11.10.2018

Der ganz und gar wahn­sin­nige Film-Marathon

Dead Souls
Wang Bings Opus Magnum: Dead Souls

TOPDOX, Tag des Langen Films, und gesungen wird auch noch: UNDERDOX stellt seit 2006 die filmi­schen Konven­tionen auf den Kopf

Von Dunja Bialas

Man kann es nicht oft genug sagen: Die Regis­seure von UNDERDOX haben teils erstaun­liche Karrieren hingelegt. Noch 2006, als ich das Festival zusammen mit Bernd Brehmer vom Werk­statt­kino aus einer Mischung aus Frust (keiner zeigt die Filme, die wir toll finden) und Lust (wir selbst wollen diese tollen Filme zeigen!) gründeten, galten die Filme unseres Programms als absolute Insider, wahlweise auch Außen­seiter. Klar war: so richtig konnte keiner was mit den Filmen zwischen den Genres, Nischen oder Künsten anfangen, zwischen »Dokument« und »Expe­ri­ment«, zwischen Doku­men­tar­film, Spielfilm, Expe­ri­men­tal­film.

Unsere Filme waren und sind »impur«; unreines Kino, das deshalb den Blick auf Erzähl­weisen zu schärfen vermag. Seit 2006 hat sich in dem Bereich viel getan. Was uns freut: Festivals wie Locarno zeichnen UNDERDOX-Regis­seure mit den höchsten Trophäen aus, sogar die viel geschmähte Berlinale sorgt mit Lav Diaz für Lang­spiel­zeit-Furore im Wett­be­werb, Wang Bing erhält in Kassel bei der Documenta 14 eine komplette Retro­spek­tive.

Wahnsinn!

Andere Festivals zeigen ebenfalls, dass UNDERDOX-Filme salon­fähig werden. Das Filmfest Hamburg hat mitt­ler­weile nach­ge­legt und scheut sich nicht, ein UNDERDOX-würdiges Programm bereit­zu­halten. Zum Glück machen sie das genau eine Woche vor UNDERDOX, sonst würde der Welt­ver­trieb auf einer deutschen Premiere bei einem anderen großen Festival bestehen, und wir könnten uns ein neues Programm zusam­men­schus­tern. Festi­val­po­litik.

Aber so freuen wir uns, dieses Jahr »TOPDOX« (Münchner Feuil­leton) zu sein. Mit großen Namen, die unseren Status beweisen. Mit tollen Gästen, die umstandslos auch auf eigene Faust nach München kommen, um unsere konden­sierte Zusam­men­stel­lung von unserem persön­li­chen »Best of the Year« zu inha­lieren.

Radi­ka­lität ist ja nichts, womit man sich heute brüsten könnte. Kinora­di­ka­lität in einer Zeit, in der die Leute immer weniger ins Kino gehen, noch weniger. Und trotzdem haben wir jetzt mal einen drauf­ge­setzt. Ange­sichts der zunehmend über-über­langen Filmen haben wir den bayri­schen Wahl­sonntag zum »Tag des Langen Films« ausge­rufen.

Das ist aber alles längst nicht so schlimm, wie es sich anhört. Ab 11 Uhr kann man bei durch­ge­hendem Einlass und für läppische 3 Euro im Kunst­verein Wang Bings Opus Magnum Dead Souls sehen. Hier versam­meln sich die letzten Zeugen einer gravie­renden Menschen­rechts­ver­let­zung zu Zeiten der chine­si­schen Kultur­re­vo­lu­tion, bei der selbst die Partei drei Jahre später die Reißleine zog. In die Wüste Gobi verschleppte man Angehö­rige der Intel­li­gen­zija, diffa­mierte sie als »Ultra­rechte« und ließ sie verhun­gern. Der Film besteht rein aus Erzäh­lungen, die sich über die Länge von acht Stunden reihen, in sich aber je abge­schlossen sind; man kann also auch nur zwei Stunden sehen, denn der Film ist ohne drama­tur­gi­schen Bogen. Außerdem hat der Kunst­verein ein gemüt­li­ches Sofa, weshalb die Vorstel­lung auch dort statt­findet, und den ganzen Tag über ist Barbe­trieb.

