21.02.2018
Berlinale 2018

Das Testament des Hu Bo

An Elephant Sitting Still
Ende einer Flucht: Show-down über den Gleisen nach Manzhouli

An Elephant Sitting Still sorgt für großes Kino-Glück in einem ansonsten meist ange­strengten Forum-Programm der Berlinale

Von Dunja Bialas

Endlich. Der beste Film der Berlinale. Nach mühsamen Stunden im Quasi-Schlaf­saal der Forum-Pres­se­scree­nings ein Film, bei dem alle hellwach blieben. Und dies vier Stunden lang. Viel­leicht war es die Ehrfurcht vor dem tragi­schen Lebens­ende des chine­si­schen Regis­seurs Hu Bo, der sich letztes Jahr mit 29 Jahren das Leben genommen hat. Da war sein Film mit dem betö­renden Titel An Elephant Sitting Still, sein erster und auch tragi­scher­weise letzter, gerade fertig gestellt. Ein Film mit einer großen und doch stillen Wucht, ein Film, der zum Testament wurde. Es geht tatsäch­lich auch immer wieder um Suizid in diesem Film. Ein Mann schläft mit der Frau eines Freundes, dieser kommt hinter den Betrug, bringt sich um. Das klingt viel­leicht ein bisschen platt und kurz­schluss­mäßig. Hu Bo aber bettet seine Handlung in ein durch und durch mise­ra­bles und hoff­nungs­loses China größter Armut. Der Gestank des nicht abtrans­por­tieren Mülls dringt durch die schlecht isolierten Fenster der Wohnungen. Niemals ist der Himmel zu sehen, ein hell­grauer Schleier liegt über der Stadt. Wir sind in Nordchina.

Der Film erzählt im Figu­ren­en­semble, mehrere Geschichten laufen neben­ein­ander, werden abwech­selnd fokus­siert, bis sie sich verdichten, die Stränge unwei­ger­lich zusam­men­laufen. Ihr Zielpunkt: die Stadt Manzhouli, in der ein eigen­ar­tiges Kuriosum die Attrak­tion ist. Ein Elefant, der einfach nur dasitzt und seine Umgebung ignoriert, selbst wenn ihm Futter gebracht wird. Eine Trost spendende Anschauung inmitten der Verzweif­lung, die das Leben bereit­hält. Und viel­leicht auch role model für das Aushalten der widrigen Umstände. Hu Bos Film ist in diesem Sinne auch ein Aufbe­gehren gegen die Hoff­nungs­lo­sig­keit, und ein Plädoyer fürs Überleben.

Bu, dessen Geschichte das Zentrum im Ensemble der anderen Erzäh­lungen bildet, ist ein Schüler, der einen Mitschüler die Treppe hinun­ter­ge­schubst hat. Der liegt jetzt im Kran­ken­haus, er wird es nicht schaffen. Die Zuschauer wissen: es war Notwehr. Die Angehö­rigen des Schüler jedoch sprechen von Mord. Was er machen würde, fragt ihn der Bruder des Verstor­benen, als er Bu, der sich auf den Weg nach Manzhouli gemacht hat, findet, wenn er auf dem Dach eines Hoch­hauses stünde. Die einzige richtige Antwort wäre: Hinun­ter­springen. Bu aber entscheidet sich für den philo­so­phi­schen Ausweg: „Nach etwas anderem suchen.“ Hu Bos hat viele solcher geis­tes­ge­gen­wär­tigen Momente.

Da gibt es noch andere Geschichten. Ohne sie jetzt alle aufzu­zählen, sei gesagt, dass sie einen unre­prä­sen­ta­tiven Quer­schnitt durch die chine­si­sche Mittel­klasse zeigen, der es gnadenlos schlechter geht. Ein Großvater, der ins Zwei­bett­zimmer-Alters­heim abge­schoben werden soll, damit mehr Platz für die Familie ist. Eine (fast erwach­sene) Schülerin, die sich auf einen Lieb­schaft mit ihrem Lehrer einlässt, weil dort Ruhe ist, sie von dem Chaos zu Hause entkommt. Der Mann, der mit der Freundin seines Freundes schläft. Er ist der Bruder von Bu, der eine entschei­dende Rolle spielen wird, in dem großar­tigen Showdown mit Blick über die Gleise, die nach Manzhouli und zum sitzenden Elefanten führen.

Hu Bo hatte vor seinem Film Romane geschrieben, und die roman­hafte Erzähl­weise dringt in den Filmraum hinein. Vier Stunden nimmt er sich Zeit, um die einzelnen Stränge zum Leuchten zu bringen. Es ist wie ein kine­ma­to­gra­phi­sches Fade-in, das ganz allmäh­lich eine Erzählung zu erkennen gibt. Die erste Stunde – die einzige Stunde, in der sich das Publikum entschied, den Film zu mögen oder raus­zu­gehen, danach gab es nur noch gebanntes Sitzen­bleiben – lotet das Labyrinth der Gassen aus. Wir folgen den Prot­ago­nisten, die Hu Bo, wie es Gus Van Sant etabliert hat, von hinten filmt, durch die Winkel der unver­putzen Häuser, erkennen die Schä­big­keit der Umgebung, finden uns langsam zurecht. Es sind lange Wege, die sie zu Fuß zurück­legen, hastig, schon ist viel passiert: der Unfall, ein toter Hund, ein aufge­deckter Ehebruch. Hu Bo arbeitet dabei mit Unschärfe, wie es selten im digitalen Kino zu finden ist und am ehesten noch bei Lav Diaz, der Unschärfe mit verlo­ren­ge­gan­gener Tiefen­schärfe substi­tu­iert, um nicht in die Falle des Über­scharfen zu tappen, wie es oft im Digitalen zu sehen ist: über­scharf und damit flach, „flatness“ statt Tiefe. Im unscharfen Hinter­grund platziert Hu Bo Figuren, die mit dem Prot­ago­nisten im Vorder­grund in Inter­ak­tion treten werden, mit denen es einen Zusam­men­prall geben wird, oder eine tragische Verwick­lung wie im Showdown.

Nach diesem langen Fade-in entfaltet sich der Film, nimmt immer mehr Vitalität und erzäh­le­ri­sche Kraft an, um in der letzten Stunde komplett da zu sein. Da neigt sich auch schon das Tages­licht: Hu Bo lässt die Handlung an einem einzigen Tag passieren, und in dem Maße, wie die Figuren sich zu erkennen gegeben haben, blendet sich das Licht aus: Fade Out.

Wir hoffen, dass das Arsenal Institut An Elephant Sitting Still in sein Verleih­pro­gramm aufnehmen wird. Und das Glück, das dieser erste und letzte Film des chine­si­schen Regis­seurs darstellt, damit weiter­reicht.

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