick auf ein sehr Münchnerisches Wochenende in Wien

Von Dunja Bialas

»Münchner Freiheit«: Das war in den 60ern und 70ern das adäquate Münchner Lebens­ge­fühl. Gerne erinnern wir uns an die goldene Zeit der Stadt, als München noch das Zentrum poli­ti­schen Aufruhrs war (Schwa­binger Krawalle, 1962), des Ober­hau­sener Manifests (die Mehrzahl der Initia­toren kam aus München, das war 1962), der heißen Beat­schuppen (die Beatles machten sogar auf ihrer einzigen Deutsch­land­tournee 1966 Station im Circus Krone), außerdem Stadt der Band Amon Düül (gegründet 1968), von Uschi Obermaier und der Roten Sonne (1969). Nach dem Film von Rudolf Thome, der soeben den Ehren­preis der deutschen Film­kritik erhielt, ist heute der inter­es­san­teste Club der Stadt benannt.

Film­ar­chiv Austria: Münchner Gruppe

Rudolf Thome war dabei, als sich Mitte der 1960er Jahre die »Münchner Gruppe« (oder »Neue Münchner Gruppe«) bildete. Sie war eine Art Gegen­maß­nahme gegen die Ober­hau­sener-Manifest-Gruppe. Sie wollten ein bewusst anti-intel­lek­tu­elles, sehr sinn­li­ches und von der fran­zö­si­schen Nouvelle Vague beein­flusstes narra­tives, aber durch und durch neues und sehr freies »Boy meets girl«-Kino machen. May Spils (Zur Sache, Schätz­chen), Maran Gosov, Martin Müller und Eckhart Schmidt zählen zu ihnen, ebenso Klaus Lemke. »Papas Kino ist tot, es lebe Papas Kino«, riefen sie lustvoll und erzählten die Geschichten oder, mit Dominik Graf gespro­chen, die »Geheim­nisse« der Stadt.

Mit seinem ikoni­schen München – Geheim­nisse einer Stadt, den Graf zusammen mit dem verstor­benen Film­kri­tiker Michael Althen reali­sierte, wird am kommenden Freitag eine umfas­sende Schau im Wiener Metro Kultur­haus zu »München im Film« eröffnet. Ausge­wählt wurden Filme, die das Bild der Stadt auf Zelluloid bannten, eine Einladung zu einer touris­ti­schen Zeitreise. Graf und Althen machten sich als Essay­isten Gedanken, wie es ist, in dieser Stadt aufzu­wachsen, die sich wie ein Orga­nismus verhält. Der Film-Schwer­punkt liegt in den pulsie­renden 60er Jahren, aber auch Karl Valentin, im Ausland, auch im öster­rei­chi­schen, immer noch viel zu wenig bekannt, steht auf dem Programm mit der Orches­ter­probe, dem Photo­ate­lier, dem Thea­ter­be­such und anderen Klas­si­kern. Neben illustren Gästen wie Dominik Graf, der am Woche­n­ende seinen »Poli­zeiruf« »Cassan­dras Warnung« (2011) zeigt (und parallel dazu die Nicolas-Roeg-Reihe im Öster­rei­chi­schen Film­mu­seum einführt, glück­li­ches Wien!) und Klaus Lemke, der seinen Münchner-Haupt­bahnhof-Klassiker Ein komischer Heiliger (1979) und sein neuestes Werk Bad Girl Avenue (2018) zeigt, ist auch der Münchner Filme­ma­cher und Heraus­geber des Fanzine »Sigi Götz Enter­tain­ment« zu Gast, der seinen Kurz­film­klas­siker Siggi Götz Collec­tors Item (1998) präsen­tiert, in dem man nicht nur das Münchner Stadtcafé in vergan­genem Glanz sieht, sondern auch den Kurator der Reihe und Werk­statt­kino-Kollek­ti­vist Bernd Brehmer.

Frau­en­film­tage: Marga­rethe von Trotta

Wem das alles zu männer­lastig ist, kann zwischen­drin zu den Frau­en­film­tagen im Stadtkino im Künst­ler­haus gehen, wo Marga­rethe von Trotta zu Gast ist. Sie ist eine Wahl­münch­nerin, die nebenbei außerdem in Paris lebt, und hat, wenn man den München­bezug stra­pa­zieren möchte, auch an der Isar studiert. Mit der Münchner Gruppe verbindet sie Klaus Lemke, in dessen Brand­stifter (1969) sie mitspielte. Und sie hatte markante Rollen in den Filmen von Herbert Achternbusch (Das Andechser Gefühl, Bierkampf) und Rainer Werner Fassbinder (u.a. Warnung vor einer heiligen Nutte). Von ihm übernahm sie nach seinem frühen Tod 1981 das Filmprojekt Rosa Luxemburg, das er mit Jane Fonda besetzen wollte. Ein reizvoller Gedanke. Von Trotta entschied sich für die Schauspielerin, mit der sie am liebsten arbeitete: Barbara Sukowa. In einem Filmgespräch wird sie am Freitag, 1.3. um 15 Uhr im Café Museum Einblicke in ihre Arbeitsweise geben. Das Gespräch moderiert: die Autorin dieses Wien-München-Artikels.

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Hier alle wichtigen Wiener Wochen­end­ter­mine im Überblick:

Frau­en­film­tage mit Marga­rethe von Trotta

28.02.-07.03.2019
www.frau­en­film­tage.at

Stadtkino im Künst­ler­kino im Künst­ler­haus, Film­ca­sino, Metro Kino­kul­tur­haus
Werk­statt­ge­spräch mit Marga­rethe von Trotta, moderiert von Dunja Bialas
Freitag, 1.3., 15:00 Uhr, Café Museum, Opern­gasse 7, Anmeldung: kontakt@frau­en­film­tage.at

Rosa Luxemburg
Freitag, 1.3., 17:00 Uhr, Stadtkino im Künst­ler­haus, Akade­miestr. 13
Hannah Arendt
Samstag, 2.3., 19:00 Uhr, Stadtkino im Künst­ler­haus, Akade­miestr. 13
Die bleierne Zeit
Sonntag, 3.3., 12:00 Uhr, Stadtkino im Künst­ler­haus, Akade­miestr. 13

Münchner Freiheit
film­ar­chiv.at

01.03.-04.04.2019
Alle Vorstel­lungen im Metro Kino­kul­tur­haus, Johan­nes­gasse 4

München – Geheim­nisse einer Stadt
Freitag, 1.3., 19:00 Uhr
Zu Gast: Dominik Graf

Kurzfilme von Karl Valentin
Samstag, 2.3., 15:00 Uhr

Ein komischer Heiliger
Samstag, 2.3., 18:00 Uhr
Zu Gast: Klaus Lemke

Bad Girl Avenue & Siggi Götz Collec­tors ItemSamstag, 2.3., 20:30 Uhr
Zu Gast: Klaus Lemke und Ulrich Mannes

Anatahan, Anatahan & Herbst der Gammler
Sonntag, 3.3., 15:30 Uhr
Zu Gast: Martin Müller und Klaus Lemke

Poli­zeiruf 110 – Cassan­dras WarnungSonntag, 3.3., 18:30 Uhr
Zu Gast: Dominik Graf

Das Go-Go-Girl vom Blow-upSonntag, 3.3., 20:30 Uhr
Zu Gast: Dominik Graf

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