Übrigens findet parallel zum Film der Münchner Lauf­ma­ra­thon statt. Bei uns kann man also auch »dabei sein«. (Sonntag, 14.10., ab 11 Uhr, Kunst­verein München, durch­ge­hender Einlass)

Unser dies­jäh­riger Länder­schwer­punkt Portugal richtet sich in keinster Weise vor allem an Cineasten. Das zweite Programm mit den Kurz­filmen der 1980er Gene­ra­tion zeigt ein Best-of der letzten Jahre, Filme, die auf zahl­rei­chen Festivals zu sehen waren. UNDERDOX aber will sich nicht mit der Leis­tungs­schau zufrie­den­geben, und kontextua­li­siert deshalb den derzeit großen Erfolg des portu­gie­si­schen Kinos mit seinen Wurzeln: der School of Reis, benannt nach António Reis, der nach der Salazar-Diktatur begann, mit einer Art natu­ra­lis­ti­schem Kunstkino die Film­sprache zu erneuern. Einge­führt wird das Ganze von IndieLisboa-Leiter Miguel Valverde. (Freitag, 12.10., und Samstag, 13.10., je 18:30 Uhr im Film­mu­seum München)

Bald bringt übrigens der tolle Verleih Grandfilm den portu­gie­si­schen A Fabrica De Nada ins Kino, einer meiner liebsten Filme des letzten Jahres. Fälsch­li­cher­weise wird er gerne als Musical beschrieben, und ehrli­cher­weise habe auch ich schon darauf zurück­ge­griffen, als ich versucht habe zu beschreiben, wie toll er ist (es gibt eine einzige gesungene Szene). Musicals sind eben einfach toll. Auf der Leinwand gesungen wird auch bei UNDERDOX, am schönsten bei Jeannette, L’Enfance De Jeanne D’Arc, dem neuen Film von Bruno Dumont, der wie Hadewijch bei uns sicher­lich nie ins Kino kommen wird. Laien­dar­stel­le­rinnen singen an der norman­ni­schen Küste von ihrem Alltag, dazu gibt es head­ban­gende Nonnen, die Musik liefert die fran­zö­si­sche Death-Metal-Formation Igorrr, mit drei R. (Sonntag, 14.10., 11 Uhr, Theatiner)

Bei Lav Diaz geht es am Tag des Langen Films nicht ganz so fröhlich zu. Der »The Brockas«-Leader hat für Season of the Devil einen Score kompo­niert, der sich vor allem durch eindring­liche Repe­ti­tion auszeichnet. Gesungen wird von einer vom Militär kontrol­lierten Bürger­wehr, die in den 70er Jahren die abge­le­genen Dörfer im phil­ip­pi­ni­schen Dschungel terro­ri­sierte. (Sonntag, 14.10., 18:30 Uhr, Film­mu­seum München)

Falls man es bei Lav Diaz nicht aushalten sollte, kann man rüber ins Werk­statt­kino und dort ab 20 Uhr den »besten Film der Berlinale« (artechock) sehen. Der Chinese Hu Bo hat einen darken, vier­stün­digen Film noir im Klein­gangster-Milieu geschaffen, der einen Tag lang bis zum Sonnen­auf­gang geht, mit einem sitzenden Elefanten als Sehn­suchts­zen­trum der Ruhelosen und Getrie­benen: An Elephant Sitting Still, so heißt auch der Film. (Sonntag, 14.10., 20:00 Uhr, Werk­statt­kino)

Bleibt mir zum Schluss nur noch, das Vorwort des Katalogs zu zitieren: »Mit 22 inter­na­tio­nalen Gästen aus Ecuador, Frank­reich, Öster­reich, Portugal, Schweden, den USA und natürlich Deutsch­land möchten wir mit Ihnen unsere 13. Ausgabe feiern, die wieder wie ein Wunder, Low- bis No-Budget zum Trotz, entstanden ist.«

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13. UNDERDOX Film­fes­tival, 11.-17.10.2018
Film­mu­seum München, Werk­statt­kino, Theatiner Filmkunst, Kunst­verein München
Eintritt: regulär 7€, Überlänge 8€, Nacht­tarif 5€, Kunst­verein 3€
Mehr Infor­ma­tionen auf der Website von UNDERDOX: www.underdox-festival.de

N.B. Die Autorin ist Co-Begrün­derin und Co-Leiterin von UNDERDOX.

